Pirckheimer-Blog

Sa, 13.08.2022

Im deutschsprachigen Raum wurde Sempés Zusammenarbeit mit Patrick Süskind berühmt.

Trauer um Jean-Jacques Sempé

Am 11. August starb, nur wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag, der große französische Zeichner und Karikaturist Jean-Jacques Sempé. Geboren 1932 in Pessac, wurde er an der Seite von René Goscinny als Erfinder des Kleinen Nick weltberühmt. Die Geschichten des kleinen Nicholas, die letztlich immer gut ausgehen und somit auch als kreative Umdeutung der eigenen bedrängten Kindheit Sempés dienlich sein konnten, werden bis heute mit ungebrochenem Erfolg aufgelegt. Auch seine Karikaturen, seit Ende der Fünfziger in Zeitungen wie Journalen und seit 1960 nahezu jährlich in einem Band erscheinend, prägten Generationen. Im deutschsprachigen Raum durch den wundersamen Diogenes-Verlag mit Sitz in Zürich vertreten, geriet Sempé zu einem wenigstens europäischen Phänomen. Auch wenn er sich ansonsten mit dem Illustrieren der Werke anderer Schreiber zurückhielt, sind diese Beispiele besonders berührend. So gab er 1988 dem Kinderbuch Catherine Certitude des späteren Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano ein ganz eigenes Gepräge. Legendär ist Sempés Freundschaft mit Patrick Süskind, für dessen so rätselhafte wie begeisternde Novelle Die Geschichte von Herrn Sommer (1991)) sich die beiden zusammentaten. Auch aufgrund der kongenialen Zuarbeit Sempés ist dieses Buch ein Highlight in Süskinds so schmalem wie gewichtigem Erzählwerk. Im Gegenzug übersetzte Süskind einen Teil seines Werks und trug so zu dessen Verbreitung im deutschsprachigen Raum bei. „Mensch zu sein erfordert enorm viel Tapferkeit“ – in Frankreich galt Sempé im besten Sinne als Nationalheld. Seine letzte Karikatur, erst vor einigen Tagen erschienen, zeigt ein älteres Paar und, quasi als vorgeschicktes Memento mori, den Satz: „Denk daran, mich nicht zu vergessen!“ So sei es.

(André Schinkel)

Do, 11.08.2022

Der Domstift Brandenburg lädt zur Ausstellung mit Michael Morgner ein.
Adolph Fesca: Der Dom in Brandenburg von der Nordseite, ca. 1850.

Michael Morgner im Dom zu Brandenburg

Das Domstift Brandenburg lädt zur Ausstellungseröffnung am 13. August 2022 um 15 Uhr in den Kunstraum Krypta im Brandenburger Dom ein. Gezeigt wird die Exhibition Entwürfe und Realität 1949–1989/90 von Michael Morgner. Die Schau findet aus Anlass und zu Ehren des 80. Geburtstags des Chemnitzer Künstlers statt. Die einleitenden Worte zur Vernissage spricht unser Pirckheimer-Freund Armin Schubert, der Gründer der Galerie Sonnensegel in der Havelstadt, deren verdienstvolle Kreativarbeit mit Kindern und Jugendlichen (Stichwort Bücherkinder) weit über die Grenzen seiner Stadt hinaus wirksam und bekannt wurde. Die Veranstalter bitten bei Teilnahmeinteresse um kurze Anmeldung über den Domstift, Burghof 10, 14776 Brandenburg (Havel), per Mail: museum@dom-brandenburg.de oder Telefon: (03381) 2 11 22 24.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Mi, 10.08.2022

Strawalde ǀ © Jens-Fietje Dwars

Strawalde liest in Weissensee

Am 24. August liest Strawalde, teilt Bernd Wähner in der Pankower Ausgabe der Berliner Woche mit, im Hof des Kulturzentrums Brotfabrik am Caligariplatz in Berlin, aus seinem neuen Gedichtband Nebengekritzeltes. Es handelt sich bei diesem Buch um die jüngste Jahresgabe der Pirckheimer-Gesellschaft, die Ende 2021 in der Edition Ornament des quartus-Verlags mit Sitz in Bucha bei Jena, herausgegeben von Jens-Fietje Dwars, erschien. Strawalde, eigentlich Jürgen Böttcher (Jahrgang 1931), ist für seine unangepasste Haltung bekannt; nichtsdestotrotz und auch trotz einer Reihe Schwierigkeiten, die ihm seine Arbeit in der DDR einbrachte, ist Böttchers Kunst international bekannt und gefeiert. Bis heute sind die Zeichnungen, Malereien und Filme des „Gangstermalers“ politisch und ästhetisch wegweisend. Im Hof des Kulturzentrums liest Strawalde ab 19.30 Uhr aus seinem Werk, moderiert von Coskun Öztek. Den Abend begleitet Liedermacher Florian Wandel an der Ukulele. Der Eintritt für die Lesung kostet 8 Euro. Das Buch zum Event, das neben Texten aus sieben Jahrzehnten insgesamt 50 Zeichnungen und Collagen des Meisters vereint, ist in einer regulären und vier Vorzugsausgaben unter dem Link der Edition Ornament beim Herausgeber (www.edition-ornament.de) einsehbar und erhältlich.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

 

Di, 09.08.2022

"Die Liebe zum Buch eint uns": Am 10. und 11.09. findet in Berlin die "BücherLust" statt.
Klaus Ensikat ǀ © Kindermann Verlag
Die jüngste Jahresgabe der Pirckheimer ist der Band "Nebengekritzeltes" von Strawalde, erschienen in der Edition Ornament (quartus-Verlag, Bucha 2021).

Bücherlust in Berlin

Nach langer Pause findet in Berlin wieder einer der größten Antiquitätenmärkte Deutschlands statt. Am 10. und 11. September 2022 lädt die Antiquariatsmesse „BücherLust“ auf die alte Trabrennbahn Karlshorst in der Treskowallee ein. Rund 20.000 Besucher werden erwartet. Bislang haben sich 54 Teilnehmer angemeldet. Neben Unternehmen aus Deutschland werden auch Anbieter aus Amsterdam, Budapest, den Haag, London und Wien vertreten sein.

