Pirckheimer-Blog

Neuerscheinung

Fr, 03.02.2023

Unser Pirckheimer-Neumitglied Thomas Franke präsentiert am 08.02. seine Adaption des Schmidt-Romans "Die Gelehrtenrepublik" in Bonn.

Schmidts „Gelehrtenrepublik“

Thomas Franke lädt zur Vernissage und Buchpräsentation von Arno Schmidts (1914–1979) legendären ‚Roman aus den Roßbreiten’ ein. Der Künstler schreibt: „Seit Ende Dezember des vergangenen Jahres liegt die Vorzugsausgabe des Künstlerbuches Die Gelehrtenrepublik vor. Anfang Februar werde ich hier in Bonn eine Veranstaltung durchführen, bei der ich die Buchausgaben präsentiere und ich möchte Sie dazu einladen: Vernissage der Ausstellung einiger zum Kurzroman vom Grafiker, Buchkünstler, Dichter, Schauspieler und  ‚Erforscher des tellurischen Kabinetts‘ (nach Elisabeth Einecke-Klövekorn) Thomas Franke geschaffener Holzstich-Collagen samt einigen geschwätzigen Ausführungen zur Entstehung des Buches sowie der Lesung aus dem Kurzroman am Mittwoch, den 8. Februar 2023, um 19.30 Uhr, in der Altstadtbuchhandlung Büchergilde in Bonn, Breite Str. 47, 53111 Bonn, Telefon: (0228) 63 67 50.“

Arno Schmidt arbeitete vor dem Krieg als Lagerbuchhalter in Greiffenberg/Schlesien, nach Kriegsdienst und Gefangenschaft schließlich als Übersetzer und Schriftsteller. Seit 1949 erschienen zahlreiche Romane, Erzählungen und literarische Radioessays. Arno Schmidt erhielt 1973 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Der Gegenstand dieses Abends und der Ausstellung ist Arno Schmidts Kurzroman. Erstmals 1957 erschienen, spielt Die Gelehrtenrepublik in der Welt fünfzig Jahre nach einem Atomkrieg. Der Roman schildert in Tagebuchform die Reise des Journalisten Charles Henry Winer im Jahr 2008 durch einen von Mutationen bevölkerten „Hominidenstreifen“ in Nevada zu der im Pazifik treibenden künstlichen Insel IRAS (International Republic for Artists and Scientists), auf der die letzten Geistesgrößen, unter der rivaliserenden Aufsicht von Russen und Amerikanern, aus Wissenschaft und Kunst Zuflucht gefunden haben. 

Mit der von Franke reich illustrierten und gemeinsam mit Michael Haitel gestalteten sowie als Künstlerbuch aufwendig hergestellten, bei p.machinery edierten Neuausgabe des Romans erweist sich Franke nicht nur als ein Liebhaber des Schmidt’schen Wirkens, sondern auch seines Humors und seiner bissigen Ironie. Er entdeckte, dass hinsichtlich Schmidts Einschätzung des Interesses der Deutschen an Büchern gleichfalls eine Wahlverwandtschaft besteht. Als sein monumentales Werk Zettels Traum erschienen war, antwortete er auf die Frage, wer denn das Buch lesen solle, dieses Buch wäre für die „eigentlichen Kulturträger“ der Nation bestimmt, die er folgendermaßen errechnete: „Die Zahl der Kulturträger erhalten Sie, wenn Sie die dritte Wurzel aus P ziehen, wobei P für Population oder Bevölkerung steht: Macht bei 60 Millionen Einwohnern in West-Deutschland 390 Leser.“ Eine Zahl, die in den letzten Jahren nicht gewachsen dürfte.

Ein solcher Humor gefällt Franke und so wollte er bei der Gestaltung des Künstlerbuches nicht zurückstehen: Die Bücher wurden in Cabra gebunden, ein Material, das sich anfühlt, als würde man einer Zentaurin aus dem „Hominidenstreifen“ das Fell streicheln. Seit 1979 ist Franke als freier Grafiker, Buchkünstler und Illustrator z. B. für den Suhrkamp-, den Heyne-, den Goldmann-Verlag, für p.machinery und viele andere tätig. Für seine buchgestalterische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet ebenso für seine Arbeit als Schauspieler. Neben seiner Bühnenarbeit bestreitet er seit beinahe vierzig Jahren szenische Lesungen. Die Buchausgaben wurden gefördert durch ein Künstlerstipendium im Rahmen der NRW-Corona-Hilfen. Mit dem Werk beginnt eine Reihe unter dem verheißungsvollen Titel Fulminant Fantastische Folianten. Das Buch umfasst 246 Seiten incl. 25 farbiger, sieben davon wiederum ausklappbar. Die Normalausgabe ist für 99 Euro, die Vorzugsausgabe mit Digidruck im Einleger und Schuber für 222 Euro zu haben.

(André Schinkel/Thomas Franke/Pressemitteilung)

Di, 24.01.2023

"Die Schönheit der Stadt, die ich verlasse" von André Schinkel erschien im Mitteldeutschen Verlag.
Rathaus in Bad Düben, der Kindheitsstadt Schinkels.
André Schinkels Schicksalsfluss: Die Saale bei Halle.

Eine Liebeserklärung an das Leben: Zu Schinkels Prosa

Das ist das Buch eines Liebenden. In reicher, überbordender Sprache, dass man sich zuweilen nur wundern kann, setzt der Dichter André Schinkel in seinem neuen Prosaband seine Liebe ins Licht. Sie gilt – wie aus dem Titel zu erahnen war – zuerst seiner Stadt. Aber müsste man nicht Städte sagen? Denn sein Liebesverhältnis schließt mehrere Bräute ein. Da ist zum einen die Stadt seiner Kindheit, in der er auf Spurensuche geht, darüber nachsinnt, „was die Zeit mit einem anstellt, wenn man angehalten ist, fortzuleben und sich zu erinnern.“ (So zu lesen im Text Albumblatt.

