Pirckheimer-Blog

Buch des Monats

So, 28.06.2026

Der Ausstellungskatalog "Vielseitige Buchpatienten" von Reinhard Nitsche sowie Kirsten Meyer begleitet die gleichnamige Exposition im Domherrenhaus zu Verden. Unser Rezensent Michael Spyra lebt in Halle an der Saale als Autor und Lehrer – zuletzt erschien sein Band "In Auflösung begriffen" (bei Urs Engeler).

Die Verdener Buchretter geben Einblick im Domherrenhaus

Es ist beschwerlich, sich vor den Brandmeldungen unserer Tage zu verbergen, erreichen sie einen doch jederzeit und allerorts. Umso erfreulicher dann, wenn sich Nachrichten von vorgestern der Informationsflut beigesellen, wider Erwarten per Post. Die Feuermelder vergangener Tage haben nämlich die angenehme Eigenschaft, gegenwärtige Ereignisse als relativ zu entschärfen. 

Im konkreten Fall soll es um den Katalog Vielseitige Buchpatienten von Reinhard Nitsche und Kirsten Meyer gehen. Dieser ist begleitend zur gleichnamigen Ausstellung seit dem 13. Mai und bis zum 23. August 2026 im Historischen Museum Domherrenhaus Verden (Untere Straße 13, 27283 Verden) mit dem Untertitel Auf Spurensuche in der historischen Bibliothek des Domgymnasiums Verden erschienen. – Der Oberstudienrat und die Restauratorin präsentieren uns dreizehn Bände aus den angesprochenen Beständen, die zwischen 1550 und 1836 publiziert wurden und die von Aristoteles über Johann Lund und Sebastian Münster bis hin zu Abraham Scultetus reichen. Darunter befinden sich auch eine plattdeutsche Bibel und ein Kräuterbuch von 1588.

Jedes Werk bekommt sein Kapitel, in dem Nitsche die Arbeiten vorstellt. Das tut er historisch akkurat und mit Begeisterung, der Herr Oberstudienrat, der nach Dienstende durch die Archive und Magazine des Gymnasiums wandelt und uns ein kurzes Schlaglicht, einen knappen Vortrag über das jeweilige Buch, seine Verfasser oder die historische Einordnung gibt. Dabei erzählt Nitsche lebendig nach und berichtet mit erfrischender Leichtigkeit, was den Rezensenten sich gern dazu hinreißen lässt, den Katalog als ein Prosawerk lesen zu wollen: im irrlichternden Kerzenschein des Lehrers vorweg schlendernd und im nüchternen und klaren Schein der Restauratorin nachschreitend.

Beide Stimmen sind überaus sympathisch und eingenommen für ihre Patienten, was den Inhalt lebendig macht und ihre Ausführungen von denen einschlägiger Lexika unterscheidet. Schon die Kapitelüberschriften stimmen darauf ein: Indiana Jones muss es gelesen haben! Kein Christentum ohne Bundeslade & Co.! lese ich zu Lunds Jüdische Heiligthümer, 1701, Alte Bibliothek Nro. 04, oder: Ikarus der Reformierten? Was von Scultetus übrig blieb – der Fall des Prager Bildersturms zu einer Sammlung mehrerer Predigten desselben von 1621. Beide Überschriften bilden nur eines der vielen Spektren zwischen Popkultur und klassischer Antike dieses Kataloges ab.

Bereichert wird die jeweilige Einordnung Nitsches um eine Darlegung der Restaurationsschritte. Das erdet die Texte und unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der sich Meyer an die Rettung und den physischen Erhalt der Werke gemacht hat. Darüber hinaus enthält der Katalog etliche Abbildungen der jeweiligen Werke und Restaurationsschritte. Für mich ist Vielseitige Buchpatienten ein Band, der auch außerhalb der Ausstellung funktioniert, gleichwohl der Besuch derselben noch bis Ende August in Verden möglich ist. Sehr zu empfehlen!

(Michael Spyra)

So, 07.06.2026

Lutz Steinbrück: Bleiben wie’s nie war. Gedichte. Mit 6 Grafiken von HT Kløver. Berlin: KLAK-Verlag 2025, KlBr, 92 Seiten, ISBN 978-3-911617-10-9, für 15 Euro. Wie in seinem Vorgänger "Haltlose Zustände" (2020) treibt den Autor des Buchs ein „diffuses Unbehagen“ an der Welt und Epoche ... die unsere Gegenwart ist.

