Sie sind hier

Blog

Pirckheimer-Blog

Mo, 25.10.2021

Johann Kentmann »Kreutterbuch«

Das einzigartige »Kreutterbuch« von Johann Kentmann mit 600 Pflanzenaquarellen wurde 1563 in Torgau fertiggestellt und ist einer der größten Buchschätze der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden. Es zeugt vom hohen Stand der Renaissance-Wissenschaften in Torgau in der Mitte des 16. Jahrhunderts.
Anlässlich der 9. Sächsischen Landesgartenschau-2022 Torgau wird dieses farbenprächtige Pflanzenbuch der Renaissance erstmals komplett in einem Nachdruck publiziert. Der Nachdruck zeigt die bis heute erhaltene Farbigkeit, Frische und Detailgenauigkeit der Pflanzen-Aquarelle. In den letzten Jahren wurden sie wissenschaftlich untersucht, und es stellte sich heraus, dass die Ersterwähnung etlicher Pflanzenarten Johann Kentmann zugeordnet werden kann. So hat er zum Beispiel die Türkische Tulpe, Hyazinthen, Muscari oder Schneeglöckchen erstmals dokumentiert. Einführende Texte von Dr. Thomas Haffner, SLUB, Dr. Hansjochen Hancke, Dresden sowie Romina Barth, der Bürgermeisterin von Torgau. Register aller Pflanzennamen (botanisch, Kentmann, deutsche und englische Bezeichnungen)

Johann Kentmann - 1563 - Kreutterbuch. Erster vollständiger Nachdruck mit allen 600 Aquarellen von schönen, auserlesenen heimischen und fremdländischen Gewächsen, Bäumen, Stauden, Hecken und Kräutern,
Hrsg.: Dr. Harald Alex Gartenprojekte, Döbrichau
Verlag galerie bilderwelt, Reinhard Schultz, Stuttgart, Frühjahr 2022
ca. 640 Seiten, Hochformat DIN A4, Farbdruck, Hardcover
Prepress/Bildbearbeitung: Dr. Hans D. Baumann, Kassel
Preis: 39 € Subskriptionspreis bis 15.03. 2022: 29,50 €
Bestellungen bilderwelt oder harald.alex gartenprojekte
ISBN 978-9823679-0-3

Buch u. Foto: T. Leonhardt

Tanja Leonhardt - In Norwegen von Zaunwinden reden 

Als Buch des Monats November stellt das Klingspor-Museum einen Titel von Tanja Leonhardt vor, die vor gut zwei Wochen Gast bei der Berlin-Brandenburger Regionalgruppe der Pirckheimer-Gesellschaft war.

Seit zwei Jahren experimentiert die Schrift- und Buchkünstlerin Tanja Leonhardt mit der Technik des Naturdruckens (Eco-Dyeing). Das Papier wird hierbei gebeizt und zu druckende Pflanzenteile eingelegt. Dieses Bündel wird längere Zeit unter Druck und Zugabe weiterer färbender Substanzen gekocht. 
Nach dem Abkühlen werden die Papiere gewässert und getrocknet. Auch Buchbinderleinen, Heftfaden und Kapitalbändchen werden mit gefärbt. Jede Färbeprozedur erzeugt eigene Resultate, je nach Beschaffenheit des Papiers, der Ingredienzien und Pflanzen. So entsteht aus den Elementen eines Färbedurchgangs stets nur ein einziges, in sich logisches und zusammengehöriges Unikat-Buch. 
Einige Bücher sind handschriftlich mit Naturlyrik versehen, andere warten noch auf ihren Text. Die Materialien selbst erzählen jedoch schon komplexe Geschichten, wie das Orkney-Leinen, das ein Jahr lang im Gezeiten des Atlantiks ausgesetzt war oder die Schieferbücher, bei denen über 100 Jahre alte Dachschindeln das Wort ergreifen. 

5. November 2021, ab 14 Uhr 

Klingspor Museum
Herrnstr. 80, 63065 Offenbach

So, 24.10.2021

Aazem Publication aus Afghanistan auf der FBM 2021. (Yalda Abassi: "Afghanistan ... Aus einer politischen Krise ist eine humanitäre Krise geworden. ... Bücher sind ein Symbol für Bildung und Kultur. ... Wir glauben, dass Bildung und Kultur das Wichtigste im Leben sind. Aber die Lage ist so schlecht, dass selbst die Bücher jetzt an zweiter Stelle kommen.")