Wie die Organisatoren anmerken: „In den letzten Jahrzehnten war immer ein Bedürfnis nach einer für alle leicht und risikolos zugänglichen Antiquariatsveranstaltung vorhanden. Verschiedene Anstöße und Versuche wurden, leider zumeist regional, von verschiedener Seite unternommen. Keiner der Versuche konnte sich etablieren. Nun ein neuer Aufschlag – die Antiquariatsmesse ‚BücherLust‘! [...] Kein Preisdruck und kein Standesdenken, wenn es um die öffentliche Präsentation alter und seltener Bücher geht. Ihre Qualität und Bedeutung spricht für sich selbst. Andere Länder machen es uns seit Jahrzehnten vor. [...] Nach ihrem Vorbild soll mit der Antiquariatsmesse ‚BücherLust‘ eine offene Veranstaltung mit jährlicher Wiederholung ins Leben gerufen werden.“

Die Veranstaltung wurde organisiert mit Unterstützung des Verbands Deutscher Antiquare e. V., der GIAQ – Genossenschaft der Internet-Antiquare e. G., des Börsenverein des deutschen Buchhandels e. V., der Fachzeitschrift Aus dem Antiquariat, des Verbands der Antiquare Österreichs, von Petra Bewer (Veranstalterin der Antiquaria Ludwigsburg), Harrison-Hiett Rare Books, Ursula Saile-Haedicke (Braunschweig), der Gesellschaft der Bibliophilen e. V., Regina Pröhm and Michael Schrottmeyer GbR, Provincial Booksellers Fairs Association, des Zentralen Verzeichnisses antiquarischer Bücher (ZVAB) sowie der Buch- und Offsetdruckerei H. Heenemann Berlin.

Die Pirckheimer-Gesellschaft unterstützt den Veranstalter mit einem attraktiven Rahmenprogramm. Auf der Empore der Tribünen-Halle werden viele Künstler, Autoren und Verlage begrüßt. Der Samstag startet um 12 Uhr mit Anna Kindermann. Gemeinsam mit unserem Pirckheimer-Freund, dem grandiosen Klaus Ensikat, wird das neueste Buch aus dem Hause Kindermann präsentiert. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, sich von Ensikat eines seiner Bücher signieren zu lassen. 14 Uhr besuchen uns die Bücherkinder aus Brandenburg am Pirckheimer-Stand und stellen ihre neuesten Arbeiten vor. Und um 16 Uhr präsentiert der Quintus-Verlag Eseleien mit André Förster, Dieter Goltzsche und Gunnar Decker.

Am Sonntagmorgen geht es weiter mit Matthes & Seitz, der Friedenauer Presse und den legendären Naturkunden, um anschließend mit der Büchergilde Gutenberg fortzufahren und dem neuesten Band aus der Hand von Hans TichaTicha illustriert Brecht – ein Saisonhöhepunkt! An beiden Tagen präsentieren wir an unserem Stand den zweiten Teil unserer Edition Pirckheimer, herausgegeben von Jens-Fietje Dwars. Unsere Jahresgaben und unsere Zeitschrift Marginalien erwarten Sie zudem.

Die Antiquariatsmesse ist an beiden Tagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die alte Trabrennbahn Karlshorst (Treskowallee 159, 10318 Berlin) ist mit der S-Bahn (Linie 3) gut zu erreichen, sie liegt nur 200 Meter vom S-Bahnhof Berlin-Karlshorst entfernt. Besucherparkplätze für mit dem Auto anreisende Interessenten sind für 5 Euro je Tag vorhanden. Der Eintritt für Besucher beträgt 3 Euro. Das Besucherparkplatzticket wird für einen Besucher als Eintrittsgeld voll angerechnet, so dass der Parkplatz für einen Besucher freien Eintritt bedeutet. Kontakt für die Anmeldung und Informationen zur Antiquariatsmesse besteht über Christoph Neumann, einerseits per Mail: info@antiquariat-neumann.de, andererseits per Telefon: (0178) 5 40 90 18. Weiterführende Informationen sind über die eigens eingerichtete Seite www.bücherlust.com erhältlich.

(Maria Bogdanovich/Ralph Aepler)

So, 07.08.2022

Die neueste Ausgabe des "Hamburger Bothen" ist kürzlich erschienen.

Neuer Hamburger Bothe erschienen

Im Frühsommer 2020 hoben Peter Engel und Rudolf Angeli eine Pirckheimer-Regionalgruppe für den Norden aus der Taufe. Leider kam es damals wegen Corona zu keinem Treffen. Engel und Angeli beschlossen die regelmäßige Herausgabe eines Rundbriefs, Der Hamburger Bothe genannt, der die Regionalgruppe zusammenführen soll. Der Verteilerkreis wächst von Bothe zu Bothe, auch da die beiden entschieden, ihn an jeden interessierten Gastleser kostenfrei zu versenden und so alle bibliophilen Leseratten, Kunstbegeisterten, Sammler jeder Couleur zu einen. In der neuen Ausgabe geht es nun um „Goethes Papagei“, Jens-Fietje Dwars berichtet vom thüringischen Palmbaum, dessen verdienstvoller Chefredakteur er seit einer Reihe von Jahren ist; und ein gewisser, noch nicht lange im Dienst befindlicher Blog-Administrator macht ein paar katzbuckelnde Erklärbewegungen um zwei seiner Gedichte. Außerdem gibt es Informationen zu den Veröffentlichungen des Verlags Angeli & Engel, in dem mit großem Erfolg ein Band von Klaus Waschk erschien, dem in Kürze ein Buch von Rainer Ehrt folgt. Der Bothe wird per Mail als PDF versandt, auf Nachfrage bekommt man auch eine Printausgabe, Kontakt besteht über: Rudolf_Angeli@web.de.

(André Schinkel)

Sa, 06.08.2022

Hans Weyringers "Visionenengel" von 2009.

Hans Weyringer: Visionenengel

Was bräuchte es in dieser Zeiten dringender als einen Visionenengel, der schwungvoll und mit unwiderstehlicher Geste den Weg weist? Das fragen Elisabeth und Nikolaus Topic-Matutin von der Neuhauser Kunstmühle im niederösterreichischen Hohenberg, verbunden mit guten Sommer-Wünschen trotz allem, mit jedem Recht. Der Visionenengel Hans Weyringer hat ihn 2009 vorausschauend auf den Stein gezeichnet. Die Betreiber der Kunstmühle haben dieses außergewöhnliche Blatt wieder hervorgeholt und bieten es zu einem Vorzugspreis an. Den Sommerblättern in ihrer digitalen Galerie haben sie noch die Van-Dael-Folge von Marc Frising hinzugefügt: Blumen – gezeichnet als Gruß an eine altmeisterliche Geste, aber mit moderner Hand. Möge die Kunst so ihren stillen und aber unbeugsamen Beitrag leisten für etwas Licht und Hoffnung in dissonanter Epoche. Das ganze Angebot wie auch eine Bildfolge von der Erschaffung des Visionenengels Hans Weyringers sind auf der Seite der Neuhauser Kunstmühle einzusehen: www.neuhauser-kunstmuehle.at.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Fr, 05.08.2022

Vordercover der von Klaus Ensikat gestalteten Ausgabe
Doppelseite samt Illustration von Horus Engels in der Ausgabe von 1957
Schuber und Einband der Houghton-Mifflin-Ausgabe

Bibliophiles des Monats: Kleiner Hobbit

Wer im Internet nach Exemplaren des neben Der Herr der Ringe bekanntesten phantastischen Romans Der kleine Hobbit des akademischen Autors J. R. R. Tolkien sucht, wird bei den deutschen Ausgaben, neben Erzeugnissen der eigens für dieses Genre im Ernst Klett Verlag gegründeten Hobbit-Presse, zunächst auf das 1971 im Georg Bitter Verlag erschienene Buch treffen, welches von Klaus Ensikat in markanten Bildern illustriert wurde. 

