Pirckheimer-Blog

Rezension

Mi, 11.02.2026

Martha (Irene Leps): "Nachts zwischen den Büchern".

„Nachts zwischen den Büchern“

Das neue Kinderbuch von Martha Irene Leps, Künstlerin und Erzählerin aus Zerbst (Anhalt)

Es war einmal – eine kleine Hexe, die ein neues Zuhause suchte, nachdem sie die Hexenschule absolviert hatte und nun „groß und schlau genug geworden war“. Natürlich war sie trotzdem klein von Gestalt, aber das ist ja relativ, wenn es um Größe geht, wie wir alle wissen. Es gäbe viele Lieblingsplätze, die sie sich als neuen Wohnort vorstellen konnte, doch irgendetwas war immer: eine fiese Kreuzspinne, die ihre Nähe als Nachbarin nicht wollte oder das Schild Räumungsverkauf im Papierwarenladen, in dem sie sich auch ein Leben hätte vorstellen können. Sie nahm sich von dort wenigstens einen Flugbleistift mit, denn einen Besen hatte sie nicht dabei. Die Hexe folgte neugierig einigen Kindern, die in ein großes Haus gingen, und dort fühlte sie sich sofort am wohlsten! Inmitten von Büchern einer Bibliothek. 

Nachts zwischen den Büchern hat die Künstlerin Martha Irene Leps alias Martha ihr neues Buch für alle, die Bücher lieben, genannt, das sie, wie alle ihre Kinderbücher, zum sofort Gernhaben liebevoll und ideenreich verfasst und illustriert hat. Die großen Doppelseiten können jede für sich als Solitär stehen. Sie sind bunt, doch nicht grell, und ganz Marthas grafischem Talent entsprechend harmonisch, ausdrucksstark und vollflächig gestaltet. Die Bücher, zwischen denen die kleine Hexe wohnt, sehen aus wie richtige Bibo-Bücher – mit Banderole und Nummer, und sie tragen richtige Namen wie richtige Bücher. Schließlich sind wir ja auch in einer richtigen Bibliothek. Sie sind zugleich Anregungsgeber und stabiles Element der Welt, an denen sich gut auch eine imaginierte Hängematte befestigen ließe, nicht nur die der kleinen Hexe, in die sie sich mit einem – hexfix! – kleingezauberten Buch begibt, nachdem sie ihre Zudecke, die sie immer dabei hat, darin aufgeschüttelt hatte ... Die Darstellungen und die Geschichte, die Martha erzählt, vermitteln trotz neuer und unbekannter Umgebung Ruhe und eine selbst geschaffene Ordnung. 

Aufmerksam beleuchtet die Mondfrau das Geschehen und den spannenden Krimi, der sich ein paar Nächte später, nachdem die kleine Hexe sich ein Buch von Hans Christian Andersen –, ja, kleingehexfixt hatte, entspann, denn sie stellte fest, dass einige Seiten des Buches ziemlich zerrupft und beschmiert sind. Ursache dafür sind zwei Monster, die sich an den Büchern vergehen, so dass Märchenfiguren von den zerfressenen und beschmierten Bücherseiten vertrieben werden und hilflos umherirren. Die kleine Hexe rettet sie und sammelt sie mithilfe ihres Flugbleistiftes auf. Und sie wäre ja nicht erfolgreich von der Hexenschule gekommen, wenn sie keine Lösungen gegen die Unwesen finden würde, und das, obwohl das Seitenfressermonster ein großes Stück von ihrem Zauberspruchmerkheft abgebissen hat. Die Monster werden am Ende gebannt. Und es ist nicht die einzige unaufdringliche Botschaft dieser Geschichte, nämlich, dass jeder seine Monster zwischen zwei Buchdeckeln fesseln könnte, und wenn es auch ohne Zauberspruch länger dauerte und bestimmt mehr Arbeit machte – doch wer weiß von uns schon, wie viel Kraft so ein Zauberspruch kostet, und vor allem einer, der Gutes bewirkt. 

Nachts zwischen den Büchern eignet sich hervorragend als Abendlektüre, wenn man es allein, egal, in welchem Alter, oder mit dem Kind oder Enkel auf dem Schoß liest und betrachtet, der spannend schönen Geschichte folgt und die vielen Details nach und nach gemeinsam entdeckt. Es weckt in jedem Fall das Interesse an Büchern, am Lesen, am Nutzen einer Bibliothek und vielleicht auch am Schreiben, am Hinein- oder Wegschreiben von Unliebsamem und auch Erfreulichem, an allem, das man gern zwischen zwei Buchdeckel legen möchte. Und wer weiß, vielleicht erlebt die kleine Hexe ja noch mehr Abenteuer, die Martha uns demnächst erzählen wird. (Martha, das ist Martha Irene Leps: Nachts zwischen den Büchern, bei www.martha-art.de – oder aber über die E-Mail martha_art@yahoo.de – bei der Autorin bestellbar, ISBN 978-3-00-083054-9, 17 Euro.)

(Sabine Raczkowski)

So, 04.01.2026

Neu erschienen: Ingolf Brökel: Null-lage. Gedichte. Berlin: PalmArtPress 2025. Hardcover, 120 Seiten, ISBN 978-3-96258-234-0, Preis: 22 Euro. Farbe von Coverschrift, Vorsatz und Lesebändchen Ton in Ton.

