Pirckheimer-Blog

Sa, 28.01.2023

Elfriede Weidenhaus: "Heilige Nacht", aquarellierte Radierung, o. J. | © www.grafikbrief.de

Trauer um Elfriede Weidenhaus

Über Klaus Rödel und den FISEA-Newsletter erreichen uns traurige Nachrichten: Bereits zum Beginn des Jahres starb die gerade in den Kreisen der Exlibris-Sammler und -Freunde beliebte Künstlerin Elfriede Weidenhaus (1931–2023). Der Rundbrief bringt den vollständigen Nachruf von Dr. Leo Fiethen, aus dem hier auszugsweise zitiert sei: „Sie war eine der produktivsten Grafikerinnen Deutschlands, der DEG über lange Jahre eng verbunden. Nun ist sie, noch bis wenige Tage vor ihrem Tod schöpferisch aktiv, in der Nacht vom 1. auf den 2. Januar 2023 im hohen Alter von 91 Jahren verstorben. Elfriede Weidenhaus wurde am 09.09.1931 in Berlin geboren. […] 1947 begann sie ein Studium an der Leipziger Kunstgewerbeschule. Max Schwimmer wurde ihr wichtigster und prägender Lehrer. […] 1953 übersiedelte sie in die Bundesrepublik […] 1990 verlegte sie ihren Wohnsitz von Stuttgart nach Erkenbrechtsweiler auf der Schwäbischen Alb, wo sie bis zu ihrem Tode lebte. Einen Schwerpunkt ihres buchschöpferischen Werkes bildet die Illustration klassischer Texte, herausgegeben als luxuriöse Handpressendrucke in geringer Auflagenhöhe [ab 1990 in der eigenen Zikadenpresse Erkenbrechtsweiler]. Die Anzahl ihrer Zeichnungen und Aquarelle ist außergewöhnlich hoch. […] Überliefert sind, und damit komme ich auf meine Anfangs-Bemerkung über ihre Produktivität zurück, mehr als 1.000 Lithografien und Radierungen.“ Grafiken von Elfriede Weidenhaus sind u. a. auf www.grafikbrief.de (O-Ton Wolfgang Grätz: „Da ist eine Große gegangen ...“) sowie auf www.art-exlibris.net eingestellt und einzusehen. 

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Fr, 27.01.2023

OHD-Mitarbeiter Max Lotze. | © Heike Schnotale
Heike Schnotale. | © Ria Mücke
Albrecht Günther. | © Heike Schnotale

Für eine Zukunft der Offizin Haag-Drugulin in Dresden!

Die Offizin Haag-Drugulin ist, wie Pirckheimer-Freund Dr. Thilo Berkenbusch mit Verweis auf den Verein für die Schwarze Kunst e. V. mitteilt, in existentieller Gefahr. Der Grund für die Gefährdung liegt im Verlust der treibenden Kraft der nach der Wende durch ihn geretteten Instanz, unserem Mit-Pirckheimer Eckehart SchumacherGebler (1934–2022) am 17. Dezember des vergangenen Jahres. Die Pirckheimer-Gesellschaft schließt sich der dringenden Ambition zur Bewahrung der OHD ausdrücklich an und bittet im Namen des Vereins für die Schwarze Kunst und der engagierten Mitarbeiter der Dresdner Offizin Haag-Drugulin (Max Lotze, Heike Schnotale, Albrecht Günther, Ute Finger u. a.) um die Weiterleitung und Unterstützung des Anliegens. 

Dr. Jürgen Franssen, Vorstand des aufrufenden Vereins, schreibt: „Liebe Freunde der Schwarzen Kunst, nach  dem Tod unseres Initiators und Ehrenmitglieds Eckehart SchumacherGebler droht nun leider das Ende der Offizin Haag-Drugulin. Mit Schließung der  Darmstädter Schriftgießerei von Rainer Gerstenberg vor gut einem Jahr ist es leider bereits versäumt worden, ein auch international bedeutendes drucktechnisches Gewerbe für die Zukunft zu erhalten. Der Dresdner OHD darf dieses Schicksal nicht widerfahren! Dafür muss jetzt schnell und konsequent gehandelt werden. Lest dazu bitte den von unserem Gründungsmitglied Silvia Werfel verfassten Aufruf auf unserer Website und unterstützt die OHD und ihre Mitarbeiter nach Kräften.“

Für seine segensreiche Arbeit als Drucker, Retter der OHD und Verleger wunderschöner Bücher in Handsatz, Monotypie und eigenem Verlag wurde Eckehart SchumacherGebler, der einer süddeutschen Buchdrucker-Familie entstammte, mit zahlreichen Auszeichnungen, darunter dem Gutenberg-Preis der Stadt Leipzig und dem Antiquaria-Preis, geehrt. Der Erhalt der ursprünglich in Leipzig beheimateten Offizin Haag-Drugulin dürfte dabei zu seinen nachhaltigsten Großtaten gehören. Im kleinen, der OHD angeschlossenen, SchumacherGebler-Verlag Dresden erschienen die Werke zahlreicher Autoren, zuletzt u. a. von Richard Pietraß und Uwe Claus. Der berührende Aufruf Silvia Werfels zur Rettung des traditionsreichen Unternehmens ist unter der Website-Adresse des Vereins für die Schwarze Kunst e. V. nachzulesen.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Mi, 25.01.2023

Verlängert bis 18.02.: "Leseland DDR" in der LBO.
Michael Weichenhan.

Goethe und Schiller in der DDR

Am Donnerstag, den 02.02. um 19 Uhr hält Dr. Michael Weichenhan den Vortrag ... eine Zeit der neuen Klassik ist angebrochen. Zur Rolle von „Klassikern“ in der DDR im Rahmen der Ausstellung Leseland DDR in der Landesbibliothek Oldenburg. Die Laufzeit der Ausstellung wurde bis zum 18.02. verlängert. Politisch verstand sich die DDR als Avantgarde, literarisch hingegen orientierte sie sich am Traditionellen, allen voran an Schiller und Goethe. Johannes R. Becher bestimmte die Kulturpolitik der DDR maßgeblich und richtete sie auf die Weimarer Klassik aus. Jenseits der Klassenzugehörigkeit pflegte der Staat bis 1989 im Rahmen der sogenannten „Erbaneignung“ programmatisch die Verbreitung „bürgerlicher“ Autoren, neben Goethe und Schiller standen Kleist, Büchner, Fontane bis hin zu Thomas Mann hoch im Kurs. Der Leserschaft bot diese Wertschätzung eine willkommene Entlastung von der Propaganda. Weichenhan studierte in der DDR u. a. Theologie und Klassische Philologie. Der Vortrag geht der Bedeutung „klassischer“ Texte für die Auslegung bis in die Gegenwart nach. Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Di, 24.01.2023

"Die Schönheit der Stadt, die ich verlasse" von André Schinkel erschien im Mitteldeutschen Verlag.
Rathaus in Bad Düben, der Kindheitsstadt Schinkels.
André Schinkels Schicksalsfluss: Die Saale bei Halle.

Eine Liebeserklärung an das Leben: Zu Schinkels Prosa

Das ist das Buch eines Liebenden. In reicher, überbordender Sprache, dass man sich zuweilen nur wundern kann, setzt der Dichter André Schinkel in seinem neuen Prosaband seine Liebe ins Licht. Sie gilt – wie aus dem Titel zu erahnen war – zuerst seiner Stadt. Aber müsste man nicht Städte sagen? Denn sein Liebesverhältnis schließt mehrere Bräute ein. Da ist zum einen die Stadt seiner Kindheit, in der er auf Spurensuche geht, darüber nachsinnt, „was die Zeit mit einem anstellt, wenn man angehalten ist, fortzuleben und sich zu erinnern.“ (So zu lesen im Text Albumblatt.

