Pirckheimer-Blog

Das Gedicht im Anschlag – Ernst Jandl. Luchterhand würdigte den Wiener Dichter zum 100. Geburtstag.
Sa, 19.07.2025

„Herz am Bandl“: Ernst Jandl 100

Auch wenn es in seinem Spätwerk konventioneller und, ja, vor allem melancholischer zuging, ist das Werk Ernst Jandls (1925–2000), dessen Wiegenfest sich am 01. August zum 100. Mal jährt, vor allem für seinen experimentellen Sprachwitz und bis ins Serielle und Visuelle aufgebrochenen Furor, der sich in vielen berühmt gewordenen Vorträgen und Platteneinspielungen niederschlug, bekannt geblieben. Bei allem Spiel blieb der Wiener zeit seines Lebens auch stets politisch unbestechlich und der Kunst hingegeben, darin seiner Lebensmenschin Friederike Mayröcker (1924–2021) ähnlich. Zum runden Geburtstag hat ihm nun sein Verlag eine besondere Anthologie gewidmet: zwanzig der Luchterhand-Autorinnen und -Autoren wählten ihr liebstes Jandl-Gedicht aus und schrieben je ein Statement dazu. Auch wenn man sich leise befragt, ob es jenseits des Kosmos dieses ehrwürdigen und verdienstreichen Verlagshauses keine Jandl-Fans gibt, ist das doch höchst reizvoll, kommen hier doch mit Kerstin Hensel, Angelika Overath und Terézia Mora, mit Franz Hohler, Jaroslav Rudiš, Saša Stanišić, Michael Stavarič u. a. eine Reihe Stimmen zu Wort, die den Diskurs bestimmen und, ganz offenbar, mit ihrem „Herz am Bandl“ von Ernst Jandl (so Stavarič) hängen. Auch Judith Keller, Marica Bodrožić und Norbert Hummelt widmen sich dem Grantler; mehr noch: für Martin Becker entzaubert sich sein frühes Künstler-Posing anhand von Jandl im Nachhinein. Auf der märchenspur würdigt Kerstin Hensel zugleich Franz Fühmann (1922–1984). Erinnerungen gibt es, Bekunden, auch eine dramatische Durchführung zu E. J.s séance ... insgesamt herrscht ein Ton der Dankbarkeit und Zärtlichkeit in diesem Buch: Ernst Jandl würde es gefreut haben. Und auch sein ikonisches, man liest es sicher zunehmend beklommen, Gedicht lichtung gibt es: „manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht / velwechsern. / werch ein illtum!“ Mögen da der Irrungen weniger werden. (Christof Bultmann, Regina Kammerer, Martina Klüwer und Miriam Spinrath (Hrsg.): Ernst Jandl zum 100. Lieblingsgedichte, ausgewählt und kommentiert von Luchterhand-AutorInnen. München: Luchterhand Literaturverlag 2025, geb. m. SchU, 176 Seiten, ISBN 978-3-630-87806-5, für 18 Euro.)

(André Schinkel)

Dieser Blog enthält Informationen für die Pirckheimer-Gesellschaft und andere Bibliophile. Um in diesem Blog etwas zu veröffentlichen, können Sie Ihren Beitrag auch an blog@pirckheimer-gesellschaft.org senden. Falls es Probleme bei der Anzeige älterer Posts gibt, wechseln Sie bitte auf https://pirckheimer.blogspot.com.
(Alle Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt!)

Blog abonnieren