Pirckheimer-Blog

Blick auf die "Targi Plakatu", die größte Plakatmesse Polens, die am 4.12. in Warschau stattfand.
Plakat von Agata Małecka.
Plakat von Szymon Szymankiewicz.
Fr, 30.12.2022

Plakatmesse in Warschau

Am 4. Dezember 2022 fand die größte polnische Plakatmesse in Warschau statt. Zu der seit 2012 regelmäßig stattfindenden „Targi Plakatu“ versammelte sich die überwiegend junge Szene aus den Bereichen Grafik und Illustration im historischen Kaufhaus Jabłkowski. Über 130 Aussteller zeigten auf drei Etagen die neuesten Tendenzen in der polnischen Plakatgestaltung. Kuratiert wurde die Messe von Karla Kiepas und Małgorzata Piotrowska unter der Schirmherrschaft des Grafikers Andrzej Pągowski.

Die „Polnische Schule der Plakatkunst“ schaut auf eine lange Tradition zurück. Seit 1948 der Grafiker Henryk Tomaszewski auf der internationalen Postermesse in Wien prämiert wurde, wuchs die weltweite Anerkennung polnischer Plakate. Befreit von den kommerziellen Zwängen der Konsumwerbung auf der einen Seite und dem Druck der allgegenwärtigen politischen Zensur auf der anderen Seite, entstand im sozialistischen Nachkriegs-Polen eine auf Metaphorik und Expressivität bauende Ästhetik, die Motiv, Farbgebung und Schriftgestaltung gleichermaßen zu einer individuellen Bildsprache auf hohem Niveau verband.

Die Werke entstanden dabei überwiegend für Kino-, Theater- und Musikveranstaltungen. Aber auch die staatspolitische Agitation, ebenso wie die Protestbewegung der 1980er Jahre, fand ihren ikonischen Ausdruck in der Postergestaltung. Insbesondere die großen Namen der polnischen Plakatkunst der 1950er bis 1980er Jahre wie zum Beispiel Jan Lenica, Wiktor Górka, Janusz Stanny, Wojciech Fangor, Waldemar Świerzy, Barbara Baranowska und Jan Młodożeniec sind bis heute bei Sammlerinnen und Sammlern gefragt. Durch ein halbes Dutzend Galerien war diese ältere Generation mit ihren Arbeiten auch auf der aktuellen Postermesse vertreten und bildete in visueller Opulenz – vom Friedensfahrt-Motiv bis zum E.T.-Filmplakat – den designhistorischen Kontext, in dem sich die neue Generation präsentierte.

Die Jüngeren zeigten sich auf der diesjährigen Schau mit einer beeindruckenden Vielfalt individueller Gestaltungsansätze. Anschließend an das Formbewusstsein der Meister fielen untere anderem die Plakate von Agata Małecka mit ihrem fantasievollen Spiel aus Farbe, Form und Typografie auf. Als typische Vertreter der digitalen Illustration ließen sich Marta Róża Żak und Adam Kosik nennen, die ihre Motive überwiegend in der Architektur finden und diese in Sehnsuchtsmetaphern verwandeln. Allerlei Fauna und Flora bevölkern die farbenfrohen Gestaltungswelten von Magdalena Koźlicka und Natalia Oskiera. Die dekorative Grafik dominiert bei Paulina Adamowska mit ihren farbigen Abstraktionen von Interieursujets. Demgegenüber besticht der Designer und Buchgestalter Łukasz Piskorek mit minimalistischen Linienstrukturen, die zeitgenössischer Literatur ein modernes Erscheinungsbild geben.

Politische Motive fanden sich nur vereinzelt, hier aber in großer Themenbreite bei Szymon Szymankiewicz, der es mit seiner pointierten, piktogrammartigen Gestaltung bereits zu einiger Bekanntheit gebracht hat. Seine Poster sind in Polen aktuell auf vielen Demonstrationen zu sehen, wenn es um Antikriegsproteste, Frauenrechte, Queerthemen oder Kirchenkritik geht. Queere Themen dominieren auch die Arbeiten der Illustratorin Samsara, die in ihren neonfarbenen Kontrastwirkungen und mittels überbordender Staffage übliche Sehgewohnheiten herausfordert. Ähnlich prägnant sind die futuristisch-surrealen Kompositionen von Maciek Wolański. Die eher klassische Illustration findet sich bei Kamila Kozłowska, deren Arbeiten auch Stilmittel aus Mangas übernehmen oder bei Natalia Noszczyńska, die mit feinem Strich slawische Sagen in ihren Plakaten thematisiert.

Die hier Genannten können nur stellvertretend für die große Zahl qualitativer Gestaltungen auf der „Targi Plakatu“ stehen. Zur Vertiefung sei an dieser Stelle auf die Webseite der Messe verwiesen mit vielen Beispielen (www.targiplakatu.pl). Zum Einstieg kann auch die Buchreihe Plakaty des Bosz-Verlags empfohlen werden, die in kurzen Werkmonografien die wichtigsten Künstler und Künstlerinnen vorstellt. Und wer nicht bis zur nächsten Plakatmesse warten möchte, nehme kurzentschlossen den Weg in die Berliner Postergalerie „Pigasus“.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Warschau weiterhin das Mekka für Posterfans ist. Neben der Plakatmesse verdeutlichen auch die Internationale Biennale des Posters, das staatliche Plakatmuseum und die Vielzahl an Postergalerien in der Stadt den hohen Stellenwert, den die Plakatkunst in unserem Nachbarland weiterhin genießt.

(Sascha Fricke)

Dieser Blog enthält Informationen für die Pirckheimer-Gesellschaft und andere Bibliophile. Um in diesem Blog etwas zu veröffentlichen, können Sie Ihren Beitrag auch an blog@pirckheimer-gesellschaft.org senden. Falls es Probleme bei der Anzeige älterer Posts gibt, wechseln Sie bitte auf https://pirckheimer.blogspot.com.
(Alle Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt!)

Blog abonnieren