Es ist beschwerlich, sich vor den Brandmeldungen unserer Tage zu verbergen, erreichen sie einen doch jederzeit und allerorts. Umso erfreulicher dann, wenn sich Nachrichten von vorgestern der Informationsflut beigesellen, wider Erwarten per Post. Die Feuermelder vergangener Tage haben nämlich die angenehme Eigenschaft, gegenwärtige Ereignisse als relativ zu entschärfen.
Im konkreten Fall soll es um den Katalog Vielseitige Buchpatienten von Reinhard Nitsche und Kirsten Meyer gehen. Dieser ist begleitend zur gleichnamigen Ausstellung seit dem 13. Mai und bis zum 23. August 2026 im Historischen Museum Domherrenhaus Verden (Untere Straße 13, 27283 Verden) mit dem Untertitel Auf Spurensuche in der historischen Bibliothek des Domgymnasiums Verden erschienen. – Der Oberstudienrat und die Restauratorin präsentieren uns dreizehn Bände aus den angesprochenen Beständen, die zwischen 1550 und 1836 publiziert wurden und die von Aristoteles über Johann Lund und Sebastian Münster bis hin zu Abraham Scultetus reichen. Darunter befinden sich auch eine plattdeutsche Bibel und ein Kräuterbuch von 1588.
Jedes Werk bekommt sein Kapitel, in dem Nitsche die Arbeiten vorstellt. Das tut er historisch akkurat und mit Begeisterung, der Herr Oberstudienrat, der nach Dienstende durch die Archive und Magazine des Gymnasiums wandelt und uns ein kurzes Schlaglicht, einen knappen Vortrag über das jeweilige Buch, seine Verfasser oder die historische Einordnung gibt. Dabei erzählt Nitsche lebendig nach und berichtet mit erfrischender Leichtigkeit, was den Rezensenten sich gern dazu hinreißen lässt, den Katalog als ein Prosawerk lesen zu wollen: im irrlichternden Kerzenschein des Lehrers vorweg schlendernd und im nüchternen und klaren Schein der Restauratorin nachschreitend.
Beide Stimmen sind überaus sympathisch und eingenommen für ihre Patienten, was den Inhalt lebendig macht und ihre Ausführungen von denen einschlägiger Lexika unterscheidet. Schon die Kapitelüberschriften stimmen darauf ein: Indiana Jones muss es gelesen haben! Kein Christentum ohne Bundeslade & Co.! lese ich zu Lunds Jüdische Heiligthümer, 1701, Alte Bibliothek Nro. 04, oder: Ikarus der Reformierten? Was von Scultetus übrig blieb – der Fall des Prager Bildersturms zu einer Sammlung mehrerer Predigten desselben von 1621. Beide Überschriften bilden nur eines der vielen Spektren zwischen Popkultur und klassischer Antike dieses Kataloges ab.
Bereichert wird die jeweilige Einordnung Nitsches um eine Darlegung der Restaurationsschritte. Das erdet die Texte und unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der sich Meyer an die Rettung und den physischen Erhalt der Werke gemacht hat. Darüber hinaus enthält der Katalog etliche Abbildungen der jeweiligen Werke und Restaurationsschritte. Für mich ist Vielseitige Buchpatienten ein Band, der auch außerhalb der Ausstellung funktioniert, gleichwohl der Besuch derselben noch bis Ende August in Verden möglich ist. Sehr zu empfehlen!
(Michael Spyra)