Das Bach-Archiv in Leipzig (Thomaskirchhof 15, 04109 Leipzig) zählt zu den bedeutendsten Musikarchiven Deutschlands. Untergebracht ist es im Bosehaus in unmittelbarer Nachbarschaft der Thomaskirche und der Thomasschule, den Wirkungsstätten des Komponisten in seiner Leipziger Zeit. Das 1950 gegründete Archiv stützt sich bei seinen Forschungen auf eine reiche Sammlung an Noten, Autographen, Originaldrucken Bach’scher Kompositionen und anderen Zeugnissen seines Schaffens, seiner Familien- und der Zeitgeschichte. Zimelien, die für Musikliebhaber wie Bibliophile gleichermaßen von hohem Reiz sind.
Professor Dr. Peter Wollny, Leiter des Archivs, und Dr. Markus Zepf, der musikwissenschaftliche Referent, gewährten den Mitgliedern und Freunden des Leipziger Bibliophilen-Abends am 12. Mai Einblicke in die Schätze und in die Arbeit des Archivs. Im Sommersaal legten sie ausgewählte Exponate vor. Zu ihnen zählte ein Originaldruck der Goldberg-Variationen ... das Notenbild auf Kupferplatten gestochen – frei von Hand, wie es in der Barockzeit Usus war, sagte Peter Wollny. Die handgeschriebene Vorlage wurde getränkt, um sie durchscheinend zu machen.
Durch Nachzeichnen wurden die Noten seitenverkehrt auf die mit Wachs beschichtete Matritze übertragen. Der effizientere Notenstich mit Stahlstempeln, um 1730 in England erfunden, setzte sich erst später durch. Maximal hundert Abzüge seien von einer Kupferplatte möglich gewesen. „Danach kriegten sie die nicht mehr richtig sauber. Es bildeten sich Schatten.“ Von diesem Druck der Goldberg-Variationen seien wohl an die 30 Exemplare überliefert.
Aufschlussreich für die Bibliophilen war Wollnys Hinweis: Korrigiert wurde nach dem Drucken. Das sei klar zu erkennen ... Während die Variationen wenige Korrekturen erfuhren, war das beim Druck des Musikalischen Opfers anders. Da gibt es Stellen, die unsauber sind, offenbar in Eile in Kupfer gestochen. Und: Mehrere Mitglieder der Familie Bach haben sich nach dem Druck dem Korrektorat gewidmet. Der Titel dieser Ausgabe erfolgte im Buchdruck.
Das Bach-Archiv ist bestrebt, die Basis für seine Forschungen fortlaufend zu verbreitern. Dazu tragen Schenkungen und Leihgaben bei und gezielte Ankäufe bei Sammlern und Antiquaren, aber auch auf dem internationalen Auktionsmarkt. Unterstützung dabei leisten verschiedene Förderer, die Vereinigung der Freunde des Bach-Archivs etwa und sein US-amerikanisches Pendant.
Immer wieder gibt es auch Überraschungs- und Zufallsfunde, die den Horizont weiten. Gerade die Geschichten hinter den Zimelien, die über das eigentliche Zeugnis hinausweisen, sind bereichernd. Davon gab es einige an diesem Abend. Auch wenn grundsätzliche Fragen der Leipziger Forschung, die Professor Wollny benannte, erst einmal unzureichend beantwortet bleiben müssen: Was passierte nach dem Tod Johann Sebastian Bachs (1685–1750) mit seiner Notenbibliothek? Bestimmte er vorher schon, was an seine Söhne gehen sollte?
Wer sich Bach, seinem Leben und Werk, der Rezeption und der Familie zuwenden möchte – am Thomaskirchhof im Bach-Archiv ist er an profunder Adresse. Im selben Haus ist auch das Bach-Museum untergebracht. Weitere Informationen bietet die Webpräsenz www.bachfestleipzig.de.
(Ekkehard Schulreich)