Gelesen übers Jahr · II: Die „Null-Lage“-Texte von Ingolf Brökel

Es beginnt mit einem schönen Wort, der Literatur wie der Physik, der, mit Verlaub, „vernünftigen“ Kunst Ingolf Brökels, gleichsam würdig: Null-Lage (oder, lyrisch fast noch schöner, Nulllage), ein um den Ruhepunkt geführtes Unterfangen, und, praktisch gesehen, um den Punkt eines nur mit sich selbst tarierten Geräts, den Nullpunkt einer Waage etwa, das Nichts, auf das die Nadel, der Magnet, die Aussicht zeigt, Abgleich und schwer zu erklärender Abgrund in einem. Ja, und ein guter Point Nemo in einer Zeit, da die Welt und ihre Verderber in den Arsch getreten gehören. Nun, und es bezieht sich im Fall Ingolf Brökels, seines Zeichens lange Lehrender der Physik in Berlin, auf die Verwerfungen der Zeit wie auch des Ur-Eigenen. Corona-Mief blinkt auf, die Vorhut der qualvollen Beschissenheit, in die die Epoche einbog. Aber auch das widerständige Vergehen der Altvorderen und des eigenen Sehens und Denkens, das Hervorholen vielfältiger Erinnerung, das sich in der Reife und im Rückblick einstellt. Ja, und auch Fluchtgedanken, was uns im Angesicht der Gegebenheiten pro domo et mundo nicht verwundern mag: „Ich habe die Stelle gefunden / In einem Buch / Dort bin ich versunken / Falls ihr es findet / Schlagt zu.“ (Endlich, S. 82) Oder dies: „Das Gegenteil von Mensch / Ist Mensch“, wie es Brökel in den kargen Begegnungen (Stück 5, S. 80) formuliert. Und – was eine Eindeutigkeit und Ambivalenz in einem greift, wie, nach Niels Bohr, eine tiefe Wahrheit wieder eine tiefe Wahrheit nach sich zieht und keine Falschheit wie die einfache selbe. Dazu flirren Variablen und Ankreuzmomente, aber letztlich ist alles ein Denken und Deuten, ein Sichten und ... – nun ja, auch Wünschen und die Erkenntnis, dass es oft nur ganz knapp neben dem ist, was denn regel-recht wäre, sinn-voll: „Ganze Leben / Werden geopfert / Um Noten / Richtig zu spielen / Wunderkinder // Aber keiner trifft / Den Ton / Alles / Nur Klang / Und vorbei.“ (Pianissimo, S. 63) Karg, kühl und geradeaus ist es, das Sprechen dieser Erwägung, die das Ende einer trilogischen Denk- und Schreibbewegung bildet, oft von geradezu haikuartiger Prägnanz: „Aus der Null und der Null zu: / Das ist der Fluss“, und kehrt am Ende ebendahin zurück: „zur Null hin / oder sich treiben lassen gegen Null.“ Ein stilles, ein kristallin-intimes, selbst widerständiges, ein klarblickendes wie allgültiges Buch, vorgelegt bei PalmArtPress, äußerlich in schlichter Eleganz, austarierter Würde. 

(André Schinkel)

Sa, 13.09.2025

Soeben erschienen: Das neue Heft der "Marginalien".

Marginalien: Heft 258 erschienen

Schon in Blickweite der Jahrestagung der Pirckheimer-Gesellschaft in Hannover, die am nächsten Wochenende stattfindet, wird soeben die neue Ausgabe der Marginalien, der Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie der Gesellschaft ausgeliefert. Es handelt sich um das insgesamt 258. Heft (Ausgabe 2025/3) des Journals, das aufgrund seiner thematischen Wichtung ziemlich einzig in der deutschsprachigen Zeitschriftenlandschaft dasteht, das nun dritte Heft unter der gestalterischen Ägide von Pirckheimer-Freund Thomas Glöß. Ausgabe um Ausgabe erarbeitet das Redakteursteam unter Leitung von Chefredakteur und stellvertretendem PG-Vorstand Till Schröder samt Beistand und Zulieferung diverser Autorinnen und Autoren ein gut gefülltes Heft zu nahezu allen grafischen und bibliophilen Themen und Genres auf 128 Seiten. Für die Ausgabe 258 sind dies: Erich Mühsam und seine Verleger (Erik Glossmann), Sklaverei in den Bilderbüchern der Aufklärung (Jürgen Overhoff), Briefmarken aus Künstlerhand (Norbert Grewe) sowie außerdem die Zwölf Artikel aller Bauernschaft von 1525 (Wolfgang Schmitz), die illustren Ganymed-Jahrbücher (Jens-Fietje Dwars) und ferner Ein Morgenstern aus 120 Händen (Heike Schnotale). Bernhard Hampp schreibt über das in Büchern abgelegte Pflanzenwissen der Jahrhunderte, Katrin Nitzschke über Fritz Löffler und Till Schröder über die größte Bibelseite der Welt, Uwe Klos interviewt Peter Zaumseil, der für das Heft die originalgrafische Beilage in vier teils handkolorierten Holzschnitten fertigte. Beiden, die in Ostthüringen leben und wirken, ist da ein so berührendes wie aufschlussreiches Gespräch gelungen. Im Rezensionsteil geht es um Praxisbücher zur Illustration wie den dritten Band der Literarischen Wanderungen durch Mitteldeutschland – und Kenner Fritz Jüttner gibt einen so schnurrigen wie eigenwilligen Abriss zur Bücherfrucht des Klopstock-Jahres. Die Typografische Beilage widmet sich noch einmal dem Bauernkriegsjahr. Am Ende des Heftes stehen in gewohnter Weise die Rubriken Aus der Pirckheimer-Gesellschaft und Nachrichten für Bücher- und Grafikfreunde sowie sich den Themen der Gesellschaft widmende Ausstellungstipps für den gesamten deutschsprachigen Raum. 

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Mi, 03.09.2025

Ein O-Ton aus der Blog-Redaktion: "Einige der Texte erinnern an die sogenannten 'Baseballschlägerjahre' der 1990er, welche Teil meiner Jugend waren ..." Die Senftenberger Publikation "#Für Demokratie gegen Extremismus" – entstand am Gymnasium der Stadt.