Darin setzt er nicht nur seinem Großvater ein anrührendes Denkmal, sondern breitet ein Gewebe an Erinnerungen aus, aus dem sich so etwas wie Heimat formen mag, auch wenn der Begriff nicht auftaucht. Dann ist da noch seine Stadt Halle, durch die er streift, von Flussläufen erzählt, dem Milan folgt, in den Auen glaubhaft versichert, dass Gott die Vögel lieben muss und angesichts der kaum überstandenen Pandemie auch von „der stillsten Weihnacht, die die Welt jemals sah“, berichtet. Um die Liebe muss man auch ringen, klingt aus vielen Zeilen, jetzt und fortan. 

Die Schönheit der Stadt, die ich verlasse ist eine Sammlung von 42 Texten, von denen nicht alle Erzählungen im eigentlichen Sinne sind. Vielmehr breitet Schinkel vor den Augen der Leserinnen und Leser Angebote aus, sich selbst neu zu finden, Anregungen zum Anders-Sehen. Der Bogen reicht dabei formal von Miniaturen über Traumsentenzen – unter anderem nach Bildern seines Freunds, des Leipziger Malers Frank Hauptvogel – über absurd anmutende Begegnungen mit einer Bibliothek im Bauch bis hin zu fein ziselierten Ausflugsberichten.

Schinkels Liebe gehört auch der Sprache. Gleich im ersten Text Perseus wirkt eine Sternschnuppe auf ihn „... als trennte sie ... die dünne Haut des Zeltes, aus dem Licht und Dunkel gemacht war, auf.“ Das gibt den Ton vor, den der Dichter anschlägt und variiert. Die erzählerische Meditation Von der Dichte des Worts nähert sich dem Sagbaren an. Und gleich danach ist von den „Einbäumen meiner Gedanken“ die Rede, „... die schönste, will ich glauben, Flotte der Welt“. Wann hat man zuletzt so poetisch von Literatur sprechen gehört? 

Unter der Hand erweist sich Schinkel auch als großer Vogel-Kenner, im Sprechen wie im Stillsein jenen Sängern nahe. Sprache, Natur und Landschaft finden zueinander. Und es gibt den wunderbar leisen Humor des Autors sich selbst gegenüber, wie er beispielsweise in Reprise, oder: Nach einer Revolution kenntlich wird. Aber auch von der Einsamkeit ist zu lesen, der Traurigkeit ist der Text Umbo gewidmet, Ultramarin wird als neuer Gott vorgestellt, verlassene Plätze entfalten ihre Magie, Dantes Göttliche Komödie wird in einer ‚Traumreise‘ neu hinterfragt: Was gilt noch? 

Wie ein weiterer roter Faden zieht sich schließlich das Bekenntnis zu der Frau, die der Autor liebt, durch diesen Band. Lina ist eine betörende Liebesgeschichte über den Namen des ungeborenen Kindes zweier Liebenden, so zart, so zukunftsoffen, wie es lange nicht zu lesen war. Auch in anderen Geschichten finden sich Szenen eingebettet, wie sehr Liebe stärken und schöpferisch machen kann. 

„Wir stehn, das Licht teilt sich über dem Geräusch unseres Stehens ... Die Dinge berühren sich. Wir stehn.“ (aus Nietlebener Moment) Es sind solche Sätze, die verwundern, Mut machen und immer wieder dazu einladen, den Kopf aus dem Text zu heben und nachzusinnen darüber, was es anstellt, das Leben, mit uns – und was wir anstellen mit ihm. Dieses Buch (Mitteldeutscher Verlag 2022, 176 S., ISBN 978-3-96311-616-2, 16 Euro) eines vielfältig Liebenden ist ein großes Glück für uns. 

(Holger Uske)

Mi, 18.01.2023

Das neue Heft der "Marginalien" mit einer der sieben Beilagen: "Stillleben mit Dame" von Inka Grebner.
Urte von Maltzahn-Lietz, Julia Penndorf und Petra Schuppenhauer (v. l. n. r.) beim Drucken der Beilagen im Atelier Carpe Plumbum. Foto: augen:falter.

Marginalien 247 erschienen

Gleich mit sieben, wenn auch gerecht auf die Hefte der Vereinsmitglieder verteilten Wundern wartet die kürzlich erschienene Ausgabe 247 der Marginalien, der Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie der Pirckheimer-Gesellschaft auf. Die originalgrafischen Beilagen des Journals entstanden dieses Mal in Leipzig: Die Redaktion hatte die Mitstreiterinnen der Künstlerinnen-Gruppe augen:falter eingeladen, die besondere Beigabe zu fertigen. Und wie es das Glück will, lieferte jede Künstlerin ein Blatt für den gemeinsamen Zyklus Persephones Wintergarten: Inka Grebner, die einzige, die mittlerweile nicht mehr in der Pleißestadt, sondern in Mainz lebt, ein Stillleben mit Dame, Urte von Maltzahn-Lietz die Gartenmondviole beschwörend, Katja Zwirnmann den Totenkopfschwärmer präsentierend, während es bei Franziska Neubert Zicke Zacke ... geht, Petra Schuppenhauers Blumen mit Julia Penndorfs still alive parlieren und es auf Nadine Respondeks Blatt fruchtig, fuchtig & verblichen zugeht. Alle Werke als zweifarbige Linolschnitte auf einem Bogen bei Carpe Plumbum gedruckt, könnten sie, so mußmaßt der leitende Redakteur Till Schröder, dereinst ein Signet sein für eine Pirckheimersche Sammelwut, ausgelöst im eben angebrochenen Jahr. Christiane und Norbert Grewe berichten derweil von einem goldenen Zeitalter der Buchillustration, es gibt Texte zu berühmten Büchern von Matthias Wehry, Maria Bogdanovich und Elke Lang zu lesen im Heft, eine Sichtung der legendären Leipziger Bilderbogen, die Fortsetzung des ABCs der Druckkunst von Thomas Glöß sowie den Bericht Ralf Weges vom Pirckheimer-Jahrestreffen in Oldenburg. Die Typografische Beilage widmet sich indes G. A. E. Bogeng, es gibt Rezensionen, Mitteilungen aus dem Leben der Pirckheimer und anderer Sammelverrückter. Auch zum 600. Mitglied der Gesellschaft findet sich gute Kunde im Heft. 

