Pirckheimer-Blog

Buch des Monats

So, 28.07.2024

Hubert Schirnecks neues Buch „Der Tag der zweiten Wirklichkeit“ – erschienen in der Edition Hibana von Florian L. Arnold. Das Buch enthält eine Erzählung und zwei Zyklen Gedichte; es wurde vom Verleger vollständig farbig illustriert und komplett gestaltet.

Hibana: Hubert Schirnecks „Der Tag der zweiten Wirklichkeit“

Feinstes Buchwerk (zum überschaubaren Preis), das ist das Credo von Florian L. Arnold, der in Oberelchingen die Edition Hibana betreibt, ja, und er formuliert es selbst triftig mit: „Erwarten Sie alles!“ Und weiter heißt es: „Das Programm ist ganz einfach: Texte, die der Verleger wichtig und gut findet – ganz unabhängig von vermuteten Verkaufschancen. Hibana kann sich das erlauben, weil das Label unabhängig ist. Hier gibt es Bücher für Erwachsene, die sich mit guter Sprache und originären Inhalten auseinandersetzen.“ Der Verleger schätzt Autoren, die etwas auf der Textkante haben, Eigenartiges, Sonderbares, Seltenes und/oder Hinreißendes, das berührt, schmunzeln oder staunen macht. Und hat einen wunderbaren Glücksgriff getan mit Hubert Schirnecks Der Tag der zweiten Wirklichkeit, das die integrale Erzählung Der Tag des unablässigen Mondes enthält und eine Reihe Gedichte, die sich in den Zyklen Ausordnen und Totentänze gruppieren. Die Sprache des mehrfach geehrten Weimarer Dichters und Erzählers, der auch als Kinderbuchautor bekannt wurde, ist hier von einem innigen, geheimnisvollen, zuweilen skurrilen Timbre, und die Anlage und Anordnung der Texte saugt in diesen vollständig farbig von Arnold gestalteten und illustrierten Band kräftig hinein, dass einem schwirrig wird und ganz erhaben zugleich. Dunkel geht es da zu, leis oder epigrammatisch: „alles glück ist / von der lebensdauer / eines tropfens / der von einem blatt ins moos fällt // dieses leben lang / schläft der weg unter dir“; und am Ende zieht der Tod sich die Schürze an, die mit den Gänseblümchen. Darum gebaut sind die herrlichen Blätter und Farbgewitter Florian L. Arnolds, eine reiche Fülle auf gerade 88 Seiten. Was. Für. Ein. Schönes. Buch. (Hubert Schirneck: Der Tag der zweiten Wirklichkeit. Kurzprosa, Gedichte. Illustriert von Florian L. Arnold. Oberelchingen: Edition Hibana 2024, 88 Seiten, durchgehend farbig, Hardcover und Fadenheftung, im Format von 12 x 19 cm, Auflage limitiert auf 130 Exemplare, ISBN 978-3-946423-28-7, 21 Euro.)

(André Schinkel)

Sa, 27.07.2024

Roland Müller: „Caspar David Friedrich. Gedichte zu Bildern“, Moloko Print Bd. 226, Schönebeck: Moloko Plus 2024. KlBr., 60 S., ISBN 978-3-910431-35-5, 15 Euro, die Umschlagillustration von Lear Dark Rifflec.

Caspar David Friedrich: Roland Müllers Gedichte zu Bildern

Roland Müllers Werk ist ein noch weithin zu entdeckendes, der Großteil seiner Gedichte, Zyklen, Glossen und kleinen Geschichten erschien im Eigenverlag. So hat dieser Dichter eine eigenständige Heftreihe begründet, in dem, jahrgangsweise oder auch thematisch geordnet, seine Texte erscheinen. Der aus dem südlichen Brandenburg stammende und lange in Dresden Lebende indes bewegt sich in einem kleinen Netz- und Austauschwerk, und so kommt sicher auch die feine Publikation bei Moloko Print zustande, in der unter der Reihennummer 226 sich seine lyrischen Adaptionen und Exegesen zum diesjährigen, seinen 250. Geburtstag begehenden Jubilar Caspar David Friedrich in diesem Frühjahr erschienen. Und das ist ausdrücklich zu begrüßen, setzt doch Müller, unterstrichen mit dem gelb-schwarzen Cover des Nachfolgers seines 2021 im Radochla-Verlag erschienenen Gedicht-Bild-Bandes DenkMale in Dresden noch einmal einen erheblichen Aufmerksamkeitspunkt: auf CDF einerseits wie auch auf seine stille wie unbeirrbare, wie Friedrichs Kunst gegenständliche und doch leise schwirrende, nein, oft schwebende wie schwere ... meist konstatierende, teils fragende dichterische Arbeit. Roland Müllers Gedichte leben von geordneter, aus der Tradition schöpfender Metrik, die den Gedanken durch die Textur führt und von einem, in dieser von Chaos gezeichneten Epoche zumal, berückenden Reiz ist: alternierend, klassisch gereimt, ganz da und doch auch über die Zeit tönend, wie es einem Gegenstand wie CDF und dessen Jubiläum angemessen ist. Jedem der Texte ist ein Kunstwerk von Friedrich beigestellt, das behutsam vom Autor, in seinem Berufsleben eine Zeitlang typografisch tätig, mit einer speziellen Methode stets ein My neben die Spur gesetzt ist. Ergänzt durch die Cover-Adaption von Lear Dark Rifflec, wundervoll gestaltet, ergibt sich mit den so sicher wie zerbrechlich sprechenden Texten Roland Müllers ein schönes Buch, das man mit sich herumtragen mag. Dem Mann und seiner künstlerischen Arbeit im Weinberg des Nowendigen, ja, und Triftigen ist Aufmerksamkeit zu wünschen und dass sich Moloko seiner dauerhaft annimmt. 

(André Schinkel)

Sa, 25.05.2024

In Alice Munros Büchern baden ... | © by CC BY-SA 2.0

Mai: Erinnerung an Alice Munro

In ihrer Heimat Kanada ist sie so berühmt, dass ganze Bibliotheks- und Buchhandlungswände nur aus ihren Werken bestehen: Die Literaturnobelpreisträgerin von 2013, Alice Munro (1931–2024), starb am 13. Mai still, sie war schon lange verstummt; aber ihre 150 Erzählungen vor allem werden es sein, die sie auch fortan zum festen Bestand der angelsächsischen Literatur zählen lässt. In den englischsprachigen Ländern war Munro eine Bestsellerautorin, zugleich eine Meisterin des Stils der Novelle wie der Short Story. Die hohe Ehrung für sie kam spät, viele meinen, zu spät, und sie verwehrte wohl zugleich auch die Auszeichnung der zweiten, ebenso großen Erzählerin aus Kanada, Margaret Atwood, die den Nobelpreis auch längst und zwingend bekommen haben müsste. Das wird nun wohl nicht mehr geschehen, aber es ist genausowenig Alice Munro, die eine diebische Vorliebe für verzwickte Geschichten hatte, anzulasten ... Als Buch des Monats möge im Mai Munros letzte Sammlung Dear Life stehen, im Original 2012, in deutscher Übersetzung unter dem Titel Liebes Leben 2013 bei S. Fischer erschienen: 14 Erzählungen, in feiner Meisterschaft vereint.