Darin setzt er nicht nur seinem Großvater ein anrührendes Denkmal, sondern breitet ein Gewebe an Erinnerungen aus, aus dem sich so etwas wie Heimat formen mag, auch wenn der Begriff nicht auftaucht. Dann ist da noch seine Stadt Halle, durch die er streift, von Flussläufen erzählt, dem Milan folgt, in den Auen glaubhaft versichert, dass Gott die Vögel lieben muss und angesichts der kaum überstandenen Pandemie auch von „der stillsten Weihnacht, die die Welt jemals sah“, berichtet. Um die Liebe muss man auch ringen, klingt aus vielen Zeilen, jetzt und fortan. 

Die Schönheit der Stadt, die ich verlasse ist eine Sammlung von 42 Texten, von denen nicht alle Erzählungen im eigentlichen Sinne sind. Vielmehr breitet Schinkel vor den Augen der Leserinnen und Leser Angebote aus, sich selbst neu zu finden, Anregungen zum Anders-Sehen. Der Bogen reicht dabei formal von Miniaturen über Traumsentenzen – unter anderem nach Bildern seines Freunds, des Leipziger Malers Frank Hauptvogel – über absurd anmutende Begegnungen mit einer Bibliothek im Bauch bis hin zu fein ziselierten Ausflugsberichten.

Schinkels Liebe gehört auch der Sprache. Gleich im ersten Text Perseus wirkt eine Sternschnuppe auf ihn „... als trennte sie ... die dünne Haut des Zeltes, aus dem Licht und Dunkel gemacht war, auf.“ Das gibt den Ton vor, den der Dichter anschlägt und variiert. Die erzählerische Meditation Von der Dichte des Worts nähert sich dem Sagbaren an. Und gleich danach ist von den „Einbäumen meiner Gedanken“ die Rede, „... die schönste, will ich glauben, Flotte der Welt“. Wann hat man zuletzt so poetisch von Literatur sprechen gehört? 

Unter der Hand erweist sich Schinkel auch als großer Vogel-Kenner, im Sprechen wie im Stillsein jenen Sängern nahe. Sprache, Natur und Landschaft finden zueinander. Und es gibt den wunderbar leisen Humor des Autors sich selbst gegenüber, wie er beispielsweise in Reprise, oder: Nach einer Revolution kenntlich wird. Aber auch von der Einsamkeit ist zu lesen, der Traurigkeit ist der Text Umbo gewidmet, Ultramarin wird als neuer Gott vorgestellt, verlassene Plätze entfalten ihre Magie, Dantes Göttliche Komödie wird in einer ‚Traumreise‘ neu hinterfragt: Was gilt noch? 

Wie ein weiterer roter Faden zieht sich schließlich das Bekenntnis zu der Frau, die der Autor liebt, durch diesen Band. Lina ist eine betörende Liebesgeschichte über den Namen des ungeborenen Kindes zweier Liebenden, so zart, so zukunftsoffen, wie es lange nicht zu lesen war. Auch in anderen Geschichten finden sich Szenen eingebettet, wie sehr Liebe stärken und schöpferisch machen kann. 

„Wir stehn, das Licht teilt sich über dem Geräusch unseres Stehens ... Die Dinge berühren sich. Wir stehn.“ (aus Nietlebener Moment) Es sind solche Sätze, die verwundern, Mut machen und immer wieder dazu einladen, den Kopf aus dem Text zu heben und nachzusinnen darüber, was es anstellt, das Leben, mit uns – und was wir anstellen mit ihm. Dieses Buch (Mitteldeutscher Verlag 2022, 176 S., ISBN 978-3-96311-616-2, 16 Euro) eines vielfältig Liebenden ist ein großes Glück für uns. 

(Holger Uske)

So, 22.01.2023

Beim Betrachten der Zeichnungen von Heinz Zander zu "Tristan und Isolde". | © Ralf Wege
Sigrid Wege, Vorsitzende der Magdeburger Pirckheimer, begrüßt die Gäste der Vernissage im Literaturhaus Magdeburg. | © Ralf Wege
Das Plakat zur Zander-Ausstellung in Magdeburg.

Heinz-Zander-Ausstellung in Magdeburg verlängert

„Puppenspiel mit Moralitäten“ noch bis 03.02. im Literaturhaus Magdeburg zu sehen

Eine Woche länger als ursprünglich geplant sind die Werke des Leipziger Altmeisters Heinz Zander im Magdeburger Literaturhaus zu sehen. Unter dem Thema Puppenspiel mit Moralitäten. Bilder zur Literatur zeigen die Magdeburger Pirckheimer rund 150 Werke Zanders, darunter großformatige Ölbilder ebenso wie kleinformatige Zeichnungen oder Druckgrafik. Eine bibliophile Schau mit einer beeindruckenden Vielfalt an Technik und Format aus einer Hand, aus dem speziellen Blickwinkel Bilder zur Literatur, aus sechs Jahrzehnten künstlerischen Schaffens. Eine Ausstellung der Magdeburger Pirckheimer in Zusammenarbeit mit der Galerie Thoms.

Zur Eröffnung der Ausstellung im November 2022 waren rund 60 Gäste gekommen. Zum Teil hatten sie dafür eine weite Anreise auf sich genommen wie einige Kunst- und Kulturfreunde aus Mannheim, Bad Frankenhausen, Chemnitz, Berlin oder Mühlhausen. Vor allem die Fülle an Zeichnungen hat viele Gäste begeistert. Da diese aus einer Privatsammlung stammen, bekommt man sie selbst in einem Museum oder einer Galerie nicht einfach mal so zu Gesicht. Dazu gehören unter anderem Zanders Zeichnungen zu Tristan und Isolde, König Lear oder Doktor Faustus.

Heinz Zander hat nicht nur „Bilder zur Literatur“ geschaffen, sondern ist selbst als Autor mehrerer literarischer Werke bekannt. Sein Vorteil: Er kann die eigenen Texte selbst illustrieren. So geschehen auch beim Roman Puppenspiel mit Moralitäten, der der Ausstellung den Titel gab. Natürlich ist der Roman im Literaturhaus zu sehen. Doch es wäre keine Ausstellung eines bibliophilen Vereins, wenn nicht noch mehr gezeigt würde. So sind alle Vorzeichnungen ausgestellt, dazu die Studien zum Umschlag sowie den Bildern, die die Innenseiten des Buchdeckels illustrieren.

Die Bandbreite der künstlerischen Auseinandersetzung Zanders mit Literatur spiegelt sich ebenso in den Pressedrucken wider. In Magdeburg zu sehen ist u. a. König Phineus und die Austreibung der Harpyien, erschienen als 11. Druck der Dürer-Presse: ein Originalhalblederband im Original-Halbleinenschuber mit einer nummerierten und signierten Originalradierung Harpyie mit Gelege und Orgelspieler (Blattgröße: 26,5 x 35 cm. Bildgröße: 24,5 x 17,5 cm).

Gehört der Dürer-Druck zu den großformatigen Druckwerken Zanders, sind seine Illustrationen des Erotikons Colberts Märchen nach der Mode, ein Beispiel dafür, dass er auch das kleine Format meisterhaft beherrscht. Davon können sich die Besucher der Ausstellung überzeugen. Gezeigt werden sowohl alle 60 Vorzeichnungen als auch der fertige Druck, erschienen 1988 bei Hinstorff (Buch- und Rückentitel in Goldprägung. Schuberformat: 10,5 x 7,5 Zentimeter, Ledereinband im Pappschuber) sowie eine Auswahl Blätter aus der zuvor erschienenen Grafikedition in Kassette.

