Pirckheimer-Blog

Rezension

So, 07.06.2026

Lutz Steinbrück: Bleiben wie’s nie war. Gedichte. Mit 6 Grafiken von HT Kløver. Berlin: KLAK-Verlag 2025, KlBr, 92 Seiten, ISBN 978-3-911617-10-9, für 15 Euro. Wie in seinem Vorgänger "Haltlose Zustände" (2020) treibt den Autor des Buchs ein „diffuses Unbehagen“ an der Welt und Epoche ... die unsere Gegenwart ist.

‚Die Götter entwaffnen‘: Gedichte Lutz Steinbrücks zur Zeit bei KLAK

Zwei Tugenden der dichterischen Existenz sind: Durchhalten und Beständigkeit in den Werkzeugen. Von daher ist die Aussage, dass der jüngste Gedichtband von Lutz Steinbrück, Bleiben wie’s nie war, erschienen im Frühjahr 2025 im Berliner KLAK-Verlag, an seinen Lyrikvorausgänger Haltlose Zustände (2020) anschließt, nicht ehrenrührig, im Gegenteil. Nun sind die Zeitläufte auch nicht besser geworden, das ganz und gar im Gegenteil. Steinbrücks Gedichte sind nah und hochgradig seismografisch am Takt der Epoche, die eine welke und zugleich gefährliche ist; ihre Trübtassigkeit ist allerdings nicht dazu geeignet, unaufmerksam zu werden ... und genau da setzt die Dichtung Lutz Steinbrücks ein. Ein „diffuses Unbehagen“ an der Welt, so oder so ähnlich war bereits der Tenor des zuvor edierten Gedichtzyklus; hier nun setzt, so hebt es bereits in den Linernotes von Bleiben wie’s nie war rück- wie vorausverbindend an, Steinbrück auf die Verklarung, Verschärfung des Blicks im Fokus des Worts und auch ihrer teils be-, teils entseelten Hülsen, die er im Bezug auf den Alltag herauszieht und in Nutzung nimmt, sich damit um ein Abbild des all-gegenwärtigen Absurdistans bekümmernd. Bereits die Kapiteltitel im Buch verweisen darauf: mit Fremdschemen, Die Götter entwaffnen, Tragende Verluste und Aus den Fugen seien vier symptomatisch aus dem Reigen der sieben Unterzyklen des Bandes genannt. Oh, und zugleich ist es so, dass jene Erkenntnis der Misere als Bewusstwerdungsprozess unerlässlich ist und bleibt: „wieder und wieder / wiederholen was / klar scheint /doch nicht ankommt ...“ Oder, sich erwehrend in der Wahrnehmung schon:Eingelaufene Gedanken // zu treffen im Gehirnwaschgang / im Auge der Betrachterin ...“ Und: den Grad an Fäulnis in der Zeit teils überklar benennend, die schillernde Gefahr ... – vom Schmeißfliegenberg der Geschichte wie vom Mont Klamott der anwachsenden Verpixelung her. Ja, in Lutz Steinbrück, der zugleich auch Songwriter für (sic:) Lutzilla ist, kocht das hoch in Loops und Slogans, zieht die Axt des Fingers in der Wunde de facto einen Scheitel im Auge des Lesers. Und endet: „als ob wir je dazugehörten ...“, und: „zerriesel’ ich im Januswind ...“ Wehe uns – nach wie vor. Doch die Bögen sind gespannt, um die „Auswüchse gesundzuschrumpfen“. Und das ist der Anfang. Ein so bedenk- wie bemerkwürdiges Buch, flankiert von einem Gespräch mit dem Dichter und den Arbeiten HT Kløvers: Die dräuenden Götter, die sich gebärden und am Ende Schemen sind, gehören entwaffnet. 

(André Schinkel)

Mo, 27.04.2026

"Die Schnecken schlafen im Bart des Ampfers" ist der dritte Gedichtband Anne-Marie Kenesseys und erschien im Herbst 2025 im KLAK-Verlag in Berlin. Die Dichterin und Übersetzerin lebt in der Schweiz.

‚Warum das Weite suchen / wenn es nah ist‘: Anne-Marie Kenessey

Die Schnecken schlafen im Bart des Ampfers ist der dritte Gedichtband der Züricher Dichterin und Übersetzerin Anne-Marie Kenessey und ihr zweiter im Berliner KLAK-Verlag nach flügelnüsse & Schädelklopfer, der 2020 erschien. Kennesseys Dichtung ist eine, die sie auf der Höhe von Glanz und Möglichkeiten, die dieses vorgeblich aufgeklärte Äon bietet, und beim Blick in dessen abysstiefe Abgründe zugleich zeigt. In sieben stilistisch hoch abwechslungsreichen Zyklen, die aufgrund und trotz ihrer Diversität sich eigenartig und souverän auf ein Zentromer dieser Sprache ausrichten, die eine berührende, nicht selten zugleich kühne Melange aus Neugier, dem Ton der zeitbasierten Ismen, Licht, Erinnerung und Tragedy aufbietet, die einen lange beschäftigt, sobald man den Fuß in diesen Raum des, ja, Kenessey’schen Sprechens setzt. In der Art, wie uns eine so heillos verkannte Elektroband wie Mesh auf ihrem neuen Opus The Truth Doesn’t Matter die krude Abseitigkeit der Epoche in Bass-Salven um die Ohren haut, klingt das auch zum Teil in diesen Texten, die wie gesagt auch Wärme und vielfaches Besinnen auf Herkunft und Schicksal der Herkunft inmitten eines notwendigerweise sezierenden Blicks kennen: „alle Zeiger fallen aus der Zeit“ oder – zutiefst ins Mark der Gegenwart erschüttert – „Dreihundertsiebenundzwanzig / Tage lang berichtete sie / seit dem 7. Oktober 2023. // Ich kämpfe um dieses Leben! / war ihre letzte Nachricht / bevor sie starb.“ Nachrichten aus einer Zeit, die sich jenseits von 300 Jahren Aufklärung entfesselt. Wünscht man nach der Lektüre von Die Schnecken schlafen ... zurückzukehren an die Reisebilder und Wort-Mechaniken des Anfangs? Man kann es versuchen und darin für ein paar Sekunden das Damokles-Schwert vergessen, indes, das „Wehe uns“, das einst Marion Titze aussprach, es holt uns wieder ein. Nun ist Sprechen ein menschlicher Akt, zumal in Dichtung, an den man sich hält. Darin gründet Hoffnung, auch in dieser Poesie, die in Leichtigkeit spricht, in großer Trauer zugleich, eigentümlich und klug das Coleur der Antipoesia des Jetzt einbeziehend, sie damit sichtbar macht. Ein nur scheinbar leises, ein unbestechliches, klarblickendes wie den Solarplexus bewegendes und gleichsam opalen schimmerndes Buch. (Anne-Marie Kenessey: Die Schnecken schlafen im Bart des Ampfers. Gedichte. Berlin: KLAK-Verlag 2025. Klappenbroschur, 88 Seiten, ISBN 978-3-911617-14-7, 15 Euro.)