Das Schüler-Buchprojekt „#Für Demokratie Gegen Extremismus“

Ein etwas anderes Buchprojekt wurde dieser Tage in den Medien vorgestellt. Das Schulprojekt #Für Demokratie gegen Extremismus ist ein kraftvolles Statement für Demokratie in unruhigen Zeiten. Es führt in eine vielschichtige Auseinandersetzung mit den Gefahren für unsere Gesellschaft. Die Schüler des Friedrich-Engels-Gymnasiums Senftenberg in Brandenburg beleuchten Themen wie Extremismus, Populismus, Fake News, Antisemitismus und Rassismus – teils aus persönlicher Erfahrung, teils mit analytischem Blick. Sie zeigen, wie Gefahren von rechts und links den sozialen Zusammenhalt bedrohen, aber auch, wie Widerstand und Aufklärung gelingen können. Sie widmen sich historischen Wurzeln des Nationalsozialismus, aktuellen Entwicklungen und der Rolle sozialer Medien als ein Werkzeug der Manipulation. Besonders eindringlich sind ihre Berichte über Alltagsrassismus, die Verbreitung von Hass im Netz und die Folgen von Wahlverweigerung. Doch das Buch #Für Demokratie gegen Extremismus ist keine reine Problembeschreibung – es ist ein Aufruf zum Handeln. Mit klaren Forderungen nach politischer Bildung, Zivilcourage und solidarischem Miteinander beweisen die jungen Autoren der Generation Zukunft: Demokratie lebt vom Engagement jedes Einzelnen. Ein wichtiges Buch, das wachrüttelt und Mut macht. Mit einem Vorwort von Iris Berben und Steffen Freiberg, Bildungsminister in Brandenburg. Publiziert von der Bestsellerautorin Dona Kujacinski. Das Buch steht unter der Maxime von Barack Obama: Die Demokratie ist dann gefährdet, wenn wir sie als selbstverständlich betrachten. Die Buchpremiere fand am 08.05. in der Neuen Bühne Senftenberg statt. Eine Lesereise mit den Schülern ist geplant.

(Robert Grieger/Pressemitteilung)

So, 27.07.2025

Philipp Kampa: "Stadt, Name, Land", erschienen bei Ludwig in Kiel, zieht seinen Reiz teils aus einem Spiel mit der Zahl 11 und bietet konkret 55 Gedichtpaare.

Philipp Kampa: „Stadt, Name, Land“

Auf einen Band Prosa dieses ungewöhnlichen Autors muss man wohl noch warten: Ein Teil von Philipp Kampas Erzählungen und Durchführungen in narrativer Sprache ist bisher vor allem in Literaturzeitschriften zu lesen. Eine erste Sammlung seiner Gedichte liegt indes seit Ende letzten Jahres vor – Stadt, Name, Land erschien im Verlag Ludwig in Kiel. Auch da wirkt, was man in den erzählerischen Formen teils findet – ein überaus eigener Hang zur Zahl und zur Zahlenmystik, eher Zahlenbe- und -ausdeutung in recht individueller Weise. So spielt in dem Büchlein die Zahl Elf bis ins Impressum und in die Auflagenhöhe eine gewisse Bedeutung. Dabei macht es Kampa seinem Leser zunächst nicht leicht, wie Rezensent Rolf Birkholz anmerkt, der das Buch um ein Haar nicht ausgelesen hätte. Denn: „Ohne mittleres Mathematik-Diplom würde man bei der Lektüre“, heißt es, „wohl nicht weit kommen. So der Eindruck nach den ersten Gedichten, in denen es um die Anzahl der Buchstaben eines Wortes geht, darum, ob eine Zahl durch elf teilbar sei, um Wechselsumme und Subtrahend, um Zeilenneubildung durch Zahlenspielerei. Abzählverse der anderen Art.“ Gut, dass er nicht aufgegeben hat. Es ist doch, spürt der Kritiker, der sich vom Weitererkunden nicht abhalten ließ, wie es der Autor selbst formuliert: „Von der Linie, die diese Landschaft zieht, lässt sich zehren.“ So ist es, und auch wenn alle Mystik sich nicht ganz ohne Rest klären lässt, drückt sich alles logisch in den (sic!) 55 Gedichtpaaren aus: Indem sich je zwei Varianten (die sich forsch auf- oder entladen aneinander) unter dem gleichen Titel gegenüberstehen, ergibt sich ein Vexierbild, ein bewegliches Kaleidoskop, eine Spiegelunschärfe aus Worten, die ihrerseits in Strenge und ernster Verspieltheit changiert. Das kann konkret gefasst sein oder symbolisch ... dem Leser, der Leserin wird stets eine Varianz von 1 und 2 geboten, aktiv oder passiv greift sich der diese Be-Schauende das Wort für die Landschaft, oder die Land-Schaft tut das umgekehrt mit dem für den Schauenden. Kühl ist das ein wenig, aber auch reiz- und anspielungsreich und quasi logisch unterbrochen durch die Bilder, die in den Chor einfallen und ihn zugleich einzuebnen vermögen. Ein faszinierendes, seltsames Buch – man bleibe auf seinen Verfasser gespannt. (Philipp Kampa: Stadt, Name, Land. Gedichte. 144 Seiten, broschiert mit S/W-Fotografien. Kiel: Verlag Ludwig 2024. ISBN 978-3-86935-444-6, 14,90 Euro.)

(André Schinkel)

Di, 22.07.2025

Auf der DEG-Seite besprochen: "Dies ist mein Buch!"

DEG/Kerrutt: „Dies ist mein Buch!“

Dies ist mein Buch! heißt die sehenswerte Exlibris-Doppelausstellung, die aus der Sammlung Alexander Kerrutts zusammengestellt im Wetzlarer Stadtmuseum (Ort: Lottestraße 08–10, 35578 Wetzlar) und im Waldmuseum Braunfels (Hecksbergstraße 21, 35619 Braunfels) zu sehen ist. Zu den Expositionen erschien ein gleichnamiger Katalog, der alle Blätter des Doubles zeigt. DEG-Vize und Presseattaché der Exlibris-Gesellschaft Siegfried Bresler hat die Publikation auf der Webseite der DEG ausführlich gewürdigt und besprochen, unter anderem wird da die Übersichtlichkeit (je ein Exlibris pro Seite) und die gute Druckqualität des Bandes gelobt. Die Kerrutt-Sammlung wird thematisch geordnet mit einem erheblichen Fokus auf den Jugendstil und die Lebensreformanfänge, die das Exlibris zu einer hohen Blüte brachten, vorgestellt. Und auch wenn Bresler etwas Provenienz am Ende des Buches vermisst, die Auskunft zu den einzelnen Blättern gäbe, zieht er eine positive Bilanz für diesen schönen Katalog. Die ganze Besprechung findet sich hier. Der Katalog ist für 20 Euro zu haben. Das Stadtmuseum in Wetzlar ist Di bis So von 10 bis 17 Uhr geöffnet, die Exhibition bis zum 12. Oktober 2025 zu sehen. Am 03. August gibt es im Museum zudem einen Tauschtag.