(André Schinkel)

Do, 18.04.2024

Der Dichter Wilhelm Bartsch lebt in Halle. Seinem Debüt "Übungen im Joch" folgten eine Reihe Bände: Gedichte, Erzählungen, Romane, Nachdichtungen und Essays. Er wurde u. a. mit dem Brüder-Grimm-Preis sowie mit dem Wilhelm-Müller-Preis geehrt.
"Hohe See und niemands Land", bei Wallstein 2024.
In seinem neuen Buch spricht Bartsch mit einigen der großen Vorausgänger: St. Brendan, Shakespeare, den mitteldeutschen Dichtern Novalis und Hilbig.
Unser Rezensent Axel Helbig war viele Jahre Geist und Seele der Zeitschrift "Ostragehege". Er lebt als Autor, Kritiker, Publizist, Herausgeber in Dresden.

Buch des Monats II: „Wir selbst im Honiglicht sind Trauermücken“

Eine Paraphrase auf William Shakespeares 87. Sonett eröffnet Wilhelm Bartschs opulenten Gedichtband Hohe See und niemands Land. Aus Shakespeares ironischem Abrechnungsgedicht an einen Freund wird bei Bartsch ein Abrechnungsgedicht an „Frau Welt“, die doppelgesichtige Begierde, die den Menschen blind macht: „Soll ich mit dir im Sturm wie Lear noch tanzen, / Bis du mein Werk und mich zerbrichst zuletzt? / Schon hast Du mir den Virus der Bilanzen / Als Krone der Erschöpfung aufgesetzt. / Hoch fuhr ich aus dem Traumreich der Aufmotzer / Als König zwar, doch König der Schmarotzer.“ (Aus: Mein Eigentum.) 

Ehrlicher kann ein Gedichtband nicht ansetzen. Und dieser Ouvertüre folgen noch weitere Texte mit geradezu philosophischen Selbsteinsichten und Selbstermunterungen. „In Form zu bleiben“, erprobt sich Wilhelm Bartsch an Skakespeares Sonettform und vertreibt „mit solchem Sturm die Zeitgeisttricks“. Das Ziel ist klar: „Zur hohen See, zu niemands Reede hin, / Da liegen Shakespeare – Dante – Hölderlin –“ (Aus: Shakespeares Form.) Aber der Band ist mehr, er ist ein Fahrten- und Welten-Buch, in dem sich das lyrische Ich auf gefährliche Reisen zu Wasser und zu Land und durch Raum und Zeit begibt ... Der Wanderer kommt nach Auschwitz-Birkenau und nach Palmyra. Der Seefahrer bis ans Nordmeer. Mit St. Brendan „the Navigator“ nach „Anderswelt“ segelnd, „pinselt er seefahrende Gedanken (ins) Logbuchpalimpsest.“

In den angefügten Anmerkungen zu den Gedichten schreibt Bartsch, dass es dieser Anmerkungen nicht bedürfe. Das stimmt. Bartschs Gedichte sind ein Fest der Sprache und der Sinne, das keiner weiteren Erklärung bedarf, um den Leser in diesem Sprachstrom mitzureißen. Vor manchen Gedichten steht man wie vor einem Naturereignis, einem Nordlicht, einem Blick ins Alpental. Dennoch lohnt es sich, den Anmerkungen nachzugehen. Man erfährt nicht nur, dass der in Irland verehrte Heilige Brendan möglicherweise 900 Jahre vor Kolumbus in Amerika war, oder dass Arno Schmidt, das Urbild für seine Franziska (Hauptfigur in Zettels Traum) dem Unterwäsche-Katalog Mona entnommen hat. In Summa staunt man, welche Welt- und Querbezüge in ein Gedicht hineinreichen können. Diesen Hinweisen des lyrischen Enzyklopädisten Bartsch nachzugehen, macht Spaß, führt zu höherer Bildung und ist allemal besser, als den Zeitgeisttricks zu folgen. 

Ein anderer Heiliger von Wilhelm Bartsch ist Wolfgang Hilbig (1941–2007), sein Freund und Anreger: „Zwar zeitenkrank, doch sicher reist Sankt Hilbig / Auf seinem Rettungsfloß ,Misere‘. / Sein Unstern führt ihn sicher übers Meer / Von Katastrophe hin zu Katastrophe … // Er folgt so einzig seinem reziproken / Gesetz des Widerstands: je hässlicher / Die Fahrt wird, desto schöner, wird erniedrigt / Sankt Hilbig, kriegt er Größe, und je mehr / Die Nacht der Irrfahrt steigt, wächst auch die Klarheit, / Nur aussichtslose Fahrt führt hin zur Lösung …“ (Aus: Rettungsfloß „Misere“.)

Ein anderer Bezugspunkt ist Gottfried Benn (1886–1956), dessen Intentionen und Sprachgefühl Bartsch in mehreren Gedichten nachgeht. Benns und Bartschs Melancholie sind sich verwandt. Da ist ein Wissen um Schönheit, eine Trauer um ein Menschsein, welches das Wunderbare und Schöne zerstört: „Wir selbst im Honiglicht sind Trauermücken / mit dieser ewig großen zähen Geste, / in diesem Ballkleid nur aus Todesschlieren / und bald schon tief im schwarzen Flöz der Zeit.“ (Aus: Trauermücken.) – „Kann sein, wir wissen kaum was von der Welt, / Nur wie wir, Wüsten bergend, uns ermorden / Und nur, was für uns zählt, auch zählen: Geld. / Wir sind, die schießen, prellen und umhauen, / So prellt und schleudert uns nun selbst das Grauen.“ (Aus: Vulpus volatus.)