(André Schinkel)

Fr, 13.03.2026

Das neue Heft der "Marginalien" ist eben erschienen.

Marginalien: Heft 260 erschienen

Pünktlich im Vorfeld der Leipziger Buchmesse, die vom 19. bis 22. März in die Stadt an Pleiße, Parthe und Weißer Elster einlädt, ist die neue Ausgabe der Marginalien, Ausgabe 2026/1 (Heft 260) der Zeitschrift für Buchkunst & Bibliophilie der Pirckheimer-Gesellschaft bei quartus erschienen. Die Nummer ist auf verschiedene Weise eine Ausgabe der Würdigungen und Rückblicke geworden, wie Chefredakteur und stellvertretender Vorstand der Gesellschaft, Till Schröder, gleich im Vorab-Editorial vermerkt: Zum Einen ist das genauso geplant und komponiert; zum anderen gebieten das die Geschehnisse in der Zeit. So ist das Heft auch eines des Gedenkens, Erinnerns und Nachrufens geworden: Gleich viermal wird die große Malerin und Grafikerin Núria Quevedo in der Ausgabe gewürdigt – die Spanierin, die viele Jahrzehnte in Berlin lebte, war verehrt und bewundert und auch einigen Protagonisten der Pirckheimer-Gesellschaft, Armin Schubert etwa, sehr nah und vertraut, eins der Bücher der Bücherkinder ist u. a. ihr als Hommage gewidmet. Der Verleger und Pirckheimer Michael Faber erinnert an Maler, Zeichner, Bildhauer und Grafiker Hermann Naumann, ja, und auch der Autor, Sammler, Herausgeber und Bibliophile Manfred Jendryschik, der 2025 in seiner Wahlheimatstadt Leipzig starb, wird gewürdigt. Der gebürtige Dessauer war der mitteldeutschen Künstlerszene eng verbunden. Ferner gibt es einen Text zu einem leicht übersehenen Jubiläum der Messe in Leipzig, zwei Beiträge zur Satirezeitschrift pardon, die dank Till Kaposty-Bliss wieder auflebt: eine Liebeserklärung von Norbert Grewe und das Interview mit dem Neu-Initiator. Das Verschwinden der Buchhandlungen beleuchtet Ralf Plenz, und Peter Arlt verweist auf Amboß & Hämmer von Baldwin Zettl. Um Spiralbindung geht es, und in der Originalgrafischen Beilage samt Begleittext um die Kunst der Schweizerin Olga Prader. Dem gut gefüllten Rezensions-Teil folgen Nachrichten für Bibliophile, das Geburtstagstableau und Ausstellungs-Infos. Auch Archiv-Splitter gibt es, eine neue Rubrik, die Wissenswertes und Skurriles aus 70 Jahren Pirckheimer-Gesellschaft berichtet. Ein rundum gut gefülltes Marginalien-Heft also: Das bibliophile Frühjahr kann kommen.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Fr, 06.03.2026

Holger Uske: "Aufbruch des Windes. Gedichte 1975–1986" ist erschienen 2025 in der Edition Sinnbild in Suhl, broschiert, 124 Seiten, ohne ISBN, mit Grafiken von Annette Wiedemann, und ist beim Autor für 15 Euro erhältlich (50 Exemplare in der ersten Auflage).

Gelesen übers Jahr · III: „Aufbruch des Windes“ von Holger Uske

David Gilmour 80

Dieses Buch erscheint, wie sein Verfasser in seiner Vorbemerkung andeutet, vierzig Jahre nach seiner Entstehung, es ist das erste Skript, das Holger Uske beim Berliner Union-Verlag einreichte – 1987 war das; und im Sommer 1990 bekam er es zurück, ungedruckt. Die DDR hatte es simpel verhindert, und ihr aus der Wende aufsteigender Nachruch zudem. Aber irgendwie ging es dem Suhler Dichter und Liedermacher, mithin die gute Seele des Südthüringer Literaturvereins, nicht aus dem Kopf. Und auch wenn sein Urheber sich eine Weile fragte, ob es noch richtig und gut sein, diese Texte zu bringen, und auch wenn es nun nur in einer Kleinstauflage von 50 Stück vorliegt – es ist gut, dass es da ist! Denn das Büchel, hinter das sich auch Freunde des Autors mitdahinterklemmten, um es erscheinen zu lassen, ist es schon ganz „ein Uske“. Und berichtet (so der Eingangstext) „vom neuen und alten Widerstehen“. Vom Mut, den das kostet, damals wie heute, als Selbstbehauptung und wo die „Kraft des Wortes (...) im Schwinden“ ist. Und weiter steht da: „Ich hoffe, dass dieses lediglich in einer Kleinstauflage gedruckte Büchlein mehr ist als nur ein Zeitzeugnis. Denn es erzählt auch vom (beinahe) Möglichen von einst und vom damals wie heute nötigen (sic:) mutigen Widerspruchsgeist, um auch geistig zu überleben. Der ‚Wind‘ im ‚Wald‘ ist noch immer – oder längst wieder zum Sprung bereit.“ Ein Zeitzeugnis im schönsten und berührenden Sinne sind diese Lieder und Gedichte Uskes, die von der Liebe sprechen, dem Wunsch nach Behaustheit, aber auch von den Miss- und wackligen Umständen ihrer Zeit, die sich in den Iden der Zeit berühren und wohl auch wiederholen. Und sind zugleich das starke Statement, ein kraftvoller Auftritt des Dichters, der der gebürtige Riesaer Holger Uske bis heute geblieben ist – forschend und fragend, instistiv leise und doch auch unbestechlich, auf die Segnungen der Kunst rekurrierend, widerständig und innig zugleich. Und immer wieder die Liebe, auf diesen Seiten im Buch, auf denen die Perlschrift vor wechselnden Farben parliert, konkret und metaphysisch: „Nur das Licht / In uns gilt ...“ Mit Grafik von Annette Wiedemann, die auch Ende der 1980er schon die Gestaltung hätte übernehmen mögen. Gestaltet von Andreas Kuhrt. Endend mit einer großen Reminiszenz: „Mein bestes Gedicht / Ist mein Sohn“. Ein schönes bezeugendes berührendes Buch, nach soviel Jahrn: Gut, dass es nun da ist.

