Pirckheimer-Blog

Ausriss aus Der Freitag, NR: 21 (2021), S. 18
Do, 27.05.2021

Kritik einer Kritik

"Marx in Dada", so heißt in Der Freitag eine Besprechung der Manifest-Illustrationen von Lea Grundig, deren Erscheinen in der DDR 1968 scheiterte und die 52 Jahre später vom Verlag 8. Mai herausgebracht wurde, siehe hier.

Der Untertitel des Beitrages von Michael Jäger lautet: "Stolperstein Lea Grundig schuf Ende der 1960er Jahre einen Bild-Zyklus über das „Kommunistische Manifest“ - der DDR gefiel das nicht"
Warum es nicht gefiel, dass Lea Grundig diesen Auftrag auf Bitten des Dietz-Verlages, dem zentrale Parteiverlag der SED, ausführte, (ja, es war eine „Auftrags"-Arbeit), lässt der Autor unbeantwortet, genauso wie die pauschale Behauptung, es gefiel „der DDR“ nicht, denn diese ist keinesfalls identisch mit dem von Jäger wohl gemeintem „ZK der SED“, dem nebenbei auch Lea Grundig angehörte. Die Ursachen für das Nichterscheinen dieses Zyklus in der DDR dürften etwas diffiziler sein, Andreas Wessel hatte darauf in seinem Nachwort hingewiesen und das begründet.

In der Analyse ausgewählter Bilder wird dann durch Jäger u.a. kritisiert, dass „die Ausbeutung, dargestellt [wird] durch große, raffende Hände mit Gichtknoten.“ Und er schreibt zu dieser Darstellung in dem vor über einem halben Jahrhundert entstandenen Zyklus: „Aber wer soll das verstehen, wenn heute ein Monteur der Autoindustrie 42.000 Euro jährlich verdienen kann…“.
Und für Jäger ist der Zyklus, da ein Blatt in Collagetechnik gearbeitet ist, 50 Jahre nach den, unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen entstandenen, unvergessenen Werken von George Grosz, John Heartfield, Hannah Höch und Raoul Hausmann dadaistisch? Das erscheint etwas zu kurz gegriffen!
Das Unverständnis des Autors für das Schaffen von Lea Grundig offenbart sich dann letztlich in seinen abschließenden Worten. „Zur »Wahrheit des Kommunistischen Manifestes« [warum in Anführungsstrichen? ein Zitat? oder Ironie?] gehört die Bewunderung, die Marx und Engels der Bourgeoisie entgegenbringen.“ Eine fast richtige Beschreibung der geschichtlichen Rolle der Bourgeoisie, die Marx allerdings auch jeder vorhergehenden herrschenden Klasse zuschrieb, die sich aber, und das ist die "Wahrheit des Kommunistischen Manifestes"!, inzwischen überholt hatte.
„[Bourgeoisie] auf raffende Gichthände zu reduzieren, war unklug.“ Und genau das hat Lea Grundig auch nicht getan, wenn man ihren Zyklus in seiner Gesamtheit betrachtet, im Gegensatz zu anderen Künstlern, die dieses Verhältnis, um es verständlicher zu machen, vereinfacht darstellten, wie z.B. der großartige Frans Masereel, dessen Manifest-Illustrationen Ende der 60er im Gegensatz zu denen von Lea Grundig bei Dietz erschienen.

Jäger schreibt weiter: „Wer seinen Klassenfeind nicht versteht, kann ihn natürlich auch nicht besiegen.“ Und ich sage: Genauso kann man einen Künstler nicht einschätzen, dessen Werk man nicht versteht.

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