Pirckheimer-Blog

Peter Arlt

Do, 30.05.2024

Heinz Zander ist tot. | © by Stadtverwaltung Erfurt

Nachruf: Trauer um Heinz Zander

Heinz Zander (1939–2024), großer Maler und Grafiker der Leipziger Schule, der auch als Autor reüssierte, ist tot. Wie erst vor wenigen Tagen bekannt wurde, starb er am 15. Mai 2024 nach längerer Krankheit in Leipzig. Anlässlich seines im Herbst anstehenden 85. Geburtstags wird gerade eine umfangreiche Auswahl aus seinem den Mythologien und dem Realismus gleichsam verpflichteten Werk im Erfurter Angermuseum gezeigt (der Blog berichtete). Pirckheimer-Freund und Zander-Kenner Peter Arlt schrieb dazu im Neuen Deutschland. Von ihm stammt auch der in der gestrigen Ausgabe der Zeitung erschienene Nachruf. Die Ausstellung in Erfurt, die nun als Retrospektive zugleich zur Hommage wird, ist noch bis zum 28. Juli des Jahres zu sehen. Die Kunstwelt verliert mit dem Meister Heinz Zander einen akribisch-eigentümlich-einzigartigen Magier seiner Fächer.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Mo, 20.05.2024

Zanders Adaption des Apollon-und-Marsyas-Stoffs.
Heinz Zander trat als Maler, Grafiker, Autor hervor. 2024 wird der Vertreter der Leipziger Schule 85.
Angermuseum in Erfurt. | © Stadtverwaltung Erfurt
Blick in die Exposition. | © by Stadtverwaltung Erfurt

Erfurt: „Der den Bettel schleppt“

Das Angermuseum Erfurt zeigt Malereien und Grafiken des fantastischen Realisten Heinz Zander

Mit der Formel „moderne Kunst“ kann wenig von Kunst erfasst werden. Wie Künstler Schüler von vorangegangenen Künstlern geworden sind, nimmt Goethes Verständnis von Kunst in den Griff: „Es geht durch die ganze Kunst eine Filiation“. Was es heißt, sich als Künstler in die Tradition zu begeben, zeigt etwa ein Selbstbildnis Heinz Zanders (*1939) mit dem bekennenden Titel Selbst mit herbstlicher Palette als ein Schüler des Hyacinthe Rigaud, das sich in Privatbesitz befindet. In ihrer Traditionsbezogenheit und altmeisterlichen Virtuosität spottet Zanders Kunst der Schwemme an selbstreferentiellen und kurzzeitigen Innovationen „moderner Kunst“. Zander wurde von Grazien aus der Frührenaissance, dem Manierismus und dem Symbolismus besucht, von des Künstlers eigener Grazie lächelnd eingelassen. Mit der sich ständig erneuernden Imaginationskraft seiner Bildsprache, mit der prallen sinnlichen Präsenz der gestreckten und gebogenen Figuren, mit spannend inszeniertem Geschehen in leuchtenden Farben und einer faszinierenden Stofflichkeit der Dinge begeistert der Leipziger fantastische Realist, der in Wolfen geboren wurde, nach wie vor. 

1965 brachte der Kunsthistoriker Dieter Gleisberg im Lindenau-Museum von Altenburg Zanders „magisches Zauberspiel“ in der ersten Einzelausstellung zur Aufführung. Nun, anlässlich seines 85. Geburtstags, zeigt das Angermuseum Erfurt nun erstmals komplett die Malereien, Grafiken und Handzeichnungen von Heinz Zander, unter anderem das Bildnis Sonja Kehlers, das Selbstporträt von 1981 und Gebirgslandschaften. Keinem anderen Künstler der Leipziger Schule wurde vor 1989 in dieser Institution so viel Aufmerksamkeit und Wertschätzung zuteil wie Heinz Zander. Diesem Thema widmet sich Kuratorin Cornelia Nowak, die dem Katalog auch eine ausführliche Biografie mit fundierter Schaffensdarstellung beisteuerte. Wieder abgedruckt ist auch Hans Bruckschlegels Erläuterung Nicht mischen, sondern lasieren (1984) über die Maltechnik als Ausdruckswert von Zanders Malerei, ebenso Zanders Text Aus der Zeit der frühen Mütter. Theseus und Perseus (1982).

Die großartige Ausstellung, bereichert mit Bildern aus etlichen Orten und aus der Sammlung des Unterstützers Peter Thoms aus Mühlhausen, sowie der gewichtige Katalog würdigen Zanders Werk in den ersten Jahrzehnten seines Schaffens zu literarischen Stoffen von Johann Wolfgang Goethe, Thomas Mann (Dr. Faustus, 1964–1967) bis zu Bertolt Brecht (Anachronistischer Zug, 1984). Durch staatliche Aufträge befördert, spielten in Zanders Werk historische Ereignisse eine wichtige Rolle – etwa die Thüringer Bauernaufstände 1525 oder die unter dem Begriff Tolles Jahr von Erfurt in die Geschichte eingegangene Revolte der Stadtbevölkerung von Erfurt gegen ihre Ratsherren von 1509. Der Kunsthistoriker Thomas von Taschitzki erläutert außerdem die bildgewordene Opposition des Augustinermönchs Martin Luther gegen das Ablassunwesen. Da der große Reformator in der bereits 1525 evangelisch gewordenen Barfüßerkirche in Erfurt eine Predigt hielt, besitzt Heinz Zanders Luther-Triptychon zu dessen Biografie einen direkten Bezug.