Weniger bekannt ist geworden, dass die erste deutsche Übersetzung dieses in England schon 1937 publizierten phantastischen Märchens bereits 1957 im Recklinghausener Paulus Verlag unter dem Titel Kleiner Hobbit und der große Zauberer erschienen ist. Dieses in gelbes Leinen mit kleiner Deckelvignette gebundene und mit einem in weiß-blauen Farben bebilderten Schutzumschlag umkleidete Buch im Format 19,3 x 13,2 cm findet man tatsächlich nur recht selten, und es wird von Sammlern sehr gesucht.

Horus Engels hat den Umschlag und viele Federzeichnungen für den Textblock entworfen, welche mit schwarzen Teilflächen akzentuiert sind und insgesamt einen kindgerechten Stil pflegen. Satz und Druck wurden von W. Bitter besorgt, und es liegt nahe, dass die spätere Ausgabe im Georg Bitter Verlag, der auch in Recklinghausen beheimatet ist, darauf zurückgeht. Diese ist opulenter gestaltet, im größeren Format 22,1 x 15,2 cm als weißer Leinenband mit ornamental verzierter Deckelschrift und einem Schutzumschlag mit buntem Vollbild von Ensikat, und besitzt außerdem als Vorsatz eine Landkarte mit den Orten der Handlung.

Auch den in England oder den USA erschienenen Ausgaben des The Hobbit or There and Back Again ist meist Kartenmaterial beigegeben, das aber dekorativer ausgestaltet ist und auf Bildelemente von Tolkien selbst zurückgeht. In einer 1966 von der Houghton Mifflin Company in Boston gestalteten Prachtausgabe im Format 23,6 x 17,8 cm stammt der Buchschmuck gänzlich vom Autor selbst, unter Benutzung seiner überlieferten Zeichnungen zu der Geschichte. Der mit grünem Kunstleder überzogene Einband trägt auf dem Vorderdeckel eine breite Schriftumrandung in Rot und Gold mit den von Tolkien entworfenen Runensymbolen und eine bildliche Vignette im Zentrum sowie eine entsprechend verzierte Rückenbeschriftung. Ein gleichbezogener Schuber wiederholt das Vignettenmotiv im gelben Titelschild auf der Vorderseite.

Man merkt dieser Ausgabe deutlich an, dass Tolkiens Werke im englischen Sprachraum bereits zu dieser Zeit Kultstatus besaßen und bereitwillig von einer Liebhabergemeinde in gehobener Austattung gekauft wurden. Demgegenüber besitzen die erwähnten frühen deutschen Ausgaben einen eigenen, eher kindlich anmutenden Charme. Erst nachdem Heinz Edelmann für die Ausgabe von Der Herr der Ringe im Jahr 1969 seine Schutzumschläge im Pop-Art-Stil entworfen und damit die Weichen für die spätere Gestaltungsform der Hobbit-Presse gestellt hatte, änderte sich auch der Blick des deutschen Lesepublikums auf Tolkiens Erzählwelt.

(Christiane und Norbert Grewe)

Mi, 03.08.2022

Holzschnittausstellung im Kupferstichkabinett ǀ © Martin von Becker
Ausstellungsimpression ǀ © Martin von Becker
Albrecht Dürers berühmtes "Rhinocerus" von 1515
Ernst Ludwig Kirchner: "Frauen am Potsdamer Platz" (1914)
Der Katalog zur Ausstellung erschien im Hatje Cantz Verlag.

Holzschnitt. 1400 bis heute

„Holzschnitt. 1400 bis heute“ bildet den Auftakt zu einer neuen Reihe von Ausstellungen des Berliner Kupferstichkabinetts, die jeweils eine künstlerische Drucktechnik vorstellen. Anhand von über 100 Kunstwerken auf Papier – darunter Meisterwerke von Albrecht Dürer, Edvard Munch oder Käthe Kollwitz – wird die Entwicklung der Technik von ihren Anfängen bis in die Gegenwart nachgezeichnet. Ebenso stehen Materialien und besondere Charakteristika im Zentrum. Besucher*innen sind eingeladen, in die faszinierend vielfältige Welt der Druckgrafik einzutauchen. Am 3. Juni eröffnet, ist die Exhibition noch bis zum 11. September zu sehen.

Am Anfang steht der Holzschnitt. Er ist das älteste druckgraphische Verfahren und wird bis heute von Künstler*innen weltweit angewandt. Die Sonderausstellung zeigt eine abwechslungsreiche Auswahl von über 100 Werken aus dem reichhaltigen Bestand des Kupferstichkabinetts. Sie spannt den Bogen von den frühen und oft nur in wenigen Exemplaren erhaltenen Holzschnitten des 15. Jahrhunderts bis hin zu großformatigen zeitgenössischen Werken. Entlang dieser chronologischen Achse richtet sich der Blick auf verschiedene Themen, wie das Zusammenspiel von Material und Technik oder den Gebrauch von Holzschnitten. Dieser reicht von der christlichen Andacht mit Heiligenbildern über Kartenspiele, Verzierungen in spätgotischen Holzkästchen und beeindruckenden Raumdekorationen bis hin zur Buchillustration, zum Flugblatt oder zur Gemäldereproduktion. Neben der ganz praktischen Verwendung entstanden Holzschnitte auch als eigenständige Kunstwerke für Sammler

Besondere Aufmerksamkeit ist der Entwicklung des Farbholzschnitts eingeräumt, denn in allen Epochen suchten die Künstler*innen nach Möglichkeiten, bunte Drucke herzustellen. Dies führte bisweilen zu völlig unerwarteten Ergebnissen. So sind handbemalte Abzüge von 1460 ebenso ausgestellt wie die ersten farbigen Drucke von Hans Burgkmair und Lucas Cranach d. Ä., die um die Erfindung dieser Technik wetteiferten. Demgegenüber sind auch mehrfarbige Chiaroscuro-Holzschnitte des 16. Jahrhunderts aus Italien und den Niederlanden zu sehen, extravagante Farbdrucke des Rokoko und mit über 20 Farbplatten hergestellte Blätter des 20. Jahrhunderts, die, inspiriert von japanischen Holzschnittmeistern, eher an Aquarelle als an Holzschnitte erinnern. 

Um 1900 entdeckten Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner, Emil Nolde oder Karl Schmidt-Rottluff in der Nachfolge Paul Gauguins den Holzschnitt für sich ganz neu. Ihnen erschien die Technik als Ausdruck einer neuen Ursprünglichkeit, und sie schufen Meisterwerke in reduzierter Formensprache. Überraschend ist, in welcher Vielfalt sich Künstler*innen auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch mit der Technik beschäftigten: Die Ausstellung zeigt abstrakte Kompositionen von Helen Frankenthaler, Hans Hartung oder Esther Fleckner ebenso wie figurative bis fotorealistische Werke von Anselm Kiefer, Georg Baselitz oder Franz Gertsch.