Mit fünf Ölgemälden öffnet die Ausstellung den Blick weiter auf die Vielfalt Zanders in Technik und Format ... und das mit dem speziellen Blick auf Literatur. Blickfang ist das Bild Der Engel John Silver betritt den Strand zum Roman Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson. Mit dem Gemälde Theseus und Ariadne werden die Ausstellungsbesucher in die griechische Mythologie weitergeleitet und können darin zudem den Meister im Selbstporträt entdecken. An der Wand gegenüber gilt es, Homers Sireneninsel zu betreten oder Adelbert von Chamissos Peter Schlemihl bei seinem Flug zu begleiten.

Die Ausstellung bietet neben solchen „ins Auge fallenden“ Stücken wahre Kleinode, die nur auf ihre Entdeckung warten. So zum Beispiel die Diplomarbeit von Heinz Zander: Der Untergang des Hauses Usher von Edgar Allen Poe oder Adam Behringers Engel, eine Radierung mit eigenem Text, editiert vom Leipziger Bibliophilen-Abend. Dazu gehört auch die Möglichkeit für die Besucher, einen Bezug zur Radiertechnik des Künstlers zu bekommen. So sind nicht nur Blätter der Mappe Der Zauberberg. 15 Radierungen zu Thomas Mann zu sehen, sondern für das Blatt 2 Castorp im Gebirge (Blattgröße: 21,9 x 17,6 cm) auch die dazugehörige Druckplatte.

Heinz Zander: Puppenspiel mit Moralitäten – Bilder zur Literatur
Literaturhaus Magdeburg, Thiemstraße 7, 39104 Magdeburg
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10–12 Uhr und 14–16 Uhr 
sowie nach Vereinbarung bzw. zu den Abendveranstaltungen

(Sigrid und Ralf Wege)

Fr, 20.01.2023

Das Bibel-Blatt samt Provenienz-Unterlagen wird am 02.02. bei Freeman’s Auctions versteigert.

Gutenberg-Blatt bei Freeman’s

Am 2. Februar 2023 wird ein Blatt aus der Gutenberg-Bibel bei Freeman’s Auctions in Philadelphia mit einer Schätzung von 60.000 bis 90.000 Dollar versteigert (Los 75). Nach der vorliegenden Provenienz, die sich bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen lässt, gehörte der kostbare Druck Maria von Sulzbach (1721–1794), der Mannheimer Hofbibliothek, Robert Curzon, 14. Baron Zouche (1810–1873) und anderen. Das Blatt mit den Maßen von 387 x 282 Millimetern enthält einen Auszug aus Jesaja II aus dem Alten Testament, mit dem abschließenden Teil von Vers 50, die Verse 51 und 52 in voller Länge und einen Teil von Vers 53.

Das Blatt wurde auf der vom renommierten Papier- und Druckhistoriker Dard Hunter kuratierten Exhibition on the History of Printing (1972) ausgestellt, die von dem Unternehmen Chillicothe Newspapers Inc. organisiert wurde. J. K. Hunter (Dard Hunters Cousin) erwarb dieses Blatt insbesondere für die genannte Ausstellung am 11. Dezember 1940 von Parke-Bernet Galleries in New York. Das Blatt stammt aus einem Mängelexemplar, das sich einst in der – eine weitere der offenbar zahlreichen Stationen des Originals – Königlichen Bibliothek in München befand und 1832 vom englischen Reisenden und Diplomaten Robert Curzon (s. o.) erworben wurde. 

Der Band wurde 1920 bei Sotheby’s versteigert und anschließend vom Buchhändler Gabriel Wells erworben. Wells zerlegte das Exemplar in einzelne Blätter und verkaufte sie unter dem Titel A Noble Fragment. Das Blatt blieb auf dieser Ausstellung bis in die 2000er Jahre, als das Gebäude verkauft wurde, für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Los enthält eine große Menge zusätzlicher Unterlagen über den Kauf und die Ausstellung des Stückes am Hauptsitz von Chillicothe Newspapers Inc. Informationen zum zu versteigernden Blatt samt seinem Provenienz-Zubehör sind auf der Website des Auktionshauses, www.freemansauction.com, einzusehen.

Versteigerung des Bibelblatts:
Freeman’s Auctions Philadelphia,
Books and Manuscripts,
am 02.02.2023, 11 Uhr EST.

(Maria Bogdanovich)

Mi, 18.01.2023

Das neue Heft der "Marginalien" mit einer der sieben Beilagen: "Stillleben mit Dame" von Inka Grebner.
Urte von Maltzahn-Lietz, Julia Penndorf und Petra Schuppenhauer (v. l. n. r.) beim Drucken der Beilagen im Atelier Carpe Plumbum. Foto: augen:falter.

Marginalien 247 erschienen

Gleich mit sieben, wenn auch gerecht auf die Hefte der Vereinsmitglieder verteilten Wundern wartet die kürzlich erschienene Ausgabe 247 der Marginalien, der Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie der Pirckheimer-Gesellschaft auf. Die originalgrafischen Beilagen des Journals entstanden dieses Mal in Leipzig: Die Redaktion hatte die Mitstreiterinnen der Künstlerinnen-Gruppe augen:falter eingeladen, die besondere Beigabe zu fertigen. Und wie es das Glück will, lieferte jede Künstlerin ein Blatt für den gemeinsamen Zyklus Persephones Wintergarten: Inka Grebner, die einzige, die mittlerweile nicht mehr in der Pleißestadt, sondern in Mainz lebt, ein Stillleben mit Dame, Urte von Maltzahn-Lietz die Gartenmondviole beschwörend, Katja Zwirnmann den Totenkopfschwärmer präsentierend, während es bei Franziska Neubert Zicke Zacke ... geht, Petra Schuppenhauers Blumen mit Julia Penndorfs still alive parlieren und es auf Nadine Respondeks Blatt fruchtig, fuchtig & verblichen zugeht. Alle Werke als zweifarbige Linolschnitte auf einem Bogen bei Carpe Plumbum gedruckt, könnten sie, so mußmaßt der leitende Redakteur Till Schröder, dereinst ein Signet sein für eine Pirckheimersche Sammelwut, ausgelöst im eben angebrochenen Jahr. Christiane und Norbert Grewe berichten derweil von einem goldenen Zeitalter der Buchillustration, es gibt Texte zu berühmten Büchern von Matthias Wehry, Maria Bogdanovich und Elke Lang zu lesen im Heft, eine Sichtung der legendären Leipziger Bilderbogen, die Fortsetzung des ABCs der Druckkunst von Thomas Glöß sowie den Bericht Ralf Weges vom Pirckheimer-Jahrestreffen in Oldenburg. Die Typografische Beilage widmet sich indes G. A. E. Bogeng, es gibt Rezensionen, Mitteilungen aus dem Leben der Pirckheimer und anderer Sammelverrückter. Auch zum 600. Mitglied der Gesellschaft findet sich gute Kunde im Heft. 

(André Schinkel)

Di, 17.01.2023

Im ehrwürdigen Gotha (hier: Schloss Friedenstein) findet vom 22. bis 24. September das Jahrestreffen 2023 der Pirckheimer-Gesellschaft statt.

