Den Pirckheimern steht mit einer gut zweistündigen Exkursion über den Waldfriedhof in München ein weiteres Highlight bevor. Wir treffen uns dazu am 21. Mai 2026 um 11 Uhr am Haupteingang in der Fürstenrieder Straße. Dort werden wir mit Gerd Holzheimer in die literarische Vergangenheit wandern. Dr. phil. Gerd Holzheimer muss ich in unserem Kreis nicht mehr vorstellen, er ist Verfasser von über 30 Büchern, zuletzt die Biografie über „Apfelpfarrer“ Korbinian Aigner, Künstlerischer Leiter der Veranstaltungsreihe Literarischer Herbst im Fünfseenland, Herausgeber der Zeitschrift Literatur in Bayern. Als literarischer Landvermesser leitet er literarische Exkursionen weltweit und in seiner Heimat an der Würm. Kurator verschiedener Ausstellungen, Mitarbeit an Filmen, Vorträge zu kulturhistorischen Themen. Die Landeshauptstadt München zeichnete 2013 Holzheimer mit dem Ernst-Hoferichter-Preis aus, der an Künstler verliehen wird, die „Originalität mit Weltoffenheit und Humor verbinden“. 2015 war Gerd Holzheimer zudem Kulturpreisträger des Landkreises Starnberg.
Ein Besuch auf einem Friedhof ist immer auch ein Stück Erinnerungskultur. In ganz besonderem Maß trifft das auf den Waldfriedhof in München zu. Ein Gang durch seine weitverzweigten Wege kommt einem Gang durch die Literatur- wie Kulturgeschichte, auch durch die politische Geschichte gleich. Der Waldfriedhof, von 1905 bis 1907 angelegt, ist der größte in München. Er liegt auf dem ehemaligen Forst von Schloss Fürstenried. Und die Anlage selbst ist ein Meisterstück von Hans Grässel (1860–1939), Architekt, der das Stadtbild von München überhaupt sehr stark geprägt hat.
Schon die Eingangssituation ist hochinteressant. Thema: Sphingen auf dem Portal. Mit Sphinx verbinden wir automatisch das Rätselhafte, auch Gefährliche. Wer ihre Frage nicht beantworten kann, wird gefressen, und das waren alle auf dem Weg nach Theben. Ödipus war der Erste, der ihren Fängen entging. Dafür bekam er zum Lohn die Königin Iokaste zur Frau – seine Mutter, Witwe des von ihm gleichfalls – im Unwissen, dass es sein Vater sei – erschlagenen Laios. Das Rätsel seines eigenen Daseins bleibt ihm verborgen. „Du schaust umher und siehst nicht, wo du stehst im Üblen, / Nicht, wo du wohnst, und nicht, mit wem du lebst – / Weißt du, von wem du bist?“, heißt es im König Ödipus des großen griechischen Tragöden Sophokles, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte.
Allenthalben verschwanden auf Münchner Friedhöfen Sphingen, so am Westfriedhof und am Nordfriedhof. Ein regelrechter Sphingenfresser namens Max Panitz, seines Zeichens Baurat, wird von Heißerer dafür verantwortlich gemacht. Und Erich Scheibmayr, Verfasser von Letzte Heimat. Persönlichkeiten in Münchner Friedhöfen (München 1984), mit dessen Buch (genauer gesagt sind es drei) Begräbnisstätten zu kulturellen Gedenkstätten wurden, nennt Panitz „brutal“, einen „wilden Hund“, einen „Zerstörer“. Die zwei Sphingen auf dem Haupteingang am Münchner Waldfriedhof hat er wohl nur deshalb verschont, weil sie so „erhaben auf jeweils zwei steinernen Toren“ liegen.
Ein paar Meter weiter kommen wir zu der Rotunde, die als Anlage für Hans Grässel gedacht ist. Auf der Rückseite findet man (aber nur, wenn man es weiß) Johann Wolfgang von Goethes Sonett Natur und Kunst in Stein gemeißelt. „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen / Und haben sich, eh man es denkt, gefunden; / Der Widerwille ist auch mir verschwunden, / Und beide scheinen gleich mich anzuziehen …“ Zur Auswahl einzelner Gräber: Das bereits erwähnte Buch von Erich Schreibmayr ist ein guter Cicerone für unseren Gang über den Waldfriedhof. Hier nur ein kleines name dropping, damit man ungefähr erkennen kann, wohin die Reise geht – 12: Familie Mann; 13: Circus Krone; 17: Die Wedekinds; 22: Kurt Huber; 43: Bandera, Bierbaum, Heyse; 44: Lena Christ; 38: Alfons Goppel, Josef Ruederer; 131: Max Reger; 95: Franz von Stuck … Ja, und natürlich etliche andere mehr, darunter ein paar echte „Geheimtipps“: das Grab der Vera Ouckama-Knoop (1900–1919); ihr hat Rilke Die Sonette an Orpheus gewidmet mit dem Untertitel: Ein Grab-Mal für Wera Ouckama Knoop), oder des Malerpaars Maria Uhde (1892–1918) und Georg Schrimpf (1889–1938).