Gerade zeitgenössische Positionen, die zwischen dem Anspruch eines Unikats und dem reproduktiven, massenmedialen Charakter des Mediums oszillieren, bereichern die Präsentation. So werden die überraschende Fülle und die andauernde Aktualität dieser Drucktechnik vor Augen geführt. Ein besonderes Highlight bilden Druckstöcke verschiedener Epochen aus dem Bestand des Kabinetts, die erstmals in größerer Zahl gezeigt werden und das Material sinnlich erfahrbar machen. Ein umfangreiches Rahmenprogramm begleitet die Ausstellung. Ein Katalog erschien im Hatje Cantz Verlag. Die Ausstellung (barrierefreier Zugang über den Eingang Matthäikirchplatz, 10785 Berlin) ist von Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6 (ermäßigt 3) Euro. Jahreskarten für das Kupferstichkabinett kann man für 25 Euro erwerben.

Holzschnitt. 1400 bis heute
Kunstwerke aus sechs Jahrhunderten
im Kupferstichkabinett der
Staatlichen Museen zu Berlin
Matthäikirchplatz, 10785 Berlin
03.06. bis 11.09.2022

(Staatliche Museen zu Berlin/Pressemitteilung)

Di, 02.08.2022

Marianne Julia Strauss: "Büchertempel. Die schönsten Bibliotheken aus aller Welt"
Deutschsprachige Ausgabe von "Do You Read Me?", dem Vorgänger von "Büchertempel"

Büchertempel: Die schönsten Bibliotheken aus aller Welt

In den Jahren 2021 und 2022 wurde der prächtige Band Büchertempel. Die Schönsten Bibliotheken aus aller Welt (Temples of Books: Magnificent Libraries Around the World) von der Berliner Autorin und Reisenden Marianne Julia Strauss auf Deutsch und Englisch vom Gestalten-Verlag veröffentlicht. Seit einem Jahrzehnt reist Strauss um die Welt, immer auf der Suche nach unerzählten Geschichten. Im Vorgänger von Büchertempel, dem gleichsam in mehreren Sprachen aufgelegten Do You Read Me? Bookstores Around the World, 2020 ebenfalls bei Gestalten erschienen, stellte sie die inspirierendsten Buchhandlungen der Welt vor.

Büchertempel erkundet die Geschichte und die Aufgaben, die Architektur und die sich wandelnde Rolle ausgesuchter Bibliotheken weltweit. Die folgenden Seiten zeigen außergewöhnliche öffentliche und private Sammlungen, National- und Klosterbibliotheken, umgewidmete Lokschuppen und UNESCO-geschützte Lehmbauten von Mexiko bis Vietnam und Mauretanien. Die Kategorien stehen stellvertretend für alle engagierten Bibliotheken, die unser gesammeltes Wissen kuratieren und schützen“, heißt es in der Einführung des Buches.

Insgesamt werden 54 Bibliotheken auf der ganzen Welt beschrieben – von der Stadtbibliothek von Seinäjoki in Finnland bis zur Hyundai Card Cooking Library in Seoul, darunter auch mehrere in Deutschland und Österreich befindliche: die Jesuitenbibliothek der Abtei Maria Laach, die Klosterbibliothek von Metten, die Staatsbibliothek zu Berlin, die Klosterbibliothek Wiblingen (Ulm), die Bibliothek im Stift Schlägl (Aigen-Schlägl), die Altenburger Stiftsbibliothek sowie die Österreichische Nationalbibliothek mit Sitz in Wien.

Einerseits handelt es sich bei dem zweiten Band, in dem sich M. J. Strauss „buchhaften“ Themen widmet, um ein prachtvolles Album, ein „Bilderbuch“, das sich mit der Geschichte wie den Beständen der gezeigten ‚Büchertempel‘ befasst, zum anderen sind die alten Bibliotheksgebäude ihrerseits selbst längst zu historischen wie „architektonischen Raritäten“ geworden, die es zu bewahren und sorgfältig zu studieren gilt. Büchertempel – eine „Ode an das Lesen“!  

Marianne Julia Strauss (dt.)
Büchertempel. Die schönsten
Bibliotheken aus aller Welt
Berlin: Gestalten 2021
304 Seiten, 49,90 Euro
ISBN 978-3-96704-025-8

Marianne Julia Strauss (engl.)
Temples of Books. Magnificent
Libraries Around the World
Berlin: Gestalten 2022
304 pages, 49,90 Euro
ISBN 978-3-96704-024-1

(Maria Bogdanovich)

So, 31.07.2022

Helios Gómez, "Días de Ira" (1930, Deckblatt der Berliner Ausgabe)
Helios Gómez, "Iberia" (Blatt aus der Mappe, Berlin 1930)

Días de Ira – Tage des Zorns

Helios Gómez kehrt zurück nach Berlin: Sei dem 27. Juni ist seine Grafik-Text-Mappe Días de Ira – Tage des Zorns nach über 90 Jahren wieder in Berlin zu sehen. Gómez (1905–1956) war ein bedeutender Vertreter der künstlerischen Avantgarde Europas im frühen 20. Jahrhundert. In seiner Heimat Spanien politisch verfolgt, ging er 1927 ins Exil und arbeitete unter anderem in Paris, Moskau und Berlin. In der Ausstellung ist die seltene Berliner Originalausgabe von Días de Ira ebenso zu sehen wie die vollständige Serie ¡Viva Octubre! Dessins sur la Révolution Espagnole.

In der Galerie der Stiftung Kai Dikhas im Aufbau Haus am Moritzplatz (Prinzenstraße 84, 10969 Berlin) werden die Arbeiten noch – eingedenk einer kleinen Sommerpause, ab 16.08. ist die Stiftung wieder durchgehend besetzt  bis zum 29. Oktober zu sehen sein. Gómez’ Werk ist hierzulande wenig bekannt, dabei bestehen wichtige Bezüge zu Berlin. Nach dem Weggang aus Spanien stellte er zunächst in Paris aus, wurde dort aber bei einer Demonstration verhaftet und aus Frankreich ausgewiesen. Er reist quer durch Europa und kommt im Winter 1928/1929 nach Berlin. Da lebt er im Kreis der ARBKD (Assoziation revolutionärer bildender Künstler), wo er Beziehungen zur Dada-Gruppe und den Konstruktivisten knüpft und sich dem europäischen Netzwerk von Künstlern anschließt, die sich dem sozialen Kampf und dem Antifaschismus verschrieben haben.