FBM: Gähnende Leere und Hitlerbärtchen

Auf Facebook ist zu lesen: »Buchmesse, nach vielen-vielen Jahren wieder. Gähnende Leere, grotesk breite Gänge, aufgeblähte Stände, jede Menge artfremde Aussteller. Seife z. B.! [...] Abgesehen vom Charakter einer Behelfsmesse ohne einen einzigen imposanten Stand fand ich die Anzahl der artfremden Shops geradezu gruselig: Um die Lücken zu stopfen, ließ man Imagekampagnen und fliegende Händler zu, statt einfach Hallen zusammenzulegen.« (Marcus Jensen) »Die Stände sind zumeist so schäbig oder "spartanisch", dass es mich verstört hat.« (Sonja Arendt)

Der eigentliche Stein des Anstoßes ist jedoch, dass die Buchmesse rechten Ideologien ein Podium bietet. Diese Haltung, die nicht zum ersten Mal und kontrovers diskutiert wird, stiftet Unmut. »Ein Typ am Stand des rechtsradikalen Verlags trägt tatsächlich ein Hitlerbärtchen.« liest man auf Facebook. Selbst die Washington Post berichtet darüber, sicher kein gutes Aushängeschild für den deutschen Literaturbetrieb.
Messechef Jürgen Boos verteidigt die Anwesenheit des neurechten Dresdner Verlags Jungeuropa auf der Buchmesse mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit. Dagegen erklärt der Rowohlt Verlag: Das Recht auf Meinungsfreiheit stößt »an seine Grenzen, wenn die Sicherheit und die Grundrechte anderer bedroht werden«. Auch die Bildungsstätte Anne Frank, die ebenfalls auf der Buchmesse ausstellt, und die Landtagsfraktion der Linken haben sich der in den sozialen Netzwerken deutlich geäußerten Kritik angeschlossen. Der Schauspieler Armin Rohde merkt an: »Die FBM 2021 macht deutlich, dass Faschismus in Deutschland immer noch als freie Meinung gehandelt werden kann anstatt als mörderische Ideologie unter Bann gestellt zu werden.« Und »Toleranz mit Intoleranten ist in letzter Konsequenz Selbstabschaffung der Demokratie.«

Nach der Absage der Autorin Jasmina Kuhnke, die übrigens zu ihrem Buch "Charles Bukowski" sagte, sie möchte nicht, dass es Kritiker wie Denis Scheck zensieren, zeigen sich nun weitere prominente Gäste solidarisch und treten nicht auf der FBM auf. Auch die Schauspielerinnen Annabelle Mandeng und Nikeata Thompson, der Influencer Riccardo Simonetti und Raul Krauthausen haben ihre Absage bekannt gegeben. Dieser hatte bereits bei der Pressekonferenz zur Buchmesse-Eröffnung vor genau »zu viel Toleranz gegenüber den Intoleranten« gewarnt.

(ad)

Sa, 23.10.2021

Angela Hampel, Plakat zum von der Pirckheimer-Gesellschaft organisierten Dresdener Grafikmarkt 1988

Unter dem Radar

Mit der Ausstellung „Unter dem Radar. Originalgrafische Kunstplakate aus Ostdeutschland seit 1975“ wird das Museum für Druckkunst Leipzig das druckgrafische Schaffen in der DDR in den Fokus rücken.

Am Beispiel von rund 100 handwerklich hergestellten Plakaten für Kunstausstellungen stehen nicht nur die Künstlerinnen und Künstler im Mittelpunkt. Die Schau richtet zwar hauptsächlich den Blick auf Künstlerinnen und Künstler, die in der DDR überwiegend druckgrafisch tätig waren. Dazu gehören etwa Angela Hampel, Michael Morgner, Max Uhlig und die Gruppe Clara Mosch. Zum anderen stellen die Plakate aber auch weniger bekannte Kunstorte und Kulturinitiativen vor, die neben dem staatlichen Kunstbetrieb der DDR von Ahrenshoop bis Zwickau existierten und heute, teils vergessen, teils noch fortbestehen.
Der Titel „Unter dem Radar" indes dürfte aus ideologischen Gründen gewählt worden sein und wirft ein falsches Licht auf das Schaffen der Künstler originalgraphischer Plakate in kleinen Auflagen, denn diese Initiativen entstanden durchaus innerhalb des staatlich geförderten Kunstbetriebs der DDR, nicht zuletzt in Organisationstrukturen wie der weiter bestehende Pirckheimer-Gesellschaft oder den im Dezember 1990 aufgelösten Verband Bildender Künstler der DDR.