‚Die Götter entwaffnen‘: Gedichte Lutz Steinbrücks zur Zeit bei KLAK

Zwei Tugenden der dichterischen Existenz sind: Durchhalten und Beständigkeit in den Werkzeugen. Von daher ist die Aussage, dass der jüngste Gedichtband von Lutz Steinbrück, Bleiben wie’s nie war, erschienen im Frühjahr 2025 im Berliner KLAK-Verlag, an seinen Lyrikvorausgänger Haltlose Zustände (2020) anschließt, nicht ehrenrührig, im Gegenteil. Nun sind die Zeitläufte auch nicht besser geworden, das ganz und gar im Gegenteil. Steinbrücks Gedichte sind nah und hochgradig seismografisch am Takt der Epoche, die eine welke und zugleich gefährliche ist; ihre Trübtassigkeit ist allerdings nicht dazu geeignet, unaufmerksam zu werden ... und genau da setzt die Dichtung Lutz Steinbrücks ein. Ein „diffuses Unbehagen“ an der Welt, so oder so ähnlich war bereits der Tenor des zuvor edierten Gedichtzyklus; hier nun setzt, so hebt es bereits in den Linernotes von Bleiben wie’s nie war rück- wie vorausverbindend an, Steinbrück auf die Verklarung, Verschärfung des Blicks im Fokus des Worts und auch ihrer teils be-, teils entseelten Hülsen, die er im Bezug auf den Alltag herauszieht und in Nutzung nimmt, sich damit um ein Abbild des all-gegenwärtigen Absurdistans bekümmernd. Bereits die Kapiteltitel im Buch verweisen darauf: mit Fremdschemen, Die Götter entwaffnen, Tragende Verluste und Aus den Fugen seien vier symptomatisch aus dem Reigen der sieben Unterzyklen des Bandes genannt. Oh, und zugleich ist es so, dass jene Erkenntnis der Misere als Bewusstwerdungsprozess unerlässlich ist und bleibt: „wieder und wieder / wiederholen was / klar scheint /doch nicht ankommt ...“ Oder, sich erwehrend in der Wahrnehmung schon:Eingelaufene Gedanken // zu treffen im Gehirnwaschgang / im Auge der Betrachterin ...“ Und: den Grad an Fäulnis in der Zeit teils überklar benennend, die schillernde Gefahr ... – vom Schmeißfliegenberg der Geschichte wie vom Mont Klamott der anwachsenden Verpixelung her. Ja, in Lutz Steinbrück, der zugleich auch Songwriter für (sic:) Lutzilla ist, kocht das hoch in Loops und Slogans, zieht die Axt des Fingers in der Wunde de facto einen Scheitel im Auge des Lesers. Und endet: „als ob wir je dazugehörten ...“, und: „zerriesel’ ich im Januswind ...“ Wehe uns – nach wie vor. Doch die Bögen sind gespannt, um die „Auswüchse gesundzuschrumpfen“. Und das ist der Anfang. Ein so bedenk- wie bemerkwürdiges Buch, flankiert von einem Gespräch mit dem Dichter und den Arbeiten HT Kløvers: Die dräuenden Götter, die sich gebärden und am Ende Schemen sind, gehören entwaffnet. 

(André Schinkel)

Do, 14.05.2026

Das "Poesiealbum" ist eine editorische Legende und feiert am 27.05. in der Volksbühne Heft 400: Samuel Beckett, ausgewählt von Ingolf Brökel. Die Reihe ist im Märkischen Verlag in Wilhelmshorst beheimatet.

Volksbühne feiert: „Poesiealbum 400“ (das Buch des Monats im Mai)

Wohl keiner beherrschte das Ausräumen der Textlandschaft so souverän, meisterlich und, jawoll, so beredt auch wie er: Samuel Beckett (1906–1989). Der Großmeister von Watt und der Textes pour rien, der nach einer langen Geduldsschleife mit Warten auf Godot 1953 mit einem Schlag weltweit berühmt wurde, hat Zeit seines Lebens auch Gedichte und anverwandte Formen geschrieben. Es ist deshalb mehr als richtig, Beckett die Jubiläumsausgabe des legendären Poesiealbums, nämlich die Ausgabe 400 der ikonischen Reihe, zuzuweisen. Und die nicht weniger berühmte Volksbühne (Linienstraße 227, 10178 Berlin) feiert das Poesiealbum-Jubiläumsheft! Wo? Im Roten Salon, in der Reihe Parole Text:Buch. Wann? Am 27. Mai 2026, ab 20 Uhr. Wer ist dabei? 1. Ingolf Brökel, der die Auswahl des Heftes besorgt hat und mit 2. Doris Streibl aus der Neuveröffentlichung liest; und 3. Reiner Frei, der in seiner Erscheinungsform als Yref die Gitarre dazu schweben lässt. Was gibt es noch zu sagen? „Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird in der Lyrikreihe deutsch- wie fremdsprachige Poesie bedeutsamer Autor:innen aus Gegenwart und Vergangenheit veröffentlicht“, heißt es da in den Linernotes für den Abend. Und: „Von den montageartigen längeren Gedichten aus seinem 1935 erschienenen ersten Gedichtband Echos Gebein, in dem das Chaos noch die Form gibt und das vom Absurden lebt, bis hin zur reduzierten Sprache, hochgradig konzentrierten epigrammatischen Texten im Band Mirlitonnades von 1981 erstreckt sich das lyrische Werk eines der bedeutendsten Dichter unserer Zeit, Nobelpreisträger 1969. In seiner Lyrik baut er einen Raum um sich, der Figuren auf seine Weise krümmt und deren Körper auf ihre Art wieder seinen Raum, den Beckett’schen ...“ Schließlich: „Wer seinen krummlinigen Koordinaten folgt, geht dem Nichts zu – mit imponierender Reste-Erhaltung an Helle und Schärfe.“ Mithin ist Samuel Beckett so ein mehr als enigmatischer wie leuchtender Protagonist der Moderne und Nachmoderne. Das Poesiealbum wurde 1967 begründet und erschien zunächst im Verlag Neues Leben; und nach der Wende wurde es im Märkischen Verlag Wilhelmshorst glücklich wiederbelebt. Nun: Möge es noch weitere 400 Hefte geben! Den Poesiealbum-Beckett-Abend sollten sich Fans und auch Eleven der Reihe vormerken.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Mo, 27.04.2026

"Die Schnecken schlafen im Bart des Ampfers" ist der dritte Gedichtband Anne-Marie Kenesseys und erschien im Herbst 2025 im KLAK-Verlag in Berlin. Die Dichterin und Übersetzerin lebt in der Schweiz.