Den fünf Abschnitten des Bandes sind jeweils Motti vorangestellt, die den Grundton der Gedichte vorgeben. Vor dem zweiten Abschnitt steht ein Gedanke von Novalis (1772–1801): „Die Natur ist Feindin ewiger Besitzungen. Sie zerstört nach festen Gesetzen alle Formen des Eigentums ...“ Der letzte Text des Bandes ist einer Frau gewidmet, ihr verdankt sich – neben Shakespeare – auch das Buch. Sie ist das Du in vielen Gedichte, oft Gefährtin auf See und zu Land. An sie – die alte neue Liebe – richtet Wilhelm Bartsch manch zarte Zeile und Sonett in diesem Buch:

Du hörtest, dass ich’s war, an meinem Schritt
Noch hinter dir und nach so vielen Jahren.
Auch Du gingst ja für immer mit mir mit,
Ich wusste es auf einmal mit den Haaren.
Waren wir denn so unlösbar verknüpft,
Als hätte nicht die Zeit das Band zerrissen?
Ein Kind der Zeit war ich, das springt und hüpft,
Es fiel mir sogar leicht, dich zu vermissen,
Ich nahm dich tief in mir wohl nicht mehr wahr.
Glück, blinder Passagier dort im Versteck,
Auf hoher See erst wird es offenbar: 
Dein Steuerrad, mein Schritt an Deck.
Doch wer zur See fährt, hofft auch, dass er landet, 
Dass Liebe Liebe bleibt, noch wenn sie strandet.

(Du hörtest, dass ich’s war.)

Wilhelm Bartschs Sonette lesen sich, als hätte er diese lyrische Form soeben erschaffen, kein Staub klebt an den Versen, sie lesen sich geschmeidig und rhythmisch. Diese Gedichte regen den Geist an wie ein Gang durch die Natur. (Wilhelm Bartsch: Hohe See und niemands Land, Gedichte, Göttingen: Wallstein Verlag 2024, 140 Seiten, geb., ISBN 978-3-83535-393-0, 22 Euro.)

(Axel Helbig)

Di, 16.04.2024

"Musashimaru" heißt der Held dieses Büchels – ein Nashornkäfer ... der mit den Kräften des Yokozuna, nach dem er benannt ist, vier Monate im Leben des Schreiberpaares rumwirtschaftet und dessen Tod, der unweigerlich kommt, dann große Trauer auslöst.

Buch des Monats I: „Musashimaru“

In memoriam Akebono Tarō

Wer ist Musashimaru? Musashimaru Kōyō ist ein ehemaliger Sumōtori, der zweite Ausländer, der in der höchsten Sumōklasse, der Makuuchi, je den Rang eines Yokozuna, eines Großmeisters der Kultsportart, erreichte. Seine kraftvolle Wucht in seiner aktiven Zeit war legendär. Seit 1996 ist der Samoaner japanischer Staatsbürger. Aber um ihn geht es in diesem Buch nur indirekt. Musashimaru ist der Name des Nashornkäfers, der der stille und zugleich vorwitzige Held dieses kleinen Buches von Choukitsu (oder auch: Chōkitsu) Kurumatani (1945–2015) ist. Über seine Kleinheit soll man sich nicht täuschen: Er hat Kräfte wie der Ringer, nach dem er benannt ist, und er schiebt Nacht für Nacht seinen Korb durch das neubezogene Haus, das der Erzähler, der mit dem Verfasser des Buchs quasi deckungsgleich ist, nach langer Durststrecke und plötzlichem Wohlstand, da ihn der literarische Ruhm und Erfolg spät, aber grad noch traf, mit seiner Frau, einer Dichterin, seit kurzem bewohnt. Frisst ferner beherzt Melone und strullt hernach ordentlich die Bude voll, vergeht sich im Hormonrausch am Finger des Erzählers und misst sich aus der Ferne mit einem Hirschkäfer, der, obwohl ihm ein viel längeres Leben prophezeit ist, lange vor ihm das Zeitliche segnet. Nun, aber einmal trifft es auch Musashimaru, aber da ist schon Winter und sein Überleben ein Wunder. Der Tod ist Kurumatanis, der selbst nach vielen Entbehrungen erst berühmt und (in Japan ist das wohl noch möglich) wohlhabend wird, großes Thema, es zieht sich durch sein ganzes unter erheblichen Schwierigkeiten erworbenes Werk; und eine sarkastische Volte seines Lebens ist, dass er 2015 an einem Bissen Essen erstickte. Dieses Büchlein hat die Grazie der Sumōtori, denn es ist behende und schwerwiegend zugleich. Es erschien in der schönen Übersetzung von Katja Cassing 2016 in der Edition des Cass Verlags in Bad Berka (64 Seiten, geb., Halbleinen, Fadenheftung, 11,5 x 18,5 cm, ISBN 978-3-944751-11-5); und die Zierde des Buches neben der schönen Verarbeitung sind sieben ganzseitige Illustrationen von Inka Grebner, die den Gang durch Musahimarus Leben zeigen, der Beinglied um Beinglied verliert und eines Morgens mit seinem Tod für große Trauer sorgt. Ein zart-seltsames Buch, das der Bibliophile gern im Herzen trägt und in seinen Beständen sicher weiß.

(André Schinkel)

Do, 21.03.2024

Ein Erzähler wie ein ... literarisches Donnerwetter: Gabriel García Márquez. Sein Romanino "Wir sehen uns im August" erschien soeben, zehn Jahre nach dem Tod des Meisters des Magischen Realismus. In deutscher Übersetzung wurde der schmale Band in einer schönen Ausgabe bei Kiepenheuer & Witsch, begleitet von je einem Vor- wie Nachwort, verlegt. Es übersetzte die Márquez-Kennerin Dagmar Ploetz.

