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2011 bis heute

2011 bis heute

Die Pirckheimer beim Jahrestreffen 2011 in Halle/Saale.
Stetes Blättern füllt das Buch: Die Pirckheimer erleben einige Personalrochaden, verjüngen sich trotz 60-jährigen Jubiläums und stellen endlich in Willibald Pirckheimers Heimat Bayern eine eigene Regionalgruppe. Die Marginalien erscheinen mit neuem Elan im quartus-Verlag.

2011

Am 24. Juni wird im Händelhaus in Halle (Saale) das Jahrestreffen eröffnet, zu dem ein aus Dr. Hans-Georg Sehrt, Dr. Ute Willer und Hans-Jörg Märtens bestehendes Vorbereitungskomitee eingeladen hat. Der Dreiklang von Musik, Kunst und Buch, der die Stadt beherrscht, bestimmt denn auch das Programm, zu dem ein Barock-Konzert im Händelhaus, Werkstattgespräche in der Kunsthochschule Burg Giebichenstein und Besichtigungen im Kunstmuseum Moritzburg und in den Franckeschen Stiftungen mit der dank Paul Raabe in altem Glanz wiedererstanden Kulissenbibliothek gehören. Das Programm ist äußert dicht und reicht ausnahmsweise bis in den Sonntagnachmittag. Neben schönen Grafiken für Programm und Speisekarte werden als Jahresgabe die Erinnerungen von Wolfram Körner an sein reiches Leben als Arzt und Bibliophile (Patienten und Bücher, Kunst und ferne Länder) gereicht. Überraschend muss nach dem Treffen die Auslieferung an die übrigen Mitglieder aufgrund einer einstweiligen Verfügung unterbrochen werden. Der betagte Autor hatte als Abbildung einen Schnappschuss verwendet, dessen Urheber sich nicht auf dem Foto rückseitig kenntlich gemacht hatte, nun aber plötzlich seine Rechte verletzt sieht. Die für die Vereinskasse bedauerliche Beeinträchtigung durch den Justizialfall kann dank Spenden ausgeglichen werden. Das Foto wird von Hand in allen Exemplaren überklebt. Seit vielen Jahren findet in Berlin wie in anderen Regionalgruppen jährlich eine Veranstaltung zur Vorstellung der »Schönsten Bücher des Jahres« statt. Am 5. Mai präsentiert in der Kunstbibliothek Berlin Uta Schneider, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, die 45 ausgezeichneten Titel des 60. Wettbewerbs in neuer Folge, lebendig, kenntnisreich und kritisch kommentiert. Anwesend sind neben zahlreichen Pirckheimern besonders viele Buchkünstler und Studierende der Kunstuniversität Berlin-Charlottenburg und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Es ist die vorläufig letzte Veranstaltung dieser Art. Nach personellen und inhaltlichen Änderungen in der Stiftung wird die weitere Zusammenarbeit im kommenden Jahr abgesagt.

2012

Es sind oft die Städte, die niemand beim Thema Bibliophilie im Auge hat, die im Rahmen von Jahrestreffen unerwartet viel zu bieten haben. Der Bayer Ernst Reif hat die Pirckheimer nach Ingolstadt und Eichstätt eingeladen, um den Pirckheimern die uralten Städte an Donau beziehungsweise Altmühl näherzubringen, die eine durch einen Festungsbau und in neuerer Zeit durch eine ortsansässige Autofirma, die andere als Bischofssitz bekannt. In Ingolstadt wandeln die Pirckheimer auf den Spuren der vom Leben gebeutelten Marieluise Fleißer, besuchen das Stadtmuseum, das Medizinhistorische Museum und das Museum für Konkrete Kunst; in Eichstätt folgen sie den Spuren des hier geborenen Namenspatrons Willibald Pirckheimer – eine Kabinettausstellung in der Universitätsbibliothek erinnert an sein Leben und Wirken – und werden in der Lithografiewerkstatt in die Feinheiten der unweit von hier in Solnhofen erfundenen Technik von Alois Senefelder unterrichtet. Neben vielen bibliophilen Erlebnissen bilden mehrfach gastronomische Erlebnisse willkommene Erholung im Programm, bayerisch frugal ausfallend. Dem neuen Vorstand gehört neben den schon länger amtierenden Dr. Wolfgang Kaiser (Vorsitz), Prof. Peter Arlt (Stellvertretender Vorsitzender), Abel Doering (Schatzmeister) und Ferdinand Puhe (Mitglied) nun auch Ernst Reif (Schriftführer) an.