(André Schinkel)

Mi, 11.02.2026

Martha (Irene Leps): "Nachts zwischen den Büchern".

„Nachts zwischen den Büchern“

Das neue Kinderbuch von Martha Irene Leps, Künstlerin und Erzählerin aus Zerbst (Anhalt)

Es war einmal – eine kleine Hexe, die ein neues Zuhause suchte, nachdem sie die Hexenschule absolviert hatte und nun „groß und schlau genug geworden war“. Natürlich war sie trotzdem klein von Gestalt, aber das ist ja relativ, wenn es um Größe geht, wie wir alle wissen. Es gäbe viele Lieblingsplätze, die sie sich als neuen Wohnort vorstellen konnte, doch irgendetwas war immer: eine fiese Kreuzspinne, die ihre Nähe als Nachbarin nicht wollte oder das Schild Räumungsverkauf im Papierwarenladen, in dem sie sich auch ein Leben hätte vorstellen können. Sie nahm sich von dort wenigstens einen Flugbleistift mit, denn einen Besen hatte sie nicht dabei. Die Hexe folgte neugierig einigen Kindern, die in ein großes Haus gingen, und dort fühlte sie sich sofort am wohlsten! Inmitten von Büchern einer Bibliothek. 

Nachts zwischen den Büchern hat die Künstlerin Martha Irene Leps alias Martha ihr neues Buch für alle, die Bücher lieben, genannt, das sie, wie alle ihre Kinderbücher, zum sofort Gernhaben liebevoll und ideenreich verfasst und illustriert hat. Die großen Doppelseiten können jede für sich als Solitär stehen. Sie sind bunt, doch nicht grell, und ganz Marthas grafischem Talent entsprechend harmonisch, ausdrucksstark und vollflächig gestaltet. Die Bücher, zwischen denen die kleine Hexe wohnt, sehen aus wie richtige Bibo-Bücher – mit Banderole und Nummer, und sie tragen richtige Namen wie richtige Bücher. Schließlich sind wir ja auch in einer richtigen Bibliothek. Sie sind zugleich Anregungsgeber und stabiles Element der Welt, an denen sich gut auch eine imaginierte Hängematte befestigen ließe, nicht nur die der kleinen Hexe, in die sie sich mit einem – hexfix! – kleingezauberten Buch begibt, nachdem sie ihre Zudecke, die sie immer dabei hat, darin aufgeschüttelt hatte ... Die Darstellungen und die Geschichte, die Martha erzählt, vermitteln trotz neuer und unbekannter Umgebung Ruhe und eine selbst geschaffene Ordnung. 

Aufmerksam beleuchtet die Mondfrau das Geschehen und den spannenden Krimi, der sich ein paar Nächte später, nachdem die kleine Hexe sich ein Buch von Hans Christian Andersen –, ja, kleingehexfixt hatte, entspann, denn sie stellte fest, dass einige Seiten des Buches ziemlich zerrupft und beschmiert sind. Ursache dafür sind zwei Monster, die sich an den Büchern vergehen, so dass Märchenfiguren von den zerfressenen und beschmierten Bücherseiten vertrieben werden und hilflos umherirren. Die kleine Hexe rettet sie und sammelt sie mithilfe ihres Flugbleistiftes auf. Und sie wäre ja nicht erfolgreich von der Hexenschule gekommen, wenn sie keine Lösungen gegen die Unwesen finden würde, und das, obwohl das Seitenfressermonster ein großes Stück von ihrem Zauberspruchmerkheft abgebissen hat. Die Monster werden am Ende gebannt. Und es ist nicht die einzige unaufdringliche Botschaft dieser Geschichte, nämlich, dass jeder seine Monster zwischen zwei Buchdeckeln fesseln könnte, und wenn es auch ohne Zauberspruch länger dauerte und bestimmt mehr Arbeit machte – doch wer weiß von uns schon, wie viel Kraft so ein Zauberspruch kostet, und vor allem einer, der Gutes bewirkt. 

Nachts zwischen den Büchern eignet sich hervorragend als Abendlektüre, wenn man es allein, egal, in welchem Alter, oder mit dem Kind oder Enkel auf dem Schoß liest und betrachtet, der spannend schönen Geschichte folgt und die vielen Details nach und nach gemeinsam entdeckt. Es weckt in jedem Fall das Interesse an Büchern, am Lesen, am Nutzen einer Bibliothek und vielleicht auch am Schreiben, am Hinein- oder Wegschreiben von Unliebsamem und auch Erfreulichem, an allem, das man gern zwischen zwei Buchdeckel legen möchte. Und wer weiß, vielleicht erlebt die kleine Hexe ja noch mehr Abenteuer, die Martha uns demnächst erzählen wird. (Martha, das ist Martha Irene Leps: Nachts zwischen den Büchern, bei www.martha-art.de – oder aber über die E-Mail martha_art@yahoo.de – bei der Autorin bestellbar, ISBN 978-3-00-083054-9, 17 Euro.)