Im Panorama-Museum von Bad Frankenhausen bewahrt Gerd Lindner einen umfangreichen Sammlungsbestand. Im Katalog untersucht er weitgreifend und tiefgründig Zanders Lebensfahrt, und auch, wie der Künstler den Ausdruck in gleichnishafter, antithetischer Verdichtung subtil steigert und die geistige Durchdringung gekonnt mit den Mitteln der Ironie zu verfeinern weiß. Der Autor dieses Textes führt an Theseus, Perseus und Kentauren Zanders innovativen Mythologiebezug vor, etwa wie Apollon mit feinem Messer den weiblichen Marsyas tranchiert und die textile Haut entfernt. „Das Literarische ist das Vornehmste in der Kunst“, so lautet ein Aphorismus Zanders, der nicht das literarische Schaffen an sich meint, das er ebenso beherrscht, sondern das Literarische in der bildenden Kunst. Darunter versteht Zander nie die „plumpe Abbildung eines vorgeschriebenen Gedankens“, sondern eine Bilddichtung in gestalthafter Sinnfindung. Demjenigen, der, vom Reinlichkeitsgedanken beschränkt, Literarisches in der bildenden Kunst für eine unerlaubte Mischung hält, entgeht etwas. Diese Haltung reicht als Kunstform bis weit ins Mittelalter zurück.

Bevor er ein Protagonist der gegenwärtigen realistischen Kunst in Europa wurde, begeisterte Heinz Zander bereits während des Studiums in Leipzig (1959–1964) und als Meisterschüler bei Fritz Cremer mit herausragender Leistung. Sogar der Lehrkörper in Leipzig ließ sich, über die Schulter dieses Studenten blickend, über Zeichenkunst belehren. Der Ausstellungsbesucher staunt: Etwa darüber, dass der, der den Bettel schleppt, doch glaubt, die Welt belehren zu können (in einem Gemälde von 1989), und ebenso über die Farbkunst ... – wie im schwarzen Grund Krapplack und Pariserblau schimmern. Die Ausstellung Heinz Zander. Zeit und Traum zum 85. Geburtstag des Meisters ist bis zum 28. Juli im Angermuseum Erfurt zu sehen, den Katalog gibt es für 30 Euro.

(Peter Arlt)

Fr, 12.01.2024

Zweimal Gothaer Kunst durch Ankäufe des Landes Thüringen und des Bundes geehrt: Thomas Offhaus und Bettina Schünemann. | © Thüringer Allgemeine

Ehrung für Bettina Schünemann und Thomas Offhaus aus Gotha

Zweimal Kunst aus Gotha erfuhr, wie Pirckheimer-Freund Peter Arlt mit Bezug auf einen Artikel der Thüringer Allgemeinen mitteilt, zum Ende des alten Jahres besondere Ehren: durch Ankäufe durch das Land und den Bund. Fürderhin werden auch die Blaue Andacht von Thomas Offhaus und Hara von Bettina Schünemann in bedeutenden Sammlungen des Freistaats wie der Republik in Berlin vertreten sein. Die Geehrten zeigten sich überrascht und erfreut, Offhaus zumal, bedeutet doch der Ankauf seines Holzdrucks in Kombination mit Öl letztlich das versöhnliche Ende eines persönlich ziemlich kräfteziehenden Jahres. Nun, 2024, möchte sich der Künstler, der in Erfurt wie in Gotha akademische Lehraufträge innehat, wieder vermehrt in die Arbeit stürzen. Und auch die Arbeit Bettina Schünemanns (Acryl, Graphit, Hämatit auf Leinwand) fand einen ehrenvollen Platz. Die Werke der Gothaer Künstler entstanden 2021 bzw. 2022. Die Kunst beider ist in diversen renommierten Sammlungen vertreten. Die Pirckheimer-Gesellschaft gratuliert den so Geehrten!

(André Schinkel/Pressemitteilung)

So, 22.10.2023

Das Konzert beim Pirckheimer-Jahrestreffen wurde durch die "Alternative 54" mit 450 Euro gefördert. Sascha Bilay (re.) überreicht hier den Scheck für die Veranstaltung an den stellvertretenden Vorstand der Gesellschaft, "Marginalien"-Chef Till Schröder.

Konzert in Gotha war gefördert

Kleiner Nachtrag und zugleich Vorausblick, die 50. Jahrestagung der Pirckheimer-Gesellschaft in Gotha im September betreffend: Das Konzert am Freitagabend des Wochenendes wurde durch die Initiative Alternative 54 mit 450 Euro gefördert, die Übergabe fand vor dem Ereignis selbst statt. Es erklangen unter dem Titel Eyn neues Lied wir heben an Melodien aus der Zeit des Namensgebers der Gesellschaft, Willibald Pirckheimer, die durch ihre feine Präsenz ein Filament in die Jetztzeit legten und so zu einem der vielen Höhepunkt des von Peter Arlt organisierten Treffens wurden. Es spielte Sabine Lindner aka Klara vom Querenberg auf der Harfe. Die Initiative wurde von PDS-Abgeordneten (heute: Die Linke) begründet, die einen Teil ihrer Diätenerhöhungen für kulturelle und andere förderwürdige Projekte spendet. Die Initiative ist für alle Fraktionen offen. Die Übergabe des Schecks nahm der Thüringer Landtagsabgeordnete Sascha Bilay vor. Die Pirckheimer danken für die Zuwendung. Ein ausführlicher Bericht zum Treffen erscheint in dem Marginalien, Heft 251.

(André Schinkel)

Do, 28.09.2023

Am 24.09.23 wurde in Gotha ein neuer Pirckheimer-Vorstand gewählt. Vorsitzender des Vorstands ist nun Matthias Haberzettl (li.), der auch weiterhin in der Mitgliederbetreuung aktiv bleibt. Neben ihm als neuer Schriftführer Robert Grieger, zuständig für Presse- und Projektbetreuung. Als stellvertretender Vorsitzender im Amt bestätigt wurde Till Schröder (2. v. re.); neu im Vorstand sind Hans Rabenbauer (re.) als Schatzmeister und gleichsam wie Haberzettl die Mitgliederbetreuung verantwortend sowie Daniel Reynolds (u.), ebenfalls Presse-/Projektbetreuung.

