Pirckheimer-Blog

Norbert Grewe

Fr, 05.08.2022

Vordercover der von Klaus Ensikat gestalteten Ausgabe
Doppelseite samt Illustration von Horus Engels in der Ausgabe von 1957
Schuber und Einband der Houghton-Mifflin-Ausgabe

Bibliophiles des Monats: Kleiner Hobbit

Wer im Internet nach Exemplaren des neben Der Herr der Ringe bekanntesten phantastischen Romans Der kleine Hobbit des akademischen Autors J. R. R. Tolkien sucht, wird bei den deutschen Ausgaben, neben Erzeugnissen der eigens für dieses Genre im Ernst Klett Verlag gegründeten Hobbit-Presse, zunächst auf das 1971 im Georg Bitter Verlag erschienene Buch treffen, welches von Klaus Ensikat in markanten Bildern illustriert wurde. 

Weniger bekannt ist geworden, dass die erste deutsche Übersetzung dieses in England schon 1937 publizierten phantastischen Märchens bereits 1957 im Recklinghausener Paulus Verlag unter dem Titel Kleiner Hobbit und der große Zauberer erschienen ist. Dieses in gelbes Leinen mit kleiner Deckelvignette gebundene und mit einem in weiß-blauen Farben bebilderten Schutzumschlag umkleidete Buch im Format 19,3 x 13,2 cm findet man tatsächlich nur recht selten, und es wird von Sammlern sehr gesucht.

Horus Engels hat den Umschlag und viele Federzeichnungen für den Textblock entworfen, welche mit schwarzen Teilflächen akzentuiert sind und insgesamt einen kindgerechten Stil pflegen. Satz und Druck wurden von W. Bitter besorgt, und es liegt nahe, dass die spätere Ausgabe im Georg Bitter Verlag, der auch in Recklinghausen beheimatet ist, darauf zurückgeht. Diese ist opulenter gestaltet, im größeren Format 22,1 x 15,2 cm als weißer Leinenband mit ornamental verzierter Deckelschrift und einem Schutzumschlag mit buntem Vollbild von Ensikat, und besitzt außerdem als Vorsatz eine Landkarte mit den Orten der Handlung.

Auch den in England oder den USA erschienenen Ausgaben des The Hobbit or There and Back Again ist meist Kartenmaterial beigegeben, das aber dekorativer ausgestaltet ist und auf Bildelemente von Tolkien selbst zurückgeht. In einer 1966 von der Houghton Mifflin Company in Boston gestalteten Prachtausgabe im Format 23,6 x 17,8 cm stammt der Buchschmuck gänzlich vom Autor selbst, unter Benutzung seiner überlieferten Zeichnungen zu der Geschichte. Der mit grünem Kunstleder überzogene Einband trägt auf dem Vorderdeckel eine breite Schriftumrandung in Rot und Gold mit den von Tolkien entworfenen Runensymbolen und eine bildliche Vignette im Zentrum sowie eine entsprechend verzierte Rückenbeschriftung. Ein gleichbezogener Schuber wiederholt das Vignettenmotiv im gelben Titelschild auf der Vorderseite.

Man merkt dieser Ausgabe deutlich an, dass Tolkiens Werke im englischen Sprachraum bereits zu dieser Zeit Kultstatus besaßen und bereitwillig von einer Liebhabergemeinde in gehobener Austattung gekauft wurden. Demgegenüber besitzen die erwähnten frühen deutschen Ausgaben einen eigenen, eher kindlich anmutenden Charme. Erst nachdem Heinz Edelmann für die Ausgabe von Der Herr der Ringe im Jahr 1969 seine Schutzumschläge im Pop-Art-Stil entworfen und damit die Weichen für die spätere Gestaltungsform der Hobbit-Presse gestellt hatte, änderte sich auch der Blick des deutschen Lesepublikums auf Tolkiens Erzählwelt.