(Sabine Raczkowski)

So, 04.01.2026

Neu erschienen: Ingolf Brökel: Null-lage. Gedichte. Berlin: PalmArtPress 2025. Hardcover, 120 Seiten, ISBN 978-3-96258-234-0, Preis: 22 Euro. Farbe von Coverschrift, Vorsatz und Lesebändchen Ton in Ton.

Gelesen übers Jahr · II: Die „Null-Lage“-Texte von Ingolf Brökel

Es beginnt mit einem schönen Wort, der Literatur wie der Physik, der, mit Verlaub, „vernünftigen“ Kunst Ingolf Brökels, gleichsam würdig: Null-Lage (oder, lyrisch fast noch schöner, Nulllage), ein um den Ruhepunkt geführtes Unterfangen, und, praktisch gesehen, um den Punkt eines nur mit sich selbst tarierten Geräts, den Nullpunkt einer Waage etwa, das Nichts, auf das die Nadel, der Magnet, die Aussicht zeigt, Abgleich und schwer zu erklärender Abgrund in einem. Ja, und ein guter Point Nemo in einer Zeit, da die Welt und ihre Verderber in den Arsch getreten gehören. Nun, und es bezieht sich im Fall Ingolf Brökels, seines Zeichens lange Lehrender der Physik in Berlin, auf die Verwerfungen der Zeit wie auch des Ur-Eigenen. Corona-Mief blinkt auf, die Vorhut der qualvollen Beschissenheit, in die die Epoche einbog. Aber auch das widerständige Vergehen der Altvorderen und des eigenen Sehens und Denkens, das Hervorholen vielfältiger Erinnerung, das sich in der Reife und im Rückblick einstellt. Ja, und auch Fluchtgedanken, was uns im Angesicht der Gegebenheiten pro domo et mundo nicht verwundern mag: „Ich habe die Stelle gefunden / In einem Buch / Dort bin ich versunken / Falls ihr es findet / Schlagt zu.“ (Endlich, S. 82) Oder dies: „Das Gegenteil von Mensch / Ist Mensch“, wie es Brökel in den kargen Begegnungen (Stück 5, S. 80) formuliert. Und – was eine Eindeutigkeit und Ambivalenz in einem greift, wie, nach Niels Bohr, eine tiefe Wahrheit wieder eine tiefe Wahrheit nach sich zieht und keine Falschheit wie die einfache selbe. Dazu flirren Variablen und Ankreuzmomente, aber letztlich ist alles ein Denken und Deuten, ein Sichten und ... – nun ja, auch Wünschen und die Erkenntnis, dass es oft nur ganz knapp neben dem ist, was denn regel-recht wäre, sinn-voll: „Ganze Leben / Werden geopfert / Um Noten / Richtig zu spielen / Wunderkinder // Aber keiner trifft / Den Ton / Alles / Nur Klang / Und vorbei.“ (Pianissimo, S. 63) Karg, kühl und geradeaus ist es, das Sprechen dieser Erwägung, die das Ende einer trilogischen Denk- und Schreibbewegung bildet, oft von geradezu haikuartiger Prägnanz: „Aus der Null und der Null zu: / Das ist der Fluss“, und kehrt am Ende ebendahin zurück: „zur Null hin / oder sich treiben lassen gegen Null.“ Ein stilles, ein kristallin-intimes, selbst widerständiges, ein klarblickendes wie allgültiges Buch, vorgelegt bei PalmArtPress, äußerlich in schlichter Eleganz, austarierter Würde. 

(André Schinkel)

Sa, 13.09.2025

Soeben erschienen: Das neue Heft der "Marginalien".

Marginalien: Heft 258 erschienen

Schon in Blickweite der Jahrestagung der Pirckheimer-Gesellschaft in Hannover, die am nächsten Wochenende stattfindet, wird soeben die neue Ausgabe der Marginalien, der Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie der Gesellschaft ausgeliefert. Es handelt sich um das insgesamt 258. Heft (Ausgabe 2025/3) des Journals, das aufgrund seiner thematischen Wichtung ziemlich einzig in der deutschsprachigen Zeitschriftenlandschaft dasteht, das nun dritte Heft unter der gestalterischen Ägide von Pirckheimer-Freund Thomas Glöß. Ausgabe um Ausgabe erarbeitet das Redakteursteam unter Leitung von Chefredakteur und stellvertretendem PG-Vorstand Till Schröder samt Beistand und Zulieferung diverser Autorinnen und Autoren ein gut gefülltes Heft zu nahezu allen grafischen und bibliophilen Themen und Genres auf 128 Seiten. Für die Ausgabe 258 sind dies: Erich Mühsam und seine Verleger (Erik Glossmann), Sklaverei in den Bilderbüchern der Aufklärung (Jürgen Overhoff), Briefmarken aus Künstlerhand (Norbert Grewe) sowie außerdem die Zwölf Artikel aller Bauernschaft von 1525 (Wolfgang Schmitz), die illustren Ganymed-Jahrbücher (Jens-Fietje Dwars) und ferner Ein Morgenstern aus 120 Händen (Heike Schnotale). Bernhard Hampp schreibt über das in Büchern abgelegte Pflanzenwissen der Jahrhunderte, Katrin Nitzschke über Fritz Löffler und Till Schröder über die größte Bibelseite der Welt, Uwe Klos interviewt Peter Zaumseil, der für das Heft die originalgrafische Beilage in vier teils handkolorierten Holzschnitten fertigte. Beiden, die in Ostthüringen leben und wirken, ist da ein so berührendes wie aufschlussreiches Gespräch gelungen. Im Rezensionsteil geht es um Praxisbücher zur Illustration wie den dritten Band der Literarischen Wanderungen durch Mitteldeutschland – und Kenner Fritz Jüttner gibt einen so schnurrigen wie eigenwilligen Abriss zur Bücherfrucht des Klopstock-Jahres. Die Typografische Beilage widmet sich noch einmal dem Bauernkriegsjahr. Am Ende des Heftes stehen in gewohnter Weise die Rubriken Aus der Pirckheimer-Gesellschaft und Nachrichten für Bücher- und Grafikfreunde sowie sich den Themen der Gesellschaft widmende Ausstellungstipps für den gesamten deutschsprachigen Raum. 