2013

Das Pirckheimer-Jahr beginnt mit einer personellen Krise: Der langjährige, allseits beliebte Vorsitzende Dr. Wolfgang Kaiser erklärt nach dreizehn Jahren seinen Rücktritt, scheidet der Stellvertretende Vorsitzende Prof. Peter Arlt aus dem Vorstand aus. Die Geschäfte übernimmt Ferdinand Puhe; die Mitgliederversammlung im Rahmen des Jahrestreffens (7.–9. Juni) muss vorzeitig einen neuen Vorstand wählen. Ihm gehören an: Ulrich Goerdten (Vorsitzender), Ferdinand Puhe (Stellvertretender Vorsitzender), Abel Doering (Schatzmeister), Ernst Reif (Schriftführer) und Prof. Roland Berger (Mitglied). Das Wiedersehen fällt beinahe aus: Hochwasser verursacht in der vorangehenden Woche schwere Schäden in den Veranstaltungsorten Gera und Greiz. Etliche Programmpunkte müssen gestrichen werden, so die Besichtigungen des Otto-Dix-Hauses und des Karikaturenmuseums »Satiricum« im Sommerpalais Greiz. Außerdem kann der Organisator des Treffens Hans-Udo Wittkowski aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen, sodass Abel Doering kurzfristig als Veranstaltungsleiter einspringen muss. 63 Mitglieder und Gäste haben die Anreise trotz der Umstände gewagt. Verdorbener Hausrat in den Straßen und der verwüstete Schlossgarten in Greiz erinnern die Teilnehmer an das Wüten der Naturgewalt. Alle Stadtführer, Museumsmitarbeiter und Künstler sind dennoch froh, die Pirckheimer empfangen zu können, als Ausweis dafür, dass das Leben weitergeht. In Gera beeindruckt das kleine Museum Haus Schulenburg, das einst von Henry van de Velde als Gesamtkunstwerk für einen kunstsinnigen Textilfabrikanten geschaffen wurde und auf private Initiative rekonstruiert worden ist. Die Künstlerin Gerda Lepke heißt die Pirckheimer in ihrem Atelier und Garten zu einem Werkstattgespräch willkommen. In Greiz machen sich die Pirckheimer mit der Geschichte und den kulturellen Meriten des früheren Fürstentums Reuß ältere Linie bekannt. Die zum Museumsverbund in Greiz zählende Staatliche Bücher- und Kupferstichsammlung gehört seinen langen Jahren zu den institutionellen Mitgliedern der Pirckheimer-Gesellschaft. Ihr Direktor Rainer Koch führt nicht zuletzt deshalb die Pirckheimer selbst in die Besonderheiten seines Hauses ein. Verteilt auf die Repräsentations- und Wohnzimmer der Residenz findet eine Ausstellung des Thüringer Malers und Grafikers Horst Sakulowski statt, die im Rahmen des Jahrestreffens vom Künstler eröffnet wird. Das Festessen wird im Großen Fürstensaal des Oberen Schlosses ausgerichtet. Nach Fertigstellung von Heft 210 trifft sich in Berlin zum 50. Mal in gleicher Zusammensetzung die Versandkommission der Marginalien zum Verpacken und Versenden von Heft und Beilagen. Ihr gehören Jutta Osterhof, Hans-Jürgen Wilke und Ingeborg und Gunter Eckert an, früher auch Wolfgang Kaiser. Neun weitere Male tritt die Kommission noch zusammen, bevor der Versand mit Heft 220 neu geregelt wird. Am 20. Juli stirbt der langjährige Chefredakteur der Marginalien Prof. Lothar Lang, durch zahlreiche Bücher zu Kunst und Bibliophilie bekannt. In Langs einstiger Wirkungsstätte Museum Schloss Burgk nehmen am 17. August Freunde, Künstler und Mitglieder der Pirckheimer-Gesellschaft von ihm Abschied. Im Namen des Vereins spricht Ulrich Goerdten Worte des Erinnerns. Am 6. Oktober trifft sich auf Initiative von Ernst Reif mit maßgeblicher Unterstützung von Matthias Haberzettl die neu gegründete bayerische Regionalgruppe der Pirckheimer-Gesellschaft in Schweinfurt zu einer ersten gemeinsamen Veranstaltung. Es steht der Besuch des Museums Otto Schäfer auf dem Plan, mit einer Führung durch den Museumsleiter Georg Drescher. Am 2. November folgt der erste bibliophile Stammtisch in Kloster Oberschönenfeld nahe Augsburg. Neben der bayerischen Gruppe gibt es aktuell regionale Pirckheimer-Gruppen in Berlin, Halle (Saale), Thüringen, in der Rhein-Main-Neckar-Region und in Neustrelitz, die sich zu mehr oder weniger regelmäßigen Abenden und Exkursionen zusammenfinden. Mit den Pirckheimern eng zusammen arbeiten der Leipziger Bibliophilen-Abend und der Verein der Bibliophilen und Graphikfreunde Magdeburg und Sachsen-Anhalt e.V. »Willibald Pirckheimer«, die nach der Wiedervereinigung aus Pirckheimer-Bezirksgruppen hervorgegangen sind. Die schon ruhende Arbeit in Neubrandenburg wird nach dem Tod des Leiters Gunter Ball im folgenden Jahr endgültig eingestellt.

