Welten liegen zwischen ihnen. Der eine fasst es so: „Dort wu da Grenz ve Sachsen is, / in Wald de Schwarzbeer blüht, / dort wu mr heit noch klippeln tut, / im Winter hutzen gieht, / dort steht net weit ven Wald derva, / sieht klaan o ärmlich aus, / e Hüttl när aus Holz gebaut, / dos is mei Vaterhaus.“ Der andere packt zu: „halte durch wenn’s irgendwie geht / bist doch ’ne kluge frau / bist doch ’n erfahrner planet / wir machen dich zur sau ...“ Erzgebirgler der eine, Heimatdichter das übliche Prädikat: Anton Günther (1876–1937) – Baggerfahrer der andere, der die Lausitz umgrub zwei Generationen später, leichthin tief schürfte: Gerhard Gundermann (1955–1998).
Beide, die einander nie treffen konnten, begegnen sich in einer Trilogie, die Andreas Eichler im Mironde Verlag Niederfrohna soeben abschloss. Sprache und Eigensinn heißt die und/oder Literarische Wanderungen durch Mitteldeutschland. Was Haupt-, was Untertitel ist, der Leser entscheidet es. Und wo die mitteldeutschen Lande ufern. Mehr als vier Dutzend Personen. 930 Seiten Lektüre, 3,8 Kilogramm Stoff. – Was macht Literatur aus? Der Dialog. Der Disput. Die Einladung, sich auseinanderzusetzen. Das greift weit. Über Grenzen. Deshalb die Dimension eines Opus Magnum, das Eichler ediert. In Doppelfunktion – er selbst: als Verleger und Eigner des Mironde Verlags, als Autor (auch wenn er teils sein Alter Ego, Johannes Eichenthal, nennt).
Das spannt den Bogen in Band 3 sehr weit: vom „Innokonservativen“ (Thomas Mann) über „Peter Schlemihls Erlöser“ (Edgar William Hahnewald) und die „Prophetin“ (Anna Seghers) bis eben zum „Sänger“ (Gundermann). Auf weitem Feld Christa Wolf und Brigitte Reimann, Heiner Müller und Walter Janka. Köpfe aber auch, die weder für Roman, Sonett oder Essay stehen. Siegfried Rauch etwa, Konstrukteur, Maschinenbauer, Stratege, maßgeblich an der Entwicklung des DDR-Autos Trabant beteiligt. Ein Denker, wenngleich ohne verschriftlichtes Gesamtwerk. Weiterhin: Salomo Salman Schocken (1877–1959), Goethe-Jünger, Kaufmann, Verleger, Mäzen. Marianne Brandt (1893–1983), Formgestalterin. Carlfriedrich Claus (1930–1998), Sprachbildner und Bildsprachler.
„Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben“ – von keinem Geringeren als Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) lässt sich Autor Andreas Eichler leiten, selbst ein Schüler Helmut Seidels (1929– 2007), Philosophie-Historiker an der Leipziger Universität, die seinerzeit den Namen Karl Marx führte. Literatur schloss bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts Naturwissenschaften und Technik explizit ein. Um den Weltgeist geht es, um das Treibende, das aus ihm erwächst, ihn kontinuierlich speist. Über Sprache als Medium. „Die mündliche Erzählfähigkeit geht verloren. Dabei ist die die Basis von allem anderen“, sagt Eichler. Die Trilogie ist (s)ein Beitrag. Sprache als Drehpunkt und Anker wie Eigensinn, wie „jener Rest, der selbst vertrautesten Menschen gegenüber kaum kommunizierbar ist“. Um mit Carlfriedrich Claus zu sprechen: Trotz aller Trümmer, in die wir uns gestellt sehen, gibt es Potenzial zu Selbstaktivierung.
Anregendes und Überraschendes deshalb auch in Band 3. Die Einladung, das Große im Kleinen zu entdecken und umgekehrt. Unmittelbar vor der Haustür. Indem Räume ausgeschritten, Horizonte geweitet werden. Zahlreiche Fotografien und Karten – in den meisten Fällen von Birgit Eichler – ergänzen die Texte, helfen, sich zu orientieren. Wer erschöpfende Biografien erwartet, irrt. Das ist Eichlers Anspruch nicht. Ohnehin bewegte er sich mit seinem Manuskript, an dem er Jahre arbeitete, zwischen Bargfeld und Oberwiesenthal, Wetzlar und Bad Freienwalde unterwegs war, an der Grenze des Möglichen. Was er liefert, ist ein Fundus. Hinführen will er – zu Menschen, zu Ideen, zu Orten. Und dazu, von allen Protagonisten einen Originaltext zu lesen. Mindestens.
Andreas Eichler (teils auch als Johannes Eichenthal): Von Thomas Mann bis Gundermann. Sprache und Eigensinn. Literarische Wanderungen durch Mitteldeutschland. Bd. 3. Niederfrohna: Mironde Verlag 2025. 230 S., Festeinband, ISBN 978-3-96063-024-1, 29,90 Euro. Zuvor erschienen die Bände 2 und 1: Von Goethe bis Rathenau, ebenda 2021, und: Von den Minnesängern bis Herder, ebd. 2019.
(Ekkehard Schulreich)