‚Warum das Weite suchen / wenn es nah ist‘: Anne-Marie Kenessey

Die Schnecken schlafen im Bart des Ampfers ist der dritte Gedichtband der Züricher Dichterin und Übersetzerin Anne-Marie Kenessey und ihr zweiter im Berliner KLAK-Verlag nach flügelnüsse & Schädelklopfer, der 2020 erschien. Kennesseys Dichtung ist eine, die sie auf der Höhe von Glanz und Möglichkeiten, die dieses vorgeblich aufgeklärte Äon bietet, und beim Blick in dessen abysstiefe Abgründe zugleich zeigt. In sieben stilistisch hoch abwechslungsreichen Zyklen, die aufgrund und trotz ihrer Diversität sich eigenartig und souverän auf ein Zentromer dieser Sprache ausrichten, die eine berührende, nicht selten zugleich kühne Melange aus Neugier, dem Ton der zeitbasierten Ismen, Licht, Erinnerung und Tragedy aufbietet, die einen lange beschäftigt, sobald man den Fuß in diesen Raum des, ja, Kenessey’schen Sprechens setzt. In der Art, wie uns eine so heillos verkannte Elektroband wie Mesh auf ihrem neuen Opus The Truth Doesn’t Matter die krude Abseitigkeit der Epoche in Bass-Salven um die Ohren haut, klingt das auch zum Teil in diesen Texten, die wie gesagt auch Wärme und vielfaches Besinnen auf Herkunft und Schicksal der Herkunft inmitten eines notwendigerweise sezierenden Blicks kennen: „alle Zeiger fallen aus der Zeit“ oder – zutiefst ins Mark der Gegenwart erschüttert – „Dreihundertsiebenundzwanzig / Tage lang berichtete sie / seit dem 7. Oktober 2023. // Ich kämpfe um dieses Leben! / war ihre letzte Nachricht / bevor sie starb.“ Nachrichten aus einer Zeit, die sich jenseits von 300 Jahren Aufklärung entfesselt. Wünscht man nach der Lektüre von Die Schnecken schlafen ... zurückzukehren an die Reisebilder und Wort-Mechaniken des Anfangs? Man kann es versuchen und darin für ein paar Sekunden das Damokles-Schwert vergessen, indes, das „Wehe uns“, das einst Marion Titze aussprach, es holt uns wieder ein. Nun ist Sprechen ein menschlicher Akt, zumal in Dichtung, an den man sich hält. Darin gründet Hoffnung, auch in dieser Poesie, die in Leichtigkeit spricht, in großer Trauer zugleich, eigentümlich und klug das Coleur der Antipoesia des Jetzt einbeziehend, sie damit sichtbar macht. Ein nur scheinbar leises, ein unbestechliches, klarblickendes wie den Solarplexus bewegendes und gleichsam opalen schimmerndes Buch. (Anne-Marie Kenessey: Die Schnecken schlafen im Bart des Ampfers. Gedichte. Berlin: KLAK-Verlag 2025. Klappenbroschur, 88 Seiten, ISBN 978-3-911617-14-7, 15 Euro.)

(André Schinkel)

Fr, 06.03.2026

Holger Uske: "Aufbruch des Windes. Gedichte 1975–1986" ist erschienen 2025 in der Edition Sinnbild in Suhl, broschiert, 124 Seiten, ohne ISBN, mit Grafiken von Annette Wiedemann, und ist beim Autor für 15 Euro erhältlich (50 Exemplare in der ersten Auflage).

Gelesen übers Jahr · III: „Aufbruch des Windes“ von Holger Uske

David Gilmour 80

Dieses Buch erscheint, wie sein Verfasser in seiner Vorbemerkung andeutet, vierzig Jahre nach seiner Entstehung, es ist das erste Skript, das Holger Uske beim Berliner Union-Verlag einreichte – 1987 war das; und im Sommer 1990 bekam er es zurück, ungedruckt. Die DDR hatte es simpel verhindert, und ihr aus der Wende aufsteigender Nachruch zudem. Aber irgendwie ging es dem Suhler Dichter und Liedermacher, mithin die gute Seele des Südthüringer Literaturvereins, nicht aus dem Kopf. Und auch wenn sein Urheber sich eine Weile fragte, ob es noch richtig und gut sein, diese Texte zu bringen, und auch wenn es nun nur in einer Kleinstauflage von 50 Stück vorliegt – es ist gut, dass es da ist! Denn das Büchel, hinter das sich auch Freunde des Autors mitdahinterklemmten, um es erscheinen zu lassen, ist es schon ganz „ein Uske“. Und berichtet (so der Eingangstext) „vom neuen und alten Widerstehen“. Vom Mut, den das kostet, damals wie heute, als Selbstbehauptung und wo die „Kraft des Wortes (...) im Schwinden“ ist. Und weiter steht da: „Ich hoffe, dass dieses lediglich in einer Kleinstauflage gedruckte Büchlein mehr ist als nur ein Zeitzeugnis. Denn es erzählt auch vom (beinahe) Möglichen von einst und vom damals wie heute nötigen (sic:) mutigen Widerspruchsgeist, um auch geistig zu überleben. Der ‚Wind‘ im ‚Wald‘ ist noch immer – oder längst wieder zum Sprung bereit.“ Ein Zeitzeugnis im schönsten und berührenden Sinne sind diese Lieder und Gedichte Uskes, die von der Liebe sprechen, dem Wunsch nach Behaustheit, aber auch von den Miss- und wackligen Umständen ihrer Zeit, die sich in den Iden der Zeit berühren und wohl auch wiederholen. Und sind zugleich das starke Statement, ein kraftvoller Auftritt des Dichters, der der gebürtige Riesaer Holger Uske bis heute geblieben ist – forschend und fragend, instistiv leise und doch auch unbestechlich, auf die Segnungen der Kunst rekurrierend, widerständig und innig zugleich. Und immer wieder die Liebe, auf diesen Seiten im Buch, auf denen die Perlschrift vor wechselnden Farben parliert, konkret und metaphysisch: „Nur das Licht / In uns gilt ...“ Mit Grafik von Annette Wiedemann, die auch Ende der 1980er schon die Gestaltung hätte übernehmen mögen. Gestaltet von Andreas Kuhrt. Endend mit einer großen Reminiszenz: „Mein bestes Gedicht / Ist mein Sohn“. Ein schönes bezeugendes berührendes Buch, nach soviel Jahrn: Gut, dass es nun da ist.

