Pirckheimer-Blog

Mo, 05.07.2021

aus "Parallelwelt"

"Mein lieber Bork, sind Bücher nicht unbedingt zum Lesen da, denn es gibt wie bei den Frauen auch Dinge, die man mit ihnen anstellen kann, die sich ein Autor des Buches bei seinem Niederschreiben nicht hat vorstellen wollen.“ Und noch ehe Onkel Toby weiter ausführen konnte, fragte Bork, was das denn sei, das man mit Frauen anstellen konnte. Onkel Toby sah sich ob seiner Unbedachtheit augenblicklich in eine Bredouille geraten, ließ den Jungen aber nach kurzem Bedenken wissen, dass er mit „anstellen“ wohl das falsche Wort verwandt habe, und verbesserte sogleich, er meine natürlich „benutzen“, „gebrauchen“ oder „sammeln“. Dann fuhr er schnell fort, damit sich Bork nicht weiter auf die genannten Tätigkeitsworte besinnen möge, und erklärte, es sei eine falsche Vorstellung von Betrachtern einer Bibliothek, dass ihr Inhaber das alles gelesen haben musste. Der Besitz mancher Bücher bereite einfach Freude und verleihe Genugtuung oder Befriedigung, dass man ihrer nur aus diesem Grund habhaft werden wollte. Aber wenn Onkel Toby glaubte, Bork hätte nun alles verstanden, wurde er sogleich eines Besseren belehrt, als er vernahm, was sein Neffe weiter fragte: „Aber wie kann das gehen mit dem Befriedigen und der Freude, wenn ich deine Bücher betrachte, fühle ich nichts davon. Sie sind einfach nur da und glotzen mich stumm an.“ Obwohl Onkel Toby von seiner Antwort nicht ganz überzeugt war, sagte er lapidar zu Bork: „Dazu musst du erst ein Liebhaber werden, dann wirst du mich verstehen.“ Und um seiner Antwort noch mehr Gewicht zu verleihen, fügte er noch hinzu: „Nicht jeder kann mit Büchern solch ein Verhältnis eingehen und da ist es wieder wie mit den Frauen: Sie ziehen einen an oder sie sind uns gleichgültig.“

„Onkel Toby“, widersprach Bork, „da bist du einem Irrtum erlegen. Im Gegensatz zu deinen stummen Büchern plappern die Weiber beinahe unaufhörlich.“ Mit einem breiten Schmunzeln begegnete Onkel Toby dem Blick seines Neffen und sagte: „Vielleicht ist das auch einer der Gründe, weshalb sich vor allem ältere eheerprobte Männer der Bücherliebhaberei widmen.“

Harald Kugler: Die Parallelwelt, Eine Erzählung aus der Welt der Bücher
(Reihe: Einbogendrucke #23), Pirna April 2019
36 Seiten, Klammerheftung

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