Buch des Monats – „Wir sehen uns im August“ aus Márquez’ Nachlass

Es sind nicht viele Bücher und Autoren, die Erdbeben auslösen können, dieser ganz bestimmt: Gabriel García Márquez (1927–2014), der zu den größten Erzählern dieses Doppeljahrhunderts zählt. Allein die Nennung der drei bedeutendsten Romane aus seiner Feder – sein Opus magnum Hundert Jahre Einsamkeit, Die Liebe in den Zeiten der Cholera sowie Von der Liebe und anderen Dämonen, lassen den Freund des Magischen Realismus erzittern, da ist noch kein einziges Wort über Laubsturm, Nachricht von einer Entführung oder Der Oberst hat niemanden, der ihm schreibt gesagt. Eigentlich hat der kolumbianische Nobelpreisträger vor seinem Tod die Vernichtung seines letzten Buches verfügt, weil es in seinen Augen nichts taugt. Nun, man wird wohl dereinst von Glück sagen, dass sich seine Söhne nicht zu diesem Schritt entscheiden konnten – auch wenn sie ähnlich wie Max Brod gegenüber seinem Freund Kafka die Gewissensbisse plagen, ist doch die Entdeckung und Veröffentlichung von Wir sehen uns im August jetzt ... zehn Jahre nach dem Tod des Meisters ... nicht weniger als eine literarische Sensation. Der schmale Band ist begleitet von einem Vor- und einem editorischen Nachwort, in dem die Umstände des Zustandekommens beschrieben sind – eigentlich plante Gabo fünf Erzählungen um die Heldin Ana Magdalena Bach, indes, der Kampf des Meisters mit der zunehmenden Demenz verhinderte um ein Haar auch den Abschluss des hier nun vorliegenden Romanino. Die Überlieferung ist etwas zwiespältig: Neben dem Zweifel Márquez’ an der Qualität seiner späten Arbeit findet sich am Ende der fünften Fassung das „Gran OK“ von seiner Hand. Und auch wenn man dem Buch einige Stolperstellen bescheinigt, ist sie doch auch hier zu finden, die große Magie, mit der dieser Erzähler ein Zauberer der Sprache war. Die Story ist krud und zart zugleich: Die Heldin reist immer im August auf die Insel, wo sich das Grab ihrer Mutter befindet. In die Regelmäßigkeit ihres Lebens bricht nach einer Barnacht im Hotel eine ambivalente Affäre ein, ein klassischer Masterplot, geeignet, Biografien zu verwirbeln. Und das Ende ist – nicht wenig spooky ... Alles in allem ist Wir sehen uns im August das allerdings fulminante Dokument des Verlöschens eines großen Geistes. Die Gestaltung des regulär bei Kiepenheuer & Witsch verlegten Bands verdient auch aufgrund seiner äußeren Schönheit Beachtung: ein Buch, das man gern mit sich herumträgt und wieder und wieder zur Hand nimmt. Und vielleicht tut uns Gabo den Gefallen, und da sind noch mehr Schätze im Nachlass, die’s zu heben lohnt, uns vielleicht noch einmal über sein großes Thema, die Liebe, zu belehren. (Gabriel García Márquez: Wir sehen uns im August, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2024, HC mit SchU, 144 Seiten, ISBN 978-3-462400-642-1, 23 Euro.)

(André Schinkel)

Sa, 24.02.2024

"Mensch sein" – ein Plädoyer für das Menschliche.
Das Autorenduo: Kai Michel (li.) und Carel van Schaik.

Buch des Monats: „Mensch sein“

Gerade in diesen verfaulenden Zeiten, im Angesicht des heutigen erschreckenden Datums, ist jedes Zeichen der Hoffnung, das den Menschen in einem anderen möglichen Licht erscheinen lässt, wichtig, wenn nicht von höchster Bedeutung. Carel van Schaik und Kai Michel haben es wieder getan: Im nunmehr dritten Band ihrer als Tetralogie ausgelegten Erkundung des Menschen haben sie nun nach Das Tagebuch der Menschheit (2017) und Die Wahrheit über Eva (2020) in Mensch sein (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2023, Hardcover mit SchU und Lesebändchen, 384 Seiten, ISBN 978-3-49800-327-5, 24 Euro) dem sozialen Grundgerüst, dessen wir alle bedürfen, sich zugewandt. Der renommierte Anthropologe van Schaik, dessen Forschungen einerseits den drei Species der Orang-Utans und zum anderen den Wurzeln des Menschen gewidmet sind, und der Historiker und Literaturwissenschaftler Michel, der im Verbund mit Harald Meller auch drei archäologische Bestseller zur weltberühmten Himmelsscheibe von Nebra und zur Schamanin von Bad Dürrenberg vorlegte, sprechen in Mensch sein von unserer Sehnsucht nach den anderen, die jedem Menschen eingegeben ist und die bis in seine Uranfänge verfolgbar sind. Das Phänomen der Sesshaftigkeit, das neben vielen fortschrittlichen Aspekten auch dem Keimen von Krieg und Patriarchat hohe Ränke gibt, schält sich im Blick der bisher vorliegenden drei Bände einer tiefen religions- und archäosoziologischen Deutung des Menschlichen als Zentromer und als Drehpunkt heraus. Aber: Eben dies zu wissen und zu erkennen zeitigt auch die Möglichkeit, gegen diese Zwie- wie törichte Form der zivilisatorischen Barbarei vorzugehen! Denn nach wie vor besteht Hoffnung, auch dies erzählt dieses Buch: Wie kaum ein Wesen ist der Mensch erfinderisch im Bewältigen von Krisen, im Überwinden von Abgründen, nun, auch wenn es im Moment nicht danach aussieht. Die Autoren erläutern in ihrem zudem fulminant formulierten Text das Wechselspiel unserer ersten (Herkunft und Genetik) mit der zweiten (Kultur) und dritten Natur (Vernunft) und begründen die Notwendigkeit dieses. Es ist, so van Schaik und Michel der Schlüssel dazu, künftig miteinander in Eintracht zu leben und gewissermaßen auch ein Stückweit an die paradiesischen Strände des Anfangs anzuknüpfen. Von der Evolution für die Zukunft lernen – was für eine Vision. Es ist eine Frage der Kommunikation (im Sinne des Palaverns), Besinnung, letzthin Grund für Optimismus. Der bereits in Angriff genommene vierte Band der Folge soll sich dann der wohl dunkelsten Seite des Menschenwesens, dem Krieg, widmen ... hoffend, auch daraus Erkenntnis und, auch wenn die beiden Verfasser mit allem anderen als dem moralischen Zeigefinger, sondern vielmehr mit dem Suchen und Erläutern von Erklärungen arbeiten, Lehre zu ziehen. Zwei Autoren der Stunde, wert, dass ihre Bücher tausendfach die Herzen und Hirne der Menschen erreichen: So. Möge. Es. Sein. Denn darum geht es auch im Angesicht des momentanen Hangs zu Blut und Geschepper nach wie vor ... sich auf das Wesentliche, was dem Menschen nach dem Austritt aus dem Tierreich verfolgt, zeigt und zeichnet zugleich – Kultur und Mit-Menschlichkeit und, in die Natur gespiegelt der Mit-Wesenheit, wieder konzentrieren zu können; dann klappt es auch künftig mit dem Miteinander. Die Autoren sind momentan auf Lese- und Gesprächstour im deutschsprachigen Raum unterwegs. Das Buch darf mithin auch als Beispiel gelten, wie gute Recherche in passende Verpackung kommt: Das Cover ehrt mit Masse von Franz Wilhelm Seiwert einen von den Nazis verfemten Künstler – sein Gemälde steht für die Menschheit, also uns, die wir uns erblicken, im Spiegel unserer selbst.