(André Schinkel)

Mo, 16.02.2026

"Robert und der elfte Apfel", erschienen bei Mirabilis. Und Autor Ralph Grüneberger hat heute Geburtstag!

Buch des Monats: „Robert und der elfte Apfel“ beim Mirabilis Verlag

Manchmal muss man einfach doppelt mutig sein. Oder tapfer. So geht es dem Helden in Robert und der elfte Apfel. In der Geschichte, die im Mirabilis Verlag von Barbara Miklaw erschien, sind nicht nur Abenteuer zu bestehen, bei denen man sich fragt, ob man sie sich zugetraut hätte, wenn man wüsste, was auf einen zukommt; nein, es geht auch auf andere Weise ans Eingemachte. Ein Buch, in dem ... Riesen vorkommen, deren Furor man erstmal begreifen muss (weil sie sich selbst in schwere Wasser manövrierten), aber auch die Not des möglichen Abschiednehmens und des Versuchs, damit weiterzumachen und den Mut zu behalten. Und es manchmal eine Rudika braucht, die zwischen dem Knirps, der in diese Story geriet, und den erwachsenen Riesen, allen voran Oberriese Hymidis, mit dessen Worttreue (sowas, bei Erwachsenen!) es auch nicht immer weit her ist, vermittelt und so einiges Unheil verhindert. Und, als Robert kämpfen soll, mit Raschel noch einen Freund gewinnt ... Woraus der dritte Mut entspringt: Dass man Freunde hat, wenn es darauf ankommt. Und man mit Hoffnung zurückkehrt: und die Tage, die man an sich nur bei Oma verbringt, plötzlich zu den Ferien des Lebens mutieren. Neugierig? Mit Recht! Illustriert hat dieses so fulminante wie berührende, stille und zugleich überaus lebhafte Buch Pirckheimer-Freund Florian L. Arnold, herrlich, schon in der Cover-Gestaltung über den Vorsatz bis in die Innentitel, Vignetten eine köstliche Augenweide. Der Dichter, Erzähler und Herausgeber Ralph Grüneberger, der Verfasser dieses wundersamen Buches, dessen Meriten um die Literatur und ihre Anwesenheit in der Welt weit über die Grenzen seiner Heimatstadt Leipzig hinausgehn, feiert im Übrigen heute seinen 75. Geburtstag. Von Herzen alles Gute von hier – ein großes Glück auf! für alle künftigen Bücher, ohne Gänsehautkriegen und Zähneklappern ... (Ralph Grüneberger: Robert und der elfte Apfel. Mit Illustrationen von Florian L. Arnold. Klipphausen: Mirabilis 2025, Hardcover, 176 Seiten, ISBN 978-3-947857-26-5, für 21 Euro.)

(André Schinkel)

Do, 30.10.2025

Die Anthologie "Der doppelte Sisiphus" erschien im Verlag Das Wunderhorn ("Poesie der Nachbarn 36").

Buch des Monats: „Der doppelte Sisiphus“ (armenisch-deutsch)

Es dürfte als eines der ältesten und bedeutendsten Kulturvölker des Abendlandes gelten: Das Volk der Armenier, die, zeitweise in ganz Kleinasien zuhause, heute im Südkaukasus, in Sichtweite ihres heiligsten Bergs, des zweigipfligen Ararat, leben. Die große und in der jüngeren Moderne wie Gegenwart tragische Geschichte der Armenier dürfte – an sich – keinen unberührt lassen: Nach dem Genozid im Ersten Weltkrieg empfindet die armenische Ethnie den Verlust von Bergkarabach 2023 als schweren Einschnitt ... Die armenische Literatur der Gegenwart ist von großem Reichtum, was mithin die Anthologie zum 36. Durchgang von Poesie der Nachbarn beweist: Im Sommer 2024 lud Herausgeber und Hausleiter Hans Thill je sechs armenische und deutsche Autorinnen und Autoren zur Nachdichtungswoche ins Künstlerhaus Edenkoben in der Pfalz ein. In der kommenden Woche wird nun das Resultat, die Anthologie Der doppelte Sisiphus, erschienen im Verlag Das Wunderhorn, in Mainz, Trier und Koblenz vorgestellt. Aus Jerewan reisen eigens die Dichterinnen Gohar Galstyan und Arpi Voskanyan an, flankiert von ihren Nachdichterinnen und Nachdichtern. Das Buch selbst zeigt, wie tief auch die Dichtung der Gegenwart im Land um den Sewansee von Geschichte und Religion geprägt ist. Und wie reich zugleich die Herangehensweise der Deutschen ist, sich diesen Texten zu nähern, teils folgen den Originalen explizit bis zu drei Nachdichtungen der Teilnehmenden. Ein berührendes und wichtiges Buch. By the way: Auch in Sachsen-Anhalt gab es vom 24. bis 26.10.25 eine deutsch-armenische Begegnung. Auf Haus Sonneck trafen sich Hermine Navasardyan und Armenuhi Drost-Abgaryan mit Autorinnen und Autoren des Landes zu Austausch und Nachdichtung. Diese Anthologie, Brücken der Sehnsucht, erscheint im März 2026, auch in zwei Sprachen, im Mitteldeutschen Verlag. (Der doppelte Sisyphus. Gedichte aus Armenien. Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2025, 190 Seiten, geb., zweisprachig, ISBN 978-388423-728-1, für 26 Euro).