Neben weiteren Leihgebern stammen die Exponate der Ausstellung zum überwiegenden Teil aus der Sammlung der Leipziger Galerie am Sachsenplatz!

Soft-Opening: 3. Dezember 2021, 17 Uhr
Ausstellung: voraussichtlich 7. Dezember 2021 - 25. März 2022

Museum für Druckkunst Leipzig
Nonnenstraße 38, 04229 Leipzig

Fr, 22.10.2021

Abb. © Sighard Gille

ouroboros

Der Leipziger Bibliophilen-Abend zeigt Graphiken & Bücher von Sighard Gille. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht das in Zusammenarbeit mit dem LBA entstandene Buch »Gesang vom Leben«, für das der Künstler 2020 sieben Farblithografien schuf, hervorgegangen aus seiner Beschäftigung mit Gustav Mahler und seinem sinfonischen Werk.

Sighard Gille, geboren 1941 in Eilenburg, studierte von 1965 bis 1970 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Von 1992 bis zu seiner Emeritierung 2006 war er selbst Professor für Malerei an der HGB. Als Maler, Grafiker und Fotograf ist Sighard Gille seit Jahrzehnten weit über Leipzig hinaus einem breiten Publikum vertraut. Davon legen neben zahllosen Personalausstellungen in ganz Deutschland auch viele Publikationen Zeugnis ab. Über die Herausgabe von bebilderten Ausstellungskatalogen hinaus entstanden als Resultat der Auseinandersetzung mit literarischen Themen Zeichnungen und Druckgrafiken zu Don Quixote, Werken von Daniel Kehlmann, Thomas Kunst und weiteren Literaten.

Vernissage: 3. November 2021, 18 Uhr, Anmeldung erforderlich, Begrüßung Dr. Thomas Glöß, Laudatio Dr. Ina Gille, Musik: "Eisvogel", voc, trp, git
Ausstellung: 4. November 2021 - 4. Januar 2022

Haus des Buches Leipzig
Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig

(Ouroboros, altgriechisch Οὐροβόρος, ‚Selbstverzehrer‘, auch als Schlange der Ewigkeit bezeichnet)

Do, 21.10.2021

zwei Nachrichten zur artbook.berlin 2021

Die gute Nachricht:
Die artbook.berlin 2021 findet nach dem Ausfall 2020 in diesem Jahr wieder wie geplant statt. Organisiert wird sie wie auch in den vergangenen Jahren von corn.elius brändle und hanneke van der hoeven.

Die schlechte Nachricht:
Aufgrund der derzeitigen Corona-Bestimmungen des Gesundheitsamtes und der Vorgaben im Kunstquartier Bethanien muss die artbook.berlin2021 in 2G durchgeführt werden. Wer nicht geimpft oder genesen ist, kann nicht an der Messe teilnehmen!
Geimpfte müssen den digitaler Nachweis per CovApp erbringen*. Der Nachweis über eine Genesung erfolgt über die Dokumentation des positiven* PCR-Testergebnisses. (max. sechs Monate alt / mind. 28 Tage zurückliegend).

Aktuelle Informationen und eine Übersicht über die Aussteller, zu denen auch wieder die Pirckheimer-Gesellschaft gehört, findet sich auf artbook.berlin 2021.

