Das neue Kinderbuch von Martha Irene Leps, Künstlerin und Erzählerin aus Zerbst (Anhalt)
Es war einmal – eine kleine Hexe, die ein neues Zuhause suchte, nachdem sie die Hexenschule absolviert hatte und nun „groß und schlau genug geworden war“. Natürlich war sie trotzdem klein von Gestalt, aber das ist ja relativ, wenn es um Größe geht, wie wir alle wissen. Es gäbe viele Lieblingsplätze, die sie sich als neuen Wohnort vorstellen konnte, doch irgendetwas war immer: eine fiese Kreuzspinne, die ihre Nähe als Nachbarin nicht wollte oder das Schild Räumungsverkauf im Papierwarenladen, in dem sie sich auch ein Leben hätte vorstellen können. Sie nahm sich von dort wenigstens einen Flugbleistift mit, denn einen Besen hatte sie nicht dabei. Die Hexe folgte neugierig einigen Kindern, die in ein großes Haus gingen, und dort fühlte sie sich sofort am wohlsten! Inmitten von Büchern einer Bibliothek.
Nachts zwischen den Büchern hat die Künstlerin Martha Irene Leps alias Martha ihr neues Buch für alle, die Bücher lieben, genannt, das sie, wie alle ihre Kinderbücher, zum sofort Gernhaben liebevoll und ideenreich verfasst und illustriert hat. Die großen Doppelseiten können jede für sich als Solitär stehen. Sie sind bunt, doch nicht grell, und ganz Marthas grafischem Talent entsprechend harmonisch, ausdrucksstark und vollflächig gestaltet. Die Bücher, zwischen denen die kleine Hexe wohnt, sehen aus wie richtige Bibo-Bücher – mit Banderole und Nummer, und sie tragen richtige Namen wie richtige Bücher. Schließlich sind wir ja auch in einer richtigen Bibliothek. Sie sind zugleich Anregungsgeber und stabiles Element der Welt, an denen sich gut auch eine imaginierte Hängematte befestigen ließe, nicht nur die der kleinen Hexe, in die sie sich mit einem – hexfix! – kleingezauberten Buch begibt, nachdem sie ihre Zudecke, die sie immer dabei hat, darin aufgeschüttelt hatte ... Die Darstellungen und die Geschichte, die Martha erzählt, vermitteln trotz neuer und unbekannter Umgebung Ruhe und eine selbst geschaffene Ordnung.
Aufmerksam beleuchtet die Mondfrau das Geschehen und den spannenden Krimi, der sich ein paar Nächte später, nachdem die kleine Hexe sich ein Buch von Hans Christian Andersen –, ja, kleingehexfixt hatte, entspann, denn sie stellte fest, dass einige Seiten des Buches ziemlich zerrupft und beschmiert sind. Ursache dafür sind zwei Monster, die sich an den Büchern vergehen, so dass Märchenfiguren von den zerfressenen und beschmierten Bücherseiten vertrieben werden und hilflos umherirren. Die kleine Hexe rettet sie und sammelt sie mithilfe ihres Flugbleistiftes auf. Und sie wäre ja nicht erfolgreich von der Hexenschule gekommen, wenn sie keine Lösungen gegen die Unwesen finden würde, und das, obwohl das Seitenfressermonster ein großes Stück von ihrem Zauberspruchmerkheft abgebissen hat. Die Monster werden am Ende gebannt. Und es ist nicht die einzige unaufdringliche Botschaft dieser Geschichte, nämlich, dass jeder seine Monster zwischen zwei Buchdeckeln fesseln könnte, und wenn es auch ohne Zauberspruch länger dauerte und bestimmt mehr Arbeit machte – doch wer weiß von uns schon, wie viel Kraft so ein Zauberspruch kostet, und vor allem einer, der Gutes bewirkt.
Nachts zwischen den Büchern eignet sich hervorragend als Abendlektüre, wenn man es allein, egal, in welchem Alter, oder mit dem Kind oder Enkel auf dem Schoß liest und betrachtet, der spannend schönen Geschichte folgt und die vielen Details nach und nach gemeinsam entdeckt. Es weckt in jedem Fall das Interesse an Büchern, am Lesen, am Nutzen einer Bibliothek und vielleicht auch am Schreiben, am Hinein- oder Wegschreiben von Unliebsamem und auch Erfreulichem, an allem, das man gern zwischen zwei Buchdeckel legen möchte. Und wer weiß, vielleicht erlebt die kleine Hexe ja noch mehr Abenteuer, die Martha uns demnächst erzählen wird. (Martha, das ist Martha Irene Leps: Nachts zwischen den Büchern, bei www.martha-art.de – oder aber über die E-Mail martha_art@yahoo.de – bei der Autorin bestellbar, ISBN 978-3-00-083054-9, 17 Euro.)
(Sabine Raczkowski)