Pirckheimer-Blog

Johann Wolfgang Goethe: "Selige Sehnsucht". Der Großmeister der deutschsprachigen Dichtung der Neuzeit feierte heute seinen 274. Geburtstag. Das Gedicht gehört zu den schönsten, mithin größten Beispielen lyrischer Kunst in der abendländischen Dichtung. Die abgebildete Doppelseite des Texts entstammt der Erstausgabe des "West-östlichen Divan", erschienen 1819 in der Cottaischen Buchh. Stuttgart (die erweiterte Fassung erschien 1827).
Mo, 28.08.2023

„Selige Sehnsucht“, oder: JWG 274

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

(Johann Wolfgang von Goethe)

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