(Christiane und Norbert Grewe)

Mo, 18.07.2022

Herbert W. Franke (1927-2022) auf der Transmediale 2010 ǀ © Shervin Afshar (CC BY-SA 3.0)

Abschied von Herbert W. Franke

Die europäische Kulturszene trauert um einen einzigartigen Pionier der Medienkunst, einen – was im Zeitalter der galoppierenden Fächerverengung allein schon Aufsehen erregt – universell Gelehrten und Tausendsassa, der als Wissenschaftler, bildender Künstler und Schriftsteller (sowie durchaus in steter Bereitschaft, diese Kosmen zu mischen) bis ins hohe Alter aktiv blieb und den Diskurs mitbestimmte. Am 16. Juli starb in seiner oberbayerischen Wahlheimat Herbert W. Franke, wenige Wochen nach seinem 95. Geburtstag.

1927 in Wien geboren, studierte Franke Physik, Chemie und Mathematik, Psychologie und Philosophie, begründete die Ars Electronica mit, lehrte in München, forschte zur Elektrotechnik, zu KI, zur Höhlenkunde, zur Tropfstein-Datierung ... Vor allem aber gilt er als „Dinosaurier“ der Computerkunst und -grafik. 1970 war er mit einem Siebdruck auf der Biennale vertreten. Ungezählt seine Bücher: Science-Fiction-Romane und -Erzählungen, Aufsätze, Gedichte. Seine letzte Aktion war der digitale Abverkauf seiner Serie Math art am 1. Juni, ganze 30 Sekunden brauchte er dafür. Zuvor hatte Franke, sich damit als einer der Vordenker des Metaverse erweisend, mit seiner Frau Susanne Päch in den 2000ern auf der Plattform Active Worlds die Z-Galaxy eröffnet, einen multimedialen Raum für Kunst.

Dort wie im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe wird nun sein Vermächtnis gesammelt, bewahrt und für die Nachwelt von der Umtriebigkeit wie dem Geistesreichtum von Herbert W. Franke künden. Eine ausführliche Würdigung der Bedeutung Frankes als „philosophischer Fixstern“ für die westdeutsche utopische Literatur nach 1950 durch Norbert Grewe ist im Übrigen zu finden im 245. Heft (2022/2) der Marginalien, der Zeitschrift der Pirckheimer-Gesellschaft.

(André Schinkel)

So, 03.07.2022

Doppelseite mit Illustration aus „Der tolle Hund oder des Burschen Heimkehr“
Doppelseite mit Illustration aus "Datterich"

Bibliophiles des Monats: Fritz Kredel illustriert Niebergall

Das fürstlich regierte Darmstadt im Biedermeier der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts brachte neben dem Revolutionär Georg Büchner auch einen Schriftsteller hervor, der bis heute die kulturelle Identität der Stadt mit prägt. Ernst Elias Niebergall (1815–1843) wird dort als Volksschriftsteller verehrt, der ein kleinbürgerliches Milieu in der Residenzstadt durch seine Theaterstücke in Mundart auf humorvolle Weise schilderte. Neben dem Lustspiel „Der tolle Hund oder des Burschen Heimkehr“, mit Anklängen an seine Schulzeit und Burschenschaft, ist insbesondere die Lokalposse „Datterich“ durch die Zeiten auch identitätsstiftend für die Darmstädter gewesen. Das Stück um den liebenswerten versoffenen Schnorrer und seinen Widersacher Dumbach wird bis heute in Theateraufführungen gefeiert und im Stadtbild durch Denkmäler in Erinnerung gehalten.