(André Schinkel)

Fr, 13.01.2023

Wundervoll: "Ritter Dieter" erschien, illustriert von Thomas Leibe, kürzlich im Mitteldeutschen Verlag.

Ritter Dieter reitet wieder

Es gibt sie zum Glück noch: die wunderbaren Kinderbücher, in denen alles stimmt, bei denen man sich zugleich bekringeln möchte und sanft belehrt über die mögliche Schönheit und Einfachheit der Welt nach Hause geht. Letztlich geht es Ritter Dieter auch so, denn er möchte vor allem, dass alles auf seiner Zuhauseburg gerichtet ist und sich jede Art von Ungemach glücklich verhindern lässt. Das geht, wie man weiß, nicht ohne Abenteuer, Zumutung und Umsicht vonstatten, und so muss Ritter Dieter von jedem dieser drei einiges bewältigen und bestehen. Aber er tut das mit Bravour, der schwerhörige Riese rülpst nicht mehr soviel, und der Drache, der das Dorf unterhalb der Dieter-Burg bedroht, muss nur einmal im Jahr gewässert werden, damit er nicht die ganze Gegend ankokelt. Der jährliche Hilferuf im besten ostthüringischen Dialekt („Is dor Diedor da?“) wird dabei zum geflügelten Wort, das heute jedes Kind kennt und liebt. Detlef Färber, ein Weltenwandler zwischen Halle und Gera, hat Kolumnen, Geschichten und Gedichte veröffentlicht, seinen erfolgreichen Kinderbüchern Märchenstraße 4 wohnt Familie Wir (2018) und Immer Stress mit Nessie (2021) hat der Autor, der lange als Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung wirkte, aber immer ein in der Wolle gewaschener Schriftsteller war, mit Ritter Dieter einen würdigen Nachfolger gegeben. Seit Beginn seiner Bücherkarriere arbeitet Färber kongenial mit Thomas Leibe zusammen, der sich einen Namen als Illustrator machte, unter anderem für Titanic und den deutschen Rolling Stone tätig war und auch Ritter Dieter so berührend wie die Schmunzelmuskeln strapazierend in Szene setzte. Am Ende singt Dieter, und kein Auge bleibt trocken: „Ritter Dieter reitet wieder / singt beim Reiten Ritterlieder ...“ Das 48-seitige Bändchen, das im Mitteldeutschen Verlag (ISBN 978-3-96311-685-8) erschien und die Dieter-Geschichte in Form von Ballade, Märchen und Liedlein durchgehend farbig erzählt, ist für 16 Euro im sortierten Fachhandel, im digitalen Weltweitweb und natürlich beim Verleger höchstselbst zu erwerben. Genuss auf die schöne wie fröhliche Art! 

(André Schinkel)

Do, 12.01.2023

Die "Buchhandlungs"-Bücher von Petra Hartlieb erschienen/erscheinen bei Dumont und Carlsen.

Bibliophiles des Monats: „Zuhause in unserer Buchhandlung“

Lieben Sie Petra Hartlieb auch so sehr wie ich? Beginnend mit dem gelegentlichen Kauf ihres ersten Buches über eine Buchhandlung bei Dussmann bis hin zum klaren Wunsch, nach Wien zu reisen und ein Autogramm der Autorin zu bekommen? Eine lebenslange Erfolgsgeschichte, die in Hamburg begann: Vom impulsiven Kauf einer alten Buchhandlung zu zwei erfolgreichen Geschäften in Wien, eine Website, Podcasts, einer Zeitschrift ... Petra Hartlieb erzählt ihre Geschichte einer Buchhändlerin mit überraschendem Humor

„In letzter Zeit werde ich immer öfter eingeladen, auf irgendwelchen Branchenveranstaltungen zu sprechen. Wenn man innerhalb von zehn Jahren zwei kleine Buchhandlungen eröffnet und überlebt hat, ist man eine Erfolgsstory. Und wenn man als Buchhändlerin öfter mal den Mund aufmacht und Stellung bezieht, haben sie alle irgendwann deine Telefonnummer gespeichert. Die Themenkomplexe ähneln sich: Hat das Buch eine Zukunft? Wird es in Zukunft noch Buchhandlungen geben?

Natürlich hat das Buch eine Zukunft, und es wird auch weiterhin Buchhandlungen geben. Ich kann gar nichts anderes sagen, denn das wäre so, als würdest du einen Bauern, der den Stall voller Milchkühe hat, fragen, ob er glaubt, dass man in Zukunft noch Milch und Kakao trinken wird. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das zu glauben. Sowohl dem Bauern nicht als auch dem Buchhändler. Ob beide in zehn Jahren noch davon leben können, ist fraglich, aber das sind Dinge, die wir kaum beeinflussen können. Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, und paradoxerweise besteht unser Erfolgsrezept darin, den Kunden vorzuspielen, alles sei wie ‚früher‘. Viele Bücher auf wenig Raum, volle Bücheregale bis unter die Decke, engagiertes Personal, das in seiner Freizeit nichts anderes macht als lesen. So wie früher eben.