Grüße aus Gotha – Informationen zum Jahrestreffen 2023

Erfolgreiches Jahrestreffen und neuer Vorstand gewählt

Am Wochenende vom 22. bis 24. September fand das 50. Jahrestreffen der Gesellschaft in Gotha statt. Dies wurde durch Peter Arlt und die Thüringer Regionalgruppe organisiert, worüber wir sehr glücklich und dankbar sind; es gab ein volles und abwechslungsreiches Programm. Ein ausführlicher Bericht folgt demnächst im Blog und erscheint in den Marginalien im Dezember.

In diesem Jahr fand turnusgemäß die Wahl eines neuen Vorstands statt. Da mehrere Mitglieder des vorherigen Vorstands nicht mehr antraten, fand sich eine neue Konstellation, die kandidierte und einstimmig auf der Mitgliederversammlung am 24. September gewählt wurde. Nunmehr Vorsitzender des Vorstands ist der Mathematiker Matthias Haberzettl (Augsburg), dem bereits im Vorgängervorstand die Mitgliederbetreuung oblag und die er neben dem Vorsitz weiterhin begleitet. Im Amt als stellvertretender Vorsitzender bestätigt wurde der Journalist Till Schröder (Berlin). Neu im Vorstand sind der Betriebswirt Hans Rabenbauer (Bobingen) als Schatzmeister und ebenfalls die Mitgliederbetreuung verantwortend, der Projektmanager Robert Grieger (Berlin) als Schriftführer, zuständig für Presse- und Projektbetreuung, und der Designhistoriker und Schriftgestalter Daniel Reynolds (Krefeld), ebenfalls für die Presse- und Projektbetreuung.

Die Pirckheimer-Gesellschaft bedankt sich bei den ausgeschiedenen Mitgliedern des Vorstands von ganzem Herzen. Unser Dank gilt dem langjährigen Vorsitzenden Ralph Aepler (2015–2023), dem Schriftführer und Messeorganisator Ralf Wege (2015–2023), dem Schatzmeister Thilo Berkenbusch (2020–2023) und der Mitgliederbetreuerin Jutta Osterhof (2015–2023). Ohne sie alle stünde die Gesellschaft nicht da, wo sie heute ist. Dieser Dank gilt selbstverständlich auch allen Unterstützern, aktiven Mitstreitern und den Regionalgruppen unserer Gesellschaft.

Auf der Mitgliederversammlung wurde außerdem ein neues Beitragsmodell verabschiedet. Seit 2010 konnten wir den Beitrag 13 Jahre lang stabil halten. Angesichts der sprunghaften Teuerung vor allem bei Papier, Druck und Versand für die Marginalien in den letzten zwei Jahren kommt die Gesellschaft um eine Erhöhung nun nicht mehr herum, will sie die Qualität der Zeitschrift und Grafikbeilagen nicht gefährden, die von großer Strahlkraft für die Pirckheimer und darüber hinaus sind. Nach einem regen Austausch über Bedenken, Möglich- und Notwendigkeiten wurde das erarbeitete und vorgestellte Beitragskonzept des Vorstandes bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung angenommen. Dieses Beitragsmodell findet ab 01.01.2024 seine Gültigkeit. Vollmitglieder (Inland) zahlen nunmehr 115 Euro, Vollmitglieder (Ausland) 130 Euro, Institutionen (Inland) 170 Euro, Institutionen (Ausland) 185 Euro. Bei Junioren, Familienmitgliedern und Unterstützern ändert sich nichts. Hier kann die bisherige Beitragshöhe gehalten werden: Junior (Inland) 30 Euro, Junior (Ausland) 45 Euro, Familienmitglied 15 Euro, Unterstützer 20 Euro. Die Erhöhung für Vollmitglieder ist merklich, aber abgewogen. Monatlich gesehen entspricht das etwas über 2 Euro Mehraufwand – der Preis einer Tasse Kaffee.

Das nächste Treffen steht bereits an: Wir freuen uns auf den Besuch von Magdeburg in 2024. Und darüber hinaus auch auf 2025: Denn die Versammlung folgte dem Vorschlag eines Mitgliedes, das übernächste Treffen in Hannover zu organisieren. 

(Der Vorstand)

Di, 19.09.2023

Schloss Friedenstein, Blick zur Ostseite, wo sich die Forschungsbibliothek befindet. | © Peter Arlt
Die Jubiläumsausgabe 250 der "Marginalien" – hier samt originaler Grafik-Beilage, dem Kupferstich "Il bulino" vom Meister Baldwin Zettl. | © Till Schröder
Plakate künden schon vom großen Ereignis: dem 50. Pirckheimer-Jahrestreffen in Gotha. | © Peter Arlt

In Gotha: Von Dürer bis Theremin

50. Jubiläumstreffen der Pirckheimer-Gesellschaft in Gotha

Im Januar 1957 erschien im Ostteil Berlins ein unscheinbares Heftchen von 16 Seiten Umfang: Marginalien – Blätter der Pirckheimer-Gesellschaft. Was sich da um „Buchmenschen“ wie Wieland Herzfelde, Arnold Zweig und Werner Klemke gegründet hatte, war eine kleine Sensation: ein Hort für Büchersammler, Grafik- und Exlibrisfreunde, kurz – für Bibliophile. Ein Wort und eine Tradition, die die junge DDR eigentlich als vermeintlichen Auswuchs bürgerlichen Dünkels ablehnte. Es erwuchs eine Buchkunst fördernde Gemeinschaft aus heute über 600 Mitgliedern mit lebendigen Regionalgruppen, Jahrestreffen, Buchpublikationen, Grafikeditionen und immer noch den quartalsweise erscheinenden Marginalien, mittlerweile pro Ausgabe 128 Seiten und eine Originalgrafik zeitgenössischer Künstler umfassend, mit einer gesamtdeutschen Redaktion.