Niebergall schrieb diese Stücke neben seiner Tätigkeit als Lehrer in den Jahren 1837 und 1841. Für die späteren Buchausgaben des „Datterich“ haben zunächst drei Darmstädter Künstler Illustrationen beigesteuert, die in Bibliophilenkreisen Beachtung gefunden haben: Von Emil Preetorius stammt der prächtige Druck der Ernst-Ludwig-Presse von 1913, geschmückt mit 7-farbig lithografierten Tafeln. Zur 600-Jahr-Feier der Stadt Darmstadt 1929 gab es eine mit 40 szenenartigen Schattenrissen von Hermann Pfeiffer geschmückte Jubiläumsgabe, die in Darmstadt mehrfach unverändert nachgedruckt wurde. Hartmuth Pfeil schließlich orientierte sich in der 1933 bei Eduard Roether erschienenen Ausgabe bei seinen farbkräftigen Bildern an historischen Vorlagen aus Niebergalls Zeit.

Fritz Kredel (1900–1973) blieb stets seinem Geburtsort Michelstadt und seiner Odenwälder Umgebung nahe bei Darmstadt verbunden, obwohl die politischen Zustände in Deutschland ihn und seine Familie 1936 in die Emigration trieben. In den USA, im Staat New York, fanden sie 1938 eine neue Heimat, und dank Kredels bereits in Deutschland erworbenen hervorragenden Rufes als Künstler und Illustrator fasste er dort auch wirtschaftlich schnell Fuß und schuf, neben einer Lehrtätigkeit, ein großes Werk an hervorragend illustrierten Büchern und anderen Auftragsarbeiten wie etwa ein Holzschnittsiegel für Kennedys Inauguration. Seine Ausbildung erhielt er an der Werkstatt von Rudolf Koch in Offenbach, wo er nach Kochs Tod auch die leitende Position innehatte. Den formalistisch strengen und klaren Stil seines Lehrers Koch verband er oft mit Humor und Leichtigkeit. In den 1950er Jahren kehrte er zu Besuchen nach Deutschland zurück und übernahm so auch die Aufgabe, für den Verlag Eduard Roether die beiden Niebergallschen Stücke neu zu illustrieren. Es entstanden zwei entzückende kleine Leinenbändchen im Format 11,8 x 8,2 Zentimeter in farbig gemusterten Pappschubern, die in Form und Ausstattung ganz von den drei Vorgängern abwichen und den biedermeierlichen Hintergrund, die Leichtigkeit der Handlung und den humorvollen Gebrauch der Mundart auch vom Erscheinungsbild her hervorragend betonen. 1961 erschien zunächst „Der Tolle Hund“ in 2.000 Exemplaren mit 24 Federzeichnungen Kredels. Zum 125-jährigen Bestehen des Verlages 1963 wurden 500 Stück der Auflage von der Firma Schauer & Silvar handkoloriert in fröhlich-bunter Farbgebung, die den Werkscharakter weiter sichtbar unterstreicht. Im selben Jahr nun gab es dann auch den „Datterich“ in gleicher farbfroher Ausstattung. Diese beiden Leinenbändchen, grün und blau in jeweils farblich abgestimmten Schubern, stehen würdig in der Reihe hervorragender Ausgaben der Niebergallschen Werke.

(Christiane und Norbert Grewe)

Fr, 01.04.2022

Emil Rudolf Weiß, Drei Monate in Spanien, Interimseinband, 1931

Bibliophiles des Monats: Emil Rudolf Weiß reist nach Spanien

Ein Mäzen ... finanziert 1923 einem Künstler, der in den Nachkriegsjahren tiefe Depression erfahren hat, eine dreimonatige Bildungsreise durch Spanien. ... Hegte wohl auch die Erwartung, dass Emil Rudolf Weiß auf diese Weise Lebensmut und künstlerische Schaffenskraft wiedergewinnen und dies möglicherweise zum Anlass für einen bibliophilen Reisebericht nehmen könne. ...

