Gerade in Corona–Zeiten bekommt Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“ eine erstaunliche Aktualität. Darin warten zwei Landstreicher, Wladimir und Estragon auf eine dritte Person namens Godot, die niemals kommt. Was viele Zuschauer nicht verstanden haben, war der Umstand, dass es Beckett nicht nur um die Person Godot ging, sondern um die Tätigkeit des Wartens generell. Sie ist für ihn existenziell, gehört zum Menschsein wie das Atmen stets dazu. Unser Dasein bleibt von Anfang an bis zum Ende ein Warten. Wir warten immer. Worauf wir warten, ist letztendlich egal. Der Mensch ist, also wartet er. Soweit Beckett. Aktuell warten wir darauf, dass die Pandemie vorbeigeht, dass wir unsere Freiheit zurückerhalten, ungehindert und uneingeschränkt uns wieder bewegen können und dürfen. Wir wissen nicht, wann dies sein wird. Und nun kommt ein weiterer Begriff hinzu, den Beckett eng mit dem Warten verknüpfte. Es war das Hoffen. Uns ergeht es ähnlich. Wir blicken ängstlich oder erwartungsvoll auf Inzidenzen. Zahlen, die sich täglich bewegen. Darin lauert sowohl die Gefahr wie auch die Zuversicht. Das Warten wird erträglicher oder qualvoller. Ein Ende ist nicht abzusehen. Dazwischen gibt es Langeweile. Wladimir und Estragon beginnen mit grotesken Wortspielen. Als Theaterbesucher war man davon genervt, ähnlich wie wir es heute von den schnell überholten Aussagen der Politiker sind. Es fehlt ein Konzept. Alle wissen, es wird dringend benötigt, nur keiner weiß, wie es aussehen soll. Manche ersehnen deshalb eine starke Politikerpersönlichkeit herbei. Einer, der uns aus dieser Krise retten könnte. Gerne dürfte er auch Godot heißen. Nur dieser kam ja nie. So bleibt nur: warten.
(Michael Eschmann)
Michael Eschmann, geboren 1958 in Mannheim, ist ausgebildeter Buchhändler. Seit 1985 Veröffentlichungen in verschiedenen Medien, darunter zahlreiche Beiträge zur Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, mit den Schwerpunkten: Literatur und Kunst. Er betreibt in Griesheim bei Darmstadt ein Versandantiquariat. 2015 erfolgte die Veröffentlichung des ersten Theaterstücks „Dantons Tod in Weiterstadt“.