In Gotha nun trifft sich die Gesellschaft vom 22. bis 24. September zu einem Jubiläum. Die Bücherfreunde feiern ihr 50. Jahrestreffen. Nicht ohne Grund in Gotha: Einer ihrer Mitgründer, Max Frank, war in den 1960er Jahren Direktor der Forschungsbibliothek Gotha, und schon in eben jener Auftaktausgabe der Marginalien stellte man anlässlich der sowjetischen Rückgabe der Kriegsbestände nach Thüringen eine Vermutung an: „Ihrem Charakter nach wird die Gothaer Bibliothek Schwerpunktaufgaben übernehmen, die weder in der Deutschen Demokratischen Republik noch in der Bundesrepublik gepflegt wurden. Sie wird einen Typ erneuern, der bisher als abgetan galt: die Gelehrtenbibliothek.“ Wie steht es denn nun um diese „Gelehrtenbibliothek“ 66 Jahre später? Dieser Frage gehen die Teilnehmer des Treffens unter anderem nach. Die Bibliothek öffnet exklusiv ihre Türen zu Schätzen wie orientalischen Handschriften islamischer Gelehrsamkeit, mittelalterlich illuminierten Handschriften, seinem UNESCO-gefeierten Weltdokumentenerbe.

Auf dem Programm steht noch mehr: Mit einem Harfen-Konzert in der Schlosskirche tauchen Besucher am Freitag, dem 22.9., ein in die Musik der Zeit Willibald Pirckheimers, Namenspatron der Gesellschaft. Der Nürnberger Humanist und Büchersammler war ein enger Freund Albrecht Dürers. Dass dieser Pirckheimer mehrfach porträtierte, zeigen Kupferstiche im Spiegelsaal des Schlosses, die dort Kupferstichen von Baldwin Zettl begegnen. Der Künstler Thomas Offhaus stellt im Kunstforum seine exklusiv für das Treffen geschaffene Grafik vor, unter anderem mit einer Performance am Theremin, dem sphärisch-klingenden Avantgarde-Instrument der 1920er Jahre, vielen nur noch aus Soundtracks utopischer Filme ein Begriff. Die Teilnehmer durchstreifen die Gothaer Altstadt, begrüßt und geführt durch Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch.

Zwei weitere Programmpunkte sind offen für jeden Interessierten: Am Samstag, dem 23.9. um 14.30 Uhr eröffnet der Gothaer Professor Peter Arlt die von ihm kuratierte Ausstellung originalgrafischer Neujahrsgrüße im Spiegelsaal von Schloss Friedenstein mit Grafiken von Künstlern wie Klaus Süß, Egbert Herfurth oder Hans Ticha. Und im Anschluss führen ab 15.30 Uhr der Darmstädter Physik-Professor Norbert Grewe und seine Frau Christiane im Vortrag durch ihre in 50 Jahren entstandene gemeinsame Sammlung an Buchkunst von Jugendstilillustration über Künstlerbücher und Pressendrucken bis Science-Fiction. Für Pirckheimer sind Bücher nicht nur Wissensspeicher. Sie sind auch Zeugen – von Epochen, Haltungen, Gestaltungsmoden und Vorbesitzern. Bücher atmen lebendige Geschichte. Die Pirckheimer lieben Bücher genau aus diesen Gründen. Eine lebendige Gesellschaft von Kunstinteressierten feiert in Gotha Wirkung und Ästhetik des Buchs in Zeiten digitalen Wandels. Mehr zu Programm und Teilnahmebedingungen für die Tagung finden sich auf der Webseite der Pirckheimer: www.pirckheimer-gesellschaft.org.

(Till Schröder)

Fr, 15.09.2023

Die Jubiläumsausgabe 250 der "Marginalien" – hier samt originaler Grafik-Beilage, dem Kupferstich "Il bulino" vom Meister Baldwin Zettl. | © Till Schröder

Marginalien: Heft 250 erschienen

Pünktlich im Vorfeld des 50. Jahrestreffens der Pirckheimer-Gesellschaft in Gotha ist es da: das Jubiläumsheft der Marginalien, der Pirckheimer-Zeitschrift, die nun auf sage und schreibe 250 Ausgaben zurückblickt. Erstmals 1957 erschien, gibt es das Organ der Gesellschaft seit nunmehr 66 Jahren, in einer Epoche des großen Zeitschriften-Sterbens ist das ein triftiger Beweis für die Notwendigkeit des vierteljährlichen Hinweisens auf alles Schöne, was sich mit dem Phänomen des Büchersammelns verbindet, und reiht das Journal für Buchkunst und Bibliophilie in die Phalanx der langlebigen und wichtigen Fachzeitschriften dieses Landes ein; auf einem so aufregenden wie hochspeziellen Gebiet zumal. Seit 2017 arbeitet die Redaktion der Marginalien unter der Ägide von Till Schröder deutschlandweit; und auch für das Jubilate-Heft ist auf diese Weise in der Tat einiges Erstaunliches zusammengekommen. Schon auf der Vorderklappe begrüßt den Bibliophilen eine Vignette von PG-Gründungsmitglied Werner Klemke, das Wesen des Büchernarren in treffender und zärtlicher Weise erfassend. Die typografische Beilage bringt drei Begegnungen im Atelier von Lothar Lang, ihn zugleich postum zum 95. Geburtstag würdigend. Mit dem Rückblick Wie man zu seinen Büchern kommt bringt das Heft einen Nachlasstext von Klaus Walther, eingereiht in den thematisch weitgespannten Reigen der Aufsätze, Exegesen, Artikel von u. a. von Peter Arlt, Sigrid Bresler, Matthias Wehry und Jürgen Engler. Till Schröder steuert ein Komplett-Verzeichnis der originalgrafischen Beilagen der Zeitschriftsgeschichte bei. Und auch diese ist für das 250. Heft ganz besonders und gleichsam mit einem Jubiläum verbunden: dem meisterlichen Stich Il bulino von Baldwin Zettl, dem wiederum Redaktionsmitglied Jens-Fietje Dwars zum 80. gratuliert und dankt. Die Ausgabe enthält außerdem im ABC der Druckkunst einen weiteren Beitrag, der sich dem Siebdruck widmet, sowie im Serviceteil eine illustre Folge Rezensionen sowie Nachrichten und Neuigkeiten für den Bücherfreund. Was bleibt noch zu sagen ...? Auf die nächsten 250 Hefte!