Der besondere Reiz dieses Buches im großen Format 38,2 x 28,0 cm, im Jahre 1931 nummeriert und signiert für die 300 Mitglieder der Maximilian-Gesellschaft herausgegeben, liegt in der einheitlichen Gestaltung des Textblockes durch den Autor, der als bedeutender Schriftgestalter, Graphiker und Maler bekannt ist. Weiß schildert hier nicht nur seine Reiseeindrücke in sehr persönlicher und informativer Weise, schmückt sie mit farblich getönten Landschaftsskizzen und Detailzeichnungen, eingefügt als kleine Lithographien in seinen Text, sondern er übernimmt auch die Gestaltung und die Überwachung des Druckes in den von ihm selbst entworfenen Schriften Weiß Antiqua und Weiß Kursiv. So entstand ein harmonischer künstlerischer Gesamteindruck.

Man hätte nun erwarten können, dass die Herausgeber auch einen schmuckvollen Bucheinband aus Weißscher Hand gewählt hätten, zumal er ja vielfach als Einbandkünstler, zum Beispiel für den Tempel-Verlag, in Erscheinung getreten war. Allerdings bestand in der exklusiven Mitgliedschaft der Gesellschaft damals wohl das Bedürfnis, sich die Buchpublikationen exklusiv in individuellen Einbandformen binden zu lassen. So lieferte man sie auch in einfachen Interimseinbänden aus, die dann entsprechend ersetzt werden konnten. Daher findet man heute ganz verschiedene Einbandvarianten des Buches. ...

(Christiane und Norbert Grewe)

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Di, 01.03.2022

Bibliophiles des Monats - Sankt-Rochus-Fest

Goethes "Sankt-Rochus-Fest zu Bingen. Am 16. August 1814" als 11. Pressendruck der Lehrdruckerei der Technischen Hochschule Darmstadt

Goethes Schilderung eines Ausfluges in den Rheingau mit Besuch des Festes zur Wiedereinweihung der Sankt-Rochus-Kapelle bei Bingen findet sich im biographischen Teil seiner vermischten Schriften. In lockerem Erzählduktus verbindet der Text die Schilderung der landschaftlichen Schönheiten links und rechts des Rheinlaufes zwischen Wiesbaden und Bingen mit Betrachtungen zu Weinbau und Geologie, mit der politischen Situation im Rheingau kurz nach den napoleonischen Kriegen und mit der Legendenbildung um den namensgebenden Heiligen, der im 14. Jahrhundert als Pestheiler und Eremit ein gottgefälliges Leben geführt habe. Das Volksfest zur Feier der vormals vom französischen Militär okkupierten und nun neu eingerichteten Kapelle mit Prozessionen und Predigten gibt Goethe und seinen Begleitern Gelegenheit, Wein und volkstümliche Unterhaltung zu genießen. Der Text schließt mit einer Ansammlung von am Tisch zum Besten gegebenen Reminiszenzen geistlicher Reden, von Volksweisheiten und Bauernsprüchen sowie mit einer Wiedergabe der erbaulichen Worte, die ein Prediger an die Menge vor der Kapelle richtet.

Der Darmstädter Maler Professor Bruno Müller-Linow unternahm es, diesen kleinen Reisebericht liebevoll mit zehn Radierungen zu begleiten, die Blicke auf die landschaftlichen Schönheiten des Rheingaus und auf Szenen aus Goethes Schilderung des Festablaufes wiedergeben. Sie sind in unterschiedlichen Formaten, als bildlich ausgearbeitete Vignette bis hin zum doppelseitigen Vollbild, passend in den Text eingefügt. Die Gestaltung des kleinen feinen Pappbändchen im Format 12,6 x 21,9 cm hat der Leiter der Lehrdruckerei der Technischen Universität Darmstadt (heute TUD) Professor Walter Wilkes übernommen. Er verwendete für die geistlichen Reden eine abweichende tiefblaue Druckfarbe, die sich von den übrigen lichtschwarzen Textstellen deutlich abhebt, so dass manche Skurrilität und Frömmelei des Zeitgeistes besonders augenfällig wird. Satz und Druck in 150 Exemplaren erfolgte 1989 in der Lehrdruckerei, die auch beispielsweise für viele der schönen Gaben der Maximilian-Gesellschaft verantwortlich zeichnete. Die Bindung mit ornamental geprägten Deckeln und schmalem roten Rückentitelschild oblag den bewährten Händen von Gert Hoffrath in Roßdorf, während Gunter Staschik für den Druck der Radierungen sorgte. Uns liegen eine zartblaue und eine rein weiße Einbandvariante vor, die gleichermaßen dem Druck ein feines äußeres Gesicht geben. Es würde sich sicher lohnen, das gesamte Wirken der Lehrdruckerei für das Schöne Buch einmal zusammenfassend zu würdigen.