In der Amalienstraße 42 befand sich das Atelier des Malers Georg Schrimpf, des Freunds von Oskar Maria Graf, in dessen autobiografischen Schriften Schrimpf eine große Rolle spielt (so über den Tod von Schrimpfs Lebensgefährtin im Kindbett: Das Unglück. Eine Künstlergeschichte) sowie Ein barockes Malerporträt, 1950 erschienen in der Sammlung Mitmenschen. Und Schrimpf porträtierte seinerseits Graf (siehe Galerie im Lenbachhaus). – Weiterhin: Julia Löhr (1877–1927), Schwester von Heinrich und Thomas Mann, für den sie das Vorbild abgab als Ines Institoris im Roman Doktor Faustus. Der eigentümlich seltsame, wenngleich nahezu unleserliche Spruch auf ihrem Grab lautet: „Gott, ich danke dir für alles Glück, das du mir gesandt hast und noch viel mehr für jedes Unglück.“ Um Himmels willen, was hat denn das zu bedeuten, wenn ihr Bruder Thomas schreibt, sie hätte sich „vor Gattenekel“ das Leben genommen? Dumpf ahnt man das Schreckliche ihres Schicksals.
Georg Kannewischer (1897–1972), zählte zu den ersten Mitarbeitern des Bayerischen Rundfunks, seit 1929 Komponist, Dirigent und Arrangeur von Musiksendungen, Leiter der Hauptabteilung Musik. Langjähriger Briefwechsel mit dem Kiem Pauli (ein Exemplar davon wird im Exkursions-Rucksack mitgeführt und kann am Grab gezeigt werden), womit sich ein weiterer roter Faden durch die Exkursion zieht: der Kiem Pauli (1882–1960) war lange Zeit zusammen mit Kurt Huber (1893–1943), dessen Grab ja auch besucht wird, in den Bergen unterwegs, um Volkslieder zu sammeln, was Grundlage für das spätere, gemeinsam herausgegebene Altbayerische Liederbuch (1936) wurde.
Die Anastasia-Kapelle im alten Teil des Waldfriedhofs ist eine Kirche der ganz besonderen Art: Eine hölzerner, ursprünglich provisorischer Bau. Man kann nur einmal im Jahr in sie hineinblicken, ansonsten sind die Türen verschlossen. Nur bei der Mai-Andacht, an der auch schon der orthodoxe Erzpriester Apostolos Malamoussis teilgenommen hat, kommt man hinein. Was schade ist, denn die Ausmalungen, gestaltet vom 1988 verstorbenen Maler Max Lacher, sind sehr besonders. Lacher gestaltete die Kapelle kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus. Er stellt die Pein Jesu dar, jedoch sind dessen Peiniger klar als Nationalsozialisten gezeigt, eine einmalige ikonografische Darstellung. Auch Adolf Hitler kann man auf dem Gemälde erkennen, mit Spiegel um die Ecke schauend. Max Lacher malte nicht nur von 1946 bis 1949 die Fresken der Anastasiakapelle, 1956 zum Beispiel übernahm er in München die Fassadengestaltung des Textilhauses Ludwig Beck am Rathauseck, in Sgraffito- und Steinintarsien-Technik. Und last, but not least besuchen wir Michael Endes (1929–1995) Grab.
Der kulturgeschichtliche Gang beginnt am Haupteingang des Waldfriedhofes, Fürstenrieder Straße. Das ist auf Jahre hinaus von der Verkehrsanbindung her problematisch, aber sowohl thematisch wie dramaturgisch notwendig. Es ist dringend notwendig, ein öffentliches Verkehrsmittel zu benutzen. Verursacht durch die städtebauliche Schnapsidee, eine Trambahn-Trasse durch die Fürstenrieder Straße zu legen, gibt es keine Parkplätze mehr an der Fürstenrieder Straße – und damit auch keine als Parkmöglichkeit für den Waldfriedhof. Selbst der einst großzügig eigene Parkplatz für den Waldfriedhof fiel dieser „Nicht-Planung“ zum Opfer. Also: Nicht mit dem privaten PKW anfahren! Das kann durch den ebenfalls allfälligen Stau eine Verzögerung von wenigstens einer halben Stunde ergeben, bis man aus dieser Mausefalle überhaupt wieder herausfindet – noch immer, ohne einen Parkplatz zu finden. Einzige Möglichkeit: Buslinie 51 Richtung Aidenbachstraße nehmen. In den Bus kann man aus den U-Bahnlinien U6 Holzapfelkreuth oder U5 Laimer Platz umsteigen.
Die reine Gehzeit der Exkursion beträgt etwas mehr als zwei Stunden. Es empfiehlt sich, im Anschluss die Einkehr im Restaurant Busento gegenüber dem Haupteingang einzuplanen und zwar nach der Mittagszeit, also nach 14 Uhr, da das Lokal bis zu dieser Zeit überlastet ist. Reservierung ist dafür unbedingt notwendig. Bitte bei Teilnahme anmelden bei mir: rabenbauer@pirckheimer-gesellschaft.org. Ich freue mich auf Ihren Besuch am 21. und wünsche Ihnen bis dahin alles Gute.
(Hans Rabenbauer/Regionalgruppe der Pirckheimer in Bayern)