(André Schinkel)

Mi, 02.07.2025

Überblick und Detail: Die "Marginalien 257" nebst der excl. originalgrafischen Beilage von Bernhard Jäger.

Marginalien: Heft 257 erschienen

Das jüngste Heft der Marginalien, der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift für Buchkunst & Bibliophilie der Pirckheimer-Gesellschaft (Ausgabe 257, Heft 2025/2) ist soeben erschienen und ausgeliefert worden. Es ist das zweite Heft im erneuerten Design, das von der Redaktion um Pirckheimer-Freund und stellvertretenden Vorstand der Pirckheimer-Gesellschaft, Till Schröder, seit 2017 verantwortet wird. Das Motto der neuen Ausgabe kann sich, wie man bereits im Editorial lesen kann, mit dem Aspekt des Spurenlesens im weitesten, im tragischen wie im schönen Sinne des Worts beschreiben lassen. So widmet sich Stefan Soltek dem Werk von Bernhard Jäger, seiner Buchkunst und Grafik, und flankiert auf diese Weise die originalgrafische Beilage der Ausgabe, die zweifarbige Offsetlithografie Schauspieler von 1976, gedruckt nach einem unveröffentlichten Motiv Bernhard Jägers von Stephan Rosentreter. In Auflage gibt es 650 signierte und nummerierte Exemplare, das Blatt liegt allen Heften für Mitglieder exclusiv bei. In der Rubrik Fundsache gibt es den faszinierenden Beitrag Leonhard Thurneyssers Bebaiōsis agōnismou von 1576 – ein Unikat in der Bayerischen Staatsbibliothek, der sich mit einer so schillernden Persönlichkeit wie auch einem solchen Thema befasst: den überaus ungewöhnlichen Forschungen Thurneysser zum Thurns und deren Nachwirkungen bis ins vorletzte Jahrhundert. Ekkehard Schulreich würdigt mit Kurt Wolff würde das gefallen Peter Hinkes 2025 seit nunmehr 35 Jahren bestehende Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig, die der Verfasser in bester Tradition sieht, die an berufener Örtlichkeit fortgeführt wird: Bücher verkaufen und Bücher machen in Personal- und Haus-Union. In der Verlagsbuchhandlung erscheinen seit der Wendezeit Bücher in liebevoller Gestaltung und mit hohem Wiedererkennungswert, unter anderem auch eine Werkausgabe zu Andreas Reimann – ein gutes Beispiel, wie Bücher in regulärer Ausgabe schön sind und werthaltig bleiben bis in die Gegenwart. Einer weiteren berührenden Spurensuche widmet sich Till Schröder in seinem Text Aschepartikel als Symbol einer Katastrophe. Der Maler Hannes Möller im Interview über sein Bibliotheken-Projekt beschädigter und verbrannter Bücher. Der Maler stellt die in Mitleidenschaft, etwa beim großen Band der Anna Amalia 2004, gezogenen Exponate in den Mittelpunkt seiner Kunst, gibt ihnen so in drei Werk-Komplexen Würde und Anwesenheit – im Gespräch gibt Möller tiefgehend Auskunft über seine Motivation. Joachim Möller schreibt zu den Illustrationen zu Jonathan Swifts Gulliver’s Travels (1726), Peter Arlt zu den Lesezeichen in der Buchsammlung Otto Kaysers. Weitere Highlights sind die Aufsätze von Sebastian Fitzner zu einer lang vergessenen Sternenkarte und Jens-Fietje Dwars zu einem Theodor-Fontane-Unikatbuch von Moritz Götze, das sich, in Emaille, John Maynards annimmt. Es folgen Rezensionen sowie Nachrichten zur Arbeit der Pirckheimer im Speziellen, zur Bücherwelt im Allgemeinen und: Ausstellungshinweise am Ende.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Di, 24.06.2025

Mit "Von Thomas Mann bis Gundermann. Sprache und Eigensinn. Literarische Wanderungen durch Mitteldeutschland" beendet Andreas Eichler seine Trilogie "Sprache und Eigensinn" im Mironde Verlag.
Der Handapparat eines großen Einzelgängers: Arno Schmidts (1914–1979) Privatbibliothek in Bargfeld.
Sprachbildner und Bildsprachler: Carlfriedrich Claus.

Zum Weltgeist (ver-)führen

Welten liegen zwischen ihnen. Der eine fasst es so: „Dort wu da Grenz ve Sachsen is, / in Wald de Schwarzbeer blüht, / dort wu mr heit noch klippeln tut, / im Winter hutzen gieht, / dort steht net weit ven Wald derva, / sieht klaan o ärmlich aus, / e Hüttl när aus Holz gebaut, / dos is mei Vaterhaus.“ Der andere packt zu: „halte durch wenn’s irgendwie geht / bist doch ’ne kluge frau / bist doch ’n erfahrner planet / wir machen dich zur sau ...“ Erzgebirgler der eine, Heimatdichter das übliche Prädikat: Anton Günther (1876–1937) – Baggerfahrer der andere, der die Lausitz umgrub zwei Generationen später, leichthin tief schürfte: Gerhard Gundermann (1955–1998). 

