Alles nur Märchen? Ein Maler, der nicht davon ab kann zu malen, getrieben vom Wunsch, das eine Bild zu schaffen, das jedem gefällt. Eine Schriftstellerin, die nicht aufhören kann zu schreiben, getrieben vom Wunsch, das eine Buch zu schreiben, das die Gesamtheit des Lebens abbildet. Ein Zehnkämpfer, der nicht aufhören kann zu siegen und darüber einsam wird, weil sich keine Gegner mehr finden. Ein Arzt, der jede Krankheit erkennt, sie aber nicht heilen kann und darüber sein Lächeln verliert. Die Kunstmärchen von Pirckheimer-Freund Jens-Fietje Dwars machen es einem nicht einfach, an Happy Ends zu glauben. Und doch tragen sie Lösungen in sich. Ähnlich den Brecht’schen Geschichten vom Herrn Keuner, liegt die Didaktik in dem, was nicht ausgesprochen ist. Der Kniff: eine Ein-Wunsch-Fee, die von sich behauptet, „sie wolle nur einen Wunsch erfüllen“ statt den üblichen dreien, „um die Menschen zu lehren, dass sie auf ihre Wünsche acht geben.“ Das Märchenhafte der Dwars’schen Geschichten liegt in der Moral, nicht im fantastischen Funkeln seiner Ausschmückung. Das klingt nüchterner, als es ist: Es liegt ein großer Zauber in der Spannung, zu welch kurzsichtigen Wünschen sich die Personen hinreißen lassen: Was haben sie nun wieder nicht bedacht? Man ist schnell verleitet, auch sein eigenes Wunscharsenal zu überprüfen. Eingefasst in ganzseitigen Tuschezeichnungen des Autors und vielen Vignetten in Weinrot durchzieht den schmalen Band eine gelungene Leichtigkeit. Der Moment zählt, die Pointe, die Möglichkeit des Weiterdenkens durch Weglassen von überflüssigen Details. Das gilt für Bild wie Text gleichermaßen. Wer sich noch mehr ins Schauen vertiefen möchte, dem sei die Vorzugsausgabe empfohlen: In einen Schuber gehüllt liegt dem Band eine weitere Lithografie bei – treffend Garten der Träume betitelt, den ersten 15 Exemplaren auch noch eine Handzeichnung aus den Buchentwürfen. Traut man sich Wünsche ob der möglichen Konsequenzen überhaupt noch zu? Ein Buch der Anstöße. (Jens-Fietje Dwars: Die Ein-Wunsch-Fee und andere Märchen für Kinder von 9 bis 99. Bucha bei Jena: Edition Ornament im quartus-Verlag 2025. 72 Seiten, 13,5 × 21,5 cm, Fadenheftung, Festeinband, mit Tuschezeichungen des Autors in Weinrot. Vorzugsausgabe in 75 Exemplaren mit einem Handabzug der Steinzeichnung Garten der Träume, gedruckt von Christian Müller (Wurzbach) – geliefert in moosgrünem Buchschuber. Normalausgabe (20 Euro), Vorzugsausgabe Nummer 1–15 (90 Euro), Nummer 16–75 (60 Euro), ISBN 978-3-947646-67-8. Text erscheint auch in den Marginalien 259.)
(Till Schröder)