(André Schinkel)

Mo, 29.01.2024

"Am Rand der Pfütze springt jede Katze anders": das Frontispiz, der Innentitel sowie zwei Vorzugsmotive des Buchs von Herta Müller und Axel Heller – 2023 erschienen bei Thomas Reche in Neumarkt i. d. OPf.

Buch des Monats: Herta Müller · Axel Heller „Am Rand der Pfütze springt jede Katze anders“

An einem Wintertag ging ich mit meiner Mutter drei Kilometer durch den Schnee ins Nachbardorf ein Fuchsfell kaufen für einen Mantelkragen. Der Pelzkragen sollte das Weihnachtsgeschenk meiner Mutter sein. Was für ein würdiges Buch des Monats! Fünf Texte der großen Erzählerin und vielfach geehrten Zeitzeugin Herta Müller: Essays, Notate und die fulminante Nobelpreisrede von 2009 selbst, flankiert von Fotografien Axel Hellers, erschienen als Ausgabe, die jeden bibliophilen Nerd zärtlich in die Träume verfolgt, im Verlag von Thomas Reche in Neumarkt in der Oberpfalz. Das Fell war ein ganzer Fuchs, und es glänzte kupferrot und wie Seide. Es hatte einen Kopf mit Ohren, eine getrocknete Schnauze und an den Füßen die schwarzen getrockneten Pölsterchen der Pfoten mit porzellanweißen Krallen und einen so bauschigen Schwanz, als wär noch der Wind drin. Der Fuchs lebte. Nicht mehr im Wald, aber in seiner konservierten Schönheit. Den in die Tiefe lotenden Exegesen von Herta Müller stehen 37 Fotografien Hellers zur Seite, die zwischen 2005 und 2014 im nordrumänischen Kreis Maramureș entstanden und mithin vom Leben auf dem Balkan wie der Herkunft Müllers berichten. Der Jäger hatte rote Haare wie der Fuchs. Das war mir unheimlich. Vielleicht fragte ich ihn deshalb, ob er ihn selbst geschossen hat. Er sagte, auf Füchse schießt man nicht, Füchse gehen in die Falle. Die Normalausgabe des herrlich-prächtigen Buches erschien in 400 Exemplaren und ist für 48 Euro (ISBN 978-3-947684-11-3) zu haben. Die gesamte Auflage ist signiert. Das alles sollte ein Mantelkragen werden. Ich ging noch zur Schule und wollte nicht wie alte Damen einen ganzen Fuchs mit Kopf und Pfoten am Hals, sondern nur ein Stückchen Fell als Kragen. Weiterhin erschien eine Vorzugsausgabe A (Nr. I bis XL), mit zwei signierten Original-Fotografien Auf dem Bauernhof und Straße im Winter, auf Barytpapier beiliegend zum Preis von 330 Euro (diese Ausgabe dürfte durch die Abonnements fast vergriffen sein, man eile ...). Aber zum Zerschneiden war der Fuchs zu schön. Darum begleitete er mich jahrelang und durfte überall, wo ich wohnte, wie ein Haustier auf dem Fußboden liegen. Eines Tages stieß ich im Vorbeigehen an das Fell, und der Schwanz rutschte weg. Er war abgeschnitten. Wochen später war der rechte hintere Fuß abgeschnitten, dann der linke. Ein paar Monate später nacheinander die vorderen Füße. Ferner sind noch die Vorzugsausgaben B und C in je 40 Exemplaren mit einem Original versehen, für jeweils 192 Euro zu bestellen. Der Geheimdienst kam und ging, wie er wollte. Er hinterließ Zeichen, wenn er wollte. Der Wohnungstür sah man nichts an. Ich sollte wissen, daß mir in meiner Wohnung dasselbe passieren kann wie dem Fuchs. Was für ein Buch, das Thomas Reche da wuchtig kredenzt!

(André Schinkel/kursivierte Zitate: Herta Müller)

Mi, 27.12.2023

"LichtKlang" von Günter Giese und Holger Uske ist in kleiner Auflage erschienen und bei den Urhebern via Mail bestellbar. Das Buch enthält 39 Bild-Text-Paare.

Gelesen übers Jahr: „LichtKlang“

Das Licht ist / Unterwegs zu dir / Du musst ihm / Nur folgen / Darfst auch nach / Schatten tauchen / Der Wärme / Dunkel erkunden / Solange bis / Nacht uns übermannt ...“ LichtKlang ist das zweite gemeinsame Buch der beiden, gestaltet wurde es von Andreas Kuhrt. Manchmal war es wie ein Rausch“: Mit 39 oft ganzseitigen Bildern und Gedichten setzen der Fotograf Günter Giese und der Dichter Holger Uske ihre vor vielen Jahren begonnene Kooperation fort. Sinnlich ist das und tief, kraftvoll, im wahrsten Sinne lichtstark ... und zärtlich in der Wucht der Ansprache zugleich. Zu drei Bildern Gieses fanden sich fertige Texte ein, die anderen 36 entstanden in der Nachfolge des jüngsten Gedichtbands Windgras des Suhler Lyrikers, dessen biegsame Genauigkeit und stille Treffsicherheit sich auch in der gestalterischen Anordnung von Text und Bild ausdrückt, exclusiv. Reich ist der Dezember augenblicklich: Theoretisch wäre ein drittes Buch des Monats zu vergeben. Es sind die großen Themen, die dieses Buch treiben, das Werden wie das Vergehen, die Schönheit, die Liebe, die Fragen der Welt im Großen wie im Kleinen. Im Beieinander von Licht und Klang gehen sie in diesem schönen Buch im Hardcover, in feinem Papier eine triftige, lichtvolle Symbiose ein. Wunderschöne Akte finden sich in ihm, die den Dichter, naturalmente!, an die Leier treiben. Aber auch die sprichwörtliche Verästelung der Zeit, das Gewicht der Welt“, Herbstrausch, die Lichtklippen der Gegenwart, die Lebens-Linien sind Thema. Am Ende wird in Mauerquadrat die Hoffnung auf eine neue Fensterzeit“ geschürt. Das mit 20 Euro ob seiner Qualität preiswerte Buch ist in kleiner Auflage in der Edition Sinnbild erschienen und bei den Urhebern via Mail – bei Günter Giese: gieseguenter@aol.com, Holger Uske: uske.suhl@gmail.com, direkt bestellbar.