(André Schinkel)

Mi, 02.08.2023

Soeben erschienen: Der "Hamburger Bothe" Nr. 17.

Hamburger Bothe 17 erschienen

Die neueste Ausgabe des Hamburger Bothen, der Post für bibliophile Leser und Sammler, die seit 2020 von Rudolf Angeli und Peter Engel in der Metropole an der Elbe herausgegeben wird und mittlerweile im gesamten deutschsprachigen Raum Interessierte mit bibliophilen Einblicken und Berichten sowie in jeder Nummer auch mit neuesten literarischen Texten versorgt, ist soeben für den August erschienen. Peter Engel zeigt in seinem Editorial auch zugleich eine neue Rubrik an: den Werkstattbericht, den für das aktuelle Heft Klaus Waschk, dem Verlag Angeli & Engel, in dem in Kürze ein zweites Buch von ihm erscheint, eng verbunden, beisteuert. Weiterhin berichtet Abel Doering, seit kurzem neuer Vorsitzender des Berliner Bibliophilen Abends, von der überaus wechselhaften Geschichte der Berliner Bibliophilen und gibt im Heft auch gleich die Bibliophile Empfehlung. Und Peter Arlt schreibt in seinem Flugbericht des Ikaros vom Weiterleben der Mythen in der Kunst der DDR und der Fortsetzung dieser künstlerischen, motivischen Tradition bis in die Gegenwart. In der Autorenrubrik stellt sich Herbert Hindringer, Träger des Hamburger Literaturpreises für 2022, mit drei Texten (Erstes Gedicht nach dem Tod meines Vaters, _lückselig und Grüß Göttin) sowie einem kleinen Selbstporträt vor. Seine beiden bekanntesten Bücher sind: Distanzschule (2007 bei yedermann) und quasi sympatrisch Nähekurs (2012 bei Fixpoetry erschienen). Der gebürtige Passauer, heute Hamburger Autor liest im Übrigen am 11. Oktober um 19 Uhr im Säulenkeller der Patriotischen Gesellschaft (Trostbrücke 4, 20457 Hamburg), der Eintritt zur Veranstaltung ist frei. Der Hamburger Bothe erscheint monatlich digital und kann auf besondere Anfrage auch postalisch versandt werden, die vorliegende ist bereits die 17. Ausgabe; Kontakt zu den Herausgebern und zur Anforderung besteht über die Mailadresse Rudolf_Angeli@web.de

(André Schinkel)

Fr, 23.06.2023

Soeben erschienen: Heft 249 der "Marginalien", hier incl. der Grafik von K.-G. Hirsch. | © Till Schröder

Marginalien 249 erschienen

Aufbruch, Neuvorlage, Wiederholung: Das Beginnen, das Neuanfangen ... und der Umgang damit stehen, wie Chefredakteur Till Schröder bereits im Editorial der druckfrischen Ausgabe 249 der Marginalien hinweist, manchmal gewollt, zuweilen unfreiwillig als Motto und Tenor über vielen Aufsätzen, Rezensionen und sonstigen Beiträgen des 2023er Sommer-Heftes der Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophile der Pirckheimer-Gesellschaft. Ernst Falk untersucht den Werdegang der Petersburg Press, während Rainer Stamm den Spuren Kurt Freyers von Berlin nach Israel folgt und Renate Reschke Kunst und Verdienste Ruth Tesmars würdigt. Als Fundsache präsentiert Roland Jaeger die wechselvolle Historie des foto-auges, und Harald Kretzschmar schreibt im ABC der Druckkunst über seine Passion für den Siebdruck. Jens-Fietje Dwars beleuchtet in seinem Nachruf die große Wirkung und Nachwirkung der publizistischen Arbeit (Außer der Reihe, Janus Press) von Gerhard Wolf, der im Februar dieses Jahres starb. Auch der Rezensionsteil ist mit Norbert Grewe, Elke Lang, Ernst Braun, Jürgen Engler und Ekkehard Schulreich kenntnisvoll und hochkarätig besetzt. Es wird zum 50. Jahrestreffen der Pirckheimer, das vom 22. bis 24.09. unter der organisatorischen Obhut von Peter Arlt in Gotha stattfinden wird, geladen. Als originalgrafischer Bonus kommt der Holzschnitt Engel von Karl-Georg Hirsch zu den Mitgliedern der Gesellschaft. Mit Gerhard Rechlin ehrt ein jahrzehntelanger Sammer und Kenner den Meister Hirsch zudem zum 85. Geburtstag mit der Bibliografie des buchgrafischen Werks KGHs von 2008 bis 2022. Ja, und da das Faible für Hirschens Kunst ungebrochen groß ist, steht sie auch online auf dieser Seite allen Interessierten und den akribischen Sammlern und Freunden des Grafikers hier zur Verfügung.