Jahrestreffen der Pirckheimer-Gesellschaft 2023 in Gotha

Nach der letzten Zusammenkunft in Oldenburg 2022 empfängt dieses Jahr die Pirckheimer das thüringische Gotha. Vom 22. bis 24. September feiern wir in der alten Residenzstadt ein Jubiläum: Es ist das 50. Jahrestreffen unserer Gesellschaft, organisiert durch Peter Arlt. Das erste Treffen dieser Art fand 1972 in Dresden statt. Gotha bietet Führungen durch die Forschungsbibliothek Gotha, eine musikalische Reise in der Schlosskirche zu Willibald Pirckheimer und seinen Zeitgenossen mit Sabine Lindner, Bildende Kunst und Musik von Thomas Offhaus, eine Ausstellung im Spiegelsaal mit Neujahrsgrafiken aus fünf Jahrzehnten der Sammlung Peter Arlt, und auch das Sammlerpaar Christiane und Norbert Grewe gibt im Vortrag und Gespräch Einblicke in ihre Buch- und Grafikschätze. Das endgültige Programm und die Modalitäten der Anmeldung werden bis zum Frühsommer auf der Internetseite der Pirckheimer und in Heft 249 (Ausgabe 2023/2) der Marginalien, der Zeitschrift unserer Gesellschaft, veröffentlicht. 

(Till Schröder)

Mo, 16.01.2023

P.F. 2023: Neujahrsgruß von der Kurischen Nehrung.

P.F. 2023: Landschaftsidyll Kurische Nehrung

Die Klarheit des Horizontes schneidet linealgerade das Meer vom Himmel. Dort münden zugleich die sanft und strophisch sich reimenden Dünen. Das blaue Himmelsfenster, von grauen Wolkengardinen freigezogen. In den Strand modelten Wasser und Wind Erhebungen und Vertiefungen, wie Rippel auf dem Waschbrett. Wellen zeichneten in den Sand kaum erkennbare Muster schwankender Amplituden. Alle Bewegungen sind in Landschaftsstrukturen gefasst. Keines Menschen Fuß wurde in sie gesetzt. Nur Fahrspuren vor den Dünen melden menschliche Aktivität. Ein zarter Wellengang schmirgelt sanft des Sandstrandes Glattheit. In flachen Kurven wird das breite besonnte Ufer durchflossen und umspült, in spiegelnden weiten Bögen, wie aus der hyperbolischen Geometrie Caspar David Friedrichs hergezaubert zur Schönheit ruhiger Regung und zur Deutlichkeit der Ratio mit einer Harmonie sondergleichen.

(Mit Sehnsucht nach schöner Regung und Frieden und Harmonie: Peter Arlt)

So, 15.01.2023

The Best of 2022: Bei Druck & Buch in Wien sind die schönsten Neuzugänge bis zum 28.02. zu sehen.

Galerie Druck & Buch: Best of 2022

Best of 2022 – die schönsten Neuzugänge des alten Jahres gibt es in der Galerie Buch & Druck in der Nachfolge der Wagner-Schau Borderline in Wien zu sehen! Susanne Padberg lädt bis Ende Februar zum Schauen, Staunen und Auswählen ein: „Die besten Wünsche zum neuen Jahr sind immer verbunden mit einem Rückblick aufs alte Jahr! Mit großem Vergnügen zeigen wir die Best of bis 28. Februar in der Galerie Druck & Buch in der Wiener Berggasse.“ Die Galerie ganz in der Nähe des Freud-Hauses (Berggasse 21/2, A-1090 Wien) zeigt Werke von Stefan Gunnesch, Anja Harms, Romano Hänni, Katrin von Maltzahn, Tricia Treacy, Ulrich Wagner, Hyewon Jang, Hannah Darabai, Veronika Schäpers, Wolfgang Buchta und Natalia Weiss u. a. Eine Liste mit Preisen und Details gibt es auf Anfrage unter der Mail info@druckundbuch.com. Am 26. Januar findet um 19 Uhr in der Schau ein Buchgespräch mit Katrin von Maltzahn statt, am 28.2. eine Finissage-Feier. Die Galerie im 9. Bezirk Wiens ist von Montag bis Freitag 11 bis 18 Uhr geöffnet.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Fr, 13.01.2023

Wundervoll: "Ritter Dieter" erschien, illustriert von Thomas Leibe, kürzlich im Mitteldeutschen Verlag.

Ritter Dieter reitet wieder

Es gibt sie zum Glück noch: die wunderbaren Kinderbücher, in denen alles stimmt, bei denen man sich zugleich bekringeln möchte und sanft belehrt über die mögliche Schönheit und Einfachheit der Welt nach Hause geht. Letztlich geht es Ritter Dieter auch so, denn er möchte vor allem, dass alles auf seiner Zuhauseburg gerichtet ist und sich jede Art von Ungemach glücklich verhindern lässt. Das geht, wie man weiß, nicht ohne Abenteuer, Zumutung und Umsicht vonstatten, und so muss Ritter Dieter von jedem dieser drei einiges bewältigen und bestehen. Aber er tut das mit Bravour, der schwerhörige Riese rülpst nicht mehr soviel, und der Drache, der das Dorf unterhalb der Dieter-Burg bedroht, muss nur einmal im Jahr gewässert werden, damit er nicht die ganze Gegend ankokelt. Der jährliche Hilferuf im besten ostthüringischen Dialekt („Is dor Diedor da?“) wird dabei zum geflügelten Wort, das heute jedes Kind kennt und liebt. Detlef Färber, ein Weltenwandler zwischen Halle und Gera, hat Kolumnen, Geschichten und Gedichte veröffentlicht, seinen erfolgreichen Kinderbüchern Märchenstraße 4 wohnt Familie Wir (2018) und Immer Stress mit Nessie (2021) hat der Autor, der lange als Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung wirkte, aber immer ein in der Wolle gewaschener Schriftsteller war, mit Ritter Dieter einen würdigen Nachfolger gegeben. Seit Beginn seiner Bücherkarriere arbeitet Färber kongenial mit Thomas Leibe zusammen, der sich einen Namen als Illustrator machte, unter anderem für Titanic und den deutschen Rolling Stone tätig war und auch Ritter Dieter so berührend wie die Schmunzelmuskeln strapazierend in Szene setzte. Am Ende singt Dieter, und kein Auge bleibt trocken: „Ritter Dieter reitet wieder / singt beim Reiten Ritterlieder ...“ Das 48-seitige Bändchen, das im Mitteldeutschen Verlag (ISBN 978-3-96311-685-8) erschien und die Dieter-Geschichte in Form von Ballade, Märchen und Liedlein durchgehend farbig erzählt, ist für 16 Euro im sortierten Fachhandel, im digitalen Weltweitweb und natürlich beim Verleger höchstselbst zu erwerben. Genuss auf die schöne wie fröhliche Art! 

(André Schinkel)

Do, 12.01.2023

Die "Buchhandlungs"-Bücher von Petra Hartlieb erschienen/erscheinen bei Dumont und Carlsen.

Bibliophiles des Monats: „Zuhause in unserer Buchhandlung“

Lieben Sie Petra Hartlieb auch so sehr wie ich? Beginnend mit dem gelegentlichen Kauf ihres ersten Buches über eine Buchhandlung bei Dussmann bis hin zum klaren Wunsch, nach Wien zu reisen und ein Autogramm der Autorin zu bekommen? Eine lebenslange Erfolgsgeschichte, die in Hamburg begann: Vom impulsiven Kauf einer alten Buchhandlung zu zwei erfolgreichen Geschäften in Wien, eine Website, Podcasts, einer Zeitschrift ... Petra Hartlieb erzählt ihre Geschichte einer Buchhändlerin mit überraschendem Humor

„In letzter Zeit werde ich immer öfter eingeladen, auf irgendwelchen Branchenveranstaltungen zu sprechen. Wenn man innerhalb von zehn Jahren zwei kleine Buchhandlungen eröffnet und überlebt hat, ist man eine Erfolgsstory. Und wenn man als Buchhändlerin öfter mal den Mund aufmacht und Stellung bezieht, haben sie alle irgendwann deine Telefonnummer gespeichert. Die Themenkomplexe ähneln sich: Hat das Buch eine Zukunft? Wird es in Zukunft noch Buchhandlungen geben?