Helios Gómez ist außerdem mit seiner Freundin, der Fotografin und Kommunistin Irene Weber (genannt Ira), mit der er die Stadt entdeckt, in Berlin unterwegs. 1930 veröffentlicht die anarchistische International Workers Association (IWA) in Berlin sein erstes großes Meisterwerk: eben Días de Ira, das sicher nicht zufällig mit dem Namen seiner Freundin spielt und in dem sich Gómez zudem explizit als Rom (im spanischsprachigen Raum: Gitano) präsentiert. Den Blättern des Zyklus sind kleine, zumeist politische Gedichte beigefügt. Es stellen sich gerade mit Blick auf die aktuelle Roma-Kunst-Bewegung, die in Berlin ein Epizentrum ihrer Aktivitäten hat, aber auch zur derzeitigen politischen Situation Bezüge dar.

Die von Álvaro Garreaud und Moritz Pankok kuratierte Schau wird im Lauf des Jahres von Vorträgen, einer weiteren Ausstellung des Künstlers Manolo Gómez im ERIAC sowie der Veröffentlichung des Katalogs Helios Gómez. Die Ästhetik der Revolution (erscheint im September 2022 in der benachbarten Edition Braus) begleitet. Der Eintritt in die Ausstellung, jeweils geöffnet von Donnerstag bis Sonnabend, 16 bis 19 Uhr, ist frei.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Fr, 29.07.2022

Kongress-Logo: Holzstich von Richard Wagener

XXXIX. FISAE-Kongress in Oakland

Der XXXIX. Ex-Libris-Kongress der FISAE (International Federation of Ex-Libris Societies) findet vom 11. bis 18. September 2022 in Oakland (Kalifornien/USA) statt. Für die Versammlung der internationalen Ex-Libris-Freunde und -Gesellschaften entstand als Logo eigens ein Holzschnitt von Richard Wagener. Nach der Absage des Kongresses 2020 soll dieser wieder regulär alle zwei Jahre stattfinden und einberufen werden. Zur Plenarsitzung der Delegierten unter Leitung des Präsidenten der FISAE, James Keenan, wird für den 15. September ins Waterfront Hotel San Francisco Bay Area ab 10 Uhr Ortszeit eingeladen. In der Sitzung stehen die Wahlen des Präsidenten, der Vizepräsidenten an; auch muss – da der bisherige, Olli Ylönen, nicht weiter zur Verfügung steht – ein neuer Exekutivsekretär für eine Amtszeit von sechs Jahren per Wahl bestimmt werden. Weiterhin werden auch die Modalitäten der nächstanstehenden Kongresse (2024–2028) beraten. Da es sich abzeichnet, dass nicht jeder Delegierte persönlich teilnehmen kann, wird darum gebeten, dass die Gesellschaften ihre Delegierten wie auch deren Erreichbarkeit mitteilen. Den Delegierten, die nicht vor Ort sein können, wird in diesem Fall dann ein Videokonferenz-Link zugeteilt. Auch können bereits Vorschläge für Kandidaten und Einladungen für die nächsten Kongresse abgegeben werden. Kontakt für diese Informationen besteht zum amtierenden Exekutivsekretär Olli Ylönen: ylonenolli@gmail.com.

(Klaus Rödel/André Schinkel)

Mi, 27.07.2022

Rauminstallation "Den Atem anhalten" in der Apsis der Kirche von St. Johannis in Würzburg ǀ © Nicole Ahland (Werk), Dirk Uebele (Dokumentation)
Nicole Ahland ǀ © Dirk Uebele

„Den Atem anhalten“

Auf eine Rauminstallation in Bezug auf ein Gedicht von Hilde Domin (1909–2006), die noch einige Tage in der Kirche St. Johannis in Würzburg zu sehen ist, sei an dieser Stelle verwiesen. Mit „Den Atem anhalten“ bezieht sich in einer dreiteiligen Arbeit die Fotografin Nicole Ahland, die in Wiesbaden lebt und arbeitet, auf Domins berühmtes Gedicht Ziehende Landschaft, das 1955, noch im etwa siebenjährigen Pendeln zwischen Spanien und Deutschland, das dem langen Exil der Dichterin in der Dominikanischen Republik folgte, entstand.

„Man muß weggehen können / und doch sein wie ein Baum:“ Domins Gedicht gehört zu den berührendsten Beispielen der Exilliteratur nach dem Zweiten Weltkrieg. Hilde Domins Werk wurde erst spät gewürdigt, heute gehört es mit Sammlungen wie Nur eine Rose als Stütze (1959), Hier (1964) oder Ich will dich (1970) zum klassischen Bestand der Literatur der Bundesrepublik Deutschland. Jedes Jahr im Juli lädt die Würzburger Gemeinde eine Künstlerin oder einen Künstler ein, ist die Kunst in der Kirche zu Gast, als Anlass, den Blick vier Wochen neu auszurichten, den Impuls an den vier Sonntagen auch in den Gottesdiensten aufzugreifen. Die Kunst setzt somit ein Monatsthema für Liturgie und Predigt.

Die Arbeit, die sich in der Apsis der Kirche findet und ihren Ausgang in Ziehende Landschaft fand, darf als besonderes Beispiel der Auseinandersetzung von Bildender Kunst mit Literatur gelten, die in der Tätigkeit, auch in den Büchern und Dokumentationen der vielfach geehrten Fotografin immer wieder ihren Niederschlag fand. Das Kunstwerk besteht aus drei dünnen Aluminiumbahnen, auf die Nicole Ahland auf Fotografien basierende Motive applizierte. Die Künstlerin assoziiert, dem Text folgend, einen bedrohlichen Wolkenberg (Bahn 1, links), eine abstrahierte Röntgenaufnahme einer menschlichen Lunge aus den 1940er Jahren (Bahn 2, Mitte) sowie eine Verschachtelung von Innen- und Außenraum mit farbigen Lichtspuren (Bahn 3, rechts).

Mit einer Gesamtgröße von etwa 1,90 m x 4,50 m hängt das Werk an der linken Flanke der Apsis und fängt das Licht, das rechts der Apsis durch große schmale Fenster einfällt. Über den Tagesverlauf, in Veränderung von Lichteinfall und -menge, ist die Motivik mal mehr, mal weniger deutlich zu erkennen. Die silbrige Oberfläche des Aluminiums entwickelt hier ihr eigenes Lichtbild-Spiel. „Laut Rückmeldung der Besucher*innen“, so die Künstlerin, „scheinen die Motive sich eher abstrakt und lichtauflösend zu verhalten, die wenigsten erkennen die Bilder tatsächlich und entwickeln eigene Assoziationen und Erinnerungen. Das ist für mich total in Ordnung, da ich ja auch nichts illustrieren möchte. Diese dadurch sich einstellende Offenheit gefällt mir eher.“

Die Installation ist auf jeden Fall bis zum 31. Juli zu sehen. Da die Künstlerin aber den Abbau des Werks wohl erst für den 4. oder 5. August einplant, sollte es auch bis dahin zu besichtigen sein. Die Würzburger St.-Johannis-Kirche hat jeden Tag von 8 bis 18 Uhr geöffnet.