(André Schinkel)

Mi, 07.06.2023

Udjat- oder Horus-Auge samt Freimaurer-Insignien.
Im Museum ausgestellt: Johann Joachim Kändlers "Zwei Freimaurer am Globus", Porzellan, etwa 1744. | © Deutsches Freimaurermuseum e. V., Bayreuth

Freimaurer-Ausstellung in Gotha

Seit dem 23. April und noch bis zum 15. Oktober wird im Gothaer Herzoglichen Museum die Sonderausstellung Freimaurer und Mysterien Ägyptens in Gotha gezeigt. Geheimbünde wie die Freimaurer umgibt ein mythischer Schleier, sie liefern den Stoff für Bestseller und Blockbuster. Die große Ausstellung lüpft diesen Schleier ein wenig und widmet sich der Freimaurerei und dem Illuminatenorden in Gotha während der Regentschaft Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Darüber hinaus nimmt sie die Mysterienkultur des Alten Ägyptens in den Blick. In der Schau sind eine Vielzahl originaler Objekte aus dem Umkreis der Freimaurerei zu sehen, die in ihrer Faszination für das Altägyptische sowohl Aufklärung als auch die Beschäftigung mit geheimem Wissen betrieb. Herzog Ernst II. war seit 1774 Mitglied der Freimaurerloge „Zum Rautenkranz“ und von 1775 bis 1777 Landes-Großmeister der Großen Landesloge von Deutschland. Die Ausstellung gibt Einblicke in die bedeutungsvolle frühe Phase der Freimaurerei in Thüringen: Bereits 1741 wurde sie von der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“ begründet, der Ort der ersten freimaurerischen Arbeit war Schloss Molsdorf. Die Ausstellung, die auch noch zu sehen sein wird, wenn vom 22. bis 24. September 2023 das Jahrestreffen der Pirckheimer-Gesellschaft in der Residenzstadt stattfindet, ist täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt: 8 (ermäßigt 4) Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Pirckheimer-Freund und der Organisator des Jahrestreffens vor Ort, Peter Arlt, hat zur Schau einen so aufschlussreichen wie tief schauenden Artikel veröffentlicht, er ist auf der Webseite des Neuen Deutschland einzusehen.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Mi, 01.02.2023

Clemens Gröszer, "Bildnis Anne-Kathrin Bürger", 2010/2012, Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 65 cm, | © VG Bild-Kunst, Bonn 2022.
Clemens Gröszer, "Kreuzigungsfragment (Dresdner Altar)", 1984/2004, Mischtechnik auf Hartfaser, 109,5 x 196 cm, | © VG Bild-Kunst, Bonn 2022.
Clemens Gröszer: "Marin a cholie XIII", 2013, Mischtechnik auf MDF-Platte, 175 x 80 cm | © VG Bild-Kunst, Bonn 2022.
Clemens Gröszer: "Selbst mit M. á. C.", 2011, Mischtechnik auf Leinwand, 50 x 40 cm | © VG Bild-Kunst, Bonn 2022.

El Gordo auf dem Rummel

Im Angermuseum Erfurt sind bis zum 05.03. 130 Arbeiten aus Clemens Gröszers Nachlass  zu sehen

Im Begrüßungsbild von einem Rummelplatz fährt Der Driver (Selbst) (1985–2001) dem Besucher der Ausstellung Clemens Gröszer. Magie der Wirklichkeit im Autoscooter entgegen. Ein Spielzeug für Größere, ein menschlich gelenkter technischer Apparat aus Mann und Auto – ein wenig erinnert das an die romantische Liebe E.T.A. Hoffmanns zu den mechanischen Lebewesen. Über dem Vehikel sprühen wie ein Feuerwerk Elektrofunken vom Gitter der Oberleitung. Die Zigarette hängt lässig im Mund des Fahrers, sein Schlips fliegt. Ein anderes Gefährt steckt sinnbildlich in der Ecke, und der Rempler am Heck eines weiteren bleibt wegen des umlaufenden Gummiringes unbeachtet. Der Künstler genießt das Volksvergnügen in der freudvollen Bewegung ohne Ziel. Seinen nachdenklichen Blick in die Ferne zeigt er unter einem instabilen Gerüst auch als El Gordo (1983–1986). So preist er sich selbstironisch nach der spanischen Lotterie als Hauptgewinn, umgangssprachlich „der Dicke“.

Als Zigarettenraucher – wie ihn viele Selbstporträts zeigen – hat sich Clemens Gröszer ein Sicherheitsholz aus Riesa entzündet. Mit klaren Augen erblickt er alles ernst und kritisch, besonders in der Kaltnadelradierung Selbst (1980), deren expressionistischer Zugriff das eigene Selbstbildnis mit dem Konterfei von Karl Schmidt-Rottluff, Conrad Felixmüller und Max Beckmann verbindet. Als Gröszer (1951–2014) mit 21Jahren an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zu studieren begann, endeten die „stürmischen Sechziger mit ihrer festen Hoffnung auf die Zukunft“ (G.G.Dadamjan), die sich in dem irrealen Vertrauen auf die rationale und planmäßige Steuerung nationaler wie internationaler Prozesse gründeten. Zeitgleich gab es weltweit einen ähnlich gerichteten Realismus. Die gewohnte Abstraktion war für manche stickig.

Von der Documenta5, 1972, die zentral mit John De Andrea und Cluck Close „Hyperrealismus“ zeigte und „individuelle Mythologien“ feierte, brach ein frischer Wind in die Kunstgefilde. Zwischen den realistischen Strömungen im Osten und im Westen, vor allem in den USA, gab es Wechselwirkungen. Sie traten der Offenheit des „Anything goes“ von lauter nichtssagenden Endpunkten entgegen mit einer herausfordernden Ästhetik des Widerstands. In Gröszers Gemälde Réunion (2007) versammeln sich dreizehn Vertreter der östlichen Strömung zum sinnlichen Abendmahl um eine aufgebahrte lebendige Schöne. Darunter die Gruppe „neon-real“, Clemens Gröszer, Rolf Biebl und Harald Schulze sowie auch der Dichter Karl Mickel und der Kunstwissenschaftler Matthias Flügge, der sah, wie „neon-real“ sich gegen die Herumschluderei der „genialen Dilettanten auf die altmeisterliche Lasurtechnik besannen, die Perfektion verlangt“.