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Mi, 03.09.2025

Ein O-Ton aus der Blog-Redaktion: "Einige der Texte erinnern an die sogenannten 'Baseballschlägerjahre' der 1990er, welche Teil meiner Jugend waren ..." Die Senftenberger Publikation "#Für Demokratie gegen Extremismus" – entstand am Gymnasium der Stadt.

Das Schüler-Buchprojekt „#Für Demokratie Gegen Extremismus“

Ein etwas anderes Buchprojekt wurde dieser Tage in den Medien vorgestellt. Das Schulprojekt #Für Demokratie gegen Extremismus ist ein kraftvolles Statement für Demokratie in unruhigen Zeiten. Es führt in eine vielschichtige Auseinandersetzung mit den Gefahren für unsere Gesellschaft. Die Schüler des Friedrich-Engels-Gymnasiums Senftenberg in Brandenburg beleuchten Themen wie Extremismus, Populismus, Fake News, Antisemitismus und Rassismus – teils aus persönlicher Erfahrung, teils mit analytischem Blick. Sie zeigen, wie Gefahren von rechts und links den sozialen Zusammenhalt bedrohen, aber auch, wie Widerstand und Aufklärung gelingen können. Sie widmen sich historischen Wurzeln des Nationalsozialismus, aktuellen Entwicklungen und der Rolle sozialer Medien als ein Werkzeug der Manipulation. Besonders eindringlich sind ihre Berichte über Alltagsrassismus, die Verbreitung von Hass im Netz und die Folgen von Wahlverweigerung. Doch das Buch #Für Demokratie gegen Extremismus ist keine reine Problembeschreibung – es ist ein Aufruf zum Handeln. Mit klaren Forderungen nach politischer Bildung, Zivilcourage und solidarischem Miteinander beweisen die jungen Autoren der Generation Zukunft: Demokratie lebt vom Engagement jedes Einzelnen. Ein wichtiges Buch, das wachrüttelt und Mut macht. Mit einem Vorwort von Iris Berben und Steffen Freiberg, Bildungsminister in Brandenburg. Publiziert von der Bestsellerautorin Dona Kujacinski. Das Buch steht unter der Maxime von Barack Obama: Die Demokratie ist dann gefährdet, wenn wir sie als selbstverständlich betrachten. Die Buchpremiere fand am 08.05. in der Neuen Bühne Senftenberg statt. Eine Lesereise mit den Schülern ist geplant.

(Robert Grieger/Pressemitteilung)

So, 27.07.2025

Philipp Kampa: "Stadt, Name, Land", erschienen bei Ludwig in Kiel, zieht seinen Reiz teils aus einem Spiel mit der Zahl 11 und bietet konkret 55 Gedichtpaare.

Philipp Kampa: „Stadt, Name, Land“

Auf einen Band Prosa dieses ungewöhnlichen Autors muss man wohl noch warten: Ein Teil von Philipp Kampas Erzählungen und Durchführungen in narrativer Sprache ist bisher vor allem in Literaturzeitschriften zu lesen. Eine erste Sammlung seiner Gedichte liegt indes seit Ende letzten Jahres vor – Stadt, Name, Land erschien im Verlag Ludwig in Kiel. Auch da wirkt, was man in den erzählerischen Formen teils findet – ein überaus eigener Hang zur Zahl und zur Zahlenmystik, eher Zahlenbe- und -ausdeutung in recht individueller Weise. So spielt in dem Büchlein die Zahl Elf bis ins Impressum und in die Auflagenhöhe eine gewisse Bedeutung. Dabei macht es Kampa seinem Leser zunächst nicht leicht, wie Rezensent Rolf Birkholz anmerkt, der das Buch um ein Haar nicht ausgelesen hätte. Denn: „Ohne mittleres Mathematik-Diplom würde man bei der Lektüre“, heißt es, „wohl nicht weit kommen. So der Eindruck nach den ersten Gedichten, in denen es um die Anzahl der Buchstaben eines Wortes geht, darum, ob eine Zahl durch elf teilbar sei, um Wechselsumme und Subtrahend, um Zeilenneubildung durch Zahlenspielerei. Abzählverse der anderen Art.“ Gut, dass er nicht aufgegeben hat. Es ist doch, spürt der Kritiker, der sich vom Weitererkunden nicht abhalten ließ, wie es der Autor selbst formuliert: „Von der Linie, die diese Landschaft zieht, lässt sich zehren.“ So ist es, und auch wenn alle Mystik sich nicht ganz ohne Rest klären lässt, drückt sich alles logisch in den (sic!) 55 Gedichtpaaren aus: Indem sich je zwei Varianten (die sich forsch auf- oder entladen aneinander) unter dem gleichen Titel gegenüberstehen, ergibt sich ein Vexierbild, ein bewegliches Kaleidoskop, eine Spiegelunschärfe aus Worten, die ihrerseits in Strenge und ernster Verspieltheit changiert. Das kann konkret gefasst sein oder symbolisch ... dem Leser, der Leserin wird stets eine Varianz von 1 und 2 geboten, aktiv oder passiv greift sich der diese Be-Schauende das Wort für die Landschaft, oder die Land-Schaft tut das umgekehrt mit dem für den Schauenden. Kühl ist das ein wenig, aber auch reiz- und anspielungsreich und quasi logisch unterbrochen durch die Bilder, die in den Chor einfallen und ihn zugleich einzuebnen vermögen. Ein faszinierendes, seltsames Buch – man bleibe auf seinen Verfasser gespannt. (Philipp Kampa: Stadt, Name, Land. Gedichte. 144 Seiten, broschiert mit S/W-Fotografien. Kiel: Verlag Ludwig 2024. ISBN 978-3-86935-444-6, 14,90 Euro.)

(André Schinkel)

Di, 22.07.2025

Auf der DEG-Seite besprochen: "Dies ist mein Buch!"