Beide, die einander nie treffen konnten, begegnen sich in einer Trilogie, die Andreas Eichler im Mironde Verlag Niederfrohna soeben abschloss. Sprache und Eigensinn heißt die und/oder Literarische Wanderungen durch Mitteldeutschland. Was Haupt-, was Untertitel ist, der Leser entscheidet es. Und wo die mitteldeutschen Lande ufern. Mehr als vier Dutzend Personen. 930 Seiten Lektüre, 3,8 Kilogramm Stoff. – Was macht Literatur aus? Der Dialog. Der Disput. Die Einladung, sich auseinanderzusetzen. Das greift weit. Über Grenzen. Deshalb die Dimension eines Opus Magnum, das Eichler ediert. In Doppelfunktion er selbst: als Verleger und Eigner des Mironde Verlags, als Autor (auch wenn er teils sein Alter Ego, Johannes Eichenthal, nennt). 

Das spannt den Bogen in Band 3 sehr weit: vom „Innokonservativen“ (Thomas Mann) über „Peter Schlemihls Erlöser“ (Edgar William Hahnewald) und die „Prophetin“ (Anna Seghers) bis eben zum „Sänger“ (Gundermann). Auf weitem Feld Christa Wolf und Brigitte Reimann, Heiner Müller und Walter Janka. Köpfe aber auch, die weder für Roman, Sonett oder Essay stehen. Siegfried Rauch etwa, Konstrukteur, Maschinenbauer, Stratege, maßgeblich an der Entwicklung des DDR-Autos Trabant beteiligt. Ein Denker, wenngleich ohne verschriftlichtes Gesamtwerk. Weiterhin: Salomo Salman Schocken (1877–1959), Goethe-Jünger, Kaufmann, Verleger, Mäzen. Marianne Brandt (1893–1983), Formgestalterin. Carlfriedrich Claus (1930–1998), Sprachbildner und Bildsprachler.

„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben“ – von keinem Geringeren als Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) lässt sich Autor Andreas Eichler leiten, selbst ein Schüler Helmut Seidels (1929– 2007), Philosophie-Historiker an der Leipziger Universität, die seinerzeit den Namen Karl Marx führte. Literatur schloss bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts Naturwissenschaften und Technik explizit ein. Um den Weltgeist geht es, um das Treibende, das aus ihm erwächst, ihn kontinuierlich speist. Über Sprache als Medium. „Die mündliche Erzählfähigkeit geht verloren. Dabei ist die die Basis von allem anderen“, sagt Eichler. Die Trilogie ist (s)ein Beitrag. Sprache als Drehpunkt und Anker wie Eigensinn, wie „jener Rest, der selbst vertrautesten Menschen gegenüber kaum kommunizierbar ist“. Um mit Carlfriedrich Claus zu sprechen: Trotz aller Trümmer, in die wir uns gestellt sehen, gibt es Potenzial zu Selbstaktivierung.

Anregendes und Überraschendes deshalb auch in Band 3. Die Einladung, das Große im Kleinen zu entdecken und umgekehrt. Unmittelbar vor der Haustür. Indem Räume ausgeschritten, Horizonte geweitet werden. Zahlreiche Fotografien und Karten – in den meisten Fällen von Birgit Eichlerergänzen die Texte, helfen, sich zu orientieren. Wer erschöpfende Biografien erwartet, irrt. Das ist Eichlers Anspruch nicht. Ohnehin bewegte er sich mit seinem Manuskript, an dem er Jahre arbeitete, zwischen Bargfeld und Oberwiesenthal, Wetzlar und Bad Freienwalde unterwegs war, an der Grenze des Möglichen. Was er liefert, ist ein Fundus. Hinführen will er – zu Menschen, zu Ideen, zu Orten. Und dazu, von allen Protagonisten einen Originaltext zu lesen. Mindestens.

Andreas Eichler (teils auch als Johannes Eichenthal): Von Thomas Mann bis Gundermann. Sprache und Eigensinn. Literarische Wanderungen durch Mitteldeutschland. Bd. 3. Niederfrohna: Mironde Verlag 2025. 230 S., Festeinband, ISBN 978-3-96063-024-1, 29,90 Euro. Zuvor erschienen die Bände 2 und 1: Von Goethe bis Rathenau, ebenda 2021, und: Von den Minnesängern bis Herder, ebd. 2019.

(Ekkehard Schulreich)

So, 01.06.2025

Detlef Färber: 'Küchenschab tanzt Schabadab.' Mit Illustrationen von Thomas Leibe. Halle a. d. Saale: Mitteldeutscher Verlag 2025. 32 S., geb., 165 x 240 mm, Farbabb., ISBN 978-3-96311-997-2, 20 Euro.

„Küchenschab tanzt Schabadab“

Die aufregenden Abenteuer einer tanzenden Küchenschabe: Ehe es Essen gibt, tanzt Schab, der Küchenschab, quer über Tisch und Herd. Das stört den Koch gewaltig. Schab muss also flüchten, erst ins Abflussrohr, dann in die Kanalisation. So beginnt das große Küchenschaben-Abenteuer, das Schab, der Küchenschab, ohne sein Tanztalent niemals bestehen könnte. Autor Detlef Färber aus dem thüringischen Gera lässt auf seine Bücher Ritter Dieter von 2022 und Ungeheuer Stress mit Nessie von 2021 eine weitere Märchenrevue folgen. Erneut erzählt er in Prosa und als Ballade, ergänzt durch ein Lied. Und zum Mittanzen gibt’s in diesem Buch den Schabtanz Schabadab, zum Mitkochen ein Schabefleisch-Rezept und zum Mitsingen das Küchenschaben-Abendlied. Das ist berührend und anarcho-cool-zärtlich, und es genauso ist es auch von Thomas Leibe illustriert, der seit vielen Jahren mit Färber zusammenarbeitet, für insgesamt 50 Bücher verantwortlich zeichnet und schon Titel im Eulenspiegel und der Titanic hatte. Und natürlich spielt die Liebe eine Rolle ... und nicht zuletzt (aufpassen:) ein gewisser Schabowski vom anderen Flügel des Etablissements, dessen Glück sofort, unverzüglich an anderer Stelle festgelegt wird. Was sich wiederum auf das Glück von Schab, dem Küchenschab, auswirkt. Detlef Färber, der zudem lange Jahre Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung war, erfreut seit einem Dezennium die Herzen der Satiregewillten, ja, und -süchtigen wie auch der Kindgebliebenen und der Kiddies selbst mit einem einzigartigen Humor, der sowohl geradeaus wie auch ein bissel um die Ecke kommt, was in der kongenialen Melange mit Leibes Kunst durchaus ein Schrittmacher auch für den Sammelfuror so manches Pirckheimers sein dürfte. Und wer nicht genug bekommt, für die/den gibt es neben den genannten ein weiteres Kinderbuch, zwei Satiren- und Geschichtensammlungen sowie ein Rudel frech-sanfter Gedichte. Es ist auch kein Gerücht, dass es auf dessen YouTube-Kanal vom Verfasser ganz persönlich von Zeit zu Zeit etwas heiter auf die Augen und Ohren gibt. Wer hinsurft, der wird belustigt sein. Oder werden.