2014

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit führt der Weg die Pirckheimer in den Freistaat Bayern, wo sie im September in Bamberg und Schweinfurt ihr Jahrestreffen abhalten, wiederum organisiert von Ernst Reif. Ein Teil der Veranstaltungen wird zum Zweck des näheren Kennenlernens gemeinsam mit den ebenfalls in der Stadt tagenden Fränkischen Bibliophilen bestritten. Karin Seehofer, Ehefrau des bayerischen Ministerpräsidenten, begrüßt zum Auftakt die Teilnehmer beider Gruppen. Zum Besichtigungsprogramm gehören der Dom, die Staatsgalerie, das Naturkundemuseum, das Krippenmuseum und das E. T. A. Hoffmann-Haus in Bamberg sowie das Museum Otto Schäfer (Buchmuseum), das Museum Georg Schäfer (Kunstmuseum) und die Kunsthalle in Schweinfurt. Im Tagungshotel präsentieren sich einige Pressenverleger, so die Edition Visel und The Bear Press. Der Vortrag zur Pflanzensymbolik in der barocken Deckenmalerei der Kirche St. Michael zu Bamberg von Prof. Werner Dressendörfer ist ebenso anregend wie die Lesung des Dichters Dieter Hoffmann. Die Mitgliederversammlung verabschiedet eine neue Satzung, die die inneren Strukturen des Vereins klarer regeln soll. Am 26. August stirbt der Buchkünstler Heinz Hellmis, lange Jahre Künstlerischer Leiter des Aufbau-Verlages und vielfach prämierter Buchgestalter. In 23 Jahren hat er 91 Marginalien-Hefte in klassischer Vornehmheit gestaltet. Als Nachfolger wird Prof. Matthias Gubig, ebenfalls durch viele schöne Bücher ausgewiesener Fachmann, bestimmt, der mit Heft 1, 2015 eine neue Gestaltung der Zeitschrift vorlegt, die sich weiterhin »um Lesbarkeit und typografische Kultur« bemüht. Ein Kassensturz ergibt, dass aufgrund eines schleichenden Mitgliederschwundes (zur Zeit rund 410 Mitglieder) die Zeitschrift im kommenden Jahr vorübergehend nur drei Mal erscheinen kann.