19 - 21 November 2021

Kunstquartier Bethanien
Am Mariannenplatz, Berlin/Kreuzberg

*(dieser m.E. fehlerhafte Hinweis wird derzeit überprüft, ad)

SWEETSPOT

Seit Beginn dieses Jahres haben die Autoren Hans und Lydia Witte Dessert-Rezepte von Freunden und Bekannten aus Nah und Fern sowie aus historischen Kochbüchern gesammelt, gesichtet, auf ihre Verwendbarkeit geprüft und in einer zeitgemäßen Sprache verfasst. Da mussten auch schon mal Quart in Liter, Lot in Gramm oder eine kanadische cup in Milliliter umgewandelt werden. So ist für alle Rezepturen eine gut nachvollziehbare Einteilung von „Zutaten“ und „Zubereitung“ zustande gekommen, damit die Lieblingssüßspeisen auch wirklich gelingen.
25 Rezepte enthält das A4 große Buch. Dabei sind so bekannte und weithin unbekannte Leckereien wie „Echter Schokoladenpudding“, „Englisches Dessert“, „Pumpernickel-Parfait“ (am besten mit Pumpernickel aus der ältesten heute noch existierenden Pumpernickelbäckerei Haverland in Soest), „Mom’s best Newfoundland Snowballs“ aus Kanada, „Walnuss-Marillen in Sirup mit Weincreme“ aus der Tschechischen Republik und „Dadar Gulung“ aus Indonesien.

Aber das Buch wäre ja kein Objekt aus dem Buchkunstverlag der Edition Einstein, wenn es nicht auch eine bemerkenswerte künstlerische Seite hätte. Neben den Rezepten finden sich darin sieben ganzseitige farbige Zeichnungen, die einen Motiv-Bezug zu den Rezepten haben. Speziell für diese Illustrationen konnte Moritz Götze, dessen Siebdruck „Der letzte Zentaur oder Der Kampf mit dem Alphabet“ den Marginalien #230 beilag, gewonnen werden, der mit leichter Hand mal transparente mal plakative mal naive frische freche aber immer kongeniale Bilder zu den Süßspeisen geschaffen hat.

Bezug über den Verlag.

Hans und Lydia Witte, SWEETSPOT
Buchkunstverlag Edition Einstein, November 2021
Auflage 140 Exemplare
Normalausgabe (36-140), 45 Euro
Vorzugsausgabe (I-XXXV) mit einer zusätzliche von Moritz Götze handsignierte Grafik, 60 Euro

Mi, 20.10.2021

Antiquariatsmesse mit 2G

Nach zwei Jahren wird mit der 36. Antiquaria Ludwigsburg 2022 erstmals wieder in Deutschland eine reale Antiquariatsmesse stattfinden - mit einer Einschränkung: 2G, (negativ) Getesteten bleibt der Zutritt verwehrt!

55 Teilnehmer bieten ein spannendes Angebot an seltenen, kuriosen und einzigartigen antiquarischen Büchern, Autographen und Graphiken vom 15.- 20. Jahrhundert aus allen Sammelbereichen erwartet die Besucher und Besucherinnen: von Alten Drucken und Inkunabeln über Bücher zur Fotografie, Literatur, alter und moderner Kunst, Philosophie, Technik und Naturwissenschaften, Geschichte, Geographie, Gastronomie, Mode bis zu Pressendrucken und Kinderbüchern; Landkarten, Städteansichten, Künstlergraphik, Autographen, Ephemera und Vieles mehr.

Mit dem aktuellen Rahmenthema "Dissens - Gegenbewegung in der Gesellschaft", dem die ausstellenden Antiquare einen Teil ihres Angebotes widmen, wird gezeigt, wie schon in der Vergangenheit Gegenbewegungen immer wieder in die Gesellschaftsentwicklung eingewirkt und sie beeinflusst haben - im Positiven wie im Negativen: vom kleinen sozialen Verbund wie der Familie über alle gesellschaftlichen Bereiche wie Kunst, Kultur, Wissenschaft, Religion, Politik. Dies zeigt uns, dass Dissens zu einer offenen Gesellschaft gehört, früher wie heute.

(Petra Bewer)

Messe: 17. - 19. Februar 2022

Musikhalle Ludwigsburg

Di, 19.10.2021

Christa Wolf - Kassandra. Vier Vorlesungen. Eine Erzählung, Aufbau-Verlag Berlin 1983 / Crista Wolf - Kassandra, Mit elf Radierungen von Nuria Quevedo, Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1984

Nichts dazu gelernt?