DEG/Kerrutt: „Dies ist mein Buch!“

Dies ist mein Buch! heißt die sehenswerte Exlibris-Doppelausstellung, die aus der Sammlung Alexander Kerrutts zusammengestellt im Wetzlarer Stadtmuseum (Ort: Lottestraße 08–10, 35578 Wetzlar) und im Waldmuseum Braunfels (Hecksbergstraße 21, 35619 Braunfels) zu sehen ist. Zu den Expositionen erschien ein gleichnamiger Katalog, der alle Blätter des Doubles zeigt. DEG-Vize und Presseattaché der Exlibris-Gesellschaft Siegfried Bresler hat die Publikation auf der Webseite der DEG ausführlich gewürdigt und besprochen, unter anderem wird da die Übersichtlichkeit (je ein Exlibris pro Seite) und die gute Druckqualität des Bandes gelobt. Die Kerrutt-Sammlung wird thematisch geordnet mit einem erheblichen Fokus auf den Jugendstil und die Lebensreformanfänge, die das Exlibris zu einer hohen Blüte brachten, vorgestellt. Und auch wenn Bresler etwas Provenienz am Ende des Buches vermisst, die Auskunft zu den einzelnen Blättern gäbe, zieht er eine positive Bilanz für diesen schönen Katalog. Die ganze Besprechung findet sich hier. Der Katalog ist für 20 Euro zu haben. Das Stadtmuseum in Wetzlar ist Di bis So von 10 bis 17 Uhr geöffnet, die Exhibition bis zum 12. Oktober 2025 zu sehen. Am 03. August gibt es im Museum zudem einen Tauschtag.

(André Schinkel)

Mi, 02.07.2025

Überblick und Detail: Die "Marginalien 257" nebst der excl. originalgrafischen Beilage von Bernhard Jäger.

Marginalien: Heft 257 erschienen

Das jüngste Heft der Marginalien, der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift für Buchkunst & Bibliophilie der Pirckheimer-Gesellschaft (Ausgabe 257, Heft 2025/2) ist soeben erschienen und ausgeliefert worden. Es ist das zweite Heft im erneuerten Design, das von der Redaktion um Pirckheimer-Freund und stellvertretenden Vorstand der Pirckheimer-Gesellschaft, Till Schröder, seit 2017 verantwortet wird. Das Motto der neuen Ausgabe kann sich, wie man bereits im Editorial lesen kann, mit dem Aspekt des Spurenlesens im weitesten, im tragischen wie im schönen Sinne des Worts beschreiben lassen. So widmet sich Stefan Soltek dem Werk von Bernhard Jäger, seiner Buchkunst und Grafik, und flankiert auf diese Weise die originalgrafische Beilage der Ausgabe, die zweifarbige Offsetlithografie Schauspieler von 1976, gedruckt nach einem unveröffentlichten Motiv Bernhard Jägers von Stephan Rosentreter. In Auflage gibt es 650 signierte und nummerierte Exemplare, das Blatt liegt allen Heften für Mitglieder exclusiv bei. In der Rubrik Fundsache gibt es den faszinierenden Beitrag Leonhard Thurneyssers Bebaiōsis agōnismou von 1576 – ein Unikat in der Bayerischen Staatsbibliothek, der sich mit einer so schillernden Persönlichkeit wie auch einem solchen Thema befasst: den überaus ungewöhnlichen Forschungen Thurneysser zum Thurns und deren Nachwirkungen bis ins vorletzte Jahrhundert. Ekkehard Schulreich würdigt mit Kurt Wolff würde das gefallen Peter Hinkes 2025 seit nunmehr 35 Jahren bestehende Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Leipzig, die der Verfasser in bester Tradition sieht, die an berufener Örtlichkeit fortgeführt wird: Bücher verkaufen und Bücher machen in Personal- und Haus-Union. In der Verlagsbuchhandlung erscheinen seit der Wendezeit Bücher in liebevoller Gestaltung und mit hohem Wiedererkennungswert, unter anderem auch eine Werkausgabe zu Andreas Reimann – ein gutes Beispiel, wie Bücher in regulärer Ausgabe schön sind und werthaltig bleiben bis in die Gegenwart. Einer weiteren berührenden Spurensuche widmet sich Till Schröder in seinem Text Aschepartikel als Symbol einer Katastrophe. Der Maler Hannes Möller im Interview über sein Bibliotheken-Projekt beschädigter und verbrannter Bücher. Der Maler stellt die in Mitleidenschaft, etwa beim großen Band der Anna Amalia 2004, gezogenen Exponate in den Mittelpunkt seiner Kunst, gibt ihnen so in drei Werk-Komplexen Würde und Anwesenheit – im Gespräch gibt Möller tiefgehend Auskunft über seine Motivation. Joachim Möller schreibt zu den Illustrationen zu Jonathan Swifts Gulliver’s Travels (1726), Peter Arlt zu den Lesezeichen in der Buchsammlung Otto Kaysers. Weitere Highlights sind die Aufsätze von Sebastian Fitzner zu einer lang vergessenen Sternenkarte und Jens-Fietje Dwars zu einem Theodor-Fontane-Unikatbuch von Moritz Götze, das sich, in Emaille, John Maynards annimmt. Es folgen Rezensionen sowie Nachrichten zur Arbeit der Pirckheimer im Speziellen, zur Bücherwelt im Allgemeinen und: Ausstellungshinweise am Ende.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Di, 24.06.2025

Mit "Von Thomas Mann bis Gundermann. Sprache und Eigensinn. Literarische Wanderungen durch Mitteldeutschland" beendet Andreas Eichler seine Trilogie "Sprache und Eigensinn" im Mironde Verlag.
Der Handapparat eines großen Einzelgängers: Arno Schmidts (1914–1979) Privatbibliothek in Bargfeld.
Sprachbildner und Bildsprachler: Carlfriedrich Claus.

Zum Weltgeist (ver-)führen

Welten liegen zwischen ihnen. Der eine fasst es so: „Dort wu da Grenz ve Sachsen is, / in Wald de Schwarzbeer blüht, / dort wu mr heit noch klippeln tut, / im Winter hutzen gieht, / dort steht net weit ven Wald derva, / sieht klaan o ärmlich aus, / e Hüttl när aus Holz gebaut, / dos is mei Vaterhaus.“ Der andere packt zu: „halte durch wenn’s irgendwie geht / bist doch ’ne kluge frau / bist doch ’n erfahrner planet / wir machen dich zur sau ...“ Erzgebirgler der eine, Heimatdichter das übliche Prädikat: Anton Günther (1876–1937) – Baggerfahrer der andere, der die Lausitz umgrub zwei Generationen später, leichthin tief schürfte: Gerhard Gundermann (1955–1998). 