Alltagsbezogene Bilderwelten, die Befragung der Realität und intensive Erbebeziehungen zur Renaissance, zum Verismus (Dix, Grosz) und Magischen Realismus sind programmatisch für Gröszers Werk. Sein Statement „Die Magie der Wirklichkeit genügt mir, daran meine Malerei zu entzünden“ steht der Ausstellung mit 130Arbeiten aus dem Berliner Nachlass voran. Wie sich seine Kunst an der unmittelbaren Begegnung entzündet hat, zeigen Farbstudien von der Toten Blauracke (2011) – oder die sehr konkret gezeichneten Geschlechtsorgane. Gröszers nackte Modelle sind schön und hässlich. Der unmittelbar sinnlichen Begegnung folgt die zu Kunstwerken anderer, die der Maler liebt.

Manche Motive tauchen als stilistisch authentische Versatzstücke in seinen Bildern auf und bringen im veränderten Zusammenhang neue Sinnschichten hervor, so im Kreuzigungsfragment (Dresdner Altar) (1984–2004), wo im Mittelteil das Kreuzigungsmotiv von Matthias Grünewald adaptiert ist und auf der rechten Tafel das Motiv einer nackten Frau. Deren Brustrose wird von einer anderen Nackten mit den Fingern gelost – eine Referenz auf das berühmte Gemälde Gabrielle d’Estrées mit ihrer Schwester, der Herzogin von Villars (1594) des anonymen Malers der Schule von Fontainebleau. Auf einer anderen Leinwand wird eine Hure mit aufgedonnertem Make-up und langstrümpfig erotisierten schlanken Beinen zur Versuchung (1979/1989); sie will in tangagesteigerter Nacktheit den Antonius aus der Askese locken. 

Außerdem zu sehen sind schön gemalte Porträts abschätzender, selbstbewusster, kluger Frauen wie das der Schauspielerin Bildnis Anne-Kathrin Bürger (2010/2012) sowie von dem Mädchen Rosa mit Spielzeug (1982), das wie eine Erwachsene ernst genommen wird und dessen Spielzeug auf vielseitige Interessen – von Natur zu Technik, von Mathematik zu Fantasie – schließen lässt. Gemalt in Mischtechnik auf Leinwand, deren Geheimnisse Gröszer von seinem Lehrer Kurt Robbel vermittelt wurden. Eine Bereicherung erfährt diese Technik durch collagierte Teile, so etwa beim Bildnis des Friseurs Frank Schäfer (1999): Schmuckbesät, mit unedlen steinbesetzten Ringen an jedem Finger, mit unzähligen Ketten, Reifen und Piercings, einer Schraube durch den Nasenflügel, doch mit Kreuz und dem Tattoo „Lämmchen“, wird der DDR-Kultfriseur scherzhaft als Jesuslein dargestellt.

Gröszer verlässt zuweilen die figurative Motivwelt, kommt aber immer zu ihr zurück. Herausragend sind die Melancholie-Bilder. Ein Protomotiv dafür war die Zeichnung Marina, 4.12.1981, Bleistift auf Karton: Eine Frau sitzt mit übergeschlagenen Beinen und hochgehaltenen, angewinkelten Armen auf einem Schemel. Sie wurde zu Marin á cholie und weist auf ein anderes Lieblingsmotiv aus dem Bild Kreidefelsen auf Rügen, 1818/1819, von Caspar David Friedrich. In anderen Farben ergibt sich über den stufigen Kreidefelsen, die Große Stubbenkammer auf Rügen, ein grandioser Blick auf die blendend weiße Umfassung des Meeres in parabolischer Form, ein Lebenssymbol, Friedrichs Kunst entnommen.

Eine fast nackte Frau, erotisch riemenbekleidet, sitzt in wiederkehrenden Varianten von Malerei und Grafik bekrönt von einer mitraähnlichen Kauftüte, die das Konsumdenken erhebt und bildhaft die Umkehr der Werte in dieser Zeit klärt. In der Lithografie M. A. C ., Melancholia XII, 2008, balanciert eine Hand über drei Fingerspitzen eine Glaskugel, wie ohne Berührung, als hielte ihr Blick sie magisch. In der Glaskugel ist die Welt verdreht und verzerrt reflektiert, in sie zu schauen, heißt, auf eine sehr fragliche Auskunft zu hoffen. Das Gegenteil zur Welterschließung mit Malstock und mit Maßstab, die über der Kugel liegen und wie der Zirkel bei Dürer die rationale Erkenntnis symbolisieren. Albrecht Dürer führte mit dem Kupferstich Melencolia I Gröszer zur Fledermaus. 

Bei Gröszer im Aquarell von 2004 eine lebendige zahnzeigende, dagegen bei Dürer die Fledermaus als Symbol der Nacht. In neuer Vergegenwärtigung finden wir bei Gröszer aus Dürers Bemühung um die Abbildungsmethode der Perspektive und um die Lösung geometrischer Probleme den behauenen Steinblock, einen zwölfeckigen Polyeder – mit der Erkenntnis: Das Unendliche „kann man mit der Hand nit machen ... Das faßt allein der Verstand“. Und mit Leiter, Turmbau und rollender Kugel stoßen wir auf das immerwährende Problem: Wer die alten Erkenntnisweisen benutzt, stößt auf deren Grenzen, und die Begrenztheit unseres Strebens ruft in uns Melancholie hervor. 