Auf der Anti-Kanon-Seite von Denis Scheck herrscht seit Juli Schweigen, der SWR hatte nach massiven Protesten eine Überarbeitung des Konzepts versprochen. Wie es Ende Oktober weiter geht und was er aus der erbitterten Debatte um Christa Wolfs "Kassandra" gelernt hat, erklärt SWR-Literaturchef Frank Hertweck: "Wir haben zwei neue Anti-Kanon-Beiträge produziert, die vielleicht nicht so umstritten sein werden wie die letzten, es geht um Friedrich Schillers Gedicht „Würde der Frauen“ mit den unvergesslichen Zeilen: „Ehret die Frauen, sie flechten und weben / Himmlische Rosen ins irdische Leben.“ Und es trifft Luise Rinsers Autobiografie „Den Wolf umarmen“. [...] Und, wie versprochen, ändern wir das Ende des jeweiligen Kanons. Zu viele Zuschauerinnen und Zuschauer haben uns tatsächlich zugetraut, dass wir, wenngleich nur technisch, Bücher verbrennen wollen."

Nein, Herr Hertweck: Zu viele Zuschauer haben mit ansehen müssen, wie ein, sich gottgleich gebender "Kritiker", Christa Wolfs Kassandra in Feuer und Rauch aufgehen ließ.
Und wenn Denis Scheck betont, den Text vor fast 40 Jahren tatsächlich gelesen zu haben und er jetzt, Monate nach seinem Antikanon, "erkannt" hat, "wie wichtig dieser im Jahr 1983 erschienene Text für den Feminismus und die Friedensbewegung war" (wörtlich: es sei ihm "jetzt erst klar geworden, obwohl ich ihn damals gelesen habe.") lässt das nur den Rückschluss zu, dass es ihm keineswegs um den literarischen Anspruch ging und dass damit seine Auslassungen im Anti-Kanon der literarischen Größe einer der bedeutendsten Schriftstellerin der DDR nicht im Mindesten gerecht wurden, seine "Kritik" also einfach nur unüberlegt und haltlos und bösartig war.

Das zuzugeben, steht noch immer aus und diesem Kritiker weiterhin ein Podium zu geben, indem man lediglich das "Ende des jeweiligen Kanons" korrigiert, ändert nichts, aber auch gar nichts, an der völlig verfehlten Kritik.

(ad)

Mo, 18.10.2021

Librarium II 2021

Heft II 2021 der zweimal jährlich erscheinenden Librarium, Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft, wurde soeben ausgeliefert, Heft 1 erschien als «Bibliophilie - 33 Essays über die Faszination Buch» aus Anlass ihres 1oo-jährigen Bestehens der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft, welches in der Marginalien #242 besprochen wurde.

Die Ausgabe enthält neben dem Beitrag "Der Petrarcameister, rezykliert" von Paul Michel und "Angelika Kauffmann, Marie Ellenrieder und die Druckgrafik" von F. Carlo Schmid, Beiträge von Eduard Wätjen, Claudia und Jean-Claude Wenger-Schrafl/ Peter Volz, Oded Fluss und Claudia Engler das Jahresregister 2021.

So, 17.10.2021

Ideen, die die Welt veränderten

Die Geschichte des Buches wird im Titel "Ideen, die die Welt veränderten" aus dem Haupt Verlag einmal unter einem neuen Aspekt dargestellt, nämlich als chronologische Darstellung "der bedeutendsten Werke der Geistesgeschichte" – beginnend mit den „Maximen des Ptahhorep“ (um 2000 v. Chr.) und der „Babylonischen Theodizee“ (um 1000 v. Chr.) über das „Lotus-Sutra“ (zw. 960 und 1279, China) und „Das Kapital, Bd. 1“ (1867) bis Ai Weiwei (2015) und Greta Thunberg (2019).
Die Auswahl der vorgestellten Werke mag damit etwas zu sehr an den vorherrschenden Zeitgeschmack angepasst zu sein, die Vorstellung der gedruckten, bzw. in Piktogrammen auf Steintafeln, in Keilschrift oder auf Pergament geschriebenen Texte ergibt dennoch einen gelungenen Überblick (weniger über die Ideen, sondern) über das Schriftgut, resp. "das Buch" der letzten 5000 Jahre der Menschheit, ein Streifzug, der sich erfreulicherweise nicht auf die Geschichte Europas und seines Umfelds beschränkt. Angemerkt sei, dass das Buch auch eine gelungene, eigenständige Fortführung des in gleicher Ausstattung bei Haupt erschienenen Titels von Brain Clegg Bücher, die die Welt veränderten ist.