Natürlich hat das Buch eine Zukunft, und es wird auch weiterhin Buchhandlungen geben. Ich kann gar nichts anderes sagen, denn das wäre so, als würdest du einen Bauern, der den Stall voller Milchkühe hat, fragen, ob er glaubt, dass man in Zukunft noch Milch und Kakao trinken wird. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das zu glauben. Sowohl dem Bauern nicht als auch dem Buchhändler. Ob beide in zehn Jahren noch davon leben können, ist fraglich, aber das sind Dinge, die wir kaum beeinflussen können. Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, und paradoxerweise besteht unser Erfolgsrezept darin, den Kunden vorzuspielen, alles sei wie ‚früher‘. Viele Bücher auf wenig Raum, volle Bücheregale bis unter die Decke, engagiertes Personal, das in seiner Freizeit nichts anderes macht als lesen. So wie früher eben.

Allerdings reicht es längst nicht mehr, eine gute Buchhändlerin zu sein. Da musst du dir schon ein bisschen mehr einfallen lassen: Marketingexpertin, Werbefrau, Grafikerin, Controllerin, Webdesignerin, Veranstaltungsprofi, Verpackungskünstlerin, Psychotherapeutin. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Und eigentlich ist es gerade auch das, was uns antreibt, einfach weiter zu machen, alles andere wäre langweilig. Weiter machen in Zeiten, in denen so anachronistische Läden wie unserer einmal pro Woche totgesagt werden. Weiter machen, weil uns nichts anderes übrig bleibt. Weil wir nichts besser können. Weil wir nichts lieber tun.“

Die beiden bei Dumont erschienenen Bände Meine wundervolle Buchhandlung (2014) und Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung (2018) Petra Hartliebs tragen Umschlag-Illustrationen von Martin Haake, das Kinderbuch Zuhause in unserer Buchhandlung, das in Kürze bei Carlsen erscheint, illustrierte Nini Alaska.

Meine wundervolle Buchhandlung
Köln: DuMont 2014, 208 S.
ISBN 978-3-8321-743-8, 10 Euro.

Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung
Köln: DuMont 2018. 160 S., 
geb. mit farb. Vorsatz u. Lesebändchen
ISBN 978-3-83219-887-9, 18 Euro.

Zuhause in unserer Buchhandlung
Hamburg: Carlsen 2023. 128 S. Ab 5 Jahren.
ISBN 978-3-55152-217-7, 12 Euro. 

(Maria Bogdanovich)

Di, 10.01.2023

Der zweite Band der Schriftenreihe "Verborgene Schätze des Gutenberg-Museums" widmet sich der Exlibris-Sammlung des Hauses.

Neue verborgene Schätze des Gutenberg-Museums

In der bibliophilen Schriftenreihe des Gutenberg-Museums Verborgene Schätze des Gutenberg-Museums wurde soeben das zweite Buch veröffentlicht: Exlibris. Klein, nützlich, schön von Annette Ludwig und Elke Schutt-Kehm. Die Geschichte der Sammlung begann in den 1950er Jahren, als der Bibliophile und Kunstsammler Richard Doetsch-Benzinger (1877–1958) dem Museum seine Sammlung schenkte. Unter den Gebern waren auch der erste Vorsitzende der Deutschen Exlibris-Gesellschaft, Willy Tropp (1884–1972), der italienische Restaurant-Besitzer Mario De Fillippis und viele andere. 

Heute umfasst die Exlibris-Sammlung des Museums über 130.000 Exemplare. Rund 7.000 Künstler aus mehr als 60 Ländern sind vertreten. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Sammlung begann in den 1980er Jahren. Das Werk gibt einen umfassenden Einblick in die Zusammensetzung der Sammlung, einzelne Kapitel sind stilistischen und und technischen Aspekten gewidmet. Neben der Liste der Künstlerinnen und Künstler, Eignerinnen und Eigner geben die Autorinnen eine ausführliche Analyse in „Motivvielfalt von A bis Z“: Architektur und Landschaft, Bibliotheksansichten, Blumen und Pflanzen, Buchherstellung und -vertrieb ... 

Das Buch enthält 150 Abbildungen, der Anhang die Auflistung der Ausstellungen des Museums, die Veröffentlichungen zur Sammlung etc. „In der Tat: Exlibris können mitreißen, beglücken, zum Nachdenken anregen. Sie zu sammeln, ist für viele kein Hobby, sondern eine Leidenschaft! Durchblättert man die Bestände der Exlibris-Sammlung des Gutenberg-Museums, so taucht man ein in die Geschichte und die Geschicke der Menschen, für die die kleinen Blätter geschaffen wurden.“ 

Annette Ludwig/Elke Schutt-Kehm:
Exlibris. Klein, nützlich, schön.
Herausgegeben vom Gutenberg-Museum,
Wismar: Nünnerich-Asmus 2022,
160 Seiten, 150 Illustrationen,
ISBN 978-3-96176-208-8.

(Maria Bogdanovich)

Sa, 07.01.2023

Karol Schauers Interpretation der Schamanin auf dem Cover orientiert sich an den originalen Funden.

Das Rätsel der Schamanin

Wer sagt denn, dass wissenschaftliche Erkenntnis trocken daherkommen muss? Dass dem nicht so ist, zeigt seit Jahrzehnten das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie von Sachsen-Anhalt unter Leitung des Landesarchäologen Harald Meller, der seinerzeit durch seinen Coup, die mittlerweile hochberühmte Himmelscheibe von Nebra für die Öffentlichkeit zu retten, bekannt wurde. Das dem Haus angeschlossene Museum für Vorgeschichte, dessen Direktor Meller in Personalunion ist, kann sich mit den großen globalen Museen messen und macht immer wieder durch Aufsehen erregende Sonderausstellungen von sich reden. Der eigentliche Schatz des Hauses aber ist die Dauerausstellung, die für ihren 300.000 Jahre überspannenden Bestand an Funden ihresgleichen sucht. In ihr ist auch die Schamanin von Bad Dürrenberg zuhause, die reichste, bedeutendste Bestattung der Mittelsteinzeit in Ostdeutschland. Technischer Fortschritt, eine Nachgrabung und intensive Forschung führten zu atemberaubenden neuen Erkenntnissen zu dieser Vertreterin der letzten Wildbeuterepoche in Europa. Mit seinem Mitautor Kai Michel zeigt und diskutiert Meller diese in einem neuen und wunderschönen Buch: Das Rätsel der Schamanin (Hamburg: Rowohlt 2022, 368 Seiten, ISBN 978-3-49800-301-2, 28 Euro), das als Musterbeispiel dafür gelten darf, wie komplexe Sachverhalte mittels Text, Tabellen und Bildern dargeboten sein können. Zwei bedeutende Künstler haben sie dabei an Bord, den Maler Karol Schauer und den vielfach preisgekrönten Fotografen Juraj Lipták. Ein Buch, das über die Prähistorie Europas, ausgehend von einer zentralen Landschaft der archäologischen Forschung, berückend erzählt. 

(André Schinkel)

Do, 05.01.2023

Shakespeare-Porträt auf dem Deckblatt des "First Folio", Kupferstich von Martin Droeshout.
Ein "First-Folio"-Exemplar im Globe Theatre.

Will’s Book – 400 Jahre Shakespeare’s First Folio

Anlässlich des 400. Jahrestages der Veröffentlichung von William Shakespeares (1564–1616) First Folio veranstalten das Literaturarchiv Marbach und das Globe Theatre London eine Wechselausstellung im Literaturmuseum der Moderne in Marbach. Die Veröffentlichung wurde 1622 in einem Katalog der Frankfurter Buchmesse angekündigt und erschien 1623 unter dem Titel Mr. William Shakespeares Comedies, Histories, & Tragedies.