(Peter Arlt)

Di, 17.01.2023

Im ehrwürdigen Gotha (hier: Schloss Friedenstein) findet vom 22. bis 24. September das Jahrestreffen 2023 der Pirckheimer-Gesellschaft statt.

Jahrestreffen der Pirckheimer-Gesellschaft 2023 in Gotha

Nach der letzten Zusammenkunft in Oldenburg 2022 empfängt dieses Jahr die Pirckheimer das thüringische Gotha. Vom 22. bis 24. September feiern wir in der alten Residenzstadt ein Jubiläum: Es ist das 50. Jahrestreffen unserer Gesellschaft, organisiert durch Peter Arlt. Das erste Treffen dieser Art fand 1972 in Dresden statt. Gotha bietet Führungen durch die Forschungsbibliothek Gotha, eine musikalische Reise in der Schlosskirche zu Willibald Pirckheimer und seinen Zeitgenossen mit Sabine Lindner, Bildende Kunst und Musik von Thomas Offhaus, eine Ausstellung im Spiegelsaal mit Neujahrsgrafiken aus fünf Jahrzehnten der Sammlung Peter Arlt, und auch das Sammlerpaar Christiane und Norbert Grewe gibt im Vortrag und Gespräch Einblicke in ihre Buch- und Grafikschätze. Das endgültige Programm und die Modalitäten der Anmeldung werden bis zum Frühsommer auf der Internetseite der Pirckheimer und in Heft 249 (Ausgabe 2023/2) der Marginalien, der Zeitschrift unserer Gesellschaft, veröffentlicht. 

(Till Schröder)

Mo, 16.01.2023

P.F. 2023: Neujahrsgruß von der Kurischen Nehrung.

P.F. 2023: Landschaftsidyll Kurische Nehrung

Die Klarheit des Horizontes schneidet linealgerade das Meer vom Himmel. Dort münden zugleich die sanft und strophisch sich reimenden Dünen. Das blaue Himmelsfenster, von grauen Wolkengardinen freigezogen. In den Strand modelten Wasser und Wind Erhebungen und Vertiefungen, wie Rippel auf dem Waschbrett. Wellen zeichneten in den Sand kaum erkennbare Muster schwankender Amplituden. Alle Bewegungen sind in Landschaftsstrukturen gefasst. Keines Menschen Fuß wurde in sie gesetzt. Nur Fahrspuren vor den Dünen melden menschliche Aktivität. Ein zarter Wellengang schmirgelt sanft des Sandstrandes Glattheit. In flachen Kurven wird das breite besonnte Ufer durchflossen und umspült, in spiegelnden weiten Bögen, wie aus der hyperbolischen Geometrie Caspar David Friedrichs hergezaubert zur Schönheit ruhiger Regung und zur Deutlichkeit der Ratio mit einer Harmonie sondergleichen.

(Mit Sehnsucht nach schöner Regung und Frieden und Harmonie: Peter Arlt)

Di, 13.07.2021

"Bildschirmfoto" von Peter Arlt

100. GEBURTSTAG VON WILLI SITTE (3)

Der Mitteldeutsche Rundfunk berichtete in der Sendung mdr um 11 am 12. Juli über die Ausstellung zu Ehren des Künstlers Willi Sitte in Merseburg - "ein Kraftakt für den Förderverein. Denn die Willi-Sitte-Stiftung ist insolvent."
Hier geht es zum Gespräch mit dem Pirckheimer und Kurator der Ausstellung Prof. Peter Arlt.

Und im ND schreibt Hendrik Lasch über unter dem Titel Merseburger Küchenrunde über diese Ausstellung.

So, 11.07.2021

Eine Vision trägt einen Menschen durchs ganze Leben

... ist ein Interview von Peter Michel mit dem Pirckheimer Peter Arlt in der heutigen junge Welt-Wochenendausgabe überschrieben. Das Gespräch der beiden Kunstwissenschaftler trägt den Untertitel »Über 100 Jahre Willi Sitte, die Wahrheitsfunktion der Kunst, neue Zeiten für Ikarus und eine Hommage an den Realismus« und fand aus Anlass der Eröffnung der Ausstellung »Merseburger Sprüche und Sprünge« in der Merseburger Sitte-Galerie für realistische Kunst statt.

Peter Michel beginnt das Interview mit der Feststellung: "[Die Ausstellung] ... wurde von Ihnen langfristig und mit hohem Anspruch kuratiert, 160 Werke von 83 Künstlern werden dort bis zum 9. Januar 2022 zu sehen sein. Ab 3. Oktober 2021 zeigt das Kunst­museum Moritzburg in Halle (Saale) eine große Retrospektive aus dem Lebenswerk Willi Sittes. Beide Ausstellungen laufen dann parallel." und fragt Peter Arlt dann »Was hat Sie bewogen, der Ausstellung einen solchen Titel zu geben?
"Die erste Zauberformel der »Merseburger Zaubersprüche« heißt im Neuhochdeutschen: »Entspring den Haftbanden, entfahr den Feinden!« Auf die realistischen Künstler übertragen, bedeutet das, den Gängelbändern des Kunsthandels und der Kunstpolitik zu entkommen und mit dem Robert-Musil-Harald-Metzkes-Spruch »Der Realismus ist wie das Gras, das, niedergetreten wieder aufsteht« die Kraft der Visualität zu finden, im eigenen Sinn und Stil zu entfalten und der Realismusgemeinschaft beizufügen."

Es folgt eine Einblick in die Realismustheorie mit dem Fokus auf das Schaffen von Willi Sitte und gut 80 weiteren DDR-Künstlern, deren Beitrag zum Realismus mit der Ausstellung gewürdigt wird.

junge Welt, 10. / 11. Juli 2021, Nr. 157