(Bert Blaubart)

So, 06.07.2025

Holger Brülls: "böser garten", Gedichte. Mit einer Algrafie von Gerda Lepke (Cover und Frontispiz). Bucha bei Jena: quartus-Verlag 2024 (Die weiße Reihe, hrsg. von Jens-Fietje Dwars, Bd. 24). 88 S., Kl.-Broschur, ISBN 978-3-947646-57-9, 15 Euro.

Buch des Monats I: „Böser Garten“

Die Bücher, die unter der Ägide von Pirckheimer-Freund Jens-Fietje Dwars im quartus-Verlag in Bucha bei Jena erscheinen, sind ein wenig das Maß für gute Hoffnung heute, dass es nach wie vor schöne Exemplare dieser Spezies der Aufbewahrung von Menschenwissen gibt und: geben soll. Insgesamt vier Reihen hat Dwars im Editionshaus, in dem auch die Marginalien mittlerweile zuhause sind, begründet; und in der Weißen Reihe ist Ende des letzten Jahres bei weitem nicht das erste Buch, aber die erste größere Lyriksammlung von Holger Brülls erschienen, der, promovierter Kunsthistoriker, als Konservator am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle tätig ist. Als Wissenschaftler gilt Brülls unter anderem als Koryphäe für religiöse Bauten und Glasmalerei, als Dichter schlägt er einen körnigen und kantigen, gewissermaßen antiromantischen Weg ein: böser garten heißt der Band, der auf knapp 90 Seiten, flankiert von einer Algrafie von Altmeisterin Gerda Lepke auf dem Cover wie dem Frontispiz, blüht und vergeht, sich in Frage stellt und doch die ganze Zeit existiert. So beschreiben es auch die Linernotes auf der Klappe, den Haupttext als String des Buchs paraphrasierend, überaus treffend: „Hass, Wut, Gier, Zorn, alle elementar-irdischen Triebkräfte gedeihen, wuchern in diesem Garten, dieser Welt. Und doch ist sie ein Garten – von eigentümlicher Schönheit. Das Ausleuchten der entzauberten Welt in schnoddrig alltäglicher, bewusst nicht gehobener Sprache, ist eine andere, eine zeitgemäße Sehnsucht nach dem Licht, nach einer Schönheit ohne Schein.“ Nun, in der Tat ist es ein wenig wie in kontemporärer elektronischer Musik: eine Verletzlichkeit, die aus der digitalen Kühle kommt, auf der einen Seite; eine repetitive Kantigkeit, wie sie in manchem EBM-Club der abgewickelten „Blauen Banane“ (den Sound der verloschenen Hochöfen und Fabriken imitierend) nachwummert, auf der anderen. Und doch ist, wie gesagt, dieses Nachsinnen, ja, Nachrufen und nicht zuletzt -raunzen nicht allein kalt, nicht allein zynisch, vielmehr schimmert durch die Krudität der Ära das Mögliche, das mit der Menschenwerk versehen und betan ist, noch hindurch. Noch, und es ist natürlich auch von Enttäuschung die Rede, die diesen Autor, der in seiner Profession dem Schönen anheim ist, das eben von der possiblen Gnade erzählt, zu der Homo sapiens befähigt ist oder war. Und wie von der Scheu: „einmal ging ich durchs haus / belangloses verrichtend / vorbei an drei rücken abends // da fiel mich / aus dem dunkeln / der schrecken / rücklings an // eines tages vielleicht / bin ich in diesem haus / in dem ich niemals / allein war / allein ...“ Spooky ist das, und erschütternd zugleich. Und es zeigt sich eben durch die Geradheit der Worte bleich der Faden dessen, das eben zu ihnen führte.  Oder es ist auch alles ganz anders. Gut jedenfalls, dass dieser erste vollständige Band Gedichte von Holger Brülls nun vorliegt. Ja, und gut, dass es Leute wie Dwars gibt, die dafür eine Weiße Reihe erfunden haben. 

(André Schinkel)

So, 23.03.2025

Starke Kunst von Frauen: im neuen "Spring"-Heft 21.