2015

Im Frühjahr erklärt der Vorsitzende der Pirckheimer-Gesellschaft, Ulrich Goerdten, aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt. Die Geschäfte übernimmt der Stellvertreter Ferdinand Puhe. Im Zentrum des von Prof. Peter Arlt organisierten Jahrestreffens im September steht die Peter-Sodann-Bibliothek im sächsischen Staucha, die sich zur Aufgabe gemacht hat, sämtliche in der DDR erschienenen Bücher, Broschüren und Zeitschriften zu sammeln. Sie ist die private Gründung des Pirckheimer-Freundes Peter Sodann, auch bekannt als Tatort-Kommissar Ehrlicher. Nach einer langen Odyssee ist sie seit einiger Zeit untergebracht in zwei geräumigen Gebäuden eines ehemaligen Rittergutes nahe Meißen. Trotz noch vieler vorhandener Lücken erkennen die Besucher die Linien. Peter Sodann erläutert plaudernd in einem kurzweiligen Vortrag Sinn und Zweck seines Unternehmens. Zwischen den Regalen des dazugehörigen Antiquariats ist eine Ausstellung mit Bildern der Dresdner Künstlerin Angela Hampel aufgebaut; sie hat auch die grafische Gabe und das Programm des Festessens gestaltet. Der Festvortrag von Elmar Faber widmet sich einem Thema, das eng mit der DDR-Buchgeschichte verknüpft ist: der Zensur, eingebettet in ihre Geschichte seit den Anfängen, besonders aber im 20. Jahrhundert. Auf einer improvisierten Bühne wird in einer Inszenierung von Peter Sodann das Stück Speer von Esther Vilar aufgeführt. Der zweite Schwerpunkt des Treffens gilt Meißen, der Wiege der sächsischen Geschichte. Stadtführungen machen mit den Schönheiten von Stadt und Burg bekannt. Das Festessen findet in der Winzergenossenschaft der Weinstadt statt. Zum Programm gehört auch die Besichtigung der Porzellanmanufaktur mit Schauvorführungen. Der neue Vorstand besteht aus Dr. Ralph Aepler (Vorsitzender), Jutta Osterhof (Stellvertretende Vorsitzende), Ernst Reif (Schatzmeister), Ralf Wege (Schriftführer) und Matthias Haberzettl (Mitgliederbetreuung). Zu den bemerkenswerten Initiativen von Pirckheimer-Freunden gehört die inhaltliche und finanzielle Beteiligung an der Realisierung des Dokumentarfilms Treffpunkt Erasmus (Regie: Annet Betsalel) über die Kriegsjahre von Werner Klemke. Der Berliner Grafiker half, wie erst jetzt bekannt wird, durch Fälschung von Taufscheinen und Lebensmittelkarten als Soldat in den besetzten Niederlanden das Leben von untergetauchten Juden zu retten. Matthias Haberzettl stellte seine Klemke-Sammlung für Aufnahmen zur Verfügung und trat kommentierend im Film auf. Zur Premiere im ausverkauften Kino Babylon in Berlin überreicht Prof. Roland Berger am 18. Mai im Namen der Pirckheimer-Gesellschaft einen »hilfreichen Scheck«. Im Herbst bekommen alle Mitglieder die Jahresgabe Den Trümmern abgetrotzt. Bücher der Stunde Null. Die Sammlung Lothar Lang, die von Elke Lang herausgegeben worden ist und drei Originalholzschnitte von Martin M Furtwängler zu Gedichten von Wulf Kirsten enthält. Am 3. Dezember übergibt die Leitung der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg die Verantwortung in neue Hände. 15 Jahre lang hatte Ursula Lang, zuletzt im Zusammenwirken mit Robert Wolf, das Veranstaltungsleben organisiert: je zehn Abende, Werkstattgespräche beziehungsweise Exkursionen im Jahr. Die Gruppe wird nun geführt von Rüdiger Schütz, Ninon Suckow und Hans-Jürgen Wilke.

2016

Die Marginalien erscheinen wieder im gewohnten Rhythmus vier Mal im Jahr, nach zwanzig Jahren im Harrassowitz Verlag nun im quartus-Verlag Buchta bei Jena, der Thüringer Regionalliteratur verlegt, daneben die Literaturzeitschrift Palmbaum und in der Edition Ornament bibliophile Bücher. Beim Jahrestreffen vom 2. bis 4. September in München kommen über 100 Mitglieder zusammen. In Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsbibliothek, die ebenfalls Mitglied der Pirckheimer-Gesellschaft ist, haben der Buchsammler Reinhard Grüner (München) und die Pirckheimer-Vorstände Matthias Haberzettl (Augsburg) und Ernst Reif (Ingolstadt) ein vielseitiges Programm organisiert. Dazu gehören Besuche bei Buchkünstlern und Sammlern wie Reinhard Grüner und Cornelia Göbel, Hubert Kretschmer (»Archive Artist Publications«) sowie Christa Schwarztrauber in ihrer Handsatzwerkstatt »Fliegenkopf«. Den Festvortrag in der Juristischen Bibliothek im Neuen Rathaus hält die Leiterin der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der Bayerischen Staatsbibliothek Dr. Claudia Fabian zum Thema »Sammlungen und ihre heutige Rolle in Bibliotheken«. Die Pirckheimer werben auch aktiver um Mitglieder und sind so auf der Leipziger Buchmesse im März und der Berliner Artbook im November vertreten. 

 

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