Allerdings reicht es längst nicht mehr, eine gute Buchhändlerin zu sein. Da musst du dir schon ein bisschen mehr einfallen lassen: Marketingexpertin, Werbefrau, Grafikerin, Controllerin, Webdesignerin, Veranstaltungsprofi, Verpackungskünstlerin, Psychotherapeutin. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Und eigentlich ist es gerade auch das, was uns antreibt, einfach weiter zu machen, alles andere wäre langweilig. Weiter machen in Zeiten, in denen so anachronistische Läden wie unserer einmal pro Woche totgesagt werden. Weiter machen, weil uns nichts anderes übrig bleibt. Weil wir nichts besser können. Weil wir nichts lieber tun.“

Die beiden bei Dumont erschienenen Bände Meine wundervolle Buchhandlung (2014) und Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung (2018) Petra Hartliebs tragen Umschlag-Illustrationen von Martin Haake, das Kinderbuch Zuhause in unserer Buchhandlung, das in Kürze bei Carlsen erscheint, illustrierte Nini Alaska.

Meine wundervolle Buchhandlung
Köln: DuMont 2014, 208 S.
ISBN 978-3-8321-743-8, 10 Euro.

Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung
Köln: DuMont 2018. 160 S., 
geb. mit farb. Vorsatz u. Lesebändchen
ISBN 978-3-83219-887-9, 18 Euro.

Zuhause in unserer Buchhandlung
Hamburg: Carlsen 2023. 128 S. Ab 5 Jahren.
ISBN 978-3-55152-217-7, 12 Euro. 

(Maria Bogdanovich)

Di, 10.01.2023

Der zweite Band der Schriftenreihe "Verborgene Schätze des Gutenberg-Museums" widmet sich der Exlibris-Sammlung des Hauses.

Neue verborgene Schätze des Gutenberg-Museums

In der bibliophilen Schriftenreihe des Gutenberg-Museums Verborgene Schätze des Gutenberg-Museums wurde soeben das zweite Buch veröffentlicht: Exlibris. Klein, nützlich, schön von Annette Ludwig und Elke Schutt-Kehm. Die Geschichte der Sammlung begann in den 1950er Jahren, als der Bibliophile und Kunstsammler Richard Doetsch-Benzinger (1877–1958) dem Museum seine Sammlung schenkte. Unter den Gebern waren auch der erste Vorsitzende der Deutschen Exlibris-Gesellschaft, Willy Tropp (1884–1972), der italienische Restaurant-Besitzer Mario De Fillippis und viele andere. 

Heute umfasst die Exlibris-Sammlung des Museums über 130.000 Exemplare. Rund 7.000 Künstler aus mehr als 60 Ländern sind vertreten. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Sammlung begann in den 1980er Jahren. Das Werk gibt einen umfassenden Einblick in die Zusammensetzung der Sammlung, einzelne Kapitel sind stilistischen und und technischen Aspekten gewidmet. Neben der Liste der Künstlerinnen und Künstler, Eignerinnen und Eigner geben die Autorinnen eine ausführliche Analyse in „Motivvielfalt von A bis Z“: Architektur und Landschaft, Bibliotheksansichten, Blumen und Pflanzen, Buchherstellung und -vertrieb ... 

Das Buch enthält 150 Abbildungen, der Anhang die Auflistung der Ausstellungen des Museums, die Veröffentlichungen zur Sammlung etc. „In der Tat: Exlibris können mitreißen, beglücken, zum Nachdenken anregen. Sie zu sammeln, ist für viele kein Hobby, sondern eine Leidenschaft! Durchblättert man die Bestände der Exlibris-Sammlung des Gutenberg-Museums, so taucht man ein in die Geschichte und die Geschicke der Menschen, für die die kleinen Blätter geschaffen wurden.“ 

Annette Ludwig/Elke Schutt-Kehm:
Exlibris. Klein, nützlich, schön.
Herausgegeben vom Gutenberg-Museum,
Wismar: Nünnerich-Asmus 2022,
160 Seiten, 150 Illustrationen,
ISBN 978-3-96176-208-8.

(Maria Bogdanovich)

Sa, 07.01.2023

Karol Schauers Interpretation der Schamanin auf dem Cover orientiert sich an den originalen Funden.

Das Rätsel der Schamanin

Wer sagt denn, dass wissenschaftliche Erkenntnis trocken daherkommen muss? Dass dem nicht so ist, zeigt seit Jahrzehnten das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie von Sachsen-Anhalt unter Leitung des Landesarchäologen Harald Meller, der seinerzeit durch seinen Coup, die mittlerweile hochberühmte Himmelscheibe von Nebra für die Öffentlichkeit zu retten, bekannt wurde. Das dem Haus angeschlossene Museum für Vorgeschichte, dessen Direktor Meller in Personalunion ist, kann sich mit den großen globalen Museen messen und macht immer wieder durch Aufsehen erregende Sonderausstellungen von sich reden. Der eigentliche Schatz des Hauses aber ist die Dauerausstellung, die für ihren 300.000 Jahre überspannenden Bestand an Funden ihresgleichen sucht. In ihr ist auch die Schamanin von Bad Dürrenberg zuhause, die reichste, bedeutendste Bestattung der Mittelsteinzeit in Ostdeutschland. Technischer Fortschritt, eine Nachgrabung und intensive Forschung führten zu atemberaubenden neuen Erkenntnissen zu dieser Vertreterin der letzten Wildbeuterepoche in Europa. Mit seinem Mitautor Kai Michel zeigt und diskutiert Meller diese in einem neuen und wunderschönen Buch: Das Rätsel der Schamanin (Hamburg: Rowohlt 2022, 368 Seiten, ISBN 978-3-49800-301-2, 28 Euro), das als Musterbeispiel dafür gelten darf, wie komplexe Sachverhalte mittels Text, Tabellen und Bildern dargeboten sein können. Zwei bedeutende Künstler haben sie dabei an Bord, den Maler Karol Schauer und den vielfach preisgekrönten Fotografen Juraj Lipták. Ein Buch, das über die Prähistorie Europas, ausgehend von einer zentralen Landschaft der archäologischen Forschung, berückend erzählt. 