(André Schinkel)

So, 18.05.2025

Patrick Wilden: "Seltsamer Lärm", Lyrik. Scheuring: Vogel & Fitzpatrick Verlag GbR/Black Ink 2024. 36 S., geh., ISBN 978-3-930654-76-5, für fluffige 8 Euro.

Patrick Wilden: „Seltsamer Lärm“

Nun ist das Gedicht, und dies seit jeher, ein großes Trotzdem. Und in Zeiten blasenwerfender Bräsigkeit und Kulturvergessenheit wird dieses Trotzdem vielleicht umso größer aus den Träume-Gestrüpp der Epoche plieren und blunzen, mephisteln und mephosteln. Ein – ja, nun: Seltsamer Lärm, der anhebt, vielleicht. So geschehen, auf die skurril-cool-strange und perplexe ... manchmal auch fluffige, zuweilen rumpumpelnde Art in der neuen Sammlung von Patrick Wilden, die daselbst diesen Namen trägt. Erschienen ist sie bei Black Ink, sie sammelt alles, was sich reimt und in voller Absicht und im besten Sinne zuweilen auch frisst. Das klingt dann etwa so: „Die Sollbruchstelle des Gedichts? / Dort wo die tote Lampe blinkt / Seltsamer Lärm von Bewegungsmeldern / Der Sprache auf die Zunge zwingt ...“ Und das ist erst der kühne Anfang. Gleichsamst exerziert Wilden eine Phalanx von hoch und höchst geschätzten Formen, zeitigt eine Vorliebe für das Sonett (das hier gern befreit von der Last seines Pantheons klingt) und die jungsteinzeitliche Erscheinungsform des harsch-lustigen Gedichts, den Limerick. Auch Serielles und Sprachspielendes hat seinen Platz und zeigt, dass Patrick Wilden seinen Ringelnatz gelesen und – beherzigt hat. Zwei, drei ernstere Texte bescheinigen zugleich, dass dieser aus Paderborn stammende und nun in Dresden lebende Dichter es sich beileibe nicht jeden Tag leicht macht, was man auch in seinen vorausgehenden Sammlungen bewiesen findet. Und wer behauptet, das leichte Gedicht sei fix gemacht, muss wohl sowieso noch einmal von vorn beginnen. Man staunt jedenfalls, was das Sonett – so als die Königin des Gedichts – so alles aushält und aufnimmt. Und findet linden Trost in den beiden zentralen Texten des Hefts. Die wiederum umgeben sind von feinem Mumpitz und dem einen oder anderen Sich-selbst-auf-die-Schippe-Nehmen, was ja in der Literaturszene wieder eine hohe Kunst ist. Und auch wenn einem beim Wiegenlied kurz der Atem stockt, kommt man doch zumindest als Leser gut ans Ende dieses frechen Büchels von Patrick Wilden und hofft, es möge die Welt ein wenig am Feixen über diesen Seltsamen Lärm genesen und nicht noch schlimmer werden. Was immer geht und auch ein kruder Reim ist. Und wo die Knöchel grade wirklich knurpsen, und nicht nur ausgedacht. Was gibt es noch zu sagen? Vielleicht das: „Es wohnt im Polyederhaus / die Fledermaus.“ Im Gedichtzoo. Punktum.

(André Schinkel)

Mi, 07.05.2025

"Marginalien" – in den 'Bibliophilen Notizen' der GdB.

„Marginalien“ in den Bibliophilen Notizen der GdB-Seite rezensiert

Eine sehr schöne Rezension der jüngsten Ausgabe der Marginalien (2025/1, Heft 256) erschien in den Bibliophilen Notizen auf der Webseite der Gesellschaft der Bibliophilen im April. Sie geht u. a. auf die Neugestaltung der Zeitschrift nach der Übergabe der Gestaltung von Matthias Gubig an Thomas Glöß ein und stellt zugleich die Kontinuität in der Qualität des viermal im Jahr edierten Periodikums der Pirckheimer, das die einzige Zeitschrift für Buchkunst & Bibliophilie in der Form im deutschsprachigen Raum darstellt, heraus. „Der Inhalt ist bewährt vielseitig“, schreibt Autorin und Rezensentin Silvia Werfel und konstatiert einen gelungenen, die Hochwertigkeit im Standard wahrenden und behutsam interpretierenden Wechsel in der Gestaltung. Und zieht insgesamt ein gutes, lobendes Fazit: „Auch im neuen Look bieten die Marginalien hohe Qualität, inhaltlich wie gestalterisch“, für das unter der Ägide von Chefredakteur Till Schröder erscheinende publikative Aushängeschild der Pirckheimer-Gesellschaft. Die ganze Besprechung der Ausgabe findet sich hier.

(André Schinkel)

Mi, 15.01.2025

Neues aus Zeitschriften bei Mironde: Im Feuilleton "Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa" wird auch das neue Heft der "Marginalien" besprochen.

