Die Schnecken schlafen im Bart des Ampfers ist der dritte Gedichtband der Züricher Dichterin und Übersetzerin Anne-Marie Kenessey und ihr zweiter im Berliner KLAK-Verlag nach flügelnüsse & Schädelklopfer, der 2020 erschien. Kennesseys Dichtung ist eine, die sie auf der Höhe von Glanz und Möglichkeiten, die dieses vorgeblich aufgeklärte Äon bietet, und beim Blick in dessen abysstiefe Abgründe zugleich zeigt. In sieben stilistisch hoch abwechslungsreichen Zyklen, die aufgrund und trotz ihrer Diversität sich eigenartig und souverän auf ein Zentromer dieser Sprache ausrichten, die eine berührende, nicht selten zugleich kühne Melange aus Neugier, dem Ton der zeitbasierten Ismen, Licht, Erinnerung und Tragedy aufbietet, die einen lange beschäftigt, sobald man den Fuß in diesen Raum des, ja, Kenessey’schen Sprechens setzt. In der Art, wie uns eine so heillos verkannte Elektroband wie Mesh auf ihrem neuen Opus The Truth Doesn’t Matter die krude Abseitigkeit der Epoche in Bass-Salven um die Ohren haut, klingt das auch zum Teil in diesen Texten, die wie gesagt auch Wärme und vielfaches Besinnen auf Herkunft und Schicksal der Herkunft inmitten eines notwendigerweise sezierenden Blicks kennen: „alle Zeiger fallen aus der Zeit“ oder – zutiefst ins Mark der Gegenwart erschüttert – „Dreihundertsiebenundzwanzig / Tage lang berichtete sie / seit dem 7. Oktober 2023. // Ich kämpfe um dieses Leben! / war ihre letzte Nachricht / bevor sie starb.“ Nachrichten aus einer Zeit, die sich jenseits von 300 Jahren Aufklärung entfesselt. Wünscht man nach der Lektüre von Die Schnecken schlafen ... zurückzukehren an die Reisebilder und Wort-Mechaniken des Anfangs? Man kann es versuchen und darin für ein paar Sekunden das Damokles-Schwert vergessen, indes, das „Wehe uns“, das einst Marion Titze aussprach, es holt uns wieder ein. Nun ist Sprechen ein menschlicher Akt, zumal in Dichtung, an den man sich hält. Darin gründet Hoffnung, auch in dieser Poesie, die in Leichtigkeit spricht, in großer Trauer zugleich, eigentümlich und klug das Coleur der Antipoesia des Jetzt einbeziehend, sie damit sichtbar macht. Ein nur scheinbar leises, ein unbestechliches, klarblickendes wie den Solarplexus bewegendes und gleichsam opalen schimmerndes Buch. (Anne-Marie Kenessey: Die Schnecken schlafen im Bart des Ampfers. Gedichte. Berlin: KLAK-Verlag 2025. Klappenbroschur, 88 Seiten, ISBN 978-3-911617-14-7, 15 Euro.)
(André Schinkel)