(André Schinkel)

Di, 26.07.2022

Gustav Adolf Erich Bogeng (1881-1960), etwa 1903
Originalausgabe des Standardwerks von 1922

Die grossen Bibliophilen - Standardwerk wird 100

Vor hundert Jahren, im Jahr 1922, veröffentlichte der Leipziger Verlag E. A. Seemann die einzige Forschungsarbeit ihrer Art zur Geschichte der Bibliophilie – ein dreibändiges Werk mit dem Titel Die großen Bibliophilen. Geschichte der Büchersammler und ihrer Sammlungen von Gustav Adolf Erich Bogeng (1881–1960).  

Das Staatsarchiv Leipzig bewahrt einige Dokumente des Seemann-Verlags auf, darunter die Verträge mit Autoren und Künstlern und einen dreiseitigen Brief des Verlegers vom Dezember 1921 an Bogeng über die Veröffentlichung von Die großen BibliophilenDie Auflage sollte zwischen 2.000 und 2.500 Exemplare betragen, das Autorenhonorar für die Erstauflage betrug 12.000 Mark. Das Titelblatt sollte ursprünglich vom Grafiker, Illustrator und Bühnenbildner des deutschen Impressionismus Max Slevogt (1868–1932) illustriert werden. Eine Werbung in Philobiblon (1931, H. 2) deutet schließlich darauf hin, dass letztendlich der Künstler und Illustrator Hans Meid (1883–1957) diese Aufgabe übernahm.

Der Jurist, Büchersammler und Theoretiker der Bibliophilie G. A. E. Bogeng, Sohn des Kaufmanns und Hoteliers Gustav Bogeng (?–1904), begann seine „bibliophile Karriere“ auf brillante Weise. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seines Werkes war er bereits Mitbegründer des Berliner Bibliophilen Abends und der Maximilian-Gesellschaft, war Mitglied zahlreicher anderer Gesellschaften, gab zwei Zeitschriften für Büchersammler heraus, verfasste zahlreiche Artikel. 1920 zog er von Berlin nach Bad Harzburg und stellte seine öffentliche Tätigkeit nahezu vollständig ein.

Das Werk von Bogeng ist nach wie vor aktuell – es wurde mehrfach nachgedruckt und wird stets zu hohen Preisen auf dem modernen antiquarischen und bibliophilen Markt nachgefragt. Die Geschichte der Bibliophilie wurde nicht wissenschaftlich fortgeführt oder weiterentwickelt. Somit bleibt Bogengs Die großen Bibiliophilen auch nach hundert Jahren die einzige Quelle zur Geschichte des deutschen Büchersammelns.

(Maria Bogdanovich)

So, 24.07.2022

Binette Schroeder: "Herr Grau & Frieda Fröhlich", Zürich 2021.

Trauer um Binette Schroeder

Bereits am 5. Juli starb mit Binette Schroeder (1939–2022) die – wie es ihr Mann Peter Nickl, mit dem sie viele gemeinsame Projekte verwirklichte, im Verbund mit Christian Raabe treffend formuliert – „Grand Dame der deutschen Bilderbuchillustration“. Ihre Bücher, beginnend mit dem legendären Erstling Lupinchen von 1969, verhalfen Schroeder zu internationalem Ruhm und wurden in vielen Ländern, flankiert von zahlreichen Ausstellungen, verlegt. Nach dem Studium in München und Basel entdeckte der Verleger Dimitri Sidjanski ihr großes Talent, seinem NordSüd-Verlag mit Sitz in Zürich blieb sie zeitlebens verbunden. Weiterhin erschienen ihre Werke bei Ellermann, Thienemann und Weitbrecht oder bei Walker Books in London. Binette Schroeder arbeitete unter anderem zu Michael Ende, viele ihrer Bücher wurden zu großen Erfolgen und mit zahlreichen Auszeichnungen wie dem Troisdorfer Bilderbuchpreis und dem Deutschen Jugendliteraturpreis geehrt. 2021 erschien von ihr Herr Grau & Frieda Fröhlich bei NordSüd. Ein letztes Bilderbuchprojekt, teilt Peter Nickl mit, muss nun unvollendet bleiben. Um die Pflege ihres Werks kümmern sich die Binette Schroeder Stiftung und die Stiftung Internationale Jugendbibliothek, die der Künstlerin ein eigenes Kabinett widmete. Und mit zauberhaften Werken wie Laura, LelebumDie Schattennähmaschine, Krokodil Krokodil oder dem viel diskutierten Froschkönig bleibt Binette Schroeder, bekannt für ihren sprühenden Humor und selbst leidenschaftliche Sammlerin von Bilderbüchern, auf berührende Weise in Erinnerung.

(André Schinkel/Pressemitteilung)  

Fr, 22.07.2022

Rainer Ehrt und Marcus Golter stellen auf der Landesgartenschau in Beelitz aus
Die LAGA in Beelitz findet vom 14. April bis 31. Oktober statt. ǀ © LAGA Beelitz gGmbH

Rainer Ehrt bei der Landesgartenschau

Unser geschätzter Künstler- und Pirckheimer-Freund Rainer Ehrt lädt für den 23.07.2022 zur Vernissage auf der Landesgartenschau in Beelitz ein. Unter dem Titel „Kunst QuerBeet“ zeigt Ehrt im Verbund mit seinem Freund und Kollegen Marcus Golter auf der Gartenschau bis zum 04.08. seine Arbeiten. Beide Künstler werden bei der Eröffnung der Ausstellung am Sonnabend um 11 Uhr anwesend sein. Auch kann man dort ein Vorab-Vorzugsexemplar des neuen Buchs von Rainer Ehrt in Augenschein nehmen (und natürlich auch vorbestellen). Der Bildband Figur & Kontext enthält auf 100 durchgehend bebilderten Seiten Zeichnungen, Druckgrafik und die Dokumentation der Künstlerbücher Ehrts samt illustriertem Vor- und Nachsatz und erscheint zum Ende des Monats bei Angeli & Engel in Hamburg. Die Exemplare 1 bis 50 sind vom Künstler signiert und enthalten eine Originalgrafik Ehrts. Zunächst aber heißt es: Auf zu „Kunst QuerBeet“ mit Rainer Ehrt und Marcus Golter nach Beelitz! Das Tagesticket, das zum Zutritt auf der Landesgartenschau berechtigt, ist ab 17 (ermäßigt 14, Schüler bis 16 Jahre 8) Euro erhältlich.

Ausstellung „Kunst QuerBeet“
Rainer Ehrt und Marcus Golter
auf der Landesgartenschau
22. Juli bis 04. August 2022
Berliner Str. 202, 14547 Beelitz

(André Schinkel)

Mi, 20.07.2022

Antiquariat J. J. Heckenhauer, historische Aufnahme
HAP Grieshaber: "Uracher Palme"

Neues aus dem Heckenhauer-Katalog

Auf der Webseite der Universitätsstadt Tübingen steht unter dem Stichwort Einkaufs- und Gastronomieführer: „Heckenhauer gehört zu den ältesten Antiquariaten Deutschlands, gegründet 1823 und seit 1880 im Besitz der Familie Sonnewald.“ Auch wir finden, dass es ein Genuss ist, in den Bücherschätzen von J. J. Heckenhauer zu stöbern.

