In einer Welt, in der mittlerweile alles online möglich ist und genau das auch oft und gerne genutzt wird, hat sich ein Künstler aus Norddeutschland bewusst entschieden, mittels traditioneller Handwerkskunst einem literarischen Meisterwerk öffentlichen Raum zu geben. „Phili“, wie er sich selbst nennt, stempelt den ersten Teil von J. W. v. Goethes Faust, Buchstabe für Buchstabe, in Ton, wahrlich ein Mammutprojekt. Erstmals im Oktober 2025 teilte er seine Vision in den sozialen Medien. Mehr als 26.000 Menschen auf TikTok und 34.000 auf Instagram begleiten seitdem sein Projekt Faust in Ton. Seine Videos erreichen bis zu zwanzig Millionen Menschen.
Täglich nimmt er seine Zuschauer mit und lässt sie an seiner Arbeit teilhaben. Für sie nimmt er sich Zeit und beantwortet alle aufkommenden Fragen mit Freude. Ein Follower auf Instagram schenkte dem Künstler sogar eine Ausstechform für seine Tonplatten, im 3D-Drucker gedruckt. Seitdem sind alle seine Tonplatten perfekt geschnitten. Doch das sind nicht die einzigen Reaktionen. Angefixt durch Philis Videos, greifen nicht wenige aus seiner Community zum Buch, entweder zum ersten Mal oder nun aus einem neuen Blickwinkel heraus.
Doch was genau begeistert seine Anhänger? Es ist die Idee dahinter, die Möglichkeit, an der Entstehung teilzuhaben und vielleicht auch, weil es um ein Buch geht, für das viele mehrere Anläufe brauchen. So war es auch bei Phili. Was die Schule nicht vermochte, schaffte ein Ereignis in seinem privaten Umfeld. Durch seine ganz persönliche Geschichte fand er zurück zum Faust und zu der Gewissheit, dieses Werk würde zur Grundlage seines nächsten Projektes.
Öffentliche Plätze sind seit jeher Orte der Begegnung, des Austauschs – des gemeinsamen Erlebens. Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) erlebte auf seiner Reise durch Italien die besondere Atmosphäre dieser Plätze und ließ sich davon inspirieren. – Der „Faustplatz“ greift diesen Gedanken auf: ein Ort der Begegnung, des Austauschs und des Verweilens, ganz im Sinne der Offenheit und Neugier, die auch Goethes Werk prägen.
Ein öffentlicher Ort, für alle Menschen zugänglich, der seine zirka 700 bedruckten Tontafeln einbettet, ist der Traum des Künstlers. Eine Möglichkeit zu haben, sich mit einem so bedeutenden Werk auseinandersetzen zu können ... auch wenn man ohne Bezug dazu aufgewachsen ist, in einer Sprache geschrieben, die auf mehreren Ebenen viele vor eine Herausforderung stellt ... mit Worten, die heute keine Verwendung mehr finden. Ein altes Werk in eine neue Form, die heute entsteht, zu überführen und das Publikum daran teilhaben zu lassen, ist aus Sicht des Künstlers ein möglicher Schlüssel. Noch weiß er nicht, wo sein Faustplatz entstehen wird. Auch wenn Weimar ideal erscheint, sind noch viele Gespräche zu führen und viele bürokratische Hürden zu überwinden. Aber auch dabei wird ihn seine Anhängerschaft unterstützen.
Phili ist in keine Schublade zu stecken. Er ist ein multimedialer Künstler. Für seine berufliche Zukunft hat er viele Pläne. Er möchte Konzerte mit seiner Band geben und wieder öfter als Schauspieler arbeiten. Auch kann er sich vorstellen, einen Podcast ins Leben zu rufen, in welchem er andere junge Künstler zu einem Gespräch über Kunst, Literatur und Musik einlädt. Eines ist bei seinen vielen Vorhaben sicher, er wird das Hier und Jetzt damit deutlich schöner gestalten.
(Charlotte Aepler)