„Spring #21“ beim Mairisch Verlag

Spring ist ein Lesegenuss und eine Informationsoffensive: Man bekommt darin vorgeführt, was die Crème der deutschsprachigen Comiczeichnerinnen so drauf hat. Und das ist unglaublich viel“, schreibt Andreas Platthaus, Literaturattaché der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch in der neuesten Ausgabe des Magazins, das beim Mairisch Verlag erscheint, der Nummer 21, ist das so wie in den Editionen zuvor. „In der aktuellen Ausgabe des Spring-Magazins beschäftigen sich die 14 Illustratorinnen mit Macht in all ihren Formen. Ihre Geschichten handeln vom Umgang mit Ohnmacht, vom Sichtbarmachen von Machtverhältnissen und vom Weg in die Selbstermächtigung. In den Beiträgen erzählen sie von der Macht der Stimme, von der Macht des Geldes und vom weiblichen Kampf als Kraftprobe zwischen den Geschlechtern“, heißt es beim Verlag. Und weiter: „Sie fragen sich, wie der Begriff der Hysterie für die Beherrschung weiblicher Lust missbraucht wurde und wie die ständige Wiederholung von Rollenbilden in den sozialen Medien den Weg für eine Rückkehr des Patriarchalen ebnet. Fantasievoll, kreativ und radikal denken sie darüber nach, wie das mit der Macht wohl alles angefangen haben könnte – und wie man es beendet.“ Ja, starke Statements, taffe, wehrhafte Kunst in trüber Zeit, das braucht es wohl mehr denn je im Moment. Die Künstlerinnen-Gruppe Spring wurde 2004 in Hamburg gegründet. Seither erscheint jeden Sommer ein neuer Band der Anthologie. Die Gruppe besteht seit Beginn ausschließlich aus Frauen und ist ein solides und wichtiges Netzwerk für Zeichnerinnen in Deutschland geworden. Alle Infos hier.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

So, 09.02.2025

Neu: Anne Frank "Füller-Kinder" bei Jacoby & Stuart. Das Buch wird am 21. März 2025 in Köln vorgestellt.

Buch des Monats: „Füller-Kinder“

Das Verlagshaus Jacoby & Stuart hat mit Füller-Kinder im Verbund mit dem Anne Frank Haus eine einzigartige Hommage an die durch ihr Tagebuch und ihr Schicksal tragisch weltberühmt gewordene Anne Frank (1929–1945) veröffentlicht. Ihre Kurzgeschichten, die mit dem Tagebuch von ihrer guten Freundin und Beschützerin Miep Gies (1909–2010) im Hinterhaus auf dem Boden gefunden wurden, erscheinen jetzt in einer neuen Ausgabe, liebevoll illustriert von den Großen der Illustrationszunft unserer Zeit. Durch den Begleit-, Untertitel Erzählungen und Ereignisse aus dem Hinterhaus ist das Buch eng mit den zum Weltdokumentenerbe zählenden Diariums-Notizen Anne Franks verbunden, da diese ihr Tagebuch unter dem Titel Das Hinterhaus führte. Anne Frank ist vor allem für ihr Tagebuch bekannt. Was nur wenige wissen, ist, dass sie auch Geschichten geschrieben hat. Sie benennt sie in ihrem Tagebuch als „meine Füller-Kinder“.  Sie reichen von Ereignissen im Hinterhaus über Märchen und Zwergengeschichten bis hin zu Erinnerungen an ihre Schulzeit. Sie begann sogar mit der Arbeit an einem Roman, in den sie die Vita ihres Vaters einbezieht. Er wird später als einziger Überlebender seiner Familie das Tagebuch herausgeben ... Anne Frank bedauerte, dass sie nicht zeichnen konnte. 46 Top-Illustratorinnen/-Illustratoren aus aller Welt haben sich dieser Aufgabe angenommen. Darüber hinaus gewähren sie einen Einblick in ihre Erfahrungswelt und zeigen, dass mit Kreativität und Inspiration Rückschläge und Hindernisse überwunden werden können. Wie Anne Frank glauben sie weiterhin an eine bessere und friedliche Welt. Das Buch hat 260 Seiten, erscheint als Hardcover zum Preis von 30 Euro, ISBN 978-3-96428-257-6. Zugreifen! Am 21. März, 10 Uhr, liest Judith Poznan bei der lit.cologne im Comedia-Theater aus dem Buch.

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Di, 21.01.2025

Mascha Kalékos Todestag jährt sich heute zum 50. Mal. Die 'Büchergilde' hat ihre Gedichte wieder neu, mit den superben Grafiken Hans Tichas, aufgelegt.

Mascha Kaléko: „Bewölkt, mit leichten Niederschlägen“

Mascha Kaléko (1907–1975), deren Todestag sich heute zum fünfzigsten Mal jährt, gehörte und gehört zu den weitaus berührendsten Dichterinnen des letzten Jahrhunderts, die in deutscher Sprache schrieben. Geboren in Galizien, unter den Nationalsozialistin verfemt, gestorben in Zürich, erlebte ihre nur auf den ersten Blick schlichte, in Wirklichkeit aber völlig klare und tiefe Dichtung zugleich, die der Neuen Sachlichkeit zuzurechnen ist, eine späte Renaissance. Heute wird sie zu den bedeutendsten Vertreterinnen der Lyrik ihrer Generation gezählt, ihr Beharren auf die Hoffnung auch im Angesicht des Schrecklichen und scheinbar nur schwer zu Überwindenden frappiert – und trägt. Unter den wunderbaren, ja, treffenden Titel Bewölkt, mit leichten Niederschlägen legt nun die Büchergilde Gutenberg zum Jahrestag ihre gesammelten Gedichte in einer überaus feinen und vom großen Maler und Grafiker Hans Ticha reich illustrierten Ausgabe vor. Ticha, der Büchergilde über viele Projekte verbunden, illustrierte insgesamt weit über hundert Bücher – für die Gedichte Mascha Kalékos schuf er mehr als dreißig Grafiken. Die Neuausgabe der Sammlung (denn erstmals erschien sie 2020) ist wiederum in einer regulären Version für 32 Euro und in einer Vorzugsedition mit Ticha-Original für 128 Euro zu haben. Ein Schmeckerchen für alle Bibliophile sind sie beide, was man bei den wunderschönen Editionen der Büchergilde nicht dazu sagen muss ... Und passend zum Gedichtband hat die Gilde nun auch ein Notizbuch im gleichen Design (Kostenpunkt: 16 Euro) aufgelegt, es ist in der gleichen feinen Weise gestaltet und enthält als Auftakt den Kaléko-Titeltext. Schöner geht es eigentlich kaum. Alle Infos und Formate zu Bewölkt ... finden sich hier. (Mascha Kaléko: Bewölkt, mit leichten Niederschlägen. Gesammelte Gedichte. Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg 2025. 336 S., Hardcover, Leinen, illustriert von Hans Ticha, ISBN 978-3-7632-7182-5, 32 Euro, Vorzugsausgabe: 128 Euro. Kaléko-Notizbuch im selben Design für 16 Euro.)