(André Schinkel)

Di, 27.12.2022

Ein bibliophiles Wunderwerk in progress: die Grimm-Gesamtausgabe à la Rodung Kreuzung Lichtung.
Band 3 ("Lumpengesindel") ist soeben erschienen.
Henrik Schrat: Illustration zu "Die treuen Tiere".

Bibliophiles des Monats: Grimmschrats Märchen

In memoriam Petra von Hoffen

Grimm und kein Ende: Auf ganze fünf Bände angelegt ist die Gesamtausgabe der Grimmschen Märchen in einem neuen, gestalterisch zeitgenössischen Gewand, an denen Henrik Schrat seit 2019 arbeitet. Soeben ist der dritte Band erschienen: Nach Band 1 (Schneefall: Himmel & Hölle, 2020, Werner Klemke gewidmet) und Band 2 (Dornenrose: Liebe & Reise, 2021, gewidmet Joyce Pensato) heißt der vor kurzem erschienene dritte Teil in (nach schieferblauem und rosa Cover) Beige und Braun nun Lumpengesindel: Tiere & Menschen und ist Unica Zürn zugeeignet.

Die Bände 4 (Blaubart: Blut & Dinge) und 5 (Und Gretel: Zauber & Zukunft) sollen 2023 und 2024 erscheinen. Das Besondere ist bei dem Mammut-Unterfangen unter anderem, dass man sich an der Realisierung beteiligen kann und dabei als gezeichnete Gestalt in den Reigen der Märchen einzieht oder sich an einem in die Illustrationen verfügten reellen Ort wiederfindet. Näheres dazu erfährt man auf der Webseite des Projekts: www.grimmschrat.de. Jedem Teil der Märchenausgabe ist dabei ein eigenes Gepräge, das die Textkomposition stützt, gegeben. 

Bei Band 3, der im November dieses Jahres erschien, ist dies nach Aussage des gestaltenden Künstlers. der 1968 im thüringischen Greiz zur Welt kam, in Dresden und London studierte und heute in Berlin lebt, im Gegensatz zum Vorgänger ziselierter: „Das Weiche, Aquarellige der Zeichnungen des zweiten Bandes weicht feiner Schraffur. Zum Pinsel kommt die Feder hinzu. Die Doppelseiten, die Band 2 als offene Landschaften der Reise bestimmten, verschwinden wieder. Es gibt viele Einzelobjekte, die sich vergnüglich auf der Seite herumtreiben. Kritzel-Kratzel wäre das Geräusch, das Band 3 macht.“ Ein Kritzel-Kratzel, das für ein bibliophiles Vergnügen sorgt.

Das ist zeitgenössisch und berückend zeitlos zugleich, edles Kunstwerk im besten Buchsinne und Graphic Novel in einem. Schrats Adaption der berühmten Märchensammlung schlägt dabei im mittleren Buch der Ausgabe einen Bogen, der mit Vorspiel und einer Durchführung in drei Akten das Verhältnis von Mensch und Tier in allen in den Grimmschen Ausgaben beleuchteten Facetten lotet und illustriert. Skurril und kieksig kann das sein, monströs, albern, filigran, berührend. Und am Ende ist womöglich nicht ganz geklärt, wer das eigentliche Lumpengesindel sei: Mensch oder Tier, und die Suche im reichen Fundus, der in den Illustrationen auch ins Jetzt zeigt, beginnt (nicht zuletzt im Vergleich zu den und Zu-Rate-Ziehen der beiden Vorgängerbände) von vorn. 

Gelungen auch die Mischung von Grimmschen All-Time-Standards und Geheimtipps, die wohl nur dem (nach Enzensberger) „mager nistenden“ Germanisten vertraut sein dürften. Schrat dazu in der Vorschau: „Einige berühmte Märchen des Bandes werden sein: Die Bremer Stadtmusikanten, Der Wolf und die sieben jungen Geißlein, Tischlein deck dich, Der Froschkönig, Hase und Igel, Der gestiefelte Kater. Weniger bekannt sind Das Märchen von der Unke, Vom Tod des Hühnchens und Die Wassernixe, und gegen Ende gibt’s Die Gänsehirtin am Brunnen, eines der wirklich schönsten Märchen überhaupt, und meinen Langzeit-Favoriten: Der Rabe.“ Ein Projekt, mit dem Henrik Schrat Augen und Herzen von Märchen- und Büchernarren erfreut. Chapeau!

Grimm-Gesamtausgabe Rodung Kreuzung Lichtung.
Neu bebildert von Henrik Schrat, Band 3:
Lumpengesindel: Tiere & Menschen.
HC, geprägter Bezug, farbiger Buchschnitt.
Hamburg: Textem-Verlag 2022,
264 Seiten, 350 Abbildungen, 34 Euro.

(André Schinkel)

Di, 20.12.2022

Andrea Lange: "Wunder geschehn", Farbholzschnitt, 2022 (im Kalender für 2023 das Februar-Blatt).

