Als Porträtist ist Klaus Bellin, der Ende des eben vergangenen Jahres seinen 90. Geburtstag feierte, eigentlich uneinholbar. In zahlreichen Bänden und Features für den Rundfunk, in Artikeln und Aufsätzen hat der Berliner so ungezählte Biografien auf höchstem literarischem und essayistischem Niveau verfasst, einige dieser Werke, etwa zu Kurt Tucholsky und seiner Frau, zu Anna Seghers oder zu Heinrich Böll, gehören zum Besten, was man an gegenwärtiger biografischer Publizistik zu lesen bekommt. Viele dieser Werke – Augenblicke der Literatur, Bankett für Dichter oder Gegenwelten seien genannt – dürften mehr zu einer gelebten Literaturgeschichte der Gegenwart beitragen als so manche hochtrabende wissenschaftliche Affirmation. So ist es auch mit dem neuesten Band Bellins: Was bleibet aber, auf ein ikonisches Zitat Friedrich Hölderlins bezogen, porträtiert in 32 Texten bekannte und auch weniger bekannte Schriftsteller der DDR, die heute zum Teil schon längst dem Vergessen anheimgegeben sind. Bellin spannt dabei den Bogen weit von Johannes R. Becher, dessen tragische Vita noch einmal zum Tragen kommt, über Hermlin und Fühmann bis hin zu Elmar Faber, seines Zeichens einer der bedeutendsten Verleger des selbsternannten Leselands. Die Großen und Nobelpreisverdächtigen wie Christa Wolf oder Johannes Bobrowski, Brecht oder eben Seghers, mit denen Bellin vertraut war, sind selbstverständlich dabei. Zugleich wird in dem Buch sehr viel zur Ehrenrettung derer getan, deren Name heute kaum noch klingt. Klaus Bellin beschreibt zudem die Ambivalenz dieser Jahre: Emigranten, die, in der BRD verschrien, verspottet, in die DDR gingen, dort lebten und schrieben, an ein besseres Deutschland glaubend und selbst schwer enttäuscht wurden; Iden, die auch die Dagebliebenen und Nachgeborenen trafen. Oder das seltsame Zwischen-den-Stühlen-Sein Stefan Heyms, der aus den USA nach Europa zurückkehrt und nach und nach bei anfänglicher Privilegiertheit in die kruden Mühlen der DDR-Kulturpolitik gerät und dies aber mit größter Würde aussitzt. Weiterhin treten auf: Fritz Rudolf Fries, Brigitte Reimann, Jeanne Stern, Armin Müller, Volker Braun, Walter Kaufmann, Hans Mayer u. a. essentielle Teile der Phalanx der DDR-Literatur. Erschienen ist das Büchel in der Weißen Reihe des quartus-Verlags, begründet und herausgegeben von Pirckheimer-Freund Jens-Fietje Dwars. Der Toplesetipp für den Neujahrstag!
(André Schinkel)