Pirckheimer-Blog

Uzannes "Das Ende der Bücher", Berlin 2021.
Der Bestand (oben) für die "Zukunft" (unten):
Steph von Reiswitz illustrierte das Buch.
Di, 22.11.2022

Bibliophiles des Monats: Octave Uzannes „Das Ende der Bücher“

1894 versuchte der prominente französische Bibliophile und Schriftsteller Octave Uzanne (1851–1931), die Zukunft des Büchersammelns inmitten des rasanten technischen Fortschritts neu zu überdenken. Angesichts der „vollendeten Gegenwart“ kann man nicht sagen, dass seine Vorhersagen überhaupt nicht eingetreten sind. Dennoch hat die Bibliophilie ihre traditionelle Form beibehalten.

„Die Bibliotheken werden zu Phonographotheken oder zu Phonostereotheken. Ihre Regale werden kleine Fächer haben, die etikettierte Zylinder sämtlicher Werke des menschlichen Schöpfergeistes enthalten. Begehrt sind dann die autophonographierten Ausgaben der gerade besonders beliebten Sprachkünstler. Beispielweise wird der Molière in der Fassung von Coquelin in aller Munde sein, der Shakespeare von Irving, der Dante von Salvini, der jüngere Dumas von Eleonora Duse, der Victor Hugo von Sarah Bernhardt, der Balzac von Mounet-Sully, so wie auch Goethe, Milton, Byron, Dickens, Emerson, Tennyson, Musset und andere durch ausgewählte Sprecher auf Zylindern zum Klingen gebracht werden.

Bibliophile werden zu Phonographophilen, die rare Aufnahmen sammeln. Sie werden ihre Zylinder, wie ehedem Bücher, in goldverzierte Lederetuis mit symbolischen Ornamenten binden lassen. Auf den Etuis sind die Titel zu lesen, und die kostbarsten Exemplare sind Zylinder mit einmaligen Aufnahmen der Stimme eines Meisters der Theater-, Dicht- oder Tonkunst oder mit unerwarteten oder unveröffentlichten Varianten eines berühmten Werkes.“

Jochen Hörisch, Professor für Neuere Germanistik und Medienanalyse in Düsseldorf und Mannheim, schlug eine Übersetzung des Essays vom Octave Uzanne aus dem Buch Contes pour les Bibliophiles (Par Octave Uzanne et Albert Robida, 1895) vor. Die Auflage der französischen Erstausgabe betrug 1.000 Exemplare auf Pergamentpapier und 30 Sonderdrucke auf Papier Japon de luxe (I-XXX). Die Neuausgabe wurde von der Londoner Künstlerin Steph von Reiswitz gestaltet und illustriert. Sie ist Mitglied des Londoner Künstlerkollektivs Le Gun und hat zahlreiche Ausstellungen im Vereinigten Königreich, im übrigen Europa, den USA, in Japan und China absolviert. Der Text von Octave Uzanne ist von einem umfangreichen Nachwort von Jochen Hörisch begleitet. Neben der Normal- erschienen zwei Vorzugsaugaben.

Octave Uzanne: Das Ende
der Bücher. Aus den Geschichten
für Bibliophile
(1894), mit 26
Illustrationen von Steph von Reiswitz.
Berlin: Favoriten Presse 2021
17 x 17 cm, 48 Seiten, 15 Euro,
Vorzugsausgaben jeweils 68 Euro,
ISBN 978-3-96849-001-4.

(Maria Bogdanovich)

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