(André Schinkel/Pressemitteilung)

Sa, 28.12.2024

Ist sicher die berührendste Wiederentdeckung des Literaturjahrs 2024: F. G. Klopstock. Kai Kauffmann widmet dem Dichter die erste Monografie seit 140 Jahren. Sie erschien im Wallstein-Verlag Göttingen.

Buch des Monats Dezember – zum Abschluss des Klopstock-Jahrs

Es dürfte, bei gleichzeitigem Kant-, Kästner- und Kafka-Jahr, die berührendste Ehrenrettung in 2024 gewesen sein: Die Würdigung Friedrich Gottlieb Klopstocks (1724–1803) zum 300. Geburtstag. Ja, nun: Ehre, wem Ehre gebührt – mit Klopstock! Eine Biographie legt Gemanist Kai Kauffmann das wohl fundierteste denkbare Werk dieses nicht hoch genug einzuschätzenden Vorausgängers von und Toröffners für Goethe, Schiller, Hölderlin, Novalis ... kurzum, der Dichter-Elite um 1800, im Wallstein-Verlag in Göttingen vor. Kauffmanns wuchtige Monografie ist dabei das umfassendste Lebensbild dieses Meisters der Empfindsamkeit, der sich, ad astra per aspera, aus den Plattitüden der Anakreontik befreit ... und zugleich die antiken griechischen Metren aus der quantitierenden zur akzentuierenden Sprache auslöst und transformiert, wodurch überhaupt erst ihre Anwendung und Vollendung durch die ihm Nachfolgenden möglich ist, seit 140 Jahren. Und dabei ist der Ruhm Klopstock alles andere als an der Wiege gesungen: Gilt doch sein Familienzweig innerhalb seines Stands als gescheitert und muss da einiges an Energie aufgewandt werden, dass FGK in Pforta zur Schule gehen und in Jena und Leipzig studieren kann. Klopstock selbst weiß da längst um seine Mission: Dichter will und muss er werden und mit dem Messias der deutschen Sprache ein eigenes Epos um Jesus Christus geben. Seinerzeit hochberühmt, gilt es heute als wohl ungelesenstes Werk der Weltliteratur. Mit dem dänischen König wird schließlich 1750 ein Mäzen gefunden, dass Klopstock an seinem Opus magnum arbeiten und es vollenden kann. Wichtig ist F. G. Klopstock gleichwohl geblieben: als Dichter geistlicher Lieder und Oden, in denen er mit Gott brüderlich spricht. Vor allem aber seine Liebeslyrik gehört zum Schönsten, was das Abendland hervorbrachte: Rein um der Liebe willen dichtete er Großes wie Das Rosenband. Diesen Meister und ersten Star der neuzeitlichen Literatur dem Vergessen entnommen zu haben, ist das gewaltige Verdienst von Kai Kauffmann. (Kai Kauffmann: Klopstock! Eine Biographie. Göttingen: Wallstein-Verlag 2024. 420 S., mit 30 z. T. farb. Abb.en, geb., Schutzumschlag, 14,4 x 22,7 cm, ISBN 978-3-8353-5569-9, 36 Euro.)

(André Schinkel)

Fr, 04.10.2024

Diese "unversöhnliche" Ausgabe 14 der "MaroHefte" ("Der Prozess"), widmet sich einem heiklen Thema.

Maro: Ein unversöhnliches Heft

Es ist nicht der Prozess Frank Kafkas, das uns hier als MaroHeft #14 auf 36 Seiten in Englisch und Deutsch anblickt, nein, es ist auf ganz andere Weise ein unversöhnliches (so auch der zweite Untertitel der Maro-Neuerscheinung) Heft, eine Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den OvaHerero und Nama durch deutsche Soldaten zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im heutigen Namibia. Die zweisprachige englisch-deutsche Ausgabe in der Verfasserinnenschaft von Christiane Bürger und Sahra Rausch, übersetzt von Ryan Evers und mit Originaldruckgrafiken (Zyklus We are still waiting) der in Windhoek lebenden, arbeitenden Tuaovisiua Betty Katuuo bestückt, wirdmet sich damit einem so wichtigen wie aktuellen, heiklen Thema: Warum klagen die Nachkommen der OvaHerero und Nama seit Jahrzehnten erfolglos gegen die Bundesrepublik Deutschland? Was ist auf völkerrechtlicher Ebene passiert, seit deutsche Soldaten zu Anfang des 20. Jahrhunderts Zehntausende Menschen auf dem Gebiet des heutigen Namibia ermordeten? Und wie gelingt es dem deutschen Staat immer wieder bis heute, eine juristische Verurteilung wegen Völkermords abzuwehren? Anhand der Klagen, die die Nachkommen wiederholt einreichten, wirft dieses Heft einen Blick auf Deutschlands Umgang mit seiner Geschichte als frühere Kolonialmacht. Im Brennpunkt steht auch die Verfasstheit eines historisch gewachsenen Völkerrechts, das anti-rassistische Aktivistinnen und Aktivisten verstärkt einer postkolonialen Rechtskritik unterziehen ... Ein weiteres Mal führt Deutschland vor, wie es gelingt, die Forderungen der Nachkommen von Ermordeten abzuweisen – und zugleich als der große „Wiedergutmacher“ der Weltgemeinschaft aufzutreten. Ein unversöhnliches Heft über einen „Prozess“, der im gegenwärtigen Sturm der Epochenbrüche unterzugehen droht. Alle Informationen zum Heft und den anderen Heften der Reihe (mittlerweile sind zwei weitere Ausgaben der bibliophilen Reihe erschienen) finden sich hier.