(André Schinkel)

So, 17.12.2023

Schön und preiswert: Das gemeinsame Text-Bilder-Buch "Schleichwege" von Patrick Wilden und Kathrin Brömse ist soeben erschienen und enthält Texte zur Gegend der gemeinsamen Kindheit und Jugend. Für nur 15 Euro ist es bei den Urhebern zu bekommen.

Buch des Monats: „Schleichwege“

Schleichwege, das Buch des Monats Dezember in diesem zu Ende gehenden Jahr, enthält auf 56 Seiten Gedichte und Zeichnungen, verlegt in Eigenregie vom Lyriker Patrick Wilden und der Künstlerin Kathrin Brömse. Das Projekt, lange geplant und in mehrfachen Vorläufen in Angriff genommen, ist das Resultat einer gemeinsamen Kindheit im Grenzgebiet zwischen Niedersachsen und Hessen, die Metropole des Landstrichs, Kassel, im Blick, die Rituale des Provinziellen samt Dorfkäuzen und Waldesdickicht tief inhalierend. Texte und Bilder der beiden berichten von der Rückkunft und vom Sich-Umschaun, aber auch vom Bewusstsein, dass in das Prägende nicht mehr endgültig eingekehrt werden kann. Wilden, mittlerweile ausgewiesener Autor und Kritiker, lebt heute in Leipzig und vor allem Dresden, während es Kathrin Brömse samt einem umfänglichen wie umtriebigen malerischen, grafischen, buchkünstlerischen und Objekt-Werk nach Marburg verschlug. Im Buch selbst, das voller Reminiszenzen, Erinnerungen an das und stillen Exegesen des Vergangenen mit Einsprengseln aus den beiden vorhergehenden Bänden Wildens und dem Preisträgertext eines Wettbewerbs, in dem es Ringelnatz nach Kassel verschlägt, ist, sprechen stets die Texte mit den Skizzen und umgekehrt. Es ergibt sich, gehüllt von einer Gouache, die den Einband ergibt, ein sprichwörtlicher Schleichweg durch das Dickicht, das die Kindheit und Jugend von Dichter und Künstlerin sind. Das Buch im schönen Gewand (Breitklappenbroschur) ist bei der Künstlerin wie unter der Mail des Autors (patrick.wilden@web.de) für 15 Euro erhältlich.

(André Schinkel)

Sa, 09.12.2023

"Falterfragmente" · "Poussière de papillon" heißt die neue Sammlung Lyrik von Franziska Beyer-Lallauret, die seit langem in Frankreich lebt und ihre Texte hier in zwei Sprachen darbietet. Das Buch erschien 2022 im dr. ziethen verlag in Oschersleben an der Bode.

„Falterfragmente“ · „Poussière de papillon“: Gedichte von Franziska Beyer-Lallauret in zwei Sprachen

Es ist das zweite Gedichtbuch von Franziska Beyer-Lallauret, erschienen in Oschersleben in der Börde im Verlag von Harry Ziethen. Die Autorin, im sächsischen Mittweida geboren und bei der Muldestadt Colditz aufgewachsen, lebt seit einer Reihe von Jahren als Lehrerin und Dichterin im französischen Avrillé bei Angers, und da ist es konsequent, in Falterfragmente oder eben Poussière de papillon zweisprachig zu arbeiten. Eine schöne Herausforderung: Und mit der erzählt das Buch eine Liebesgeschichte in zweimal 36 Texten, vom Aufsteigen des Monds bis zum Verlöschen. Eine stille, intime Sprache ist das und ein großes Vergnügen, schwebend und schwer in einem, im Leuchten des einen spiegelt sich das Leuchten des anderen Sprechens. Der komplexe Plot, in den Franziska Beyer-Lallauret ihre Lyrik bettet, wird begleitet von sieben Illustrationen von Johanna Hansen, Mischtechniken, Tuschen, Graphen. Patrick Wilden begleitet das Duett aus Text und Bild mit einem kundigen Nachwort. Er verweist darin auch auf das reziprok herrliche Spiel mit dem (natürlich, handelt sich doch um ein Buch der Liebe) Grundmotiv des Monds, der sich durch das Buch im deutschen Teil ab-, im französischen Textteil zunehmend durch das Buch hangelt ... so, als würde er sich (als Spiegel der Liebenden) noch einmal in sich selbst spiegeln, wie es die Präambel bereits anzeigt. Der Band endet mit einem Traum, aber letztlich rufen die Kapitel zuvor auch immer wieder den Eindruck des Träumens mit seinen Brüchen und Blickwechseln hervor. Zärtlich und kristallin klar ist dieses Buch in all seinen Teilen zugleich und ein mehr als würdiger Nachfolger der ersten Gedichtsammlung der Autorin, der unter dem Titel Warteschleifen auf Holz 2015 ebenfalls im dr. ziethen verlag erschien. Ein lyrisches Lesebuch für die Liebenden und die es (und mit aller Zumutung, die das auch mit sich bringen kann) noch werden, in seiner Schönheit eine Empfehlung für den Bibliophilen wie den Sammler der Text-Bild-Kombi zumal. (Franziska Beyer-Lallauret: Falterfragmente/Poussière de papillon, Gedichte, französisch u. deutsch, Oschersleben: dr. ziethen verlag 2022, mit sieben Abb. von Johanna Hansen, geb., 88 S., ISBN 978-3-86289-213-6, 20 Euro.) 

(André Schinkel)

Sa, 04.11.2023

Buch des Monats November: Grimms Märchen, Band vier: "Blaubart, Blut und Dinge", neu illustriert von Henrik Schrat, ist soeben erschienen bei Textem in Hamburg. Weltpremiere des Buchs ist am 11.11.2023 in Hamburg daselbst, und die Hauptstadt-Premiere findet am 24.11., beide jeweils mit Ausstellungen verbunden, statt. Nebelmond-Buchkunst au point.