Im Rahmen des vom Globe initiierten Folio-400-Projekts fanden im Oktober des letzten Jahrs eine wissenschaftliche Konferenz sowie zahlreiche Veranstaltungen statt, darunter die Eröffnung der Ausstellung Will’s Book – 400 Jahre Shakespeare’s First Folio in Marbach. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Rezeption von Shakespeares Stücken im deutschen Sprachraum und der Einfluss des elisabethanischen Theaters. Seit dem späten 18. Jahrhundert ist Shakespeare der beliebteste Autor auf den deutschen Bühnen. Die Ausstellung soll die folgenden Fragen beantworten: 

Wie hat sich die Bedeutung des First Folio und der darin enthaltenen Stücke im Laufe der Jahrhunderte verändert? Wie wurden seine Stücke vom 18. bis zum 20. Jahrhundert ins Deutsche übersetzt, von der klassischen Übersetzung, die von August Wilhelm Schlegel begonnen und von Ludwig Tieck und anderen fortgesetzt wurde, bis hin zu den Übersetzungen von Johann Heinrich Voß und Rudolf Alexander Schröder und Thomas Brasch? Welchen Einfluss haben die Übersetzungen von Shakespeares dramatischen Werken auf die deutschsprachige Literatur gehabt? Wie wurden die Schriftsteller von Shakespeare und seiner Bühnenkultur inspiriert?

Der Höhepunkt der Ausstellung ist das First Folio selbst, von dem nur 235 Exemplare (von 750 insgesamt) erhalten sind, von denen etwa vierzig in gutem Zustand sind. Das zweite, dritte und vierte Folio (1632, 1664, 1683) sowie Manuskripte, Bücher, Folianten und andere Exponate aus dem Londoner Globe Theatre und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach sind ebenfalls ausgestellt. Vierzig Exponate beschäftigen sich mit Shakespeare und dem Einfluss seiner Werke auf den deutschsprachigen Raum. Die Ausstellung im renommierten Literaturmuseum der Moderne im Deutschen Literaturarchiv (Schillerhöhe 8–10, 71672 Marbach am Neckar) wird noch bis zum 9. Februar 2023 gezeigt.

Will’s Book – 400 Jahre Shakespeare’s First Folio  
Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach,
Museum der Moderne, im Kooperation mit dem
Globe Theatre London, 12.10.2022 bis 09.02.2023,  
Schillerhöhe 8–10, 71672 Marbach am Neckar.

(Maria Bogdanovich)

Di, 03.01.2023

PF 2023: Neujahrsgruß von Harald Kretzschmar.

PF 2023: Grüsse zum neuen Jahr

Von allen Seiten treffen gerade bei der Blog-Redaktion wie auch beim Vorstand der Pirckheimer-Gesellschaft Grüße und Wünsche im Form von Zeichnungen, Drucken und Exlibris ein, so auch von Seiten befreundeter und verschwisterter Gesellschaften und Vereine wie der DEG und der FISAE. Über den Newsletter und die Mailverteiler der FISAE etwa treffen Exlibris-Grüße aus ganz Europa (Italien, Ungarn, Frankreich, Belgien, Deutschland ...), Kleinasien und Nordamerika ein. Auch aus den eigenen Reihen ist Gutes und den Mut Ansprechendes zu vernehmen und zu erblicken. In aller gebotenen Eile, dennoch genauso herzlich grüßt mit einem wunderbaren, herrlich farbigen Blatt Harald Kretzschmar aus Kleinmachnow seine Pirckheimer-Freunde und -Kollegen zum Neuen Jahr: „alles BESTE – bitte an pirckheimer-BLOG geben – in eile KRETZSCHMAR“, weitervermittelt von unserem geschätzten Freund und leitenden Redakteur der Zeitschrift der Pirckheimer, der Marginalien, Till Schröder. In Harald Kretzschmars Gruß stellt der für seine Karikaturen, Porträts und Texte (zuletzt: Stets erlebe ich das Falsche, Berlin: Quintus 2017) viel und mit jedem Recht Gerühmte die Frage nach dem „Oberwasser“, das zu behalten wäre ... oder ob nicht lieber eine zünftige „Bodenhaftung“ nicht die bessere Wahl wäre. Sicher eine Frage des Typs oder wie man es mit den sanften Maßgaben der Aufklärung hält. Ein wenig mehr irdischer Halt in den notwendigen, ein wenig Flug in den schönen Dingen – das ist vielleicht ein guter Vorsatz für das noch junge Jahr. Wir danken im Namen der Gesellschaft und grüßen mit gutem Wunsch zurück!

(André Schinkel)

Mo, 02.01.2023

"Alles Dada? Die absurde Welt und die Welt des Absurden": Michael von Hintzenstern und Jens-Fietje Dwars laden am 10.01.23 um 19.30 Uhr nach Leipzig ins Literaturhaus (Haus des Buches) im Gerichtsweg 28 ein. Zugleich wird eine Ausstellung mit 36 "Palmbaum"-Einbänden eröffnet.

Dada im Literaturhaus Leipzig

„Wahre Wunderkammern“, nennt sie Volker Braun, „in die man sich gerne setzt.“ Gemeint sind die Hefte der Zeitschrift Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen. 1993 von Detlef Ignasiak gegründet, übernahm 2005 der Jenaer Autor Jens-Fietje Dwars die Redaktion. Seitdem werden die Einbände von mitteldeutschen Künstlern und Künstlerinnen gestaltet. Die Spannweite reicht von Gerhard Altenbourg und Angela Hampel über Moritz Götze, Karl-Georg Hirsch und Ticha bis zu Strawalde, Max Uhlig oder Baldwin Zettl. Eine Ausstellung im Literaturhaus zeigt 36 Andrucke der Zeitschrifteneinbände, dazu in Vitrinen sämtliche Hefte der Zeitschrift, Briefe, Manuskripte und Korrekturfahnen mit handschriftlichen Vermerken von Volker Braun, Reiner Kunze, Wulf Kirsten, Reinhard Jirgl, B. K. Tragelehn und anderen Autorinnen und Autoren.

Zur Eröffnung der Ausstellung stellen Jens-Fietje Dwars und Michael von Hintzenstern am 10. Januar ab 19.30 Uhr das aktuelle Palmbaum-Heft vor: Alles Dada? Die absurde Welt und die Welt des Absurden. Es erinnert unter anderem an den Dada-Kongress in Weimar und Jena 1922, der in einem Skandal endete. Hintzenstern wird Schwitters-Gedichte rezitieren und Dwars am Klavier begleiten, wenn der Texte von Scheerbart bis Hussel liest. Am Ende verzaubert der Pianist und Impresario der Weimarer Dada-Dekade das Publikum in einen mehrstimmigen Dada-Chor. Dabei ist höchstes Vergnügen garantiert. Es darf aber auch von Herzen gezischt und gepfiffen werden – je lauter, desto dada. Der Eintritt für die Veranstaltung im Leipziger Gerichtsweg ist frei.

„Alles Dada? Die absurde Welt und die Welt des Absurden“
Lesung und Dada-Chor mit Michael von Hintzenstern
und Jens-Fietje Dwars zur Eröffnung der Palmbaum-Ausstellung.
Donnerstag, 10. Januar 2023, 19.30 Uhr, Literaturhaus Leipzig,
Haus des Buches, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig.
Die Ausstellung ist bis zum 3. März im Literaturhaus zu sehen.

(Pressemitteilung/Jens-Fietje Dwars)

Sa, 31.12.2022

Constanze Kreiser grüßt zum Jahresende/-anfang.
Auch aus Neuhaus/Österreich kommen gute Grüße.
Matthias Frohl grüßt aus Brandenburg (Havel) ...
... und Matthias Gubig aus der Hauptstadt Berlin.