Daher verwundert es nicht, dass Roger Sonnewald und sein Team wieder erlesene und seltene Exemplare als Neueingänge verzeichnen können. So besteht zum Beispiel die Gelegenheit, ein seltenes Exemplar aus der Auflage von nur 50 Exemplaren von HAP Grieshabers Uracher Palme, Eningen, Eigendruck 1976 zu erwerben. Aber auch Liebhaber von Hermann Hesse werden im Antiquariat J. J. Heckenhauer fündig. Neben dem soeben erschienenen Katalog 288 mit zahlreichen Erstausgaben und Widmungsexemplaren ist Sinclairs Notizbuch, Zürich: Rascher Verlag 1923 (signiert!) zu erwerben.

Voller Vorfreude können bereits heute Sammler von Frans Masereel sein, da in Kürze eine Liste mit Widmungsexemplaren erscheint. Bereits erhältlich sind: Die Idee. Ein Bilderroman in 83 Holzschnitten, sowie Krieg und Gewalt. Auswahl der Holzschnitte und Zeichnungen von Frans Masereel. Darüber hinaus werden zahlreiche Neuzugänge zu Martin Heidegger, Gesamtausgaben von Walter Benjamin, Theodor Fontane, Heinrich Heine, Hugo von Hofmannsthal, Philipp Melanchthon, Martin Luther, eine Briefausgabe von Robert Musil, 12 Bände Schiller (Cotta), von-Humboldt-Briefe und vieles mehr angeboten.

Bei wem nun das Interesse geweckt wurde, der schaue bitte im Webshop des Antiquariats nach: https://heckenhauer.hescomshop.de/. Viel Spaß beim Entdecken!

(Charlotte Aepler)

Di, 19.07.2022

Fünf Künstler*innen, fünf Stimmen: Andrea Ackermann, Frank Eißner, Bettina Haller, Tatjana Skalko-Karlovski, Susanne Theumer
Das Spengler-Museum in Sangerhausen ǀ © www.mansfeldsuedharz-tourismus.de
Welfesholz: Blick von einer der Familienhalden im Herbst 2021 ǀ © Susanne Theumer

„Das Höchste ist das Verständlichste“

Noch bis zum 28. August 2022 ist die Ausstellung zum Pleinair „Das Höchste ist das Verständlichste“, für das sich Ende September/Anfang Oktober 2021 fünf Künstler*innen aus Höhnstedt, Halle (Saale), Chemnitz und Aschaffenburg im Novalis-Schloss Oberwiederstedt trafen, um im Vorblick auf den 250. Geburtstag Friedrich von Hardenbergs, dessen Hymnen an die Nacht wie auch sein Romanfragment Heinrich von Ofterdingen unter seinem Dichter-Pseudonym weltberühmt wurden, sich mit seinen Texten, seiner Philosophie sowie der Landschaft seiner Herkunft zu befassen, im Spengler-Museum in Sangerhausen zu sehen.

Für das Pleinair gründete sich eine Künstlergruppe, bestehend aus Andrea Ackermann, Bettina Haller, Tatjana Skalko-Karlovski, Susanne Theumer und Frank Eißner. Es entstanden an vielen bedeutsamen Plätzen eine Vielzahl von Kunstwerken, die sich oft direkt mit diversen Textstellen und Lebensdaten in Beziehung setzten: Radierungen, Aquarelle, Farbholzschnitte, Zeichnungen und Gemälde. Orte der Auseinandersetzung waren neben Oberwiederstedt selbst Halle an der Saale, Weißenfels und – wohl für alle Beteiligten am eindrücklichsten – die Familienhalden von Welfesholz, dessen Name untrennbar mit der frühdeutschen Geschichte und der Blüte des Mansfelds als Salz- und Kupferland verbunden ist.

Das Pleinair, gefördert von „Glück auf! Wohin?“, organisiert von Susanne Theumer und betreut von Vertretern des Landkreises Mansfeld-Südharz, zeitigte eine gleichnamige Wanderausstellung, die nach Stationen im Novalis-Schloss selbst, im Sangerhäuser Landratsamt und im Künstlertreff „Café Krem“ in Aschaffenburg nun in die Rosen- und Einar-Schleef-Stadt zurückkehrt. Mit dem Spengler-Museum, für seine atemberaubenden Sammlungen bekannt, wurde ein hochwürdiger Ort gefunden, die Resultate der Künstlergruppe zu präsentieren.

Das Spengler-Museum befindet sich ganz in der Nähe des Sangerhäuser Bahnhofs und ist täglich außer montags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Und auch eine fünfte und wohl auch letzte Station der Schau steht schon fest – ab dem 1. September wird „Das Höchste ist das Verständlichste“ in den Räumen der KZ-Gedenkstätte Wansleben am See zu sehen sein.

(André Schinkel)

Mo, 18.07.2022

Herbert W. Franke (1927-2022) auf der Transmediale 2010 ǀ © Shervin Afshar (CC BY-SA 3.0)

Abschied von Herbert W. Franke

Die europäische Kulturszene trauert um einen einzigartigen Pionier der Medienkunst, einen – was im Zeitalter der galoppierenden Fächerverengung allein schon Aufsehen erregt – universell Gelehrten und Tausendsassa, der als Wissenschaftler, bildender Künstler und Schriftsteller (sowie durchaus in steter Bereitschaft, diese Kosmen zu mischen) bis ins hohe Alter aktiv blieb und den Diskurs mitbestimmte. Am 16. Juli starb in seiner oberbayerischen Wahlheimat Herbert W. Franke, wenige Wochen nach seinem 95. Geburtstag.

1927 in Wien geboren, studierte Franke Physik, Chemie und Mathematik, Psychologie und Philosophie, begründete die Ars Electronica mit, lehrte in München, forschte zur Elektrotechnik, zu KI, zur Höhlenkunde, zur Tropfstein-Datierung ... Vor allem aber gilt er als „Dinosaurier“ der Computerkunst und -grafik. 1970 war er mit einem Siebdruck auf der Biennale vertreten. Ungezählt seine Bücher: Science-Fiction-Romane und -Erzählungen, Aufsätze, Gedichte. Seine letzte Aktion war der digitale Abverkauf seiner Serie Math art am 1. Juni, ganze 30 Sekunden brauchte er dafür. Zuvor hatte Franke, sich damit als einer der Vordenker des Metaverse erweisend, mit seiner Frau Susanne Päch in den 2000ern auf der Plattform Active Worlds die Z-Galaxy eröffnet, einen multimedialen Raum für Kunst.

Dort wie im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe wird nun sein Vermächtnis gesammelt, bewahrt und für die Nachwelt von der Umtriebigkeit wie dem Geistesreichtum von Herbert W. Franke künden. Eine ausführliche Würdigung der Bedeutung Frankes als „philosophischer Fixstern“ für die westdeutsche utopische Literatur nach 1950 durch Norbert Grewe ist im Übrigen zu finden im 245. Heft (2022/2) der Marginalien, der Zeitschrift der Pirckheimer-Gesellschaft.