Schrats Märchen, Band Nummero vier: „Blaubart, Blut & Dinge“

Es ist Band vier eines hochambitionierten editorischen Großprojekts: Grimms Märchen (Rodung · Kreuzung · Lichtung), die neue und bibliophile Gesamtausgabe aller Grimm-Texte in fünf Teilen, neu illustriert von Henrik Schrat. Drei Bände, in denen es von Zauber, von Wundern und aber von kontemporären Wesen im Bildteil auch wimmelt, glänzt und leuchtet, liegen bereits vor – und am 06. November erscheint nun mit Band vier: Blaubart – Blut & Dinge, mit den ureigenen Worten des Künstlers höchstselbst der „dunkelste und coolste“ von allen. Das dementsprechend auch bereits im Einband tief-, ja, verdachtsweise um ein Haar spinellschwarze Buch versammelt denn auch so einige der gruselschönsten Märchentexte der ikonischen Vollversammlung dessen, was Jakob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859) in jahrzehntelanger Kleinarbeit vereinten und damit ein Volksbuch der nachhaltigen Art schufen, zeitlos in beide Richtungen, das alte Wissen wie das eherne, über die Ären Gültige fassend (Hamburg: Textem Verlag, 285 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-86485-249-7, 34 Euro). In der neu bebilderten Folge von Schrat (I: Schneefall, II: Dornenrose, III: Lumpengesindel, IV: Blaubart, V: Und Gretel …) kann man im Bildteil auch selbst auftauchen – man möge sich also für den abschließenden Band beeilen. Schrat dazu: „Die 240 Märchen sind in fünf Bände aufgeteilt, die nicht der Grimmschen Sortierung entsprechen, sondern thematische Gruppen bilden und Gegenüberstellungen suchen. [Cameoauftritte für spezielle Märchen bitte [lang vorher anmelden, das Interesse ist groß, und ich muss das limitieren, damit das Märchenbuch keine Portraitsammlung wird. Aber das Erscheinen von realen Personen gibt dem Projekt schon eine entscheidende Wendung der ‚Diesseitigkeit‘ …“ Zunächst aber wird zweimal Premiere gefeiert und ausgestellt – am 11.11. in Hamburg (Frise, Arnoldstraße 26–30, 22765 Hamburg, ab 18 Uhr) und am 24.11. in Berlin (Kurt-Kurt, Lübecker Straße 13, 10559 Berlin, ab 19 Uhr). Danach sind die beiden Exhibitionen samt Gästen (Kollwitz, Hegenbarth ...!) noch bis in den Dezember zu sehen. Alle Infos auf der Webseite des Künstlers. Märchenhaft, ein Buch des Monats November nach Maß.

(André Schinkel)

Do, 26.10.2023

Erschienen vor 40 Jahren: Hilbigs "Stimme Stimme".

Buch des Monats: „Stimme Stimme“

Es dürfte eines der begehrtesten antiquarischen Bücher aus den Beständen des Leipziger Reclam-Verlags sein: Stimme Stimme von Wolfgang Hilbig, das einzige Buch des Büchnerpreisträgers und Weltliteraten aus Meuselwitz, das in der DDR erscheinen durfte. Vierzig Jahre ist das nun her: 1983 lag das Buch, um das es eine Reihe Querelen gegeben hatte und das durch die Fürsprache großer Literaten des kleinen Landes (Christa Wolf, Franz Fühmann, Stephan Hermlin) und die umsichtige Betreuung des legendären Reclam-Lektors und -Herausgebers Hubert Witt möglich wurde, endlich vor und war: eine literarische Sensation. Und quasi über Nacht vergriffen. Stimme Stimme versammelte Gedichte und Erzählungen des Autors, zuvor hatten nur zwei Bücher von ihm bei S. Fischer in Frankfurt, also auf der anderen Seite des Vorhangs, erscheinen können: das Lyrik-Debüt abwesenheit (1979) und eine Auswahl frühe Prosa: Unterm Neomond (1982). Da redete einer sprichwörtlich aus dem Untergrund und zugleich brüderlich mit Novalis, Rimbaud und Mallarmé, dass es ein Wunder und eine dunkle Freude war. In der Prosa stellte man den Vergleich mit Kafka an; Hilbigs Heizer dürfte den des Pragers an Intensität mithin noch übertreffen. Da war er, der große Arbeiterdichter ... und das kleine Land zierte sich. Ganz an der Zensur vorbei kam Stimme Stimme nicht, was man an der teils ausgedünnten Fassung von das meer in sachsen, eines programmatischen Gedichts aus Wolfgang Hilbigs vielleicht intensivster Schaffenszeit, erkennen kann. Aber es standen da Dinge, wie man sie lange in der DDR nicht gelesen hatte, zumal, wenn sie aus der Mitte ihrer Gesellschaft kamen. Hilbig, der gelernte Bohrwerksdreher, konnte seinem Heizkeller entsteigen, und der Rest ist Literaturgeschichte. Womöglich sind solche Autoren-Biografien heute im Betrieb eines geeinten Deutschlands nicht mehr möglich. Dieses einzige DDR-Buch Wolfgang Hilbigs, dessen Werk mittlerweile gesammelt bei seinem Frankfurter Verlag vorliegt, ist bis heute gesuchtes Sammelobjekt. Die aufgerufenen Preise für ein Exemplar von Stimme Stimme beginnen in den Antiquariaten bei 35 Euro. Nicht wenig für ein so zartes, vergilbendes Buch, dessen Einband vom Reclam-Procedere abwich. Die Besonderheit seines Inhalts und die Historie seiner Entstehung wird wohl für immer ihr Leuchten bewahren. Hilbig starb 2007. Aber seine Texte sind noch bei uns.

(André Schinkel)

So, 24.09.2023

Bezaubernd: Danilo Pockrandts Wunderwesenbuch.

Büchel des Monats: „Das Lepomu“

„Woran erkennt man ein Folmtutel ...? Warum weigert sich der Lammtroll, Hände auszubilden? Und welche Frage stellt sich das Lepomu tagein, tagaus …“ So wundervoll, wie das Werk selbst ist, teasert der Klappentext des im Hasenverlag erschienenen neuesten Streichs von Danilo Pockrandt – ein Buch, randvoll mit den herrlichsten Wesen, bei denen man versucht sein möchte, an ihre Existenz zu glauben. Der hallesche Buchkünstler, Grafiker und Autor Pockrandt hat sich: teils aus Verschreibern, teils aus der Tiefe des ihm eigenen Staunens an der Welt heraus, auf 100 Seiten eine total zaubrige Bande ausgedacht, sie selbst gezeichnet, ihnen einen Bestimmungstext und im Fußraum jeder Seite noch eine Art „letztes Wort“ gegeben, dass es eine Freude ist. Weiter heißt es im Teaser: „Die feinen, farblich reduzierten Tuschezeichnungen kommen heiter-unterhaltsam daher und werden gewürzt durch kurzweilige Charakterisierungen. Beim Blättern in diesem Band eröffnet sich eine Welt voller Wunderwesen, die uns verwandt und fremd zugleich erscheint. Ein Bilderbuch, auch für Erwachsene!“ Ein Exponat, vor dem auch mancher Pirckheimer nicht gefeit sein dürfte. Sei’s drum, wenn’s der Freude dient. Das Lepomu und andere Wunderwesen. Ein Bestimmungsbuch kommt im Hardcover im Format von 21 x 21 cm zu seinem Besitzer, es hört auf die ISBN 978-3-94537-787-1 und kostet schüchterne 25 Euro. Was für ein Buch: ein Handbuch, feiernd die Fantasie.

