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Abel Doering

»Mein Weg zum Bücherliebhaber war eigentlich konsequent ...«

Der Pirckheimer Abel Doering im Portrait

»Zum Bibliophilen, zum Liebhaber des Gedruckten, ob als Buch oder Graphik, ob zum Kulturgut, zu welchem ein Text zwischen Buchdeckeln wird, oder zum kunstvollen Pressendruck - zum Bibliophilen wird man sicher in der Regel nicht durch die Liebe zum äußeren Erscheinungsbildes des Druckes, zu dessen Form, sondern durch den damit verbreiteten Inhalt. Das heißt, zuerst ist der Text, die Literatur, das Ideelle, dann die Ästhetik des Gedruckten. Auch wenn sich dieses Verhältnis bei einem wirklichen Bibliophilen mitunter umkehrt, der Text in den Hintergrund tritt und der geistige Genuss eines Buches sich fast völlig in dessen Historie oder Gestaltung erschöpft, setzt das dennoch immer die Kenntnis der ideellen Aussage voraus. Nur so lässt sich erklären, warum man zum Sammler werden kann, der jede gut gemachte oder seltene Ausgabe eines Textes, von der Erstausgabe (im besten Fall sogar vom Manuskript), über Massenauflagen und Raubdrucke bis zur illustrierten oder buchkünstlerischen Interpretation in seinen Regalen haben möchte. So wurde zwar auch bei mir der Grundstein einer Liebe zum Buch schon frühzeitig gelegt – meine Eltern, Thea Kobs-Lehmann, Malerin und Graphikerin, und Max Lehmann, Anfang der 50er Sekretär des Schriftstellerverbandes, hatten eine große Bibliothek, und ich wuchs somit umgeben von Büchern auf; aber erst während meines Philosophiestudiums begann ich wert auf eine eigene Bibliothek zu legen: Ich war es irgendwann leid, ständig Überziehungsgebühren für entliehene Bücher zu zahlen und zog es früher oder später vor, die benötigten Bücher selbst zu haben. Das bedeutete in der DDR, einen ständigen Jagdinstinkt aufrecht zu erhalten. Der Preis der Bücher war zu vernachlässigen, selbst für einen mittellosen Studenten, aber ein bestimmtes Buch zu bekommen, zumal wenn es nicht unbedingt Schwerpunkt der Kulturpolitik der SED war, bedeutete, nach Möglichkeit täglich in mehreren Buchhandlungen und Antiquariaten auf der Pirsch zu sein, bedeutete auf dem Laufenden zu sein über die Verlagsangebote und Erscheinungstermine und führte zwangsläufig zum Austausch mit anderen. Und dann begann ich, mich für die Hintergründe und den Umfang meiner Sammelgebiete zu interessieren, fing an, gezielter zu sammeln und begeisterte mich für Varianten, seltene Ausgaben, die Editionsgeschichte und das Schicksal einzelner Titel. Nicht zuletzt durch einen Pirckheimer der ersten Stunde, meinen Schwiegervater Hansjoachim Doering inspiriert, wurde so aus dem Literaturbesessenen und Bücherliebhaber dann der Bibliophile. Und nunmehr ist es an mir, diese Ambition an meine Tochter weitergeben. Obwohl ich auch heute noch stolz meine Erstausgaben von Kant, Jaspers oder Lukács, meine frühen Ausgaben von Hegel und Marx in die Hand nehme oder ab und zu eine Lücke in meiner Inselbuch-Sammlung auffülle, hat sich doch proportional zum Wachsen meiner Bibliothek mein Sammelgebiet reduziert. Ich musste einsehen, dass die Beschäftigung mit Bertolt Brecht eine wirklich erschöpfende Aufgabe für einen ernsthaften Sammler sein kann. Und da ich nie das Leben des Jakob Mendel (Stefan Zweig: Vier Erzählungen, Insel Verlag, Leipzig 1929, IB 408) führen wollte, suchte ich recht frühzeitig den Kontakt zu anderen bibliophil Interessierten, die ich seit 1974 in der Pirckheimer-Gesellschaft fand. Wie sicher jedem, der ernsthaft ein Hobby ausübt, ja dem dieses Hobby zum wesentlichen Lebensinhalt geworden ist, lag auch mir immer viel daran, diese Begeisterung für Bibliophilie und das Büchersammeln anderen nahe zu bringen, in über einem viertel Jahrhundert als Antiquar, seit knapp zwei Jahrzehnten durch die Betreuung der Homepages verschiedener bibliophiler Gesellschaften und die Betreibung des Blogs der Pirckheimer-Gesellschaft«

Abel Doering (Hamburger Bothe, Nummer 7, Dezember 2021)

Foto: Ralf Parkner

Abel Doering

Programmierer, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Antiquar (Hinterhof-Antiquariat, Berlin)

Sammelgebiete

Bertolt Brecht, Bibliophile Gesellschaften