(Kevin Konopke)

So, 29.09.2024

Vor 250 Jahren erschienen: "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang Goethe. Das Buch war sofort ein europaweiter Erfolg ... Innentitel der Ur-Ausgabe 1774. | © H.-P. Haack via CC BY-SA 3.0

Buch des Monats: Goethes „Die Leiden des jungen Werther“

Es ist sicher eines der Werke, das Johann Wolfgang Goethe (1749–1832) in seinen späten Jahren durchaus als „Brandrakete“ aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit zu bezeichnen wusste, ähnlich wie sein ungeheuerliches Prometheus-Gedicht – gleichwohl ist sein erster Roman Die Leiden des jungen Werther (in der Erstausgabe noch mit dem Genitiv-s, das später revidiert wurde, im Titel) einer der fulminantesten Roman-Erfolge in der deutschsprachigen Literatur der Neuzeit. Im September 1774, vor nun 250 Jahren, erschien der Briefroman des jungen Autors und machte europaweit Furore; ja, und nicht jeder verzweifelt Liebende konnte erfolgreich davon abgehalten werden, es Werther gleichzutun, der am Ende des Buchs, nachdem er sich das Leben nahm, beerdigt wird, flankiert von dem ikonischen wie erschütternden letzten Satz des Werks: „Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“ Davor macht der Protagonist, der von Lotte (die eine autobiografische Wurzel im Leben des jungen Goethe anreißt) nicht erhört wird, erhört werden kann, eine Verwandlung vom homerischen zum Ossian-Gemüt durch, verdunkelt sich seine Seele. Was für ein Buch, das vom möglichen Wirken von Literatur erzählt, seither in unzähligen Auflagen erschien und immer wieder vorgeholt werden mag. 

(André Schinkel)

Di, 27.08.2024

Beste beste Freunde: Eichhörnchen und der Pilz Pok. Später gesellen sich zu Olivier Tallecs bekanntem Helden noch zwei weitere Anwärter für beste beste Freunde hinzu: Momo und Günther. Und die knifflige Frage, wie viele Freunde man braucht, ja, und auch verkraften kann, löst sich am Ende wie von selbst. Ein Plädoyer für die Freundschaft und die Offenheit.

Das Buch des Monats: „Mein bester bester Freund“ von Olivier Tallec

Wie ist das mit dem besten, nein, dem besten besten Freund in der Welt? Das fragt sich das neue Kinderbuch von Olivier Tallec, in dem das dem Kundigen (sic!) bestens vertraute Eichhörnchen eben diesem Reiz nachgeht. Das Büchlein, wunderbar in seinen Bildern und kleinen (das Zahnrädel der Geschichte, das ihm innewohnt, staunend Zahn um Zahn bewegend) Textportionen, ist soeben im Hildesheimer Gerstenberg Verlag in der Übersetzung von Ina Kronenberger erschienen. Es ist ein so sanftes wie lehrreiches Vergnügen, dem kleinen Nager bei der Entdeckung seines besten besten Freunds Pok zuzusehen; da ahnt man noch nicht, dass es zwei weitere Versuchungen des Eichhörnchens in Form der Mücke Momo und der Maus Günther (wer bis jetzt nicht wusste, dass Mäuse Günther heißen, wird nach diesem Buch abstreiten, dass es je hätte anders sein können ...) gibt. Die Frage des Büchels, das in so schöner Gestaltung auf den kleinen wie großen Leser kommt, beantwortet sich am Ende selbst; und das Wunder, dass es vielleicht (und gerade in dieser wurstigen Zeit) gar nicht schadet, sich letztlich nicht entscheiden zu können, wer denn nun der beste Freund ist, vollzieht sich jenseits des Konflikts, den das Eichhörnchen mit einem, nun ja, quasi Freundes-Urteil des Paris auf sich zukommen sähe. Es ist eine Botschaft des größeren Glücks, wenn man unter Freunden nicht aussuchen kann und mag, wer denn nun der beste ist ... Umgekehrt, also: unter Abgewandten einen Freund zu gewinnen, wäre viel härter. Gewinnend auch die Haltung des Eichhörnchens, nach einigem inneren Disput (herrlich in den begleitenden Monologen des Nagers) die Sache laufen zu lassen. Dreimal dauert es ein bissel, bis das Tier den neuen Freund-Aspiranten anspricht. Letztlich ergründet das Buch, wie es auch im Rückentext heißt, das tiefe Geheimnis der Freundschaft: Jeder kann es begreifen. So ein schönes Buch. Oja. Nun muss letztlich nur noch die Welt in Ordnung kommen ... (Olivier Tallec: Mein bester bester Freund. Für Kinder ab 4 Jahren, aus dem Französischen von Ina Kronenberger, Hildesheim: Gerstenberg Verlag 2024, HC, 280,0 mm x 200,0 mm x 10,0 mm, 40 Seiten, durchgehend farbig illustriert, ISBN 978-3-8369-6269-8, 15 Euro.)

(André Schinkel)