(André Schinkel)

Mo, 31.07.2023

Der Klak-Verlag mit Sitz in Berlin steht für ein breit gefächertes und ambitioniertes Buch-Programm.
Erschienen 2020: Steinbrücks "Haltlose Zustände".
Lutz Steinbrück, 2019. | © Agata Szymanska-Medina

Buch des Monats Juli: „Haltlose Zustände“ von Lutz Steinbrück

Wie so vieles auf dieser Seite des Jahrtausends wurde die Prophetie im Titel des Buchs des Monats Juli vielleicht nicht als Überraschung wahrgenommen, nein, vielmehr malmten die Ereignisse so in und durch die Epoche, dass Lutz Steinbrücks Lyrikband, obschon noch vor erstem Lockdown und dem unsäglichen menschengemachten Knirschen und Knacken im Gebälk der Welt im Klak-Verlag Berlin erschienen, nun, im rauch-, propaganda-, zorn- und hysteriegeschwängerten Jahr 2023 dem empfindsamen Konsumierer als Weissagung der sprichwörtlichen „Zustände“ erscheinen mag. Ja, und man sich wundert, was Gedichte vielleicht doch in der Tiefe vermögen: unserem noch nicht klar ausdrückbaren Empfinden eine Sprache und ihr Bilder, Gelenke und eben Klarheit geben.

Aber so ist es, so scheint es doch tatsächlich zu sein. „Haltlose Zustände mit diesem Befund setzt Lutz Steinbrück die Lesenden der unmittelbaren Realität aus, ihrem Widersinn und scheinbar festgezurrten Gewissheiten. Gedichte und Text-Collagen, feinnervig formuliert, im Grundton diffusen Unbehagens mit rasant wechselnden Perspektiven im Kontext deutscher Geschichte und Befindlichkeiten, universeller, urbaner und provinzieller Verhältnisse.“ So der Klappentexttrailer für den 2020 erschienenen, zehn lyrische Zyklen auf 132 Seiten fassenden Band, ausgestattet mit einigen Vignetten von Mario Hamborg, der auch für den überaus ansprechenden, zeitlosen wie das Leser-Auge auch behutsam wie sanft zwingend mitnehmenden Cover-Entwurf verantwortlich zeichnet. 

Das Unbehagen, das Steinbrücks Dichtung seinerzeit noch als sie diffus wahrnehmend beschreibt, ist mittlerweile klar und deutlich geworden, es kanalisieren sich machen sich die inneren und angesichts des anstehenden, ja, sich vollziehenden Epochenbruchs, an dem wir stehen, mehr noch die äußeren Zerreißproben offenbar. Und es ist das Verdienst dieser Texte, in den Vorgewittern dieser Ereig- und Schrecknisse bereits einen Ton dafür gefunden zu haben, der der Dichtung nun zur Verfügung steht. Steinbrück beschreibt das Aus-den-Fugen-Geraten, auch den Zweikampf, der unterschiedlicher Erfahrung und damit Sichtung zugrunde liegt, die in der jüngeren deutschen Geschichte triftig rezipierbar abgelegt ist und etwas Grundsätzliches über das Menschenwesen in sich zu tragen scheint, trotz 300 Jahren Aufklärung, und letztlich ... aufs Globale umlegbar ist. 

In seiner Wahlheimat Berlin hat der 1972 geborene Bremer Lutz Steinbrück, der mit den Haltlosen Zuständen seinen insgesamt dritten Lyrikband vorlegte und auch als Musiker reüssiert, mit großer Sicherheit das idealtypische Studien-Objekt für seine Sichtungen, Erkundungen, Feststellungen und Deutungen gefunden. Steinbrücks Verse und Fließtexte sind Großstadtlyrik par excellence, und das lange geteilte Berlin ein Symbol für Zerrissenheit, auch Hybris und die sich einschleichende Haltlosigkeit bei immerwährender Chance, dass sich doch noch alles zum Besseren wenden möge. Auch das Individuum ist dabei sichtbar, zuweilen als Mahner, zuweilen ameisengroß im Gewimmel, das sich aus Betonblöcken und Kleingärten zusammensetzt. Ja, und Verlorenheit spielt eine Rolle, die auch im Fortschreiten der Jahre sich begründet, im sezierenden, fragenden Auge des Dichters. 

„Ich ist ein Säugetier“, so heißt es an einer essentiellen Stelle des Buches, in einem der hinteren, persönlichen Zyklen, der Intimes Archiv heißt. Trotz dieser Zuweisung und mithin Verdammtheit wachsen ihm am Ende des Textes „Flügel aus dem Kopf“. Somit besteht wie ja auch jedes noch geschriebene und gesprochene Wort im Gedicht der Wunsch nach dem Beginn eines Gesprächs ist und bleiben wird auch forthin Hoffnung. Die Dichtung von Lutz Steinbrück ist das eine wie das andere auf jeden Fall: Auf der Höhe der Zeit punktiert sein Insistieren, ausgehend von den am Buch-Beginn programmatischen Textblöcken über die urbanen Exegesen und den Texten ums Ich (auf der Suche nach einem Wir) und landet ganz am Ende bei Zuständen, die aus der Geschichte in die Gegenwart übersetzten, flankiert von der Gier, die Sesshaftigkeit und Patriarchat in sich tragen:

Am Beispiel von Walther Rathenaus Von kommenden Dingen, aus dem das Schlussgedicht zitiert, lugen der Krieg und die erschrockene Stille in den Band hinein: „die keimenden Schollen der Oder / ziehen in dichten Verbänden mit dem Strom / die Stille des Vorwurfs nach den tödlichen Schüssen / ein friedliches Weiß das den Horizont lichtet“. Davor, dazwischen und aus der Sicht dessen, was wir heute wissen, auch danach spannt sich das Leben auf, ins Kleine wie ins Große gespiegelt, um das es sich lohnt zu ringen und gegen die haltlosen Zustände anzugehen. Nun, einen brisanten und lakonischen, unsentimentalen und nachhakenden Dichter hat man Lutz Steinbrück genannt. Sein Buch steht auch für die Seismik lyrischer Erkundungbei gleichzeitigem Bestehen auf Würde, Integrität ... in Zeiten wie diesen ist das elementar. (Lutz Steinbrück: Haltlose Zustände, Gedichte. Berlin: Klak-Verlag 2020, Klappenbroschur, 132 Seiten m. Abb., ISBN 978-3-948156-34-3, 15 Euro.)

(André Schinkel)