(André Schinkel)

Die neue Ausgabe des Gutenberg-Jahrbuchs

Gutenberg-Jahrbuch 2022 erschienen

Der 97. Jahrgang des Gutenberg-Jahrbuches erschien in Mainz bei Harrassowitz, herausgegeben von unserem Pirckheimer-Freund Professor Dr. Stephan Füssel. Das Jahrbuch beinhaltet zahlreiche Beiträge zu Buchgeschichte, -kultur und -gestaltung und ist ein einzigartiges Projekt im Bereich der Buchkunst. Seit 2003 wird die typografische Gestaltung durch Professor Ralf de Jong (Folkwang Universität der Künste in Essen) verantwortet – das Buch präsentiert sich alle zwei Jahre in einer neuen Schrift. Dieses Jahr wurde Comma Base von Martin Majoor ausgewählt, dem auch ein gesonderter Artikel im Band gewidmet ist. Der Schutzumschlag des Jahrbuchs stammt seit 2008 aus den Entwürfen Studierender.   

Das zentrale Thema des diesjährigen Jahrbuchs ist das Studium von Inkunabeln; darunter die Fortsetzung der Inkunabelbibliografie bis zum Jahr 2021. Weitere interessante Beiträge zu Inkunabeln sind: Paul Schweitzer-Martin, Falk Eisermann und Oliver Duntze: Norm und Abweichung im frühen Buchdruck. Standards and Variations in Fifteenth-Century Printing mit Veröffentlichungen aus dem internationalen Workshop in Heidelberg vom 29.09. bis 01.10.2021; der Artikel Between Basel and Lyon: Bernhard Richel, Martin Huss, and a Possible Printer‘s Vade Mecum (The Morgan Library & Museum, MS M.158) von F. Hamburger (Harvard University); Malcolm Walsby: The creation of the title page in French incunabula, sowie Paul Schweitzer-Martin: Innovation und Kooperation in der Inkunabelproduktion: Der Druckort Speyer.

Für die Vorbereitung des diesjärigen Jahrestreffens der Pirckheimer-Gesellschaft in Oldenburg empfohlen – Sven Behnke, Matthias Bley, Matthias Bollmeyer und Detlef Haberland: Die illuminierte Polydeukes-Ausgabe aus der Bibliothek des Willibald Pirckheimer (Aldus Manutius 1502). Ein Fund in der Landesbibliothek Oldenburg. Es handelt sich bei der im Titel genannten Ausgabe um den im Rahmen des Forschungsprojekts „Antiken-Rezeption und späthumanistisch aufgeklärte Kennerschaft: Georg Friedrich Brandes als Sammler von Drucken der Offizin des Venezianers Aldus Manutius“ gefundenen Erstdruck des Onomastikón des griechischen Sophisten und Rhetors Ioulios Polydeukes, der 1502 von Aldus Manutius veröffentlicht wurde.

Das Buch sticht „in einem prächtigen goldgeprägten Maroquin-Einband des 18. Jahrhunderts ins Auge, da er als einzige der Oldenburger Aldinen mit einer kunstvollen Renaissance-Buchmalerei am unteren Rand der ersten Textseite verziert ist“. Die Mitglieder der Pirckheimer-Gesellschaft werden diese Schätze während des Jahrestreffens in Oldenburg bestaunen können! Anmeldungen zur Teilnahme sind möglich unter: info@pirckheimer-gesellschaft.org.

Jahrbuch der Gutenberg-Gesellschaft 97
Hrsg. von Stephan Füssel
Mainz: Harrassowitz 2022
279 Seiten, 98 Euro
ISBN 978-3-44711-859-0

(Maria Bogdanovich)

So, 17.07.2022

Das Logo der art KARLSRUHE
Die "Nationale Reserve" von Rocco & His Brothers

Impression von der art Karlsruhe

Überall hört man momentan dasselbe „… nach den Corona-Jahren endlich wieder Messe!“ So war es auch am langen Wochenende vom 7. bis 10. Juli 2022 bei der art KARLSRUHE. Seit 2004 findet sie als Plattform für Austausch und Handel für die Kunst der Klassischen Moderne und die Gegenwartskunst auf dem Karlsruher Messegelände statt.

Vier Messehallen boten Kunst nach 1945, Druckgrafik, Kunst und Kommunikation und schließlich Klassische Moderne und Gegenwartskunst. Kunst in Zeiten galoppierender Inflation als Anlageobjekt zu betrachten, ist derzeit mehr als eine ästhetische Geldanlage. Das teuerste Bild der diesjährigen Messe hatte die Galerie Ludorff dabei: für 1,25 Millionen Euro Lovis Corinths Porträt seiner Frau. Für die Düsseldorfer war es zudem ein Muss, ein paar Bilder von Imi Knoebel an der Wand zu haben. Trotz der Hochpreisigkeit war man sich einig: „Nicht unverschämt.“ Kunst als Investitionsobjekt – den Künstler freut es!

Viel hochpreisige Kunst gab es in Halle 4 – hier stellten Galerien aus der ganzen Republik aus. Ein Novum: Unsere Freunde von Felix Judd, dem Buchladen mit Kunst oder Kunst mit und in Büchern, eine Hamburger Institution, waren auch in Karlsruhe. Das war ein gutes Wiedersehen nach dem Besuch in der „schönsten Hamburger Buchhandlung“ im letzten Jahr. In der Mitte von Halle 2: Skulpturen unserer Pirckheimer Freunde brothersinart Guido und Johannes Häfner. Beide kommen auch schon lange nach Karlsruhe. Ihr I.C.H. Verlag wird demnächst auch wieder etwas in Buchform herausbringen – das klang progressiv – man darf sehr gespannt sein.

Andere „Brüder“ – Rocco & His Brothers – nahmen die Steuerverschwendung von Spahn & Co. unter das Brennglas der Kunst, schmolzen die überteuerten und zur Entsorgung freigegebenen Fehlkäufe der Dilettanten-Truppe ein und erhoben sie zur Nationalen Reserve – 100 Barren, hergestellt aus 10.000 entsorgten Atemschutzmasken. Der Einzelbarren ist für 150 Euro bei der Uhlig Gallery erhältlich.

Und schließlich: Ein BKA-Passat, über dessen Inbesitznahme man nicht redet, verschwand in der Schrottpresse und demonstrierte, wie schnell aus unechter Autorität das wird, was es eigentlich ist – ein Haufen Schrott. So schnell kann es gehen, wenn ein wenig Kraft und Entschlossenheit im Spiel ist. Ein kleiner Junge packte sein Geld traurig wieder ein, als er erfuhr, das Objekt sei bereits verkauft … art KARLSRUHE – absolut empfehlenswert: Bis zum nächsten Jahr im Mai!

(Ralph Aepler)