Andrea Lange: Grafikkalender

„Scherben bringen Glück“ – so heißt der neue Grafikkalender der Kemberger Künstlerin Andrea Lange für 2023. Wie jedes Jahr gibt es da viel zu entdecken, der Kalender für das kommende Jahr ist bereits der 25. aus der Werkstatt Andrea Langes. Das Motto fürs Künftige ist dabei am Ende dieses so vergessenswürdigen wie beschwerlichen 2022 kein leichthin gesetztes: Glück wird diese Welt brauchen, um sich, wie zu hoffen bleibt, wiederzufinden und beisammenzuhalten. Da sind die beiden Holzschnitte (Titel und Impressum), neun Farbholz- und drei Farblinolschnitte sicher ein guter Auftakt. Die Kalendarien im Handsatz befassen sich mit berührenden Themen wie den Angehörigen und Nahen, dem zu Erreichenden, dem Idyll der Kinderzeit wie dem Spiel. Das Format der 14 Grafiken beträgt ca. 50 x 35 cm (Kalenderformat 60 x 47 cm), der Druck erfolgte auf Bütten Alt Bern und Alt Worms durch die Künstlerin, die Ringbindung nimmt Holger Eggert aus Magdeburg vor. Die 32 Exemplare erscheinen in der Sonnenberg-Presse, die Andrea Lange gemeinsam mit Bettina Haller (Chemnitz) betreibt, der Preis für das Werk wird mit 320 Euro angesetzt. Die Auflage wird in Kürze vollständig aufgebunden und erhältlich sein, Interessenten für den Kalender melden sich bitte unter folgender Adresse: andrea-sonnenberg@gmx.de.

(André Schinkel)

So, 18.12.2022

Heinrich Vogeler (Porträt des Künstlers von 1897).

150 Jahre Heinrich Vogeler

Am 12. Dezember jährte sich der Geburtstag Heinrich Vogelers (1872–1942) zum 150. Mal. Der epochenprägende wie vielseitige Künstler, dessen Leben untrennbar mit Worpswede wie dem Jugendstil verbunden ist und der nach der Zuwendung zur Sowjetunion und zum Sozialismus ein tragisches Ende in der kasachischen Steppe fand, wurde aus diesem Anlass mit diversen Ehrungen und Erinnerungen bedacht. Die Heinrich-Vogeler-Gesellschaft unterstützte gemeinsam mit der Deutschen Exlibris-Gesellschaft (DEG) und der Heinrich Vogeler Stiftung Haus im Schluh einen Grafik-Wettbewerb zum 150. Geburtstag Heinrich Vogelers. Die Organisation und Durchführung des Wettbewerbs lagen in den Händen von Siegfried Bresler. Im April prämierte eine Jury drei der eingereichten Werke samt zwei Besonderer Erwähnungen. Alle eingereichten Grafiken werden seit dem 26. November 2022 und noch bis Anfang März 2023 in Worpswede im „Haus im Schluh“ und vom 11. bis 14. Mai 2023 zur DEG-Tagung in Paderborn ausgestellt und in einem sehr interessanten und lohnenden Katalog veröffentlicht, der alle Beiträge zum Wettbewerb samt der Preisträgerinnen (Marianna Antonacci, Carla Fusi, Ekaterina Kuberskaia) und Besonderen Erwähnungen (Katarzyna Handzlik, Carsten Heuer) enthält. Insgesamt waren 100 Arbeiten von 72 Künstler*innen aus 13 Ländern eingereicht. Der Katalog zur Ausstellung ist im „Haus im Schluh“ in Worpswede und zur DEG-Tagung in Paderborn erhältlich. Die prämierten Werke können auf der Webseite der DEG (www.exlibris-deg.de) eingesehen werden.

(André Schinkel)

Fr, 16.12.2022

Rainer Ehrt: "Kinderbild Christa Wolf", Druck nach einer Zeichnung.
Katrin Stangl: "Franz Fühmann", Farb-Linolschnitt.

Bücherkinder entdecken die Farben der Kindheit

20 Verkaufsexemplare mit Originalgrafiken von Rainer Ehrt, Katrin Stangl, Sven Großkreutz, Klaus Süß und Moritz Götze

Seit vielen Jahren unterstützt die Pirckheimer-Gesellschaft die Bücherkinder Brandenburg. Der Kunstpädagoge Armin Schubert ist der Kopf hinter den Bücherkindern. Seine Idee: Kinder beschäftigen sich ein Jahr lang mit einem Thema und machen am Ende ein eigenes Buch. In der kreativen Auseinandersetzung mit Originaltexten und -illustrationen wächst Verständnis für Literatur, für Geschichten und Bilder. So entstehen Jahr um Jahr Kleinode. 

Die Kinder recherchieren, diskutieren, zeichnen, dichten. Sie probieren sich in originalgrafischen Drucktechniken von Linolschnitt über Radierung bis Siebdruck.  Am Ende mündet es in einer von Sven Märkisch und Dietmar Block in der Galerie Sonnensegel gedruckten und von Henry Günther in der Edition BuchKunstBalance gebundenen kleinen Auflage. So entstanden schon neun Titel, unter anderem zu Theodor Hosemann, Christa Wolf, Werner Klemke, Arno Mohr, Harald und Robert Metzkes, Egbert Herfurth und Franz Fühmann.

Gerade haben die Mädchen und Jungen die Arbeit am zehnten Buch abgeschlossen, das die Kindheit von Schriftstellern zum Thema hat. Dafür tauchten die Bücherkinder ein in die Erinnerungen von Günther Grass, Franz Fühmann, Christa Wolf und Jurek Becker. Neben den eigenen Illustrationen der Kinder steuern diesmal auch bekannte Künstler Originalgrafiken bei: Rainer Ehrt, Katrin Stangl, Sven Großkreutz, Klaus Süß und Moritz Götze. (Eine Auswahl zweier Grafiken findet sich anbei im Bildteil, die übrigen beigesteuerten Blätter werden in Kürze über die Rubrik Publikationen auf dieser Webseite einsehbar sein.)