(Christiane und Norbert Grewe)

Di, 11.01.2022

Typografische Beilage: Die Magie des Enchiridion Leonis Papae / Grafische Beilage: ATAK HERE, Risografie

Marginalien #243

Im Editorial der Ende letzten Jahres ausgelieferten Marginalien schreibt Till Schröder: "Die Person hinter der Kunst, sie fasziniert die Kritiker. Sie oder er ginge unbeirrt ihren oder seinen Weg. Ihr oder sein Individualismus mache sie einzigartig, heißt es. Geht es um Annäherung, beschäftigt die Kritiker das Besondere im Werk oft mehr als das Verwandte. Und doch agiert selbst der Exzeptionellste unter den Schaffenden nie im luftleeren Raum. Durch Kontext entsteht Bedeutung. In Abgrenzung zum Davor das neue Danach. Starke Persönlichkeiten reifen oft in starken Umfeldern. Das Drumherum bestimmt Bildung innerer Ästhetik gleichermaßen wie Möglichkeit äußeren Ausdrucks.
In diesem Sinne erkunden die Marginalien diesmal Menschen, die ihre künstlerischen Wege in der Tat unbeirrt von Zeiten und Systemen zu gehen scheinen. Allerdings, was im Nachhinein betrachtet als zielstrebig scheinen mag, stellt sich für die Künstler selbst eher wie ein Neugieriges-Sich-Treiben-Lassen dar. Über Vorbestimmung sinnieren sie wenig. Der Schriftsteller
Ingo Schulze nimmt uns mit in die Bild- und Buchwelten von Olaf Wegewitz, dem großen Nachspürer von Natur im Papier. Matthias Gubig erkundet die illustrativen Bildwelten Jutta Mirtschins, deren Kinderbücher und Theaterplakate gleichermaßen intime wie distanzierte Weltsicht atmen. Tobias-David Albert besucht den Typografen, Buchgestalter und Bildhauer Volker Küster nahe der niederländischen Grenze, der als Schriftgestalter Zeichen nicht nur im Zweidimensionalen der Buchseiten vermisst, sondern auch im Dreidimensionalen des Eisenguss’. Jens-Fietje Dwars erzählt von drei glorreichen Jahren des Hans Mardersteig und seiner Kunstzeitschrift Genius im Deutschland der 1920er Jahre, während Norbert Grewe in die Anfangsjahre des Diogenes Verlags eintaucht – und Daniel Keels Faible für die Fantastik. Michael Siefeners Kurzgeschichte über ein Zauberbuch in den Katakomben Lyoner Antiquariate verströmt eben solche in unserer Typografischen Beilage. Bernhard Hampp steigt ein in die napoleonische Epoche und ruft Adalbert Chamisso, den weltreisenden Franzosen in preußischem Dienst, seinen Schlemihl und den Kunersdorfer Musenhof ins Gedächtnis. Fritz Jüttner erinnert an 250 Jahre Klopstock’scher Oden, die Kraft eines Kommas und die Wirkmacht illegaler Nachdrucke. Und [... Till Schröder ...] durfte bei ATAK vorbeischauen, dem Professor der Illustration mit Punk-Wurzeln, der das Malen zitatreicher Stilleben für sich entdeckt hat."