„Marginalien“ im Feuilleton bei „Litterata“ im Mironde Verlag

Die Litterata – Technik und Poesie in Mitteleuropa ist ein Feuilleton des Mironde Verlages und des Freundeskreises Gerd Hofmann. Dort werden regelmäßig und in, ja, weitem Themenkreis in der Rubrik Neues aus Zeitschriften interessante Vertreter dergleichen besprochen und vorgestellt. In der neuesten Liste ist auch das neue Heft der Marginalien (Ausgabe 255, Heft 2024/4) dabei; und es werden die Vielfalt und Tiefe der Zeitschrift der Pirckheimer gelobt – insbesondere die Porträts zu Peter Hoffmann und Rudolf Marx werden hervorgehoben. Fein! Der ganze Text findet sich hier.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Sa, 28.12.2024

Ist sicher die berührendste Wiederentdeckung des Literaturjahrs 2024: F. G. Klopstock. Kai Kauffmann widmet dem Dichter die erste Monografie seit 140 Jahren. Sie erschien im Wallstein-Verlag Göttingen.

Buch des Monats Dezember – zum Abschluss des Klopstock-Jahrs

Es dürfte, bei gleichzeitigem Kant-, Kästner- und Kafka-Jahr, die berührendste Ehrenrettung in 2024 gewesen sein: Die Würdigung Friedrich Gottlieb Klopstocks (1724–1803) zum 300. Geburtstag. Ja, nun: Ehre, wem Ehre gebührt – mit Klopstock! Eine Biographie legt Gemanist Kai Kauffmann das wohl fundierteste denkbare Werk dieses nicht hoch genug einzuschätzenden Vorausgängers von und Toröffners für Goethe, Schiller, Hölderlin, Novalis ... kurzum, der Dichter-Elite um 1800, im Wallstein-Verlag in Göttingen vor. Kauffmanns wuchtige Monografie ist dabei das umfassendste Lebensbild dieses Meisters der Empfindsamkeit, der sich, ad astra per aspera, aus den Plattitüden der Anakreontik befreit ... und zugleich die antiken griechischen Metren aus der quantitierenden zur akzentuierenden Sprache auslöst und transformiert, wodurch überhaupt erst ihre Anwendung und Vollendung durch die ihm Nachfolgenden möglich ist, seit 140 Jahren. Und dabei ist der Ruhm Klopstock alles andere als an der Wiege gesungen: Gilt doch sein Familienzweig innerhalb seines Stands als gescheitert und muss da einiges an Energie aufgewandt werden, dass FGK in Pforta zur Schule gehen und in Jena und Leipzig studieren kann. Klopstock selbst weiß da längst um seine Mission: Dichter will und muss er werden und mit dem Messias der deutschen Sprache ein eigenes Epos um Jesus Christus geben. Seinerzeit hochberühmt, gilt es heute als wohl ungelesenstes Werk der Weltliteratur. Mit dem dänischen König wird schließlich 1750 ein Mäzen gefunden, dass Klopstock an seinem Opus magnum arbeiten und es vollenden kann. Wichtig ist F. G. Klopstock gleichwohl geblieben: als Dichter geistlicher Lieder und Oden, in denen er mit Gott brüderlich spricht. Vor allem aber seine Liebeslyrik gehört zum Schönsten, was das Abendland hervorbrachte: Rein um der Liebe willen dichtete er Großes wie Das Rosenband. Diesen Meister und ersten Star der neuzeitlichen Literatur dem Vergessen entnommen zu haben, ist das gewaltige Verdienst von Kai Kauffmann. (Kai Kauffmann: Klopstock! Eine Biographie. Göttingen: Wallstein-Verlag 2024. 420 S., mit 30 z. T. farb. Abb.en, geb., Schutzumschlag, 14,4 x 22,7 cm, ISBN 978-3-8353-5569-9, 36 Euro.)

(André Schinkel)

Mo, 23.12.2024

"Franz Hohler & friends" erschien bei Luchterhand. Der berühmte Schweizer Autor würdigt, porträtiert Menschen, die ihm in über 50 Jahren begegneten.

Gelesen übers Jahr · Extra: Franz Hohlers „Franz Hohler & friends“

Es sind große Namen dabei und solche, die man vielleicht nur in der Schweiz oder in Zürich kennt: Mit Elias Canetti ein leibhaftiger Nobelpreisträger, ja, und mit Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch noch zwei, die unbedingt den Nobelpreis verdient gehabt hätten; und dass der Tausendsassa Franz Hohler mit Wolf Biermann und Lutz Rathenow befreundet ist, liest sich hier neu, ist aber, wenn man es nun weiß, auch ganz und gar folgerichtig. Über Emil und Peter Bichsel wundert man sich nicht, denn das ist die Sorte an Qualität, mit der man Hohler per se auf der Rechnung haben muss. Der große Erzähler (Cellist und Kabarettist ist er zudem) Franz Hohler (dessen Aufmaß an Realismus und Surrealismus in seiner Arbeit auch Teil des Gesprächs mit Canetti, den er im Zug trifft, ist, und ihn berühmt machte) legte mit Franz Hohler & friends kein Meet-&-Greet- oder Best-of-Album vor, nein, es sind: Erinnerungen, Ansprachen, Würdigungen, Bekundungen, Trauerreden, die auf Begegnungen reagieren oder je anlässlich dieser gehalten werden. Aus fünf Jahrzehnten plus wählt der Autor diese, ein Kompendium, mit Gedichten und auch Dialektalem durchsetzt, jede Begegnung eine kleine Offenbarung, ein „Lob der Freundschaft“, wie man es dem Weltenwanderer und Freundschaftsgeist F. H. zutraut. Das Buch, das in schöner Ausstattung ähnlich der sammelnden Bände des Autors erscheint und sich so, gleichwohl ein ergänzendes Opus, nahtlos in die Phalanx des sortierten Werkbände: zweimal Erzählungen, die Gedichte, zuletzt die Bahnhofsromane, und die späten Prosakollektionen einfügt, gibt auch Einblick in den weiten Kreis derer, die dem Autor in den Blick treten und ist im Übrigen auch ein kleines, mit Verlaub, Bestiarium litteraricum der Schweiz. Leise wünscht man, man wäre selbst mit Hohler befreundet, und er käme und sagte ein paar Worte über einen, und es wäre noch nicht die Beerdigung, bei der man das zu hören bekommt, denn dann könnte man ihn mal in den Arm schließen hernach und zu einem Viertele einladen. Naja, aber das klappt auch noch. (Franz Hohler: Franz Hohler & friends. Reminiszenzen/Würdigungen. München: Luchterhand 2024. Hardcover mit Schutzumschlag, 304 Seiten, ISBN 978-3-63087-775-4, 24 Euro.)