Bücherkinder Brandenburg: Die Farben der Kindheit

Buch mit Texten und Grafiken der Kinder – und den Originalgrafiken von Rainer Ehrt, Katrin Stangl, Sven Großkreutz, Klaus Süß und Moritz Götze. Nur 20 Exemplare der 60er Auflage sind für den Verkauf bestimmt. Die Originalgrafiken liegen dem Buch bei. Preis bis 31.12.2022 für Pirckheimer- und Büchergilde-Mitglieder: 298 Euro (Normalpreis: 398 Euro). Interessenten wenden sich bitte an Matthias Haberzettl unter: haberzettl@pirckheimer-gesellschaft.org.

(Till Schröder/Ralf Wege)

Do, 08.12.2022

Soeben erschienen: ein Sammelband zur neuen Konzeption des Gutenberg-Museums in Mainz.

Von Gutenberg zum World Wide Web: Buchpräsentation in Mainz

Von Anfängen bis zur Gegenwart: Am heutigen 8. Dezember fand im Vortragssaal des Mainzer Gutenberg-Museums eine Buchpräsentation statt. Die Neukonzeption des Gutenberg-Museums wird in einem neuen Sammelband von Herausgeber Professor Dr. Stephan Füssel dargestellt: Von Gutenberg zum World Wide Web. Aspekte der Wirkungsgeschichte von Gutenbergs Erfindung – zur Neukonzeption des Mainzer Gutenberg-Museums.

Die Bedeutung und Wirkung der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg wird von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis in die Gegenwart untersucht. Das Buch wird eröffnet mit dem Beitrag von Stephan Füssel: Johannes Gutenberg – der Vater der Massenkommunikation. Der Entstehung des (seinerzeit völlig neuen) Mediums Zeitung im 16. Jahrhundert und der Rolle der Volksaufklärung im 18. Jahrhundert sind die Artikel von Jürgen Wilke: Buch und Zeitung – ein kreatives Wechselverhältnis, wie von Holger Böning: Populäre Medien der Aufklärung, gewidmet.

Zur Rolle der Volksaufklärung im ab 1700 schreibt auch Gerhard Lauer: Der Literaturbetrieb – wenn alles anders wird, und zum digitalen Buch-Markt Jeff Jarvis: Gutenberg and the World Wide Web. Das Sammelwerk erscheint als Band 26 der Mainzer Studien zur Buchwissenschaft im renommierten Wiesbadener Harrassowitz-Verlag.

Von Gutenberg zum World Wide Web.
Aspekte der Wirkungsgeschichte von
Gutenbergs Erfindung – zur Neukonzeption
des Mainzer Gutenberg-Museums,
herausgegeben von Stephan Füssel,
Wiesbaden: Harrassowitz 2022,
114 S., 19 Abb., brosch., 24 Euro,
ISBN 978-3-44711-932-0.

(Maria Bogdanovich)

So, 20.11.2022

Arno Nadels Radierung "Hölderlin" von 1923.
Christoph Prignitz samt seiner Publikation und den Entdeckungen zu Arno Nadels Werk.

Arno Nadel – Ein Hölderlin für die Landesbibliothek

Verfolgt vom NS-Regime, in Auschwitz ermordet: Arno Nadel (1878–1943) war Maler, Schriftsteller und Musikwissenschaftler. Seine Werke: zu großen Teilen zerstört. Nun schenkte der Oldenburger Literaturwissenschaftler und Sammler Christoph Prignitz der Landesbibliothek Oldenburg eine Originalradierung des jüdischen Künstlers: ein bisher weitgehend unbekanntes expressionistisches Porträt Friedrich Hölderlins (1770–1843), das in einem Pressendruck von 1923 enthalten ist. Bislang besaßen in Deutschland nur das Jüdische Museum in Berlin und die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar diesen Pressendruck – nun auch die Landesbibliothek Oldenburg.

Nadel arbeitete als Musikwissenschaftler zu jüdischen Volksliedern und zur Synagogenmusik und besaß eine große Sammlung von Musikalien. Bevor er und seine Frau nach Auschwitz deportiert wurden, überließ er seine Sammlung und Teile seiner eigenen Werke der bekannten Künstlerin Käthe Kollwitz. Sie wurden zusammen mit ihrem Atelier während des Krieges in Berlin zerstört. „Ganz zufällig habe ich in einem Berliner Antiquariat das Porträt entdeckt“, erzählt Christoph Prignitz, „der Name Arno Nadel war mir natürlich auch völlig unbekannt.“ Er erkundigte sich beim Jüdischen Museum in Berlin und beschäftigte sich genauer mit Nadels Werk. Daraus ist eine Publikation entstanden, die den Pressendruck in das Werk Arno Nadels einordnet.

Die expressionistische Originalradierung von 1923 verfremde das bekannte Porträt des jungen Hölderlins von Franz Carl Hiemer, erklärt Prignitz – die Gesichtszüge seien viel dunkler und illustrieren damit die im Pressendruck enthaltenen Gedichte aus der Wahnsinnszeit. Eine weitere Zeichnung mit dem Namen Hölderlin-Insel verarbeitet den zunehmenden Kulturverlust in der NS-Zeit, so Prignitz. Der Sammler möchte der Bibliothek noch weitere erhaltene Werke von Arno Nadel überlassen. Die Landesbibliothek erhält auf diese Weise eine kleine Spezialsammlung, die die jüdische Gemeinde in Oldenburg und die überregionale Wissenschaft interessieren dürfte.

Anlässlich des diesjährigen Erinnerungsgangs am 10. November wurde die Spezialsammlung zeitgleich mit der Ausstellung Das geht auch mich an! in der Landesbibliothek Oldenburg präsentiert. Die von Schüler*innen der IGS Helene-Lange-Schule entwickelte Ausstellung war vom 7. bis zum 19. November zu sehen. Prignitz’ Publikation zur Entdeckung erschien bei WVB.