Interessant für den Buchliebhaber und Bibliophilen wird dieser Titel neben der inhaltlichen Themenstellung auch durch die graphisch ausgezeichnet Gestaltung. Auf 272 Seiten im Pappband mit Fadenheftung im Format 20,5 x 24 cm enthält der Titel zahlreiche, durchweg farbige, mitunter ganzseitige und hervorragend gedruckte Abbildungen, was es zu einer empfehlenswerten Lektüre vor allem für den Buchinteressiertem macht, der sich neu mit diesem kulturhistorischen Aspekt beschäftigt. Das war vermutlich auch das Anliegen der Autoren: Dr. Adam Ferner ist nicht nur unabhängiger Forscher, sondern auch Jugendarbeiter, Dr. Chris Meyns ist Dozentin am Institut für Philosophie der University of Pittsburgh und konzentriert sich aktuell auf die Verletzlichkeit des Informationsaustausches.

Adam Ferner/ Chris Meyns: Ideen, die die Welt veränderten. Die bedeutendsten Bücher der Geistesgeschichte
aus dem Englischen von Susanne Schmidt-Wussow
Haupt Verlag, Bern 2021
EUR 36, EUA 37,10
ISBN: 978-3-258-08237-0

Sa, 16.10.2021

Save the Date: Druckfestival 2022

Im Juli 2022 wird in Offenbach die lange Drucktradition dieser Stadt um ein neues Kapitel erweitert: Hot printing. Druckfestival.

Vorgesehen sind 50 Standplätze für Druckerinnen und Drucker, druckgrafische Künstlerinnen und Künstler im Hof des Offenbacher Büsingpalais, um eigene Arbeiten zu zeigen und miteinander in Kontakt zu kommen.
Die Standplätze sind kostenlos. Um ein lebendiges Wochenende miteinander zu verbringen, ist die Standvergabe mit der Bitte um einen Programmpunkt verknüpft. Hier sind Druckvorführungen, Lesungen, kleine Workshops etc. denkbar, am eigenen Stand oder auch in der Druckwerkstatt im benachbarten Bernardbau.

Hot printing: 8. -10. Juli 2022
Infos und Bewerbung bis 31. März 2022 per E-Mail: Dorothee Ader

Büsingpalais Offenbach

Fr, 15.10.2021

Steve Dalachinsky

»Steve Dalachinsky Vorstoßen ins Unbekannte« - eine weitere Neuerscheinung im Hybriden-Verlag

Am 16. September 2019 starb in Bay Shore, New York, der 1946 In Brooklyn geborene Dichter Steve Dalachinsky. Er war unmittelbar nach einer Lesung in Long Island mit Hirnblutungen in ein Krankenhaus verbracht worden. Vor seiner Lesung hatte er ein Konzert des Sun Ra Arkestra in der James Cohan Gallery in Tribeca besucht. Über das »hospital endgame« (Matt Mottel) schrieb Steve Dalachinskys japanische Frau Yuko Otomo: »Steve starb umgeben von guten Freunden, die gekommen waren, um ihn zu sehen & mich zu unterstützen. Wir hörten Coltrane, Ayler, Monk & DooWop-Musik, er ist sanft auf die andere Seite übergegangen.« In den sozialen Medien kursierten bereits Nachrufe, als Steve Dalachinsky noch am Leben war. In seinem Gedicht ›Pray for me‹ prophezeite er »die billige Sentimentalität, die mein Abgang hervorrufen wird.«
Im September 2017 las Dalachinsky in Berlin, Düsseldorf, Wuppertal und München. Zu erleben war, dass das Spektrum seiner Vortragskunst vom zarten Flüsterton bis zu wilden und lauten Wortkaskaden reichte, so etwa bei der Darbietung seines Gedichtes ›Schweinehund, Rampensau‹. 2014 war Dalachinsky für seine Poesie in Frankreich mit dem Orden Chevalier des Arts et des Lettres ausgezeichnet worden.