Beide, die einander nie treffen konnten, begegnen sich in einer Trilogie, die Andreas Eichler im Mironde Verlag Niederfrohna soeben abschloss. Sprache und Eigensinn heißt die und/oder Literarische Wanderungen durch Mitteldeutschland. Was Haupt-, was Untertitel ist, der Leser entscheidet es. Und wo die mitteldeutschen Lande ufern. Mehr als vier Dutzend Personen. 930 Seiten Lektüre, 3,8 Kilogramm Stoff. – Was macht Literatur aus? Der Dialog. Der Disput. Die Einladung, sich auseinanderzusetzen. Das greift weit. Über Grenzen. Deshalb die Dimension eines Opus Magnum, das Eichler ediert. In Doppelfunktion er selbst: als Verleger und Eigner des Mironde Verlags, als Autor (auch wenn er teils sein Alter Ego, Johannes Eichenthal, nennt). 

Das spannt den Bogen in Band 3 sehr weit: vom „Innokonservativen“ (Thomas Mann) über „Peter Schlemihls Erlöser“ (Edgar William Hahnewald) und die „Prophetin“ (Anna Seghers) bis eben zum „Sänger“ (Gundermann). Auf weitem Feld Christa Wolf und Brigitte Reimann, Heiner Müller und Walter Janka. Köpfe aber auch, die weder für Roman, Sonett oder Essay stehen. Siegfried Rauch etwa, Konstrukteur, Maschinenbauer, Stratege, maßgeblich an der Entwicklung des DDR-Autos Trabant beteiligt. Ein Denker, wenngleich ohne verschriftlichtes Gesamtwerk. Weiterhin: Salomo Salman Schocken (1877–1959), Goethe-Jünger, Kaufmann, Verleger, Mäzen. Marianne Brandt (1893–1983), Formgestalterin. Carlfriedrich Claus (1930–1998), Sprachbildner und Bildsprachler.

„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben“ – von keinem Geringeren als Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) lässt sich Autor Andreas Eichler leiten, selbst ein Schüler Helmut Seidels (1929– 2007), Philosophie-Historiker an der Leipziger Universität, die seinerzeit den Namen Karl Marx führte. Literatur schloss bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts Naturwissenschaften und Technik explizit ein. Um den Weltgeist geht es, um das Treibende, das aus ihm erwächst, ihn kontinuierlich speist. Über Sprache als Medium. „Die mündliche Erzählfähigkeit geht verloren. Dabei ist die die Basis von allem anderen“, sagt Eichler. Die Trilogie ist (s)ein Beitrag. Sprache als Drehpunkt und Anker wie Eigensinn, wie „jener Rest, der selbst vertrautesten Menschen gegenüber kaum kommunizierbar ist“. Um mit Carlfriedrich Claus zu sprechen: Trotz aller Trümmer, in die wir uns gestellt sehen, gibt es Potenzial zu Selbstaktivierung.

Anregendes und Überraschendes deshalb auch in Band 3. Die Einladung, das Große im Kleinen zu entdecken und umgekehrt. Unmittelbar vor der Haustür. Indem Räume ausgeschritten, Horizonte geweitet werden. Zahlreiche Fotografien und Karten – in den meisten Fällen von Birgit Eichlerergänzen die Texte, helfen, sich zu orientieren. Wer erschöpfende Biografien erwartet, irrt. Das ist Eichlers Anspruch nicht. Ohnehin bewegte er sich mit seinem Manuskript, an dem er Jahre arbeitete, zwischen Bargfeld und Oberwiesenthal, Wetzlar und Bad Freienwalde unterwegs war, an der Grenze des Möglichen. Was er liefert, ist ein Fundus. Hinführen will er – zu Menschen, zu Ideen, zu Orten. Und dazu, von allen Protagonisten einen Originaltext zu lesen. Mindestens.

Andreas Eichler (teils auch als Johannes Eichenthal): Von Thomas Mann bis Gundermann. Sprache und Eigensinn. Literarische Wanderungen durch Mitteldeutschland. Bd. 3. Niederfrohna: Mironde Verlag 2025. 230 S., Festeinband, ISBN 978-3-96063-024-1, 29,90 Euro. Zuvor erschienen die Bände 2 und 1: Von Goethe bis Rathenau, ebenda 2021, und: Von den Minnesängern bis Herder, ebd. 2019.

(Ekkehard Schulreich)

So, 01.06.2025

Detlef Färber: 'Küchenschab tanzt Schabadab.' Mit Illustrationen von Thomas Leibe. Halle a. d. Saale: Mitteldeutscher Verlag 2025. 32 S., geb., 165 x 240 mm, Farbabb., ISBN 978-3-96311-997-2, 20 Euro.