Grüsse zum Jahreswechsel

Nun ist das Licht im Steigen,
Es geht ins neue Jahr.
Lass deinen Mut nicht neigen,
Es bleibt nicht, wie es war.
So schwer zu sein, ist eigen
Im Anfang immerdar,
Am Ende wird sich’s zeigen,
Wozu das Ganze war.
Nicht zage gleich dem Feigen
Und klag’ in der Gefahr!
Schwing auf zum Sonnenreigen
Dich schweigend wie der Aar!
Und wenn du kannst nicht schweigen,
So klage schön und klar!

Friedrich Rückert (1788–1866)

Am Ende eines solchen Jahres tun die Grüße der Kunst- und Gleichgesinnten gut. Mögen sie doch eine Ermutigung und ein Ansporn sein, sich wieder und wieder in Hoffnung und Weitblick zu fassen, in der leisen Aussicht, 2023 möge ein friedlicheres und ein gutes Jahr für die Kunst und die fortgesetzte Freude am Buch sein. Bekanntlich blüht das Wachsende und Beschauliche im Frieden am besten. Schon die großen Dichter von F. G. Klopstock über Hölderlin bis hin zu Karl Mickel sangen so eine jeweilige Friedens-(oder Frühlings-)feier. Und nicht zuletzt sind die Hingabe selbst und auch die Leidenschaft so paradiesische wie irdische Künste zugleich.

Und ist es nicht so, wie es einstmal Friedrich Rückert, einer der wohl meistunterschätzten Dichter deutscher Sprache, in seinem aus lediglich zwei Reimen bestehenden, wunderbar ghaselenartigen Neujahrs-Text beschreibt: „Nun ist das Licht im Steigen, / Es geht ins neue Jahr. / Lass deinen Mut nicht neigen, / Es bleibt nicht, wie es war.“ Das hat viel Wahrheit in sich, auch Ermutigung und Ermahnung zum Bei-Sinnen-Sein und -Bleiben. Und ist vielleicht ein Ausblick in eine Zeit, in der die Maßgaben der im besten Sinne Aufklärung wieder ihre Bedeutung erlangen: als Teil der Conditio humana. Und die Klage der Künstler nicht auch ein Weg, die Welt auszubessern?

Was bleibt also zu wünschen im Verstreichen eines Jahrs, das nicht als Sternstunde der Aufklärung und Nähe zwischen den Menschen in die Annalen eingehen wird? Viele Zumutungen der Jetzt-Zeit sind neu und zugleich uralt ... sie entspringen dem Gegenspiel dessen, woher Menschenliebe und Kunst stammen. Ein neues Jahr trägt zugleich die Hoffnung in sich, dass im Beginnen ein Aufbruch möglich ist. Das ist auch der Tenor der Grüße und guten Wünsche, die die Pirckheimer-Gesellschaft erreichen: eine lichtvolle Ambivalenz, die sich in neue Aussicht und eben Hoffnung fasst. 

Erzeuge mit Gedankenblitzen
– zu Ost und West in Symmetrie –
und ohne Dich zu überhitzen
erneuerbare Energie

So kommt es als geschnittener Gruß/Wunsch von Matthias Gubig aus Berlin. Und Constanze Kreiser gibt ihrem Blatt aus einem Gewirr aus Linien und Lücken Folgendes mit: „2022 als ein verwirrendes Netz aus Linien, Höhen und Tiefen, die sich als plötzliche Löcher entpuppten: möge 2023 für alle mehr Klarheit und Übersicht bringen!“ Aus Brandenburg (Havel) schreibt Matthias Frohl: „Lieber André Schinkel, Jahreswechsel – Zeit zum Orakeln – noch ist das neue Jahr ein fernes Rauschen. Wie sind die Zeichen zu deuten? In der Hoffnung, dass die ankündigenden Signale auf ein friedvolles 2023 verweisen, wünsche ich Ihnen und allen Pirckheimern alles Gute für die kommenden Monate.“ Allen Grüßen sei mit Altmeister Goethe geantwortet und gedankt: 

Zwischen dem Alten,
Zwischen dem Neuen
Hier uns zu freuen,
Schenkt uns das Glück,
Und das Vergangne
Heißt mit Vertrauen
Vorwärts zu schauen,
Schauen zurück.

Am Ende von Zum neuen Jahr heißt es:

So wie im Tanze
Bald sich verschwindet,
Wieder sich findet
Liebendes Paar;
So durch des Lebens
Wirrende Beugung
Führe die Neigung
Uns in das Jahr.

So sei es. Zum Schluss in eigener Sache: Großen Dank an meine Redaktionskolleginnen für den Blog, die Mitglieder von Vorstand und Gesellschaft, die mir seit der Übernahme der Blogleitung im Juli zuarbeiteten und so die anstehenden Aufgaben auch zum Vergnügen werden ließen. Sich mit Buchkunst, Bibliophilie und Grafik zu befassen ist die Passion, die uns alle verbindet. Dafür soll auch 2023 das Glück und die Freude nicht nachlassen, sind sie doch auch Ausdruck des Humanen und des Willens zum Austausch. Mit den besten Wünschen für alle: Auf ein Neues!

(André Schinkel)

Fr, 30.12.2022

Blick auf die "Targi Plakatu", die größte Plakatmesse Polens, die am 4.12. in Warschau stattfand.
Plakat von Agata Małecka.
Plakat von Szymon Szymankiewicz.

Plakatmesse in Warschau

Am 4. Dezember 2022 fand die größte polnische Plakatmesse in Warschau statt. Zu der seit 2012 regelmäßig stattfindenden „Targi Plakatu“ versammelte sich die überwiegend junge Szene aus den Bereichen Grafik und Illustration im historischen Kaufhaus Jabłkowski. Über 130 Aussteller zeigten auf drei Etagen die neuesten Tendenzen in der polnischen Plakatgestaltung. Kuratiert wurde die Messe von Karla Kiepas und Małgorzata Piotrowska unter der Schirmherrschaft des Grafikers Andrzej Pągowski.

Die „Polnische Schule der Plakatkunst“ schaut auf eine lange Tradition zurück. Seit 1948 der Grafiker Henryk Tomaszewski auf der internationalen Postermesse in Wien prämiert wurde, wuchs die weltweite Anerkennung polnischer Plakate. Befreit von den kommerziellen Zwängen der Konsumwerbung auf der einen Seite und dem Druck der allgegenwärtigen politischen Zensur auf der anderen Seite, entstand im sozialistischen Nachkriegs-Polen eine auf Metaphorik und Expressivität bauende Ästhetik, die Motiv, Farbgebung und Schriftgestaltung gleichermaßen zu einer individuellen Bildsprache auf hohem Niveau verband.

Die Werke entstanden dabei überwiegend für Kino-, Theater- und Musikveranstaltungen. Aber auch die staatspolitische Agitation, ebenso wie die Protestbewegung der 1980er Jahre, fand ihren ikonischen Ausdruck in der Postergestaltung. Insbesondere die großen Namen der polnischen Plakatkunst der 1950er bis 1980er Jahre wie zum Beispiel Jan Lenica, Wiktor Górka, Janusz Stanny, Wojciech Fangor, Waldemar Świerzy, Barbara Baranowska und Jan Młodożeniec sind bis heute bei Sammlerinnen und Sammlern gefragt. Durch ein halbes Dutzend Galerien war diese ältere Generation mit ihren Arbeiten auch auf der aktuellen Postermesse vertreten und bildete in visueller Opulenz – vom Friedensfahrt-Motiv bis zum E.T.-Filmplakat – den designhistorischen Kontext, in dem sich die neue Generation präsentierte.