(André Schinkel)

Di, 12.11.2024

"Blutmond über Nordhausen." | © Heidelore Kneffel
André Schinkel: "Mondlabyrinth". Das Buch erschien, umhüllt von einer Radierung Susanne Theumers, im Mitteldeutschen Verlag. Die Künstlerin schuf für den Band eine Serie von zehn Tuschzeichnungen, die im Verbund mit dem Buch beim Autor erhältlich sind.
Licht für das Mondlabyrinth? Caspar David Friedrich: "Blick auf Arkona mit aufgehendem Mond" (1805).

Summend unterwegs im Labyrinth des Lebens. Zum „Mondlabyrinth“

„Gerade das Nicht-Mehr, eben das Noch-Nicht.“ Wer sich auf diesen Einstieg in den neuen Gedichtband von André Schinkel einlässt, wird ihm alsbald verfallen. Möglicherweise nicht gleich beim ersten Lesen. Aber beim Wieder-und-wieder-Lesen jedes Mal ein bisschen mehr. Es ist ein Einstieg wie von den Sternen her. Was geschieht (uns) wann, wo stehen wir im Labyrinth – oder schon mitten in Schinkels erstem Kapitel auf dem versunkenen Kontinent, auf dem Apfel und Szepter regieren – und das „Sriii“ der Mauersegler. Wir spiegeln uns im All wie das All in uns. 

Solch ein Einstieg ... – Schinkels unglaubliche 140 Seiten unfassendes Buch ist in vier Kapitel gegliedert. In jedem von ihnen finden sich Texte von zarter Schönheit und tiefer Berührung, die sich abwechseln mit durchaus auch in poetisches Neuland reichenden Arbeiten. Länder werden durchschritten (und durchlitten), Landschaften aus ihrem Schlaf erweckt. Die „kupfernen Herzen des Mansfelds“ kommen ins Wort. In Saaleck II heißt es beispielsweise: „Über den Bändern der singende Greif: / Das sind die Stimmen der Landschaft, wenn es Nacht wird / An den summenden Kesselrändern des Paradieses.“ Eindrucksvoll, wie sich der Hallenser Dichter in vielen Texten seiner Wahlheimat annähert. Der aus dem einstigen Chemiesmog wieder zu neuem Leben erwachten Stadt werden in diesem Buch zarte Verse gewidmet.

Dabei ist der Dichter offensichtlich selbst verstrickt in wunderbare Begegnungen der Liebe. „Unsere erschöpften Glieder am Abend: / Zentromere im Licht eines anderen Planeten (...) Draußen torkelt die Welt (...) Darüber die unglaubliche Ruhe, das / Zelt und die Schönheit deines Schlafs. Ich / Liege in deinem Duft und bewege mich nicht.“ Das Staunen kommt einen an beim Lesen solcher Verse. Es ist, als böte Schinkel alles auf, um die Schönheit von Augenblicken zu zeigen: was alles möglich ist im Labyrinth unter dem Mond ... Dabei kommen immer wieder auch thüringische Landschaften durchs Wort ins Bild, wie Zeitgeschichte, die bis heute den Atem stocken lässt, etwa in Ein Ginkgo für Clara zur Geschichte der Villa Rosenthal in Jena. Und auf geheimnisvolle Weise reicht diese Geschichte bis in den nächsten Text Am Hang hinein, der endet: „Von den Bergen schlagen die Nachtvorhänge herein.“ Manche Texte bergen so viel Intimes, dass der Rezensent sie gar nicht zu erwähnen wagt. Es bleibt der Entdeckungstour des Lesers und der Leserin vorbehalten, sie zu entdecken und zu entziffern. Versprochen: Sie werden auf ihre Kosten kommen.  

Formal wendet sich André Schinkel in diesem Buch zumeist der Langzeile zu, was die Poesie seiner Wortwellen zu verstärken scheint. Der Anstrengung, sich dem Wellengang hinzugeben, sollte sich der Leser nicht versagen. Daneben tauchen Verse mit so sorgsam gesetzten Reimen auf, dass sie erst beim wiederholten Lesen so recht zur Wirkung kommen. Formen, vielfältig wie das Leben – auch das zeichnet diesen Lyrikband aus, der dennoch unverkennbar immer den Schinkel’schen Duktus beibehält, das Eindringen in die Tiefe des Erlebten durch Tiefe und Schönheit der Sprache. Vielleicht ist dieser Band der naturverbundenste des Dichters in der von ihm vorgesehenen lyrischen Tetralogie (auch wenn Band vier des Werkzyklus noch aussteht). Sicher enthält er einige der innigsten Liebesgedichte, die in jüngster Zeit in Mitteldeutschland zum Druck kamen. Durch dieses Buch sollte man sich Seite für Seite tasten, staunend, wispernd in die Stille der Worte und lauschend, was davon nachklingt, wo immer man ist. 

André Schinkel: Mondlabyrinth. Gedichte. Mit einer Radierung von Susanne Theumer als Cover. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2024. 140 Seiten, br., ISBN 978-3-96311-686-5, 20 Euro. Zum Buch erschien eine Serie von zehn unikalen Tuschen Susanne Theumers, die beim Autor erhältlich sind.

(Holger Uske)