„Küchenschab tanzt Schabadab“

Die aufregenden Abenteuer einer tanzenden Küchenschabe: Ehe es Essen gibt, tanzt Schab, der Küchenschab, quer über Tisch und Herd. Das stört den Koch gewaltig. Schab muss also flüchten, erst ins Abflussrohr, dann in die Kanalisation. So beginnt das große Küchenschaben-Abenteuer, das Schab, der Küchenschab, ohne sein Tanztalent niemals bestehen könnte. Autor Detlef Färber aus dem thüringischen Gera lässt auf seine Bücher Ritter Dieter von 2022 und Ungeheuer Stress mit Nessie von 2021 eine weitere Märchenrevue folgen. Erneut erzählt er in Prosa und als Ballade, ergänzt durch ein Lied. Und zum Mittanzen gibt’s in diesem Buch den Schabtanz Schabadab, zum Mitkochen ein Schabefleisch-Rezept und zum Mitsingen das Küchenschaben-Abendlied. Das ist berührend und anarcho-cool-zärtlich, und es genauso ist es auch von Thomas Leibe illustriert, der seit vielen Jahren mit Färber zusammenarbeitet, für insgesamt 50 Bücher verantwortlich zeichnet und schon Titel im Eulenspiegel und der Titanic hatte. Und natürlich spielt die Liebe eine Rolle ... und nicht zuletzt (aufpassen:) ein gewisser Schabowski vom anderen Flügel des Etablissements, dessen Glück sofort, unverzüglich an anderer Stelle festgelegt wird. Was sich wiederum auf das Glück von Schab, dem Küchenschab, auswirkt. Detlef Färber, der zudem lange Jahre Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung war, erfreut seit einem Dezennium die Herzen der Satiregewillten, ja, und -süchtigen wie auch der Kindgebliebenen und der Kiddies selbst mit einem einzigartigen Humor, der sowohl geradeaus wie auch ein bissel um die Ecke kommt, was in der kongenialen Melange mit Leibes Kunst durchaus ein Schrittmacher auch für den Sammelfuror so manches Pirckheimers sein dürfte. Und wer nicht genug bekommt, für die/den gibt es neben den genannten ein weiteres Kinderbuch, zwei Satiren- und Geschichtensammlungen sowie ein Rudel frech-sanfter Gedichte. Es ist auch kein Gerücht, dass es auf dessen YouTube-Kanal vom Verfasser ganz persönlich von Zeit zu Zeit etwas heiter auf die Augen und Ohren gibt. Wer hinsurft, der wird belustigt sein. Oder werden.

(André Schinkel)

So, 18.05.2025

Patrick Wilden: "Seltsamer Lärm", Lyrik. Scheuring: Vogel & Fitzpatrick Verlag GbR/Black Ink 2024. 36 S., geh., ISBN 978-3-930654-76-5, für fluffige 8 Euro.

Patrick Wilden: „Seltsamer Lärm“

Nun ist das Gedicht, und dies seit jeher, ein großes Trotzdem. Und in Zeiten blasenwerfender Bräsigkeit und Kulturvergessenheit wird dieses Trotzdem vielleicht umso größer aus den Träume-Gestrüpp der Epoche plieren und blunzen, mephisteln und mephosteln. Ein – ja, nun: Seltsamer Lärm, der anhebt, vielleicht. So geschehen, auf die skurril-cool-strange und perplexe ... manchmal auch fluffige, zuweilen rumpumpelnde Art in der neuen Sammlung von Patrick Wilden, die daselbst diesen Namen trägt. Erschienen ist sie bei Black Ink, sie sammelt alles, was sich reimt und in voller Absicht und im besten Sinne zuweilen auch frisst. Das klingt dann etwa so: „Die Sollbruchstelle des Gedichts? / Dort wo die tote Lampe blinkt / Seltsamer Lärm von Bewegungsmeldern / Der Sprache auf die Zunge zwingt ...“ Und das ist erst der kühne Anfang. Gleichsamst exerziert Wilden eine Phalanx von hoch und höchst geschätzten Formen, zeitigt eine Vorliebe für das Sonett (das hier gern befreit von der Last seines Pantheons klingt) und die jungsteinzeitliche Erscheinungsform des harsch-lustigen Gedichts, den Limerick. Auch Serielles und Sprachspielendes hat seinen Platz und zeigt, dass Patrick Wilden seinen Ringelnatz gelesen und – beherzigt hat. Zwei, drei ernstere Texte bescheinigen zugleich, dass dieser aus Paderborn stammende und nun in Dresden lebende Dichter es sich beileibe nicht jeden Tag leicht macht, was man auch in seinen vorausgehenden Sammlungen bewiesen findet. Und wer behauptet, das leichte Gedicht sei fix gemacht, muss wohl sowieso noch einmal von vorn beginnen. Man staunt jedenfalls, was das Sonett – so als die Königin des Gedichts – so alles aushält und aufnimmt. Und findet linden Trost in den beiden zentralen Texten des Hefts. Die wiederum umgeben sind von feinem Mumpitz und dem einen oder anderen Sich-selbst-auf-die-Schippe-Nehmen, was ja in der Literaturszene wieder eine hohe Kunst ist. Und auch wenn einem beim Wiegenlied kurz der Atem stockt, kommt man doch zumindest als Leser gut ans Ende dieses frechen Büchels von Patrick Wilden und hofft, es möge die Welt ein wenig am Feixen über diesen Seltsamen Lärm genesen und nicht noch schlimmer werden. Was immer geht und auch ein kruder Reim ist. Und wo die Knöchel grade wirklich knurpsen, und nicht nur ausgedacht. Was gibt es noch zu sagen? Vielleicht das: „Es wohnt im Polyederhaus / die Fledermaus.“ Im Gedichtzoo. Punktum.

(André Schinkel)

Mi, 07.05.2025

"Marginalien" – in den 'Bibliophilen Notizen' der GdB.

„Marginalien“ in den Bibliophilen Notizen der GdB-Seite rezensiert

Eine sehr schöne Rezension der jüngsten Ausgabe der Marginalien (2025/1, Heft 256) erschien in den Bibliophilen Notizen auf der Webseite der Gesellschaft der Bibliophilen im April. Sie geht u. a. auf die Neugestaltung der Zeitschrift nach der Übergabe der Gestaltung von Matthias Gubig an Thomas Glöß ein und stellt zugleich die Kontinuität in der Qualität des viermal im Jahr edierten Periodikums der Pirckheimer, das die einzige Zeitschrift für Buchkunst & Bibliophilie in der Form im deutschsprachigen Raum darstellt, heraus. „Der Inhalt ist bewährt vielseitig“, schreibt Autorin und Rezensentin Silvia Werfel und konstatiert einen gelungenen, die Hochwertigkeit im Standard wahrenden und behutsam interpretierenden Wechsel in der Gestaltung. Und zieht insgesamt ein gutes, lobendes Fazit: „Auch im neuen Look bieten die Marginalien hohe Qualität, inhaltlich wie gestalterisch“, für das unter der Ägide von Chefredakteur Till Schröder erscheinende publikative Aushängeschild der Pirckheimer-Gesellschaft. Die ganze Besprechung der Ausgabe findet sich hier.

(André Schinkel)