Die Jüngeren zeigten sich auf der diesjährigen Schau mit einer beeindruckenden Vielfalt individueller Gestaltungsansätze. Anschließend an das Formbewusstsein der Meister fielen untere anderem die Plakate von Agata Małecka mit ihrem fantasievollen Spiel aus Farbe, Form und Typografie auf. Als typische Vertreter der digitalen Illustration ließen sich Marta Róża Żak und Adam Kosik nennen, die ihre Motive überwiegend in der Architektur finden und diese in Sehnsuchtsmetaphern verwandeln. Allerlei Fauna und Flora bevölkern die farbenfrohen Gestaltungswelten von Magdalena Koźlicka und Natalia Oskiera. Die dekorative Grafik dominiert bei Paulina Adamowska mit ihren farbigen Abstraktionen von Interieursujets. Demgegenüber besticht der Designer und Buchgestalter Łukasz Piskorek mit minimalistischen Linienstrukturen, die zeitgenössischer Literatur ein modernes Erscheinungsbild geben.

Politische Motive fanden sich nur vereinzelt, hier aber in großer Themenbreite bei Szymon Szymankiewicz, der es mit seiner pointierten, piktogrammartigen Gestaltung bereits zu einiger Bekanntheit gebracht hat. Seine Poster sind in Polen aktuell auf vielen Demonstrationen zu sehen, wenn es um Antikriegsproteste, Frauenrechte, Queerthemen oder Kirchenkritik geht. Queere Themen dominieren auch die Arbeiten der Illustratorin Samsara, die in ihren neonfarbenen Kontrastwirkungen und mittels überbordender Staffage übliche Sehgewohnheiten herausfordert. Ähnlich prägnant sind die futuristisch-surrealen Kompositionen von Maciek Wolański. Die eher klassische Illustration findet sich bei Kamila Kozłowska, deren Arbeiten auch Stilmittel aus Mangas übernehmen oder bei Natalia Noszczyńska, die mit feinem Strich slawische Sagen in ihren Plakaten thematisiert.

Die hier Genannten können nur stellvertretend für die große Zahl qualitativer Gestaltungen auf der „Targi Plakatu“ stehen. Zur Vertiefung sei an dieser Stelle auf die Webseite der Messe verwiesen mit vielen Beispielen (www.targiplakatu.pl). Zum Einstieg kann auch die Buchreihe Plakaty des Bosz-Verlags empfohlen werden, die in kurzen Werkmonografien die wichtigsten Künstler und Künstlerinnen vorstellt. Und wer nicht bis zur nächsten Plakatmesse warten möchte, nehme kurzentschlossen den Weg in die Berliner Postergalerie „Pigasus“.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Warschau weiterhin das Mekka für Posterfans ist. Neben der Plakatmesse verdeutlichen auch die Internationale Biennale des Posters, das staatliche Plakatmuseum und die Vielzahl an Postergalerien in der Stadt den hohen Stellenwert, den die Plakatkunst in unserem Nachbarland weiterhin genießt.

(Sascha Fricke)

Di, 27.12.2022

Ein bibliophiles Wunderwerk in progress: die Grimm-Gesamtausgabe à la Rodung Kreuzung Lichtung.
Band 3 ("Lumpengesindel") ist soeben erschienen.
Henrik Schrat: Illustration zu "Die treuen Tiere".

Bibliophiles des Monats: Grimmschrats Märchen

In memoriam Petra von Hoffen

Grimm und kein Ende: Auf ganze fünf Bände angelegt ist die Gesamtausgabe der Grimmschen Märchen in einem neuen, gestalterisch zeitgenössischen Gewand, an denen Henrik Schrat seit 2019 arbeitet. Soeben ist der dritte Band erschienen: Nach Band 1 (Schneefall: Himmel & Hölle, 2020, Werner Klemke gewidmet) und Band 2 (Dornenrose: Liebe & Reise, 2021, gewidmet Joyce Pensato) heißt der vor kurzem erschienene dritte Teil in (nach schieferblauem und rosa Cover) Beige und Braun nun Lumpengesindel: Tiere & Menschen und ist Unica Zürn zugeeignet.

Die Bände 4 (Blaubart: Blut & Dinge) und 5 (Und Gretel: Zauber & Zukunft) sollen 2023 und 2024 erscheinen. Das Besondere ist bei dem Mammut-Unterfangen unter anderem, dass man sich an der Realisierung beteiligen kann und dabei als gezeichnete Gestalt in den Reigen der Märchen einzieht oder sich an einem in die Illustrationen verfügten reellen Ort wiederfindet. Näheres dazu erfährt man auf der Webseite des Projekts: www.grimmschrat.de. Jedem Teil der Märchenausgabe ist dabei ein eigenes Gepräge, das die Textkomposition stützt, gegeben. 

Bei Band 3, der im November dieses Jahres erschien, ist dies nach Aussage des gestaltenden Künstlers. der 1968 im thüringischen Greiz zur Welt kam, in Dresden und London studierte und heute in Berlin lebt, im Gegensatz zum Vorgänger ziselierter: „Das Weiche, Aquarellige der Zeichnungen des zweiten Bandes weicht feiner Schraffur. Zum Pinsel kommt die Feder hinzu. Die Doppelseiten, die Band 2 als offene Landschaften der Reise bestimmten, verschwinden wieder. Es gibt viele Einzelobjekte, die sich vergnüglich auf der Seite herumtreiben. Kritzel-Kratzel wäre das Geräusch, das Band 3 macht.“ Ein Kritzel-Kratzel, das für ein bibliophiles Vergnügen sorgt.

Das ist zeitgenössisch und berückend zeitlos zugleich, edles Kunstwerk im besten Buchsinne und Graphic Novel in einem. Schrats Adaption der berühmten Märchensammlung schlägt dabei im mittleren Buch der Ausgabe einen Bogen, der mit Vorspiel und einer Durchführung in drei Akten das Verhältnis von Mensch und Tier in allen in den Grimmschen Ausgaben beleuchteten Facetten lotet und illustriert. Skurril und kieksig kann das sein, monströs, albern, filigran, berührend. Und am Ende ist womöglich nicht ganz geklärt, wer das eigentliche Lumpengesindel sei: Mensch oder Tier, und die Suche im reichen Fundus, der in den Illustrationen auch ins Jetzt zeigt, beginnt (nicht zuletzt im Vergleich zu den und Zu-Rate-Ziehen der beiden Vorgängerbände) von vorn. 

Gelungen auch die Mischung von Grimmschen All-Time-Standards und Geheimtipps, die wohl nur dem (nach Enzensberger) „mager nistenden“ Germanisten vertraut sein dürften. Schrat dazu in der Vorschau: „Einige berühmte Märchen des Bandes werden sein: Die Bremer Stadtmusikanten, Der Wolf und die sieben jungen Geißlein, Tischlein deck dich, Der Froschkönig, Hase und Igel, Der gestiefelte Kater. Weniger bekannt sind Das Märchen von der Unke, Vom Tod des Hühnchens und Die Wassernixe, und gegen Ende gibt’s Die Gänsehirtin am Brunnen, eines der wirklich schönsten Märchen überhaupt, und meinen Langzeit-Favoriten: Der Rabe.“ Ein Projekt, mit dem Henrik Schrat Augen und Herzen von Märchen- und Büchernarren erfreut. Chapeau!

Grimm-Gesamtausgabe Rodung Kreuzung Lichtung.
Neu bebildert von Henrik Schrat, Band 3:
Lumpengesindel: Tiere & Menschen.
HC, geprägter Bezug, farbiger Buchschnitt.
Hamburg: Textem-Verlag 2022,
264 Seiten, 350 Abbildungen, 34 Euro.

(André Schinkel)