Als grafische Beilage erhielten Mitglieder der Pirckheimer-Gesellschaft die Risografie von ATAK HERE, vom Künstler signiert und nummeriert, in 650 Exemplaren dreifarbig gedruckt von Dominik Dabrowski in der Druckwerkstatt der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle (Saale). Die allen Heften beiliegende typografische Beilage enthält den oben erwähnten Text "Die Magie des Enchiridion Leonis Papae", wie immer gestaltet und kommentiert von Matthias Gubig.

Sa, 01.01.2022

Horst Hussel | Alfred Traugott Mörstedt (Text und Einband) | Steffen Volmer | Horst Sagert | Carsten und Olaf Nicolai (v.o.n.u.)

Bibliophiles des Monats - Reflexionen

Eine besondere Freude empfindet der Sammler schöner und bedeutender Bücher, wenn er nach langjährigen Bemühungen endlich eine besonders gesuchte Edition vollständig bei sich genießen kann. So erging es mir kürzlich nach dem Erwerb der "Reflexionen 1" von August Traugott Mörstedt. Begonnen noch zu Zeiten der DDR und beendet nach 10 Ausgaben erst in den 90er Jahren, ist hier eine Anzahl ostdeutscher Künstler vertreten, die jeweils in einer Einheit von Text und Bild ihre eigene Position vertreten und in ihrer Gesamtheit einen Eindruck von den künstlerischen Strömungen und Bewegungen vor und nach der politischen Wende geben. Als im Westen beheimateter Buchenthusiast ergab sich für mich so ein bildgewaltiger Einblick in die Kunstszene des Ostens, gepaart mit Einsichten in das Denken wichtiger Protagonisten. Eine gute Kurzcharakteristik dieser Reihe findet man im Vorwort von Herbert Kästner zu der vorjährigen Jahresgabe für die Pirckheimer, dem Band "Alles für die Katz" über Jens Henkels burgart-presse:

Gemeinsam mit der "Galerie oben" konnte Jens Henkel nun ein lange vorbereitetes Projekt beginnen: die Reihe Reflexionen, in der jeweils ein Künstler die Gelegenheit erhielt, sich in Wort und Bild zu sich selbst und zu seinen künstlerischen und ästhetischen Auffassungen zu äußern: Den Anfang machte 1985 der Erfurter Alfred Traugott Mörstedt; 1997 wurde die Reihe mit Carsten und Olaf Nicolai (Band X) abgeschlossen. Die ersten fünf Bände erschienen als Edition der Galerie, ab Band VI (Horst Hussel) in der burgart-presse unter alleiniger Herausgeberschaft von Jens Henkel. Nach Lothar Lang stellt die Buchreihe Reflexionen "neben verschiedenen Hochschuldrucken aus Leipzig und Dresden, mehreren Künstler-Privatdrucken und nach Altenbourg den konsequentesten Beitrag zur Kategorie des Malerbuches dar, der in der DDR erbracht worden ist".

Nach dem ersten Erwerb in den 90er Jahren, noch bei Jens Henkel selbst, war es mir nur mit viel Geduld und einigem finanziellen Einsatz möglich, das Sammeln dieser zehnbändigen Reihe zu Ende zu bringen. Umso größer ist nun die Freude, diese kleinen Kunstwerke alle in der Hand zu haben.

(Prof. Dr. Norbert Grewe)

So, 03.10.2021

Abb. © ad

Das dritte Jahrzehnt LBA

Der Leipziger Bibliophilen-Abend gründete sich 1904 und zählte seitdem zu den angesehensten und wirkungsreichsten bibliophilen Vereinigungen Deutschlands. Er löste sich, einer Zwangsauflösung zuvorkommend, 1933 aufgrund der vielen jüdische Mitglieder in seinen Reihen auf. Ab 1956 lebte die Leipziger Bibliophilie als Regionalgruppe der Pirckheimer-Gesellschaft im Kulturbund der DDR wieder auf und am 9. Januar 1991 entstand daraus der LBA neu; keineswegs als eine Konkurrenz zu den weiterhin bestehenden Pirckheimern. Konsequent ist daher, dass zahlreiche LBA-Mitglieder zugleich in der Pirckheimer-Gesellschaft verankert sind.

Zum Jubiläum erschien, wie aller zehn Jahre üblich, nun allerdings mit einer halbjährlichen Corona-Verzögerung eine Festschrift mit Textbeiträgen von dreizehn Autoren (Michael Hametner, Herbert Kästner, Stefanie Jacobs, Sabine Knopf, Mark Lehmstedt, Thomas Kleiderling, Clemens Meyer, Thomas Theobald Döring, Manfred Jendryschik und Norbert Grewe) und signierten Originalgraphiken von neun Künstlern (Madeleine Heublein, Julienne Jattiot, Frank Eißner, Alim Pasht-Han, Sighard Gille, Christian Weihrauch, Yvette Kiessling, Uwe Bremer und Gudrun Petersdorff), sowie Bibliographie und Dokumentation.

Hrsg.: Thomas Glöß - Das dritte Jahrzehnt LBA
Leipzig 2021. 146 S., 325 x 205 mm., Pappband in Schuber.
Gesamtgestaltung Gert Wunderlich.
Satz in der Maxima, typographische Bearbeitung: André Grau.
Druckerei Friedrich Pöge auf Lessebo Design matt natural 150 g/qm.
Die buchbinderische Verarbeitung erfolgte durch die Müller Buchmanufraktur Leipzig.
Auflage 260 nummerierte Exemplare.

Di, 28.09.2021

Doppeltitel der Kelmscott Press: "The Works of Geoffrey Chaucer" (1896)

Marginalien #242

Das dritte Heft der Marginalien diesen Jahres ist derzeit in der Auslieferung.

"Vermittler, Befähiger, Anreger: In vielen Bereichen braucht es Menschen, die Wege bereiten, damit eigene Kreativität ihren Weg finden kann. Ob nun Mäzene, die Forschung ermöglichen, Lehrer, die Talente erkennen, oder Freunde und Familie, die einen machen lassen, statt mit Skepsis in den Speichen eigenen Strebens zu stochern. Wer wagt, gewinnt. Und Wagnisse sind Bildungsbeschleuniger. Wir werfen diesmal einen Blick auf einige solcher »Enabler« in Sachen Buch. Ernst Falk breitet in einem kommentierten Verzeichnis der Malerbücher der Èditions Tériade die gesamte Vielfalt des künstlerischen Ausdrucks der Moderne des letzten Jahrhunderts aus. [...] Henri Matisse bezeugt dies in seinem Rückblick aufs Büchermachen in unser Typografischen Beilage. [...] Sylke Kaufmann, Leiterin des Lessing Museums in Kamenz, erzählt von der Grafiksammlung des Hauses und wie sie über die Jahrzehnte Künstler mit Lessings Gedanken zusammenbrachte, Blatt für Blatt wachsend. Peter Richter wiederum schaut zurück auf die Antiquare seines Lebens.  [...] Dass Ideen für Äonen aber gleichermaßen in just diese tagespolitische Mühlen geraten können, zeigt Norbert Grewe. Anhand eines Autografen des amerikanischen Autors Isaac Asimov blickt er auf die politisch aufgeladen Verwerfungen der Science Fiction-Fanszene der 1970er Jahre in Deutschland und die damaligen Konflikte rund um Utopie und Alltag. Und letztlich ruft uns Hans Eckert in unserer Serie Berühmte Bücher den Buchkunst-Anreger par Excellence des vorvorherigen Jahrhunderts ins Gedächtnis: William Morris und seine Kelmscott Press [...]

(Till Schröder)