Seit Wochen sind unsere Mitarbeiter [der Offizin Haag-Drugulin, Dresden] nun schon dabei, neben dem täglichen Setzen und Drucken, die Schriftbestände im Nachbargebäude für den Umzug vorzubereiten; den Inhalt der vielen, meist nur unzureichend beschrifteten Pakete zu ordnen und zu registrieren. Alles Vorbereitungen für die Verlegung, denn die Räume stehen uns nicht mehr lange zur Verfügung. - Es war Anfang November, als ein unscheinbares Paket auftauchte mit dem lapidaren Vermerk »Mendelsohn«. Doch statt der erwarteten Bleilettern kamen Original-Matrizen der Mendelssohn-Type, wie sie richtig heißt, zum Vorschein. Jener Schrift, die Georg Mendelssohn 1921 - also vor genau 100 Jahren - für die Schriftgießerei Brüder Butter in Dresden geschaffen hat. Welche Überraschung, welche Sensation!
Georg Mendelssohn war ein außergewöhnlicher Künstler. 1886 in Dorpat, heute Tartu, geboren, zog die Mutter, nach dem Tod des Vaters, mit ihm und seinen drei Geschwistern nach Jena. Schulbesuch, Abitur, Studium in Jena und Kiel, ein Aufenthalt in Italien. wo er Jakob Hegner kennenlernte. Wieder zurück: Studium an der Debschitz-Schule in München (1907/08). Mitglied im Deutschen Werkbund. Ausführung von Messinggravuren und erste Erfolge. Dann, mit 24 Jahren, ein Grand Prix auf der Weltausstellung 1910 in Brüssel. - Von Wolf Dohrn angeregt, zog Mendelssohn noch in dem gleichen Jahr mit der Familie nach Hellerau, wo er zusammen mit seinem Freunde Karl Schmidt in einem von Riemerschmid erbauten Doppelhaus wohnte. Hier schnitt er auf Drängen des feinsinnigen Druckers Jakob Hegner dann jene eigenwillige expressionistische Mendelssohn-Type, die gleich für mehrere Drucke verwendet wurde, vom Avalun Verlag, von Oda Weitbrecht und für den eigenen Verlag. Dank an Rainer Gerstenberg, daß wir sie hier zum Jahreswechsel zeigen können.
(Eckehart SchumacherGebler)