Christoph Prignitz 
Hölderlin: Ein Porträt und eine Skizze
von Arno Nadel (1878–1943)
Berlin: WVB 2022
67 Seiten mit Ill., 19,80 Euro
ISBN 978-3-96138-324-5.

(André Schinkel/Landesbibliothek Oldenburg/Pressemitteilung)

Fr, 11.11.2022

Heft 2022/2 der "Wandelhalle für Bücherfreunde" ist im Oktober erschienen.

Wandelhalle für Bücherfreunde

Auf den Punkt, kurz vor der Frankfurter Buchmesse, erschien das Herbstheft der Wandelhalle für Bücherfreunde der Gesellschaft der Bibliophilen e. V., der ältesten (gegründet 1899) Gesellung von Bücherfreunden und -sammlern in Deutschland. Das Heft, verantwortet von Silvia Werfel, gestaltet von Michael Hempel, verweist bereits im Editorial auf einen elementaren Termin im europäischen Geistesleben: den Eintritt Christoph Martin Wielands als Prinzenerzieher in den Weimarer Hof vor 250 Jahren. Damit, so Vereinsvorsitzende Annette Ludwig, tritt das seinerzeit „kleine Mokchen“ Weimar in den Vorabend der nach ihm benannten Klassik und damit in die Weltliteratur ein. Dazu passend folgt im Heft ein so ausführlicher wie einnehmender Bericht über das Jahrestreffen der GdB im mittelthüringischen Musentempel und lässt das bibliophile Herze angesichts der Ereignisse und vielen Weimarer Sichtungen und Besichtigungen höher schlagen, gefolgt von einem Rückblick auf die Frühjahrexkursion der Fränkischen Bibliophilen. Es gibt weiterhin bibliophile Notizen zu Maximilian Liebenwein, zur Sammlung Onno Feenders in der Landesbibliothek Oldenburg, Meldungen zum Mainzer Gutenberg- wie zum Breslauer Preis für Bibliografie sowie einen kleinen Strauß Rezensionen und Personalia, Meldungen aus der Bücherwelt, eine Betrachtung der Geschichte des Lesens und schließlich die Ankündigung der nächsten Jahrestagung, die im Juni 2023 in Wiesbaden stattfinden wird. Ein rundes und vom ersten bis zum letzten Wort lesenswertes Kompendium zum Stand der bibliophilen Dinge, handlich und im Jahresabo für 10 Euro zu haben. Auch der abschließende Bücher-Tipp ist abgestimmt und aufregend: Im empfohlenen Werk geht es um Goethe und die Geschichte seiner Bibliothek. Ein kleines und doch prallvolles Heft, das man immer wieder gern zur Hand nimmt.

(André Schinkel)

Do, 10.11.2022

Peter Burschels Porträt der HAB erschien in der renommierten Insel-Bücherei.
"Le Chant des morts": Doppelseite aus dem Band.

Die Herzog August Bibliothek. Eine Geschichte in Büchern

Das Buch von Historiker Peter Burschel, seit 2016 Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, ist der Geschichte der Bibliothek gewidmet. Im Jahr 2022 feiert sie ihr 450-jähriges Bestehen. Die 1572 gegründete Bibliothek galt als die größte Bibliothek Europas, gemessen an der Zahl der gedruckten Bücher, und war und ist eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen mittelalterlicher Handschriften. In lebendiger Sprache, mit vielen interessanten Details, unter Verwendung zahlreicher Primärquellen schildert der Autor die wichtigsten Veränderungen in der Geschichte der Bibliothek (Erstellung und Entwicklung des Katalogs, die Öffnung der Sammlungen für die Öffentlichkeit, Erwerb wertvoller Handschriften, Änderungen des rechtlichen Status der Einrichtung usw.).

Eine Reihe von Personen, welche die Geschichte der Bibliothek mitgestaltet haben, treten vor dem Leser auf: „Bibliothecarius“ Leonhard Schröter, der Bibliothekar des herzoglichen Bücherhauses Gotthold Ephraim Lessing, der Buch-Broker und Augsburger Kunsthändler Philipp Hainhofer, auch Bibliotheksdirektor Erhart Kästner und sein Nachfolger Paul Raabe. Von besonderem Interesse ist die Geschichte der Bibliothek im 20. Jahrhundert, der der Autor mehrere Seiten widmet: „Die Geschichte der Herzog August Bibliothek zwischen 1933 und 1945 ist ein Desiderat geblieben – und wird erst seit kurzer Zeit adäquat untersucht; ganz so wie auch die antiquarische Erwerbung der Bibliothek seit 1969 im Rahmen eines NS-Raubguts-Projekts, das vom ‚Deutschen Zentrum Kulturgutverluste‘ finanziert wird.“

Der Autor schlägt vor, „die Geschichte einer Bibliothek immer auch als Wissensgeschichte zu verstehen, die sehr viel mehr ist als die Geschichte einer Institution und ihrer Bestände, hat doch Wissensgeschichte nicht nur die Bücher und die Texte im Blick, die diese Bücher erhalten, sondern auch die Bedeutungszusammenhänge, die ihr Zusammentreffen hervorbringt. „Eine Geschichte in Büchern“ – das heißt vor diesem Hintergrund: eine Geschichte, die Bibliotheks-, Buch- und Wissensgeschichte verbindet, indem sie diese Zusammenhänge offenlegt.“ Das elegante, reich illustrierte Buch enthält fünf Essays sowie eine Quellen- und Literaturauswahl

Peter Burschel:
Die Herzog August Bibliothek.
Eine Geschichte in Büchern
Frankfurt am Main: Insel 2022
Insel-Bücherei Nr. 1496.
123 Seiten, 15,00 Euro
ISBN 978-3-458-19496-5.

(Maria Bogdanovich)