(Jürgen Schneider)

Steve Dalachinsky, Vorstoßen ins Unbekannte
Poeme & Collagen (deutsch/englisch). Herausgegeben von Jürgen Schneider.
Audio-CD: Yuko Otomo/The Estate of Steve Dalachinsky & Nicola Hein
Visual Translations: Hans Verhaegen, 2021

Dank an Yuko Otomo/The Estate of Steve Dalachinsky

Edition: 100 copies
30 €, Postage: 7€ Overseas / Europe 3 €

Do, 14.10.2021

Tanja Leonhard, Fotos: ad

KÖNNTE SPUREN VON WASSER ENTHALTEN

Heute trafen sich zum zweiten Mal in diesem Jahr und in wieder größerer Anzahl Mitglieder und Freunde der Pirckheimer-Gesellschaft in der Stadtbibliothek zu Berlin zu einem ihrer eigentlich monatlichen Abende, diesmal, um einen Einblick in die Arbeit der Schrift- und Buchkünstlerin Tanja Leonhardt zu bekommen. Die Künstlerin stellte mit eindrucksvollen Videos ihrer Landart-Projekte vor, präsentierte Beispiele ihrer Bücher in Eco-Dyeing (Naturdrucke), zitierte lyrische Kostproben, die Bestandteile ihrer Bücher wurden und beantwortete die zahlreichen Fragen der Teilnehmer des Abends.

In ihrem Landart-Projekt "Seidensprachen in der Natur - die Bewegung der Zeichenkette" sind seit 2011 zahlreiche Installationen in Deutschland, Schottland, Irland und Bosnien entstanden.
Ihre, häufig mit eigenen lyrischen Texten handschriftlich versehenen Künstlerbücher aus aufwendig behandelten historischen Leinen und ausgewählten Papieren entstanden häufig neben dem Einsatz von Pflanzen mithilfe geschichtsträchtiger Materialien und lagen aus - ein nicht nur visuelles, sondern auch haptisches Erlebnis.

Für alle, die nicht kommen konnten der Hinweis: Tanja Leonhardt wird in diesem Jahr auf der artbook.berlin dabei sein.

artbook.berlin: 19. - 21. November 2021

Kunstquartier Bethanien
Mariannenplatz 2, 10997 Berlin

Abb.: Grafisch

Goethes Faust wird virtuell

An "Literatur goes Comic" sind wir dank des boomenden Marktes für Graphic Novel seit wenigen Jahren gewöhnt, kommt jetzt "Literatur goes virtuell"?

Während ersteres von Freunden des Buches nicht unbedingt negativ gesehen wurde, ja diese teilweise eine solche Neuinterpretation klassischer Texte begrüßten, da vielfach nicht nur neue Zugänge zur Literatur sondern sogar eigenständige Kunstwerke entstanden, dürfte die Reduzierung von Weltliteratur, die Trennung des Inhalts vom geschriebenen Text zum spielbaren Gebrauch für den Gamer, den Konsolen- oder Computerspieler, doch etwas problematischer sein. Es ist zwar damit keineswegs, wie eventuell befürchtet, eine weitere Etappe des Endes vom Buch eingeläutet, aber durchaus eine weitere Abwertung der Literatursprache und des gedruckten Kulturguts.

Dennoch, die Deutsche Nationalbibliothek vermeldet stolz: "Ein Klassiker der deutschen Literatur virtuell: Mit „Goethe VR“ bringt die Deutsche Nationalbibliothek an ihren beiden Standorten Goethes Faust I und II vom Buch auf die VR-Brille.
So wird eine virtuelle Welt erschaffen, die atmosphärisch und inhaltlich dem literarischen Vorbild entspricht und den Spieler*innen die Themen von Faust I und II auf visuell ansprechende Art näher bringt. Eine Produktion von ZDF Digital in Kooperation mit dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek, den Goethe-Instituten sowie dem Goethe-Museum Düsseldorf, gefördert von der Computerspieleförderung des Bundes.
Ab Ende Oktober wird die „Goethe VR“ im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig sowie in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main zu erleben sein.
"

Als Freund des Buches und als Bibliophile, als Freund von Literatur und Buchkultur wäre zwar eine Akzeptierung dieses Projekts nachvollziehbar, aber dessen Unterstützung durch das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